Ein Urgestein der Göscheneralp Konrad Mattli – Strahler, Jäger, Bergbauer

Konrad Mattli gehört zur Göscheneralp wie die umliegenden Granitzacken: 40 Jahre lang führte er ein Gasthaus im Urner Hochtal. Heute lebt er nicht weit davon in einem Häuschen. In dessen Stube erzählt er aus seinem Leben als Strahler, Bergbauer, Gastwirt und Skitourenfahrer. Und verrät, warum er selbst nie klettern ging.

Konrad Mattli steht in seiner Stube am Fenster und blickt hinaus zu den Tannen, die das Haus umgeben. Meisen hüpfen von Ast zu Ast, ein Eichhörnchen verschwindet im Geäst. Der Mann mit den sanften Augen und zerzausten Haaren mag die Tiere vor seinem Fenster. Manchmal locke er auch den Buntspecht mit einem Schafrippenstück an, das er ans Fensterbrett hänge, oder werfe Küchenabfälle für die Marder und Dachse vor das Haus. Wobei er wisse, dass man diese Tiere «nicht hirten» müsse. Aber er möge sie eben.

Und wie die Dachse und Spechte so mag Konrad Mattli auch die Menschen. Vielleicht erinnern sich deshalb so viele Wanderer, Kletterer und Bergsteiger an ihn: den Mann mit dem warmen Herzen und dem Schalk eines Lausbuben, der 40 Jahre lang das Gasthaus Göscheneralp führte. Mit ihm konnte man immer einen Schwatz halten und in seiner Wirtschaft fühlte man sich wohl. Genauso wie in seinem Häuschen, dessen getäferte Stube sich wie ein behagliches Nest anfühlt.

Konrad Mattli stellt einen Krug mit Tee aus Alpenkräutern – «alle selbst gesammelt» – auf den Tisch, dazu Teller mit Schenkeli, die seine Frau Alice gebacken hat. Dann setzt er sich und beginnt aus seinem fast 85-jährigen Leben zu erzählen. Von seiner Familie, die seit Generationen auf der Göscheneralp lebt, von den Kristallen dieser Gegend und natürlich: von den Bergen und dem Bergsteigen.

Schon als Bub in den Klüften

Doch nicht etwa vom nahen Bergseeschijen oder vom Winterberg berichtet Konrad Mattli als Erstes. Im Gegenteil: Als Erstes erzählt er von der Silvretta und den Hohen Tauern, vom Ortler und vom Gran Paradiso, von Chamonix und der Dauphiné. Er, der mit der Göscheneralp so verwurzelt zu sein scheint wie die Tannen vor seinem Haus. Doch der Schein trügt: Konrad Mattli kennt den ganzen Alpenbogen wie seine Hosentasche. Wobei der bescheidene Mann gleich anfügt: Bergsteiger sei er nie gewesen, und aufgeschrieben habe er zu seinen Touren auch «nie nüt». Gipfel zu sammeln, habe ihn nie interessiert.

Ausserdem habe er nur Skitouren gemacht, denn im Sommer gab es nur eines: das Strahlen. Wenn er von Quarzadern und Mineralien erzählt, funkeln seine Augen. «Dafür hätte ich alles aufgegeben», sagt er. «Sogar s Jegere.» Schon als Bub kroch er – wie bereits Vater und Grossvater – in Klüfte. Streifte sein Leben lang durch das Göscheneralptal, suchte nach Strahlen und fand sie auch. Manche davon habe er verkauft. «Fürs Geld.» Andere stehen nun wie gute Freunde auf dem Buffet in der Stube, auf den Fenstersimsen und in der Vitrine des Gästezimmers.

«Habe nie gefragt»

Und wie sein Vater und sein Grossvater, sollte auch Konrad Mattli Gastwirt auf der Göscheneralp werden. Anders als diese musste der junge Konrad aber eine Wirtenausbildung machen. «Zwei Monate lang musste ich im Winter nach Luzern.» Das sei hart gewesen, sagt er. Denn so schnell er gelernt habe, so ungern sei er zur Schule gegangen. «Und Französisch sprach ich auch kein Wort.» Als er zum ersten Mal Beaujolais schrieb, habe der Lehrer nur gelacht. Noch heute kichert er in seinen Bart, wenn er davon erzählt. Wie so vieles, nahm Konrad Mattli auch diese Hürde mit Humor.

So wurde der fröhliche Mann zum Gastwirt und Bergbauern, Strahler und Bergsteiger – und an den Wochenenden manchmal auch zum Hüttenwart der Dammahütte SAC. Sein Leben lang war er ein Wildfang, frei wie der Wind und neugierig wie ein Kind. Ob seine Frau Alice ihn immer habe ziehen lassen, bei all der Arbeit zu Hause? «Ja», sagt er. Überlegt dann einen Moment und fügt an: «Aber ich habe sie auch gar nie gefragt, ob ich gehen dürfe.»

Alice aus dem Walliser Turtmanntal sei eben eine starke Frau und eine «gschaffige» dazu. Und damit sie sich während seinen Skitourenreisen im Winter nicht auch noch um die Kühe im Stall kümmern musste, habe er jeweils seinen Bruder angeheuert. «Oder notfalls einen Fremden.» Wie etwa den amerikanischen Komponisten und Dirigenten namens Cliff, der auf der Suche nach Inspiration für ein paar Wochen auf der Göscheneralp weilte. Bloss ein Problem habe es mit Cliff gegeben: «Ich brachte mehr Milch aus einer Katze als der aus einer Kuh.» So kam die erste Melkmaschine in den Stall. Cliff lernte rasch, damit umzugehen, und Konrad Mattli ging auf Bergtour.

Kristalle in Paris

Nur eines interessierte den neugierigen Konrad Mattli nie: das Klettern. Dies, obwohl so mancher nur des Granits wegen von weither auf die Göscheneralp reiste. Darob wundert sich der alte Mann bis heute. «Wie diese Kletterer sich beim schönsten Wetter auf einer Platte abmühten, während sie in derselben Zeit auf sechs oder sieben Gipfel hätten steigen können.» Und wenn sie dann oben standen und keine Abseilpiste eingerichtet war, seien sie zu Fuss kaum noch vom Berg heruntergekommen. «Herrgottstärnecheib.» Er schüttelt den Kopf und kichert wieder in seinen Bart.

Doch gestört haben die Kletterer Konrad Mattli nie. Vielleicht weil er zeit seines Lebens ein offener Geist war. Einer, der in seiner getäferten Stube eine Weltkarte an die Wand gehängt hat und mit seiner Frau Alice und den erwachsenen Kindern auch schon in die Türkei oder nach Paris gereist ist. Wenngleich ihn in Paris doch vor allem eines beeindruckte: die Kristalle von der Göscheneralp in der Mineraliensammlung des französischen Naturkundemuseums. Es sei eben schon so, wie sein Vater gesagt habe: Ein Tal wie die Göscheneralp finde man kein zweites Mal auf der Welt. Konrad Mattli lächelt. Dann steht er auf, geht an der Weltkarte vorbei und blickt noch einmal aus dem Fenster. Als wollte er sich vergewissern, dass die umliegenden Gipfel wie eh und je über der Göscheneralp wachen. Und die Meisen und Eichhörnchen vor dem Haus munter sind.

«Gwüest» in neuen Händen

Das Gasthaus Göscheneralp, unter Besuchern und Kletterern auch als «Gwüest» bekannt, war fast 100 Jahre von der Familie Mattli geführt worden, die letzten 10 Jahre von der Tochter der Mattlis. Seit diesem Frühling hat ein junges Pächterpaar die Führung übernommen.

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