Eine Route im Grimselgebiet

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Jvan Cherpillod, Renens

In Bergsteigerkreisen hat es sich inzwischen allgemein herumgesprochen, dass die Wände beim Grimselpass für Kletterer wie geschaffen sind. Der Granit ist ausgezeichnet und eignet sich besonders zum Gehen auf Reibung: Dem Kletterer bieten sich hier kaum Tritte noch Griffe, und nur die relativ massige Steilheit der Felsen erlaubt ihm ein Vorankommen.

Die hohen Gipfel der Berner Alpen sind zwar nicht weit entfernt, dennoch lassen sich die Plattenschüsse der Grimsel in gleicher Weise erklettern wie die Felsen eines Übungs-geländes. Strahlender Sonnenschein, die nur kurze Marschstrecke zum Einstieg, die leichte Ausrüstung: Dies alles fügt sich zusammen, um die gute Laune des Kletterers noch mehr zu heben; ihn, den die Anstrengungen alpiner Touren sonst eher abzuschrecken pflegen.

Wenn der Weg zum Wandfuss tatsächlich nichts weiter als einen erholsamen Spaziergang bietet, so warten die vor uns liegenden Routen demgegenüber mit beachtlichen Schwierigkeiten auf.

Beide, mein Seilkamerad und ich, sind gut trainiert, und so haben wir eine jener Routen gewählt, von denen jeder echte Bergsteiger träumt.

Der Pfad zum Einstieg beginnt bei einem Restaurant, dem Grimsel-Hospiz. Wir verschmähen indessen den Milchkaffee und die warmen Semmeln - Zeichen städtischen Komforts - und machen uns sofort auf den Weg. Dieser nimmt seinen Anfang in einem schachtähnlichen Treppenhaus, wo man beinahe versucht ist, nach dem Lift zu suchen. Auf abwärts führenden Stufen erreichen wir die Grimsel-Staumauer. Ein in das gewachsene Gestein geschlagener Tunnel bringt uns dann zum eigentlichen Fussweg. Dieser schlängelt sich nun, an Felsbuckeln und -rippen sowie an rauschenden Bächen vorbeiführend, dem See entlang. Ein Steg geleitet uns über einen Wasserfall, dessen aufwallende Gischtwolken den felsigen Grund, auf dem wir dahinschreiten, benetzen. Von Sträuchern gesäumt, setzt sich der Weg bisweilen schroff, dann wieder sanft und beschaulich an- oder absteigend weiter fort.

Bereits lässt sich die Wand im Profil sehen: Der ockerfarbene Granit zeichnet ihre strengen Umrisse gegen den Himmel ab. Nach wenigen Schritten langen wir am Fuss der Plattenschüsse an, auf denen schon einige Kletterer nach oben streben. Der Vordermann einer italienischen Seilschaft spricht von einer Stelle, die ( delicatissimosei. Bequem an .>?:![/,* "

seinem Standplatz gesichert, kann er jetzt leicht referieren; dies nachdem er mir vorher noch einen bedeutend einsilbigeren Eindruck gemacht hat.

Wir möchten jetzt möglichst bald die uns in dieser Route erwartenden Schönheiten geniessen, weshalb wir uns unverzüglich anseilen. Eine vom Wasser ausgewaschene Rinne kündigt die ersten Seillängen an. Wir folgen diesem auf seinen Innenseiten erstaunlich glatten und abgerundeten Riss. Unsere Mag-nesium-bepuderten Hände heben sich dabei hell vom orangefarbenen Felsen, über den wir uns emporbewegen, ab.

Wir haben nun die Seilschaft vor uns eingeholt. Am Standplatz helfe ich dem hier gesicherten Mädchen das Durcheinander der völlig verwickelten Seile zu lösen. Sonnenschein und Lächeln umgibt uns; trotzdem lebt es sich hier anders, viel intensiver als etwa an einem Strand. Die aussergewöhnliche Schönheit des Ortes verleiht unserer Anwesenheit einen unvergleichlichen Rahmen. Weit unten erstrahlt der See im blitzenden Licht der auf seinem Spiegel tanzenden Sonnenstrahlen, und der hellleuchtende Glanz der mächtigen Plattenschüsse fügt sich in diese blendende Lichtflut ein.

Vor mir erhebt sich ein steiles Wandstück. Meine Hände tasten das Gestein ab, um feine Unebenheiten zu finden. Die Griffe sind manchmal so klein, dass man sie mehr spürt als sieht. Die Füsse suchen nach minimsten Tritten; es sei denn, sie vermögen sich einfach aufgrund ihrer Haftung zu halten. Meine Schuhe zeigen allerdings von Zeit zu Zeit die unangenehme Tendenz, ins Rutschen zu geraten. Eigentlich müsste ich Angst empfinden, doch hier wird sie durch die Freude am Klettern ausgelöscht.

Dem Aufschwung folgen Platten und Schuppen, dann der Gipfel. Einzig unser Riesendurst hindert uns daran, sofort eine weitere Route in Angriff zu nehmen. Ein Couloir führt uns an den Wandfuss zurück, wo wir auf Bäche stossen, deren Wasser unseren Durst stillt. Sanftgrüne Moosteppiche laden hier den müden Bergsteiger zum Ausruhen und zum Pflücken der überall wachsenden Heidelbeeren ein. Ein wahres Paradies!

Der Wand hat man den Namen gegeben. El Dorado, das Land des Goldes, das grosse Traumziel der spanischen Eroberer. Auf der Grimsel besteht das Gold aus den gelborange gefärbten Felsen, die aussehen, als hätte die Sonne sie gebräunt. Ein Fels, den unsere Hände manchmal umklammern, manchmal liebkosen und dabei seine rauhe, verschiedenerorts von der Erosion gerundete In der Septumania-Route ( 4. Seillänge ) :\ Oberfläche erfühlen. Der Körper wird darin zu einem Teil der ihn umgebenden Elemente, und bewegt sich wie in einem Wirklichkeit gewordenen Traum. Die Herausforderung der Schwerkraft drückt sich in einer Art luftigem Ballett aus, das die Bewegungen mit der umliegenden Natur zu einer Einheit verschmelzen lässt. Um uns herum schimmert alles, einfach alles; dies in einem Glänze, wie ihn das Edelmetall niemals kennt. Hier im ( Eldorado ) findet sich der wahre, Freude bringende, Reichtum!

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Erica Blaser, Bern

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