Eine Besteigung des Demavend (5670 m) in Iran

Jean Sesiano, Genf

Der Biwakplatz am Demavend auf 4700 m 12. Juli 1993 An die hundert Meter leichter Kletterei waren eine wohltuende Erholung nach einem Geröllhang. Doch die Ruhepause ist kurz, denn unter unsern Fussen beginnt wieder das gleiche Programm. Ein Schritt voran, ein halber zurück: Man muss dem Kaiser geben,... Der Atem beginnt ein wenig knapp zu werden, jeder Schneefleck ist willkommen, weil er uns ein gleichmässigeres Vorankommen ermöglicht.

Ende November 1968 Wir kommen die Schlucht hinunter, die die Eiburskette quert, die Teheran auf seinem 2000 m hohen Plateau vom Kaspischen Meer auf —26 m, von seinen Küsten mit tropischer Vegetation und Städten mit köstlichen Namen - Amol, Babol, Sari und andere - trennt. Und plötzlich sehen wir einen makellosen, vollkommen symmetrischen Kegel in das Blau des spätherbstlichen Himmels aufragen: der Demavend. 800 km südöstlich des Ararat in der Türkei, 500 m höher, ein Vulkan des Quartär, also ein junger Vulkan. Seine Basis besteht aus Kalksedimenten, in die sich die Schlucht eingegraben hat, der wir folgen; 3500 m Lavaergüsse, Vulkanauswurf, Asche - ein Stratovulkan, wie man sich ihn nicht besser vorstellen kann. Er ruht jedoch nur, denn anscheinend finden sich in einem Krater weiterhin Fumarolen.

Vielleicht werden wir eines Tages Gelegenheit haben, in diese Gegend zurückzukehren.

August 1982 In Iran brodelt die Revolution, ein neuer Machthaber mit kräftigem Haarwuchs ist an die Spitze gekommen und hat die Dynastie Pahlevi gestürzt. In Gürbülak, der Grenzstation zur Türkei, versuchen wir, in die Islami-sche Republik zu gelangen. Im Zollgebäude herrscht Aufregung, es quillt über von beleidigenden Anschlägen und giftigen Pamphle-ten; Uncle Sarn, mit mehr denn je misshan-deltem Zylinder, ist an den Schandpfahl geschlagen. Da wir nicht wie Imams zu wirken scheinen, bleibt uns nichts übrig, als uns aus dem Staub zu machen.

Ein Jahr später Am 8. Juli 1993 nachmittags treffen wir wieder in dieser Gegend ein. Aber die Verhältnisse haben sich geändert: einige grosse Lastwagen aus Osteuropa, zwei zerstörte Cars und dann Gebäude, bei denen Aufbau und Verfall unentwirrbar vermischt sind. Zwei monumentale Plakate mit den Porträts der Herren des Landes sollen uns daran erinnern, wer die Macht hat.

Die fundamentalistischen Grundsätze werden in all ihrer Strenge angewendet: Meine Tochter Florence nimmt einen Weg, der ausschliesslich für das weibliche Geschlecht bestimmt ist; von Kopf bis Fuss verschleiert, kann sie nur noch mit den Augen reden. Ich selber- mit meinem eine Woche alten Bart hoffe ich, wie ein perfekter Integrist zu wirken - bin schliesslich auf der andern Seite der Mauer.

Der Beamte hat in 45 Minuten Dienst-schluss und überlässt seinem Nachfolger, sich mit unserm Fall zu befassen, aber bis zur Ablösung gibt es eine Pause von 90 Minuten... Später runzelt der Zöllner, der die Wagenpapiere - das Triptyk für den Grenzübertritt - kontrolliert, die Stirn und beginnt, wütend an dem Dokument zu schnüffeln, erklärt dann entschieden:

Suche nach dem richtigen Weg Der Wagen ist durstig und keine Tankstelle in Sicht. Wir erreichen Mako, die erste iranische Stadt, aber Diesel scheint dort nicht beliebt. Eine letzte Tankstelle am Ausgang der Stadt enthebt uns einer grossen Sorge, und zu welchem Preis! Der Liter kostet 1,2 ct .; für 90 ct. fülle ich den Tank! Man ertappt sich beim Traum von einer Schweiz, die Erdöl produziert.

