Eine nächtliche Rundfahrt um die Sellagruppe

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Mit 2 Bildern ( 14, 15Von René Matossl

( Zürich ) Dass eine improvisierte Tour auch mit einem vollen Erfolg enden kann, wenn auch vielleicht auf andere Art als vorgesehen, zeigte uns von neuem unsere nächtliche Frühlingsskitour im südlichen Berninagebiet.

Nach drei herrlichen Tagen im Forno beabsichtigten wir, Urs und ich, uns einen Ruhetag in Sils zu gönnen. Der herrliche Freitagmorgen liess uns jedoch keine Ruhe, so dass wir uns im Laufe des Vormittages entschlossen, noch die Marinellihütte aufzusuchen. Anderntags wollten wir dann dem Zupò oder dem Palü einen Besuch abstatten. Nach Einbezug aller Eventualitäten rechneten wir mit einer Gesamtzeit von 8 Stunden von Sils zur Marinelli.

So verliessen wir frischen Mutes, unsere Packungen auf ein Minimum reduziert, um 13.30 Uhr Sils-Maria. Wie Schmuggler kamen wir uns vor, als wir bei grösster Hitze an den heimeligen, stilvollen Häusern des Fextales vorbeizogen, wo uns die Kurgäste verwundert nachschauten. Beim kleinen Bergkirchlein auf Crasta warfen wir noch einen Blick auf das Grab des grossen Pioniers dieses Gebietes, Christian Klucker, und irgendwie ergriff uns Ehrfurcht vor diesem Manne, der wohl zu den grössten Bergsteigern gezählt werden darf.

Programmgemäss erreichten wir den Talabschluss und wenig später den stark zurückgegangenen Fexgletscher. Es war 16 Uhr. Da der Piz Margna schon bedenklich lange Schatten warf, verweilten wir hier nicht lange. Der Aufstieg zur Fuorcla Fex-Scerscen erwies sich jedoch viel mühsamer, als wir angenommen hatten. Der Schnee auf dem Gletscher bereitete uns, da er schon gefroren war, ziemliche Mühe. Zudem hatten wir uns beim steilen Übergang vom Vadret da Fex zum Vadret da Tremoggia vom Wege verirrt und dadurch ziemlich Zeit verloren. Wenn ich mich eine Stunde früher über die schlechten Skifelle meines Freundes geärgert hatte, so wurde ich jetzt ganz kleinlaut, als er sich die Steigeisen anschnallte und die steilsten Stellen gemütlich passierte und obendrein noch meine Ski trug. Meine Steigeisen hatte ich in Zürich gelassen... Item, als wir endlich das letzte flachere Plateau vor der Fuorcla erreicht hatten, war auch schon die Nacht hereingebrochen. Zum Glück hatten wir einen sternklaren Himmel, und auch der Mond beehrte uns mit seiner Anwesenheit. Bei der Traverse unter der NO-Wand des Piz Tremoggia hinüber zum Sattel bot sich uns ein phantastisches Schauspiel dar: die ganze Felswand, die von einer hauchdünnen Eisschicht bedeckt gewesen sein muss, erglühte plötzlich im Widerschein des Mondes, dass wir im ersten Augenblick erschraken. Es schien, wie wenn der ganze Berg mit riesigen Scheinwerfern vom Margna her beleuchtet würde. Es weckte in mir die Erinnerung an das Märchen vom gläsernen Schloss, denn genau so musste jenes Schloss erglänzt haben, wenn all die verwunschenen Prinzen und Feen ihre nächtlichen Gelage hielten! Bald jedoch vertrieb uns die rauhe Realität unsere Träume. Es hatte sich nämlich indessen ein scharfer Gratwind erhoben, so dass wir uns auf der Fuorcla Fex-Scerscen, unserer ersten Etappe, keine Ruhe gönnen konnten.

Links von uns stiess das grosse steile Schneecouloir zur Fuorcla Glüschaint empor, und es wurde mir ziemlich ungemütlich zumute, als ich daran dachte, dass mein Freund Toni und ich, ziemlich genau vor einem Jahr, nach der Besteigung des Piz Glüschaint, dort einen Abstieg hatten erzwingen wollen, was wir jedoch aufgeben mussten, da die Wächte zu gefährlich war.

