Ein widerspenstiger Rohstoff Lawinen- und Schwemmholz wird zu Kunst

Der Bildhauer Alexander Curtius zeigt mit ­seinen Kunstwerken, dass alpines Schwemm- und ­Lawinenholz eine ganz besondere Energie ausstrahlt. Auf seinen anstrengenden Streif­zügen in Bächen, auf Geröllfeldern und Lawinenkegeln muss sich der Künstler seinen knorrigen und oft widerspenstigen Rohstoff richtiggehend erkämpfen.

Er ist eigentlich ein Strahler. Aber Alexander Curtius sucht nicht verborgene Kristallschätze, sondern knorrige Äste, Wurzeln und Wurzelstöcke. Dafür geht er in die abgelegensten Täler und Hänge. Die Suche nach Lawinenholz und das Herausbringen der für ihn wertvollen Funde hat den Bildhauer schon mehrmals fast zur Verzweiflung gebracht. Unter Steinen verborgen und eingeklemmt, verwachsen oder unter Schnee begraben: Seine knorrigen Schätze lassen sich nicht pflücken wie Blumen am Wegrand.

Einmal fündig geworden, lässt der Bündner Künstler nicht mehr locker, bis seine Funde ins Tal gebuckelt sind. Sie sind die Basis für seine Holzskulpturen. Trotz harter Arbeit am Berg meint Curtius: «Ich suche nicht Holz, ich finde Holz, oder es findet mich, und wenn wir uns begegnen, ist es eigentlich ein Fest.» Auf den ersten Blick grau wie die umliegenden Steine, offenbaren die Holzstücke in ihrem Innern nicht selten ein wahres Farbspektakel in leuchtenden Rot- und Gelbtönen. Wenn Alexander Curtius mit Säge, Schleifpapier und Olivenöl Hand anlegt, macht er die Kraft der Natur nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar.

Mit dem Fund beginnt die Arbeit

Seine Erfahrungen mit diesem besonderen Holz haben Alexander Curtius zu einem eigentlichen «Holzflüsterer» gemacht. «Um aus den Hölzern das Wesentliche, die Urform herauszuarbeiten, braucht es Zeit und Geduld», sagt der Holzbildhauer. Er geht mit den Stücken um, als seien sie seine Kinder: «Das Holz kann mitreden. Es wehrt sich, wenn ich Gewalt anwende». Im Zentrum seiner Holzbildhauerarbeit steht die Reduktion auf das Wesentliche, auf das was die Lebensgeschichte der Hölzer ausmacht. Es gelte, den Lebensprozess von Werden und Vergehen zu spüren und spürbar zu machen und damit auch das Wertvolle, das jedem Ding gegeben sei, sagt er. Seine Werke sind und bleiben immer aus einem Stück. Zusammenfügen wolle er nichts, dafür sei ihm die Natur zu heilig. Bis seine Skulpturen den Weg in eine Ausstellung oder Galerie finden, dauert es nicht selten hundert Stunden und mehr.

«Kreativer Frieden»

Seit 25 Jahren widmet sich der Vierundfünfzigjährige seinen Fundhölzern. Ursprünglich in Hamburg aufgewachsen, hat er mit seiner Schweizer Ehefrau eher zufällig via Wien ins Unterengadin gefunden. Vor ein paar Jahren hat der ehemalige Schreiner und Werklehrer sein Atelier hoch über dem Dorf Scuol eingerichtet.

Statt Kommandos und Schiesslärm dominiert im ehemaligen Schützenhaus heute das Geräusch von Motorsägen, Hammer und Hobel. Im Atelier riecht es nach Holz, Berge von Sägemehl und Holzspänen zeugen von harter Arbeit. Draussen trocknen Fundhölzer, vor einem selbstgebauten Kieselsteinofen zeichnet Curtius seine Inspirationen in einen Skizzenblock. Hier oben, am Fuss des Motta Naluns, sucht der Bildhauer jeden Tag seinen «kreativen Frieden», wie er sagt.

Freude am Material

Und hoch über dem Dorf vermittelt er seit Jahren sein Wissen und Können auch interessierten Laien. Unter seiner Anleitung entstehen in persönlich gehaltenen Bildhauerkursen regelmässig Liegestühle aus Pappelholz, jeder eine Einzelanfertigung mit eigener Ausstrahlung. Als Basis dienen den Kursteilnehmern Rohlinge, die Curtius aus bis zu zwei Meter dicken Stämmen ­herausgesägt und unten im Tal über ein Jahr lang bei idealen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen gelagert hat.

Den Stolz der Teilnehmer, die Freude am Material Holz und am selbst geschaffenen Kunstwerk, kennt Curtius von sich selber. Er arbeitet jeden Tag aufs Neue daran.

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