Sechsunddreissig Stunden später, nach einer epischen Durchquerung von Teheran, bei der unser Wagen hundertmal in Gefahr war, Schaden zu nehmen, erreichen wir die kleine Stadt Polour. Sie liegt auf ungefähr 2000 m Höhe in der Schlucht, von der oben die Rede war. Eine asphaltierte Strasse führt aus dem Ort hinaus und steigt an den Flanken des Demavend empor.

Nach meinen Unterlagen gibt es vom 20 km entfernten Rineh einen Pfad ( oder einen fahrbaren Weg ?) bis zu der Hütte auf 4600 m. Wir durchqueren das Dorf, fahren weiter bis zum nächsten ( Abergam ), ohne etwas von ihr zu entdecken. Unsere spärlichen Kenntnisse des Farsi - der persischen Sprache - helfen uns auch nicht viel. Später begreifen wir, dass der Anblick von ein oder zwei Geldscheinen die Zungen sehr wohl hätten lösen können.

Wir geben die Suche nach der Hütte auf und beschliessen, die eine oder andere der Pisten zu nehmen, die von der Strasse abzweigen und zu den Lagerplätzen von Hirten und Imkern oder zu Puzzolanbrüchen führen. 15 km hinter Polour, kurz vor Rineh, scheint ein in den Weiden aufsteigender Weg einigermassen befahren; er bringt uns in etwa zehn Kilometern auf 3600 m Höhe und zum Eingang eines grossen Steinbruchs.

Auf einer begrasten Erhöhung errichten wir zwischen Mohnblumen unser Zelt. Vom Wohnwagen auf dem benachbarten Werkplatz ruft uns der Koch und lädt uns ein, an der Mahlzeit des Chefs und des Mechanikers teilzunehmen. Sie sprechen kein Wort Englisch, aber da Farsi zur indoeuropäischen Sprachgruppe gehört, machen da und dort zusammengelesene Wortteile aus europäischen Sprachen eine Art Gespräch möglich. Es wird Nacht über dem Gebirge, während der Fahrer des Bulldozers zum zögernden Klang aus einer Kassette einige Figuren von Volkstänzen andeutet. Der Koch begleitet auf der Flöte. Die Atmosphäre ist sehr warm und herzlich.

Ein alter vom Vulkan ausgeworfener Lavabrocken mit brotkrusten-artiger Oberfläche. Nachdem diese bereits erkaltet war, hat der noch bestehende innere Gasdruck seinem Äussere n diese ( zerbrochene ) Struktur verliehen.

Achtung, bissige Hunde!

Im Morgengrauen des 11 .Juli sind wir auf einem Weg, der zum Gebirge hinaufführt. Wir haben alles nötige Biwakmaterial mitgenommen. Der Weg, den wir uns vorgenommen haben, scheint einleuchtend: Wir wollen am Südhang über die grasbedeckten Schultern so hoch wie möglich aufsteigen, denn dort ist der Boden gefestigt; dann werden wir versuchen, über felsige, schotterbe-deckte Rücken und durch verschneite Couloirs den Gipfel zu erreichen. Wir müssen auf jeden Fall zu den ersten verschneiten Partien kommen, denn wir haben wegen des Gewichts praktisch kein Wasser mitgenommen. Wie dem auch sei, fast kein Quellwasser dringt bis zum Fuss des Berges vor, weil es unterwegs versickert.

Der Himmel ist klar, eine linsenförmige Wolkenkappe bedeckt den Gipfel, ein Zeichen, dass dort oben heftiger Wind herrschen muss.

Wütendes Bellen reisst uns aus unsern Träumen: Wir sind kaum in eine Senke, in der Schafe weiden, eingedrungen, als sich schon zwei mächtige Hirtenhunde auf uns stürzen. Die Anwesenheit des Hirten hindert sie an einem ungewöhnlichen Mahl. Weiter oben wiederholt sich die Szene, nur sind es hier viel mehr Hunde, wir bekommen Angst. Die Tiere umkreisen uns, blecken ihre bedrohlichen Zähne, mein Pickel scheint sie nur noch mehr aufzuregen. Es stimmt, dass Steinwürfe, an die sie gewöhnt sind, besser wirken würden, aber wir legen keinen Wert darauf, das auszuprobieren. Gerade im rechten Augenblick kommen die Hirten angelaufen und vertreiben die Meute. Uff! Sie laden uns ein, mit ihnen Tee zu trinken. Diese Flüssigkeitszufuhr ist sehr willkommen; eine Stunde Ruhe tut uns wirklich wohl. Es gibt dann auch noch Hammelfleisch, das über einem Feuer aus Buschwerk gebraten wurde.

Kaum haben wir unsere Lasten wieder aufgeladen, schlägt uns ein Hirte vor, zwei Esel zu nehmen, die in der Nähe weiden. Er gibt uns zu verstehen, dass das nicht problematisch ist: Wenn die Tiere genug haben, müssen wir sie nur stehenlassen, oder sie lassen uns stehen, sie werden ganz allein zum Lager zurückkehren. Die Säcke sind auf den Tieren festgezurrt. Und vorwärts! Unsere Füsse schleifen auf der Erde, und da es uns zwei gelingt, nicht bei jedem Schritt zu fallen, bringen uns die Esel langsam aufwärts. Aber einige hundert Meter weiter wollen die Lang-ohren nichts mehr davon wissen! Es stimmt, dass der Boden steinig und auch abschüssiger wird. Wir müssen also dieses auf unstabilem Grund so bequeme Fortbewegungsmittel aufgeben.

Wir sind jetzt auf 4300 m, erste Schneeflecken tauchen auf. Aber dort ist auch die Vegetationsgrenze und der Beginn mit Geröll bedeckter Hänge. Überall, wo das möglich ist, nutzen wir den Schnee aus. Da der Hang nicht steil ist, gewinnen wir nur langsam an Höhe.

Beim Abstieg: Ein Nebelmeer verhüllt die unteren Teile des Berges.

Höhenlager Im Lauf des Nachmittags haben Wolken nach und nach den Gipfel eingehüllt und senken sich uns immer mehr entgegen. Auf dem Kamm, dem wir jetzt folgen, sind die Felsen mit Blitzröhren ( Fulguriten ) durchsetzt, Schmelzspuren von Blitzeinschlägen. Ein Absatz auf etwa 4700 m scheint uns geeignet, um dort ein Lager einzurichten. Ein kühler Wind ist aufgekommen, das Zelt wird wohltuenden Schutz bieten. In einigen zehn Metern Entfernung fliesst ein Bach, der einem Firnfeld entspringt. Grosse Felsen neben dem Zelt dienen als Windschutz für den Kocher. Es ist der ideale Lagerplatz. Nur die Luftmatratze, die sich selbsttätig aufblasen sollte, ist Spielverderber, und ich muss diese Aufgabe übernehmen.

Die Wolken lösen sich auf, und der Abend ist grossartig. Die Nacht vergeht störungsfrei. Gegen 7 Uhr verlassen wir das Zelt; alles ist ruhig. Selbst das Murmeln des Baches hat aufgehört, weil die Quelle mit dem nächtlichen Absinken der Temperatur versiegt ist und stellenweise Eis das Wasser bedeckt ( es muss ungefähr —2 °C gewesen sein ).

Der Gipfel Die verschneiten Couloirs oberhalb des Lagers lassen sich selbst ohne Steigeisen leicht begehen, wenn man nur mit der Kante des Schuhs fest antritt. Der Anstieg ist gleichmässig, aber leider wird der Schnee immer seltener, und wir sind gezwungen, über geröllbedeckte Hänge von übelster Beschaffenheit aufzusteigen. Schliesslich folgt die Kletterei in den Felsen, von denen im Anfang die Rede war, auf mehr als 5000 m, wo jeder kräftige Armzug wegen der Höhe Atemlosigkeit zur Folge hat.

Und immer wieder ein Hang, dann eine Schulter, die den folgenden verbirgt; wann wird es wirklich der letzte sein?

Der Wind wird heftiger, wir versuchen, uns vor ihm zu schützen. Wolken bedecken wieder den Himmel, entstehen und verschwinden in ständigem Wechsel, der vom Gipfel selbst bewirkt wird, zu dem die feuchte Luft aufsteigt und sich dort abkühlt.

