Einige Gedanken über Styl und Weise in der Naturbeschreibung

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Styl und Weise in der Naturbeschreibung

G. Theobald.

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Die Natur, sagt ein Dichter, ist ein grosser Gedanke des Schöpfers. Mag man über Schöpfung oder wie Andere lieber sagen, Entstehung der Welt, denken wie und was man will, die harmonische Ordnung, welche das Ganze durchdringt und umschlingt, hat noch Niemand in Abrede gestellt. Wir stehen mitten in einem gewaltigen Bau, der auch uns eine Wohnstätte bietet. „ Den Meister, der ihn baute, hat noch kein Auge geschaut. " Ein Bauplan aber ist vorhanden, ein Grundriss, an den sich alle Glieder reihen; er tritt uns entgegen in den ewigen Gesetzen, nach denen die Weltkörper ihre fest bestimmten Kreise in dem Aether des Weltraums ziehen, in dem gewaltigen Felsenbau der Alpen, in dem festen Stamm und den weitschattenden Zweigen der tausendjährigen Eiche, in der zarten, lachenden Blume, in dem bunten, sorglosen Schmetterling, der sich auf ihr wiegt, in der hohen Menschengestalt, in den Zügen des denkenden Hauptes, das sie krönt.

Und denkend betrachtet der höher entwickelte Mensch

Natur anders als das Thier, von dem ein alter Kömer sagt, „ es sei gebildet abwärts zu blicken und dem Bauch zu gehorchen. "

Hoch hebt sich das vom Gedanken. belebte Menschenauge zur Sonne, zu den ewigen Sternen 5 weit hinaus blickt es von der Bergeszinne in die unermessliche Ferne. Die Gebilde, die es einsaugt, werden zu Gedanken. In ungehemmtem Fluge durcheilt der Ge-,danke die Räume und sucht die Urquelle alles Denkens und Schaffens.

Wer sehen und denken gelernt hat ( und das hat nicht Jeder ), findet in der Natur mehr als eine unermessliche Menge von Körpern und Gestalten, an denen man achtungslos vorübergeht, die man aus Neugier betrachtet, oder an denen man auch wohl ein gewisses heimliches Wohlgefallen hat. Ihm sind diese Gebilde der Ausdruck eben so vieler Ideen, die er einzeln geistig auffasst und aus diesen Einzelheiten höhere Einheiten bildet, die sich wieder zu umfassenderen Kreisen zusammenreihen. Er gewinnt einen Einblick in Plan und Ordnung der Natur, und was der Baumeister der Welt mit einem Blicke umfasst, das entwickelt sich ihm so, dassEins sich zum Andern fügt, langsam und mühsam zwar, aber sicher an der Hand der Wissenschaft, soweit dies dem Menschengeiste überhaupt möglich ist. Er steigt von der Tiefe zur Höhe und denkt jenem grossen Gedanken des Schöpfers nach. Das ist Ziel und Zweck der Naturforschung. Der mühsame, langwierige, trockene Weg der Beobachtung und Untersuchung führt zum Wissen und Schauen wie der Gang zwischen Felsengewirr, Gletscherspalten und Eistrümmern zur Höhe, welche Land und Gebirg zu ihren Fussen sieht, und wenn wir uns auch bescheiden müssen, nie das unendliche Ganze mit unserm Wissen zu umfassen, so wird doch die verwendete Arbeit reich belohnt durch die

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uns mögliche, wenn auch beschränkte Einsicht in die Natur und die in ihr waltenden Gesetze.

« Wie Alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem Andern wird und lebt, Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen Und sich die gold'nen Eimer reichen, Mit segenduftenden Schwingen Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmonisch all' das All' durchklingen. > Des Dichters Worte drücken den Gedanken tiefer Naturanschauung besser aus, als ich es vermag, und bedürfen keiner weitern Erläuterung.

Der Gedanke bedarf eines Trägers, um sich mitzutheilen, um Gemeingut zu werden, und dieser Träger ist das Wort, das lebendig gesprochene oder durch die Schrift sich mittheilende.

Jedermann weiss, dass es durchaus nicht Einerlei ist, in welcher Weise ein Gedanke ausgesprochen wird, dass die besten Ideen durch mangelhafte und langweilige Darstellung oft des Beifalls verlustig gehen, keinen Anklang finden, wirkungslos verhallen, während sie unendlich gewinnen durch passende Sprache und lebendigen Vortrag, dass selbst Unrichtiges und Fehlerhaftes durch dieses Mittel gefallen, den Hörer oder Leser mit sich fortreissen kann. Die Art und Weise, die Gedanken in Worte zu kleiden, der Styl, ist oft fast so wichtig als das Gedachte selbst, und von ihm soll im Folgenden die Rede sein, doch nur von einer engeren Sphäre der geistigen Schöpfungen, die unsere Forschungen in den Alpen und deren Darstellung betrifft. Es sind die Beschreibungen und Schilderungen unserer Bergfahrten und Dessen, was zunächst damit zusammenhängt.

Dies ist aber schon ein sehr weites Gebiet, dessen richtige Behandlung nicht ganