Eine Erstbegehung im Titlisgebiet

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Etienne Gross, SAC/AACB BernBildet 28 bis 30

VORWORT von Christian Ruckstuhl ( ehemaliger Präsident der Sektion Bern SAC ) Vom Spinner in der « Spinne » oder warum es immer wieder Leute gibt, die ihr Bett mit Biwak in Fels und Eis vertauschen Bergsteigen ist zum Massentourismus geworden! Ein Schlagwort, dem selten widersprochen wird; denn wer kennt nicht die stickigen Nächte in überfüllten Hütten? Die Spuren, die Tausende über Gletscher auf Gipfel mit wohlklingenden Namen gezogen haben? Die endlos scheinenden Wartezeiten bei einer Schlüsselstelle, das aufreibende Rangeln der hinteren SeilschaftenBerg-fahrten in die grossen Hochgebirge unserer Erde bietet heute jedes Reisebüro an - Touren in Höhen, die wir uns, mit schweizerischem Massstab gemessen, nur theoretisch vorstellen können. Alles Gipfel mit wohlklingenden Namen, von Hunderten, ja von Tausenden bereits « bezwungen »!

Und dann tauchen in den SAC-Sektionen doch wieder, bald hier, bald dort, Bergsteiger auf, die in unseren so « überloffenen » Alpen nicht nur stille Routen und Hütten finden ( denn solche gibt es viele, aber eben, nicht mit wohlklingenden Namen !), sondern immer und immer wieder schwierigste Wege entdecken, die vor ihnen noch kein Mensch eingeschlagen hat, um auf den Gipfel zu kommen.

Solche « Extreme » heimsen bei ihren Mitmenschen nicht immer eitel Bewunderung ein! Begreiflich, dass sich auch der Präsident einer Sektion immer wieder tiefschürfende Gedanken macht, wenn ihm ein Mitglied meldet, seine Hände hätten Griffe gefunden, die seit dem Bestehen der Alpen noch nie ein Mensch berührt hätte. Denn mit Wegen in herkömmlichem Sinne haben diese Entdeckungen nichts zu tun. Es sind Routen, die vom Menschen physisch und psychisch alles fordern, wo er das Letzte riskiertDieses letzte Risiko einzugehen bringt die Bergsteiger bei vielen Leuten in ein Zwielicht. Ich verstehe das sehr gut, denn « wer mit dem Leben spielt... ».

Als Bergsteiger aber sehe ich mit bewunderndem Neid auf die Kameraden, die es trotzdem wagen, obschon sie zu Beginn einer solchen Fahrt nicht wissen, ob sie für Menschen möglich ist!

Bergsteigen ist eben nicht nur eine Sportart, die vom Spitzenkönner in seinen besten Jahren einen durchtrainierten Körper, eine optimale Technik und einen über Tage und Nächte unbeirrbaren Durchhaltewillen fordert. Der Sportler im Bergsteiger ist nur die Hülle; der Kern aber ist die Lei- denschaft des Lebens, die vom talentierten Könner mehr verlangt als vom geruhsamen Hochtouristen. « Und setzet ihr nicht das Leben ein... » Über die Intensität der Befriedigung aber entscheidet nicht die exklusive Route, sondern das Über-sich-selbst-HinauswachsenDas ist der Grund, weshalb verschieden schwierige Routen auf den gleichen Gipfel eingeschlagen werden, warum im Alter die « leichte » Route auf den Gipfel keine Befriedigungseinbusse bedeuten muss.

...und worum geht es hier und jetzt?

Nach mehrtägigen Vorbereitungsarbeiten, bei denen bereits in der Wand biwakiert wurde, durchkletterten die beiden Alpinisten Etienne Gross aus Bern und Walter Keusen aus Interlaken vom 12. bis 15. August 1976 den rund goo Meter hohen Südostpfeiler des Reissend Nollen ( 3003 m ). Dieser aussichtsreiche, aber verhältnismässig unbekannte Gipfel gehört zur südwestlichen Fortsetzung der Titliskette, die hier in gewaltigen, grauen Kalkwänden gegen die Sustenpassstrasse abbricht.