Indessen war es 19.30 Uhr geworden. Nach Marschtabelle hatten wir schon ca. anderthalb Stunden Verspätung. Vor uns breitete sich das mächtige Eisfeld des Vedretta di Scerscen inferiore. Aber leider konnten wir diese herrliche, fast 5 km lange Gletscherabfahrt längs des Südfusses der Sellagruppe nicht voll geniessen, denn die Begehung des zu dieser Jahreszeit zwar relativ harmlosen Gletschers erheischte dennoch grosse Vorsicht, besonders weil er für uns Neuland war. Stark beeindruckten uns die mächtigen, zum Horizont hinaufstrebenden Pfeiler und Wände der Sellagruppe. 400 bis 600 m erheben sie sich senkrecht über den Scerscengletscher.

Während unserer ganzen Abfahrt sahen wir uns gegenüber die ersehnte Felsbastion, auf der sich die Marinellihütte befindet. Nach halbstündiger, ziemlich mühsamer Abfahrt erreichten wir das Ende des Gletschers. Dort überquerten wir die Moräne und anschliessend die Gletscherzunge, die sich unter den Abbruchen des Vedretta di Scerscen superiore nach Süden hinzieht. Gewaltig schön war der Anblick dieses mächtigen Eisabbruches. In scheinbar wirrem Durcheinander lagern sich die Eismassen dieser etwa 300 m hohen Eiswand übereinander. Wir sputeten uns jedoch, diese ziemlich ungastliche Gegend zu verlassen, denn überall um uns lagen Eisblöcke zerstreut, die von Eisschlag zeugten. Nach einer weiteren halben Stunde, um 20.30 Uhr, standen wir unter dem Felskopfe, über welchem wir die Hütte vermuteten. Wohl schien uns das Schneecouloir, welches dort hinaufführte, überaus steil für den Anstieg zu einer Hütte. Ich stieg voraus. Immer enger, immer steiler wurde der Hang, immer mehr Mühe hatte ich, mit meinen Ski Stand zu finden. Unheimlich steil fiel der Hang unter mir, einen Bogen nach rechts um den Felskopf beschreibend, zur Moräne hinunter. Bevor ich den obersten Rand erreicht hatte, malte ich mir schon die Freude aus, wenn ich Urs zurufen konnte: Nachkommen! Aber nichts von alledem! Weit und breit stand keine Hütte. Unmittelbar mir gegenüber erhoben sich wieder die Abbruche des Oberen Scerscengletschers und über mir felsige Gendarmen, die alles andere, nur nicht eine Hütte vermuten liessen. Ich meldete Urs meinen Misserfolg, trat mit gemischten Gefühlen den Rückweg durch das steile Couloir an. Nach einer weiteren Traverse unter den Felsen entlang entdeckten wir eine neue Schneerinne. Diesmal stieg Urs voran. Da dieses Couloir eher noch steiler war als das erste, schnallte er sich seine Steigeisen an. Unterdessen wartete ich am Fuss der Felsen. Die Nacht war warm. Kaum dass man hie und da ein Lüftchen verspürte. Zudem liess der Mond alles wie im Märchen-licht erscheinen, so dass mir das Warten nicht schwer fiel. Es gab viel zu viel zu beobachten und in sich aufzunehmen. Nach einer halben Stunde erschien Urs wieder. Auch er hatte mit seiner Rekognoszierung nicht mehr Erfolg gehabt als ich. Aber unterdessen war es 22.30 Uhr geworden. Nach kurzer Beratung entschlossen wir uns trotzdem für diesen Aufstieg, denn konnten wir die Hütte nicht erreichen, so vermuteten wir doch, wenigstens die steilen Eisabbrüche umgehen zu können und zum oberen Scerscengletscher zu gelangen. Schlimmstenfalls könnte man ja bei dieser milden Witterung irgendwo biwakieren. Urs musste den Weg noch zweimal wiederholen, da er « dank » der'Steigeisen meine Ski auch noch hinauftragen durfte. Ich stieg mit Hilfe meines Pickels, so gut es eben ging, das Couloir hinauf zum oberen Plateau. Nachdem wir uns vergewissert hatten, dass hier wirklich keine Hütte stand, stiegen wir den nächsten Firnhang hinauf zur höhern Plattform. Dort überraschten uns zwei Dinge einmal hatten wir ganz unvermutet den Vedretta di Scerscen superiore erreicht und waren nicht mehr sehr weit vom Sellapass. Gerade vor uns standen die Riesen der Berninagruppe, die sich rund 1000 m über uns erhoben. Und sodann mussten wir bemerken, dass sich das Wetter änderte. Hinter dem Piz Roseg hervor, auf der Sellaseite, trug uns ein kräftiger Wind eine Wolkenwand entgegen, welche sich allerdings auf der Südseite wieder auflöste, so dass wir noch im Mondschein blieben. Vom Crast'agüzza-Sattel herunter und vom Passo di Mannelli her trieb uns der Wind aber ganze Nebelfetzen entgegen, so dass wir uns manchmal wie in einem Hexenkessel wähnten. Gewaltig war der Anblick der Südwände und Grate des Piz Roseg, Scerscen, Bernina, der Crast'agüzza und des Argient. Was uns jedoch am meisten beeindruckte, waren die mächtigen Eiscouloirs, die zum Crast'agüzza-Sattel, zur Fuorcla Scerscen-Bernina und zur Porta Roseg hinaufwiesen, sowie das Marinellicouloir, welches zum Sattel hinaufführt zwischen den Grossen und Kleinen Roseg. Noch nie zuvor hatten sich mir die Berge so abweisend gezeigt! Wohl mochten die vorgerückten Nachtstunde, es war 23.30 Uhr, und der Wechsel zwischen Mondschein und Schatten unsere Phantasie erregt haben, so dass uns alles viel mächtiger und verzerrter erschien als bei Tageslicht. Geradezu grotesk wirkten die Bastionen und Gendarmen des Roseg-Südgrates, wie sie manchmal in den sternklaren Horizont hinausstiessen und kurz darauf wieder von Nebelfetzen umjagt wurden. Es war ein gewaltiges Schauspiel!