Dieses Mal werden wir ihn erreichen. Über einem letzten Hang aus sehr hellem Gestein ragen die Gipfelfelsen auf, aber wie lang und mühsam ist diese letzte Anstrengung!

Der Gipfel. Dazu Wolken und Gasspiralen, die sich an den Hindernissen auffasern. Einige Fähnchen schlagen im Wind, Inschriften in Farsi verkünden, was unsere Vorgänger ihnen anvertraut haben. Augenblicke stärkster innerer Bewegung; wir haben seit so langer Zeit auf diesen Moment gewartet; dieser Gipfel war wirklich der Höhepunkt unserer ganzen Reise. Wir atmen keuchend, denn wir haben die Hälfte der Atmosphäre unter uns: Der Druck entspricht genau dem auf Meereshöhe, geteilt durch zwei.

Die Aussicht ist sehr beschränkt, denn Nebel bedeckt das Gebiet. Wir können aber dennoch den Krater erkennen, der einen Durchmesser von etwa zwei- bis dreihundert Metern hat und rund zwanzig Meter tief ist. Seinen Grund bedeckt ein kleiner gefrorener Tümpel.

Unter dem Gipfel entdecke ich zwischen Felsen, nach Norden zu, die mumifizierten Kadaver von vier Ziegen, deren grosse kugelrunde Augen auf die wenigen Besucher dieses abgelegenen Ortes blicken, ohne sie zu sehen.

Ein wenig weiter erkennt man an einigen Höhlungen unter dem Schnee, dass die Temperatur des Bodens noch ziemlich hoch ist. Etwa fünfzig Meter westlich des Gipfels strömt aus einer Öffnung unter einem Felsen Schwefeldioxid ( SO2 ) aus, seine Temperatur beträgt etwa 50 bis 60 °C; reichliche Schwefelablagerungen bedecken in der Umgebung den Boden.

Gastfreundschaft Es wäre sinnlos, sich länger hier aufzuhalten. Nun folgt der mühsame Abstieg über die mit Steinen bedeckten Hänge. In den Felsen und dort, wo der Durchmesser der Blöcke grösser wird, konzentrieren wir uns voll auf das, was wir tun: Jeder falsche Schritt, jedes kleine Missgeschick könnte hier Folgen von beunruhigenden Ausmassen haben, denn wir sind fern von allem, und die Sprache ist eine zusätzliche Schwierigkeit. Wir sind sehr erleichtert, als wir das Lager wieder erreicht haben.

In einem Zug bis zu unserm Jeep abzusteigen scheint uns kaum möglich, denn Florence ist müde. Auch diese zweite Nacht im Zelt verläuft unproblematisch, und am nächsten Morgen gleiten wir in langen Zügen über den noch harten Firn, aber der Büsserschnee hindert uns, sehr schnell zu werden. Weiter unten bereiten uns die Hunde wieder Sorgen: Was tun, wenn wir in eine Gruppe dieser Tiere geraten und die Hirten weit entfernt sind? Wir beschliessen, ihnen auszuweichen, indem wir direkt unterhalb der Kämme gehen, um uns nicht gegen den Himmel abzuheben und leicht von einer Senke zur andern zu gelangen. Auf diese Weise gelingt es uns mehrfach, Hunde zu überlisten, ohne dass sie uns wittern, weil der Wind günstig steht. Einige Stunden später erreichen wir unsern Ausgangspunkt. Der Wohnwagen des Werkplatzes steht uns wieder offen, und wir erhalten eine Mahlzeit. Wir wissen Tee und Wassermelonen voll zu würdigen, ebenso das aus Reis, weissem Käse, Joghurt und Hammelfleisch bestehende Essen. Wir nehmen etwas aus unsern Vorräten, um diesen Menschen für ihre grosszügige Gastfreundschaft zu danken, dann verabschieden wir uns.

Der Demavend ragt strahlend vor einem blauen Himmel auf, nur der Gipfel ist noch von Wolken umgeben. Ein fünfundzwanzig Jahre alter Traum hat seine Erfüllung gefunden.

Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern

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