Bis in die fünfziger Jahre regte sich hier noch wenig; die mit glattpolierten Ausbuchtungen und gelblichen Überhängen durchsetzten Abstürze schreckten zunächst jeden ab, der sich mit dem Gedanken eines Durchstiegs befasste. Erst mit dem Aufkommen des modernen Alpinismus haben einige Kletterer diese wilde Felsbarriere zu ihrem lockenden Ziel erkoren. So erfolgt denn um i960 ein « Grossangriff »: Sowohl der westlichste Eckpfeiler der Kette, der Tellistock, wie auch ihr östlichster Punkt, der Titlis selber, werden über ihre senkrechten Südseiten bezwungen. Der Tellistock gleich auf zwei verschiedenen « Wegen », einmal von einer Innerschweizer und einmal von einer jurassischen Seilschaft. Dieser gelingt es auch, den Titlis über den unheimlich steilen Südostpfeiler zu erklettern. Von nun an konzentriert sich das weitere Interesse fast ausschliesslich auf die sich wuchtig darbietende Wand des Tellistockes, durch welche heute mehrere, aber immer schwierige Kletterarbeit erfordernde Routen führen. 1968 bezwingt schliesslich der in Alpinistenkreisen allgemein bekannte Bergführer H.P. Trachsel aus Frutigen mit einem Gefährten die abweisenden Plattenschüsse des Pfaffenhuet-Süd-pfeilers. Die grösste Wandhöhe im ganzen Gebirgszug finden wir hingegen beim Reissend Nollen, gerade dort, wo er, sich auf einen mächtigen Pfeiler stützend, gegen das Titlisjoch umbiegt. Hier, an diesem Pfeiler, hat unser Clubkamerad mit seinem Gefährten eine jener besonderen, ins « Neuland » vorstossenden Bergfahrten unternommen. Lassen wir ihn selber zu Wort kommen!

VIER TAGE IM FELS Weil der betreffende Pfeiler noch unerstiegen ist, haben wir ihn als Ziel unserer diesjährigen ( 1976 ) Erstbegehung gewählt. Die völlig glattgeschliffenen Partien in seinem Mittelteil, welche zunächst einen übermässigen Einsatz technischer Hilfsmittel zu erfordern scheinen, schrecken uns nicht ab, denn wir glauben zuversichtlich an ein Durchkommen. Dies nicht von ungefähr;-haben wir doch mehrere Touren unternommen, bloss um « unseren » Pfeiler von allen Seiten her kennenzulernen. Wir werden somit nicht in völlig unbekanntes Gelände eindringen. Natürlich, einmal im Pfeiler drin, verschieben sich die Proportionen, der Fels ändert sein Antlitz. Von weitem kompakt und mässig wirkende Wandteile geben aus der Nähe plötzlich den Blick auf versteckte Risse und Spalten frei, die sich als Weiterweg anbieten.

Anderseits enthüllen scheinbar gutgestufte Zonen ihre Tücken erst, wenn wir vor ihnen stehen: loses Gestein, wo kaum ein Tritt hält, die Griffe unter den suchenden Fingern zerbröckeln, wo zuverlässige Sicherungen fast unmöglich sind. Das alles sind Überraschungen, die sich nie gänzlich vermeiden lassen, auf die man jedenfalls gefasst sein muss. Aber das ist ja zugleich auch das ungeheuer Reizvolle an einer Erstbesteigung. Wie geht es weiter? Was wird kommen? Fragen, die jeden leidenschaftlichen Kletterer vor allem dort mit einem Gefühl unbeschreiblich lockender Spannung erfüllen, wo er weiss: hier ist vor mir noch nie ein Mensch durchgestiegen.

Beim Anbrechen der ersten fahlen Dämmerung verlassen wir das Fahrzeug unweit von Gadmen. Unter den Sohlen knirscht der feine Granitgrus des Weges. Der Pfad wird sofort steiler; die bis obenhin vollgestopften Rucksäcke lasten schwer auf dem Kreuz. Schritt für Schritt, Fuss vor Fuss geht 's aufwärts. Der Schlaf, den wir beim frühen Aufbruch gewaltsam haben verscheuchen müssen, steckt noch in allen Knochen. Die Gedanken weilen irgendwo und nirgends zugleich. Hin und wieder « klackt » die Pickelspitze gegen einen vorstehenden Gesteinsbrocken. Immer gedämpfter dringt das Rauschen des Gadmerwassers zu uns herauf; wir gewinnen an Höhe. Eine Stunde vergeht. Eben haben wir die Alphütten von Wenden hinter uns gelassen. Gestochen scharf heben sich die schroffen Flühe gegen den blassblau aufhellenden Himmel ab. Es ist kühl, und gleichwohl rinnt der Schweiss über Stirn und Wangen. Die Wegspuren beginnen sich jetzt zu verlieren. Das ungemähte, vom Tau schwere Gras umstreicht die Waden, Socken und Schuhe nach und nach durchfeuchtend. Zugleich verwehren die langen Büschel den Blick auf den Untergrund. Der suchende Fuss glaubt schon fest zu stehen... rutscht unerwartet... fängt sich wieder auf. Der wie ein Mühlstein auf dem Rücken lastende Sack erleichtert das Wiederfinden des Gleichgewichts in keiner Weise. Eine weitere Stunde vergeht, eine halbe schliesst sich an. Dann das Firnfeld am Wandfuss. Hart gefroren, eher Eis als Schnee, von schwärzlichem Staub gezeichnet, von Steinsplittern übersät. Die scharfe Sonneneinstrahlung hat die Oberfläche in ein Muster von schalenartigen Kehlen aufgelöst. Darüber hinweg. Ein Sprung -und wir befinden uns auf schotterüberzogenen Terrassen. Bloss wenige Wochen sind 's her, da waren sie noch von Firn bedeckt. Erstaunlich, wie der heisse Frühsommer den Schmelzprozess be- schleunigt hat! Heute befindet sich der Einstieg gute zehn Meter über dem Feld.

Nach kurzer Verschnaufpause werden die Enden der zwei 50-Meter-Kunstfaserstricke durch die Ösen der Anseilgurten gezogen und das Eisenzeug, Schlingen und weiteres Material angehängt. Es kann losgehen. Bald stecke ich in einem kühl-feuchten und sofort überhängenden Felsschlitz. Noch unbeholfen sind die Bewegungen, verkrampft. Der « gewichtige » Sack will mich rücklings in die Tiefe reissen. So lässt sich diese Passage nicht erzwingen! Also wieder zurück zum nahen Ausgangspunkt! Den hinderlichen Sack, den wir nun werden nachziehen müssen, deponiere ich bei Walter. Jetzt geht 's.

Glücklicherweise bin ich in den vergangenen Wochen mit Edi und Marcel schon mehrmals hier gewesen. Einige hundert Meter haben wir bereits durchklettern können; auf dieser Strecke stecken somit alle Sicherungshaken.

Standplatz: Ich klinke die Selbstsicherung ein. Nun gilt 's die beiden Rucksäcke emporzuhieven. Mein Zug von oben genügt nicht, weil sich unsere « Gepäckstücke », die zusammen gut 60 Kilogramm wiegen, immer wieder von neuem verklemmen. Walter muss nachsteigen, um sie zu lösen und zu führen. Eine ziemlich anstrengende Sache! Die letzten Schatten sind endlich gewichen, so dass die Strahlen der hinter dem Wendenjoch aufgegangenen Sonne uns jetzt angenehm wärmend treffen. Auch Wolken lassen sich noch keine sehen. Eine fröhlich-heitere Stimmung bemächtigt sich unser. Wir hoffen, dass heute das Wetter « hält », obwohl in der letzten Zeit fast täglich ein Gewitter niedergegangen ist.

