Eine verkehrte Welt Grand Combin (4314 m)

In der Alpentektonik sind neben Überschiebungen auch Falten wichtig. Am Grand Combin gibt es eine grosse Überschiebung, und eine Rückfaltung sorgt für eine ungewöhnliche Gesteinsabfolge. Zudem wird erklärt, warum es Bündnerschiefer auch im Wallis gibt.

Der Grand Combin ist ein ganzes Massiv, von Norden her erscheint er mit seinen Gletschern und Séracs wie ein Stück Himalaya in den Alpen. Von Süden und Osten her hingegen ist er eine komplexe Felslandschaft mit einer über 1200 Meter hohen, gewaltigen Ostwand.

Im letzten Beitrag wurde die Deckenüberschiebung als wesentlichstes Bauelement der Alpen vorgestellt. Ebenfalls wichtig in der Alpentektonik sind Falten. Am Grand Combin kann ein Zusammenspiel von Deckenüberschiebungen und Verfaltungen im grossen Massstab beobachtet werden. Das Massiv ist aus zwei Gesteinsdecken aufgebaut: unten die Mont-Fort-Decke, bestehend aus metamorphen Gneis- und Schiefergesteinen; darüber geschoben die Tsaté-Decke, bestehend aus metamorphen Sedimentgesteinen des ehemaligen Meeresbeckens zwischen Europa und Adria/Afrika. Also müsste die Tsaté-Decke oben, die Mont-Fort-Decke unten liegen. Nun besteht aber der Gipfelbereich des Combins aus Mont-Fort-Gesteinen, darunter folgen, in den Süd- bis Ostwänden sichtbar, diejenigen der Tsaté-Decke, und darunter, am Mauvoisin-Stausee, wiederum die Mont-Fort-Decke – eine verkehrte Welt?

Die Lösung ist einfach: Zuerst wurde die Tsaté-Decke über die Mont-Fort-Decke geschoben, und danach gab es eine Rückfaltung, bei der der ganze Deckenstapel zurückverfaltet wurde – und so liegt die Mont-Fort-Decke sowohl über als auch unter der Tsaté-Decke (siehe Skizze). Diese grosse Rückfaltung ist in der Südwand des Massivs gut sichtbar (siehe Foto). Späte Rückfaltungen sind typisch für die ganzen südlichen Zentralalpen.

Bündnerschiefer im Wallis

Bei den Gesteinen, die die Süd- und Ostwände aufbauen, handelt es sich um Kalkglimmerschiefer; das sind metamorphe tonig-kalkige Sedimentgesteine. Sie wurden vor rund 100 bis 80 Millionen Jahren über der Subduktionszone abgelagert, an der die Ozeankruste des Tethysozeans in die Tiefe gezogen wurde. Durch die laufende Subduktion wurden die Sedimente noch während der Ablagerung und Verfestigung übereinander geschoben und bildeten einen riesigen keilförmigen Körper, Akkretionskeil genannt. Die mächtigen, meist schiefrig-brüchigen Gesteinsabfolgen der Combin-Ostwand geben einen Eindruck davon. Diese Serien werden auch als Bündnerschiefer bezeichnet, weil sie in Nordbünden grosse Gebiete einnehmen und von den frühen Alpengeologen dort beschrieben wurden. Dass der Walliser Combin weitgehend aus Bündnerschiefer aufgebaut sein soll, ist ja schon ziemlich unlogisch. Da ist die französische Bezeichnung «schistes lustrés» (Glanzschiefer) neutraler. Dass diese Gesteine an einer Subduktionszone aus Ozeankruste entstanden, belegen die gelegentlichen Einschuppungen von Ozeankrustengesteinen wie Serpentinit und Grünschiefer.

Geologisch spannende Berge der Schweizer Alpen

Die Geologie der Alpen ist furchtbar kompliziert, die Vielfalt an Gesteinen fast unendlich. Doch es gibt viele bekannte Berge, die auch für den Geolaien spannende und spektakuläre geologische Phänomene bieten, die gut zu erkennen und einfach zu verstehen sind. Davon handelt diese Serie vom bekannten «Vermittlungsgeologen» und Bergführer Jürg Meyer.

Praxistipp Gesteine bestimmen→ Checkliste Gesteinsansprache

Bevor ein Arzt eine Diagnose stellen kann, muss er untersuchen, fragen, messen, Laborwerte haben, alles nach vorgegebenen Checklisten prüfen – erst dann wagt er eine Diagnose. So ist es auch beim Bestimmen von Gesteinen: Die sorgfältige Beobachtung und Beschreibung, Feldtests wie Härteprobe oder Salzsäuretest sind notwendig, bevor man sich an die Bestimmung wagen kann. Am effizientesten geht das mit einer Checkliste, etwa mit dem «Hosensackblatt Gesteinsansprache» auf www.rundumberge.ch.

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