In dieser Situation blieb uns nichts anderes mehr übrig als so schnell wie möglich den Sellapass zu erreichen und auf den Roseggletscher zur Coazhütte hinunter zu steigen, denn wir erkannten, dass wir den Aufstieg zur Marinellihütte verfehlt hatten, und wir konnten keine Zeit mehr verlieren, um die Hütte zu suchen. Nach kurzem Aufstieg, in einer Mulde zwischen zwei Abbruchen, erreichten wir den Scerscengletscher und von hier mühelos, der Südwand des Roseg entlang, den Sellapass. Es war Mitternacht vorbei. Ein kalter Westwind blies uns dort entgegen. Überdies senkte sich der Mond immer schneller nach Westen, so dass wir uns beeilen mussten, den gefährlichen, stark zerklüfteten und steilen Sellagletscher noch vor Monduntergang hinunterzufahren. Ziemlich genau in der Gletschermitte fanden wir einen verhältnismässig guten Abstieg, der bei den drei verschiedenen Abbruchen grosse Vorsicht erheischte. Der Wind hatte wieder nachgelassen und das Wetter sich nicht verschlechtert.

Nur an den heiklen Stellen warteten wir auf den Mond, wenn er sich zufällig hinter einer Wolke versteckt hatte. Immer noch glühten die Eiskuppen der Sellagruppe in allen möglichen Schattierungen von Blau, Grün und Rot in den letzten Mondstrahlen. Dass wir hier das letzte und steilste Stück, hinunter zum Roseggletscher, ohne Mond und nur mit Hilfe der Taschenlampe behutsam absteigen mussten, trübte ein wenig diesen einzigartigen Anblick. Anseilen wollten wir uns nicht, denn in der Dunkelheit und mit den Ski hätte es uns sicher mehr behindert als genützt. Wir suchten einen Weg durch die letzten Abbruche nach links hinüber zu einem langen, sehr steilen Schneehang, von welchem ich wusste, dass er im Winter als Abstieg benutzt werden kann. Mit dem Pickel mussten wir uns durch dieses spaltenreiche Labyrinth durchschlagen. Aber glücklich erreichten wir den überaus steilen, zum Glück aber nicht sehr harten letzten Schneehang und von dort mühelos die Gletscherzunge des Roseggletschers. Drei Stunden hatten wir vom Sellapass bis hieher benötigt.

Es war 3 Uhr morgens, den 20. März Wir fuhren direkt nach Pontresina, die Coazhütte links lassend/Der Himmel hatte sich wieder aufgehellt, und die Sterne spendeten uns so viel Licht, dass wir über den völlig eingeschneiten Roseggletscher noch eine verhältnismässig schöne Abfahrt geniessen konnten. Erst als wir die Val Roseg hinausfuhren, begannen wir die Müdigkeit zu verspüren. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir um 6 Uhr Pontresina. Sechzehneinhalb Stunden waren wir unterwegs gewesen, ohne nennenswerte Rastzeiten. Rund 40 km hatten wir zurückgelegt und im Aufstieg und Abstieg einen Höhenunterschied von 2250 m überwunden. Aber ein Gefühl tiefster Befriedigung und Freude erfüllte uns. Um 7 Uhr fuhr unser Zug nach St. Moritz und von dort ging 's mit dem Postauto nach Sils-Baselgia, wo wir um 9 Uhr zurück waren.

Es war vielleicht eine gewagte, aber sicher eine herrliche Nachtfahrt 1

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