Seillänge um Seillänge klimmen wir über eine steile Rampe empor. Noch stellen sich uns keine grösseren Schwierigkeiten entgegen. Das wird sich aber bald ändern. Wir queren schmale Bänder und erreichen eine glatte Wandstufe. Mit den Fingerspitzen eine Unebenheit suchend, bekomme ich plötzlich einen scharfkantigen Felsschlitz zu fassen. Ein paar Sekunden später klebe ich wenige Meter weiter oben auf einer trittarmen Platte. Ein abdrängender Wulst versperrt den Weiterweg. Zwei, drei tastende Schritte, die mehr Gleichgewichtssinn als Kraft verlangen, und die erste heiklere Stelle liegt hinter mir. Über Bänder, durch jähe Schluchten, Kamine und Risssysteme geht 's nun immer höher. Den einen Aufschwung haben wir hinter uns gelassen und traversieren über gutgestuftes Gelände nach rechts. Schnell vorwärts! Das Wetter scheint sich trotz allem zum Schlechten zu wenden. Über den benachbarten Gipfeln quellen, nach allen Richtungen ausgreifend, mächtige Wolkentürme empor, während tief unten sich Nebelfetzen bilden, rasch aus der Tiefe aufsteigen und an uns vorbeihuschen. Wir stehen jetzt am Fusse des wuchtig und plattengepanzert in die Höhe strebenden zweiten Aufschwungs. Ein System von feinen Rissen führt uns weiter. Die Schwierigkeiten nehmen zu, die Tritte werden kleiner, die Griffe spärlicher. Nur mühsam lassen sich noch Ritzen zum Einschlagen einigermassen zuverlässiger Haken finden. Über kaum zentimeterbreite Leistchen mich allmählich höher schiebend, erreiche ich einen Überhang. Wie weiter? Ringsum nur kompaktes Gestein! Die Stellung ist anstrengend. Sehr lange werde ich hier nicht verweilen können. Immerhin wirkt in solch prekären Augenblicken das Wissen beruhigend, dass Walter unten steht, aufmerksam und konzentriert sichernd.

Walter ist überhaupt ein fabelhafter Kamerad, erfahren, umsichtig, ein ausgezeichneter Kletterer, dazu immer gut aufgelegt. Als ich ihn letzthin anfragte, ob er mit mir diesen Pfeiler durchsteigen wolle, sagte er sofort zu. Obschon er genauso gut als Seilerster vorausgehen könnte, hat er mir den Vortritt überlassen, weil ich den Pfeiler entdeckt und die Vorbereitungsarbeiten mit Edi und Marcel geleistet habe.

Endlich erspähe ich links oben, fast ausserhalb meiner Reichweite, eine ganz kurze und nur mil-limeterbreite Spalte. Singend dringt die schmale Stahlklinge des Hakens ein. Aufatmen und schnell die Seile durch den Karabiner Ziehen sind eins. Der Rest ist jetzt bloss eine Kraftfrage. In Strickleitern turnend, bewältige ich die abdrängende Stelle. Stand. Neue Risse, Kamine und Überhänge folgen. Monoton? Nein! Der Fels bleibt immer neu, seine Ausdrucksweise, seine Gestalt wechselt beständig. Das ist die Aufforderung und zugleich die Spannung, die das Gestein demjenigen bietet, der sich an ihm versucht. Die Form, in der es sich uns entgegenstellt, zu erfassen und auszunützen, den Fels in beherrschter, gleitender Bewegung so zu überwinden, dass die Schwerkraft beinahe in Vergessenheit gerät, das ist es, was den Kletterer mit jener tiefen Freude erfüllt, die ihn immer wieder dorthin führt, wo die Wände am steilsten sind.

Mehrere Steilhänge haben wir bereits hinter uns gebracht. Die Stunden sind im Nu verflogen. Doch allmählich legt sich der Pfeiler etwas zurück. Die Hoffnung, das grosse Band am Ende des zweiten Aufschwungs zu erreichen, spornt an. Ein fernes Grollen lässt uns aufhorchen. Ob das Donner ist? Der Nebel hat sich verdichtet; sogar Nebellücken, die einen flüchtigen Ausblick gestatten würden, finden sich keine mehr. Die Umgebung wirkt gedämpft, matt, düster - wie eingepackt. Da! Ein peitschender Knall! Im selben Moment prasseln heftige und immer dichter werdende Graupelschauer hernieder. Sofort ist rundum alles weiss; unheimlich, wie rasch das geht! Doch wir erleben das nicht zum erstenmal. Da wir uns zudem auf einem guten Standplatz befinden, sind die Windjacken schnell angezogen. Rechts ein tosendes Geräusch. Von zwei auseinanderfiiehen-den Nebelbänken freigegeben, öffnet sich der Blick auf gewaltige Bäche, die sich in wilden Kaskaden durch die Felskessel hinunterstürzen.

Wir müssen weiter, sonst gibt 's ein unbequemes Biwak! Aber das Glück ist mit uns: Nach einer guten halben Stunde verzieht sich das Gewitter gegen den Titlis. Es regnet nur noch leicht. Beim Einnachten erreichen wir tatsächlich die breite Bänderzone am Fusse des nächsten Aufschwungs. Welch erfreuliche Überraschung: Nach nur kurzem Suchen entdecken wir eine geschützte Stelle, die sich gut ausebnen lässt, so dass wir unser klei- nes Hochgebirgszelt aufstellen können. Ein Schneehaufen liefert Wasser, und bald schon hantiert Walter am Kocher. Nach gemütlich eingenommener Mahlzeit schlüpfen wir in unsere fast gemütliche Behausung.

Dank der warmen Daunenausrüstung erwachen wir erst, als die Sonne die dicke Reifschicht im Zelt abzuschmelzen beginnt. Der erste Blick gilt natürlich dem Wetter: Fahl-dunstiges Licht und den Talhängen entlangstreichende Nebelbänke lassen auf eine Wiederholung des nachmittäglichen Gewitters schliessen. Nun, da wir heute abend zum Übernachten wieder hierher zurückkommen wollen, dürfte uns dies nicht allzuviel ausmachen. Bald brechen wir auf, erreichen über ein kurzes Schuttfeld den wulstig hochragenden dritten Aufschwung. Ein abschüssiges Band bringt mich an den Fuss eines glattgescheuerten, gegen aussen sich öffnenden Schlitzes. Ein paar minime Felswarzen verleihen den sich durchbiegenden Vibramsohlen gerade so viel Haftung, dass ich dieses Hindernis breitspreizend überwinden kann.

Fast pilzartig auskragend, feinsplitterig und trotzdem risslos setzt sich die Pfeilerkante fort. Wie soll 's hier weitergehen? Eine kaum sichtbare, sich etwas versteckt nach links hinaufziehende Ritze birgt die Lösung. Ich schlage einige Haken. Wie gut sie sitzen, ist eine andere Frage; übermässiges Vertrauen bringe ich ihnen jedenfalls nicht entgegen. Immerhin gelingt es, die brüchig vorspringende Zone zu umgehen. Die sich anschliessende schwierige Verschneidung ( ein offener Felswinkel ) führt zum Standplatz. Die Bezeichnung « Stand » ist zwar für einen so « lausigen » Tritt leicht übertrieben. Doch was soll 's, wenn Besseres nicht zu finden ist! Unvermittelt fällt wieder Nebel ein. Die über uns sich hochtürmenden Felsmassen verschwinden in milchigem Grau. Weiter! Wir folgen der Verschneidung, verlassen sie, ersteigen ein abschüssiges Band. Eine plattige Steilstufe stellt sich entgegen und wird überlistet. Endlich stehen wir auf dem anfangs beinahe ebenen Grat, der zum letzten Aufschwung leitet. Un- 25 Da stand der Berg Edward Whympers wie ein Phantom...

26 Gorner- und Grenzgletscher, Monte Rosa und Liskamm 27 Signalkuppe, Zumsteinspitze, Nordend; im Vordergrund das Jägerhorn Photos Horst H. Hur, Ulm ser Tagesziel ist erreicht. So ungefähr wissen wir jetzt, was noch kommt. Also seilen wir uns im diesmal sanfter einsetzenden Regen zum Biwakplatz ab. Ein fix eingehängtes Seil und die schon geschlagenen Haken werden uns den morgigen Aufstieg wesentlich erleichtern.

Der folgende Tag verspricht schönes Wetter. Endlich! Heute werden wir durchkommen. Ich ziehe die « Heringe » aus, Walter löst die Firststan-gen; geruhsam still in sich zusammenfallend, verliert das rote Kunststoffzelt seine charakteristische Tonnenform. Der Biwakplatz muss aus der Ferne ein fröhlich-buntes Bild bieten, haben wir doch auf den umgebenden Felsen die verschiedenfar-bigsten Ausrüstungsgegenstände zum Trocknen ausgelegt. In gemütvoller Ruhe, die uns immer intensiver durchdringende sonnige Wärme geniessend, treffen wir die weiteren Vorbereitungen. Einiges Material, vor allem viel von dem zu reichlich bemessenen Proviant, schieben wir unter einen schützenden Block. Beim nächsten Durchstieg werden wir die diesmal überzähligen Konserven sicher zu schätzen wissen. Schon zehn! Höchste Zeit, die überall verstreuten Sachen einzusammeln und in die Säcke zu verstauen. Zu unserer Betrübnis lässt sich eine Gewichtsabnahme trotzdem kaum wahrnehmen, vielmehr scheint sich unser Gepäck eher noch aufgebäht zu haben. Auf den Rücken damit! Und schon bald danach klettern wir in den gestern erschlossenen Passagen. Wohl stecken nun die Haken; jedoch die Stellen bleiben schwierig, und die Säcke müssen nachgezogen werden. Im Verlauf des Nachmittags wird der Grat erreicht. Über dessen schuttbedeckte Felsköpfe steigen wir zum letzten, recht steilen, aber gutgestuften Aufschwung empor. Dieser sollte uns eigentlich keine besonderen Probleme mehr bieten. Geschwind nehmen wir eine Handvoll Nüsse, stossen zwei Riegel « Sport-Vit » nach und spülen das Ganze mit einem kräftigen Schluck aus der Feldflasche hinunter. Wieder setze ich die Fussspitzen in das nun dunkelbraun-grobkörnig werdende Gestein. Anfänglich sind die Schwierigkeiten tatsächlich gering; dann hält 28 Die Route der Erstbegeher am Südostpfeiler des Reissend Nollen ( 3003 m ), von den Fünffingerstöcken aus.

= Biwakplatz 29 Am ersten Aufschwung; ein paar Sekunden später klebe ich auf einer trittarmen Platte. Ein abdrängender Wulst versperrt den Weiterweg 30 Am zweiten Aufschwung. Die Schwierigkeiten nehmen zu, die Tritte werden kleiner, die Griffe spärlicher Photos R. Duili uns ein schuppiger, schwarzgrauer Überhang auf. Ein Blick gen Himmel: Zuweilen verbirgt sich dieser jetzt hinter dunkelflächigen Wolkenwalzen. Ein Gewitter ist trotzdem kaum zu befürchten. Das Gelände wird wieder leicht, der Gipfel naht. Die letzte bröcklig-mürbe Stufe lässt sich teils rechts umgehen, teils überklettern. Ein Schneehang noch - und wir stehen obenDie Aussicht: wildbewegt und gewaltig. Brodelnde Wolkentürme mit tiefschwarzen Unterseiten. Dazwischen zerrissene, gelblich durchglühte Löcher. Der den weich gezahnten Horizont schon fast berührende Sonnenball wirft scharf abgegrenzte Strahlenbündel zu uns herüber. Die Täler, dunkel, unergründlich tief, von einem zarten Dunstschleier abgedeckt.

Selten, zu selten hat man die Gelegenheit, so spät noch auf einem Gipfel zu stehen! Bald Schlafenszeit! Unweit des Westgrates, wohlgeschützt hinter einer Felsbank, stellen wir das kleine rote Zelt zum letztenmal auf. In gelöster Gewissheit des gelungenen Aufstiegs übermannt uns bald ein ruhiger Schlummer.Am folgenden Tag empfängt uns eine in glitzerndem Schnee blendend auffunkelnde Sonne. Ohne Hast und Eile wird zusammengepackt; dann geht 's über den Westgrat, über seine von Wetterunbill rillenartig aufgerauhten Platten und in Blockwerk zerborstene Felsen hinunter. Dazwischen gestreute Schneefelder lassen den Schuh zuweilen durch die nur oberflächlich gefrorene Decke brechen. Doch rasch verlieren wir an Höhe, und knappe zwei Stunden später treffen wir, vom so gut geglückten Unternehmen freudig erfüllt, bei den Alphütten von Engstlen ein.

Die Photos wurden anliisslirh der Zweitbegehung ( R. Üuili/E. Gross ) von Bergführer R. Duili, Bern, gemacht.

25 »I-

31 33 31 Blick vom Kloster Haghios Stephanos auf das am Fusse der Meteoren gelegene Städtchen Kalabaka 32 Urweltliche Gebilde inmitten des Felszirkus der Meteoren

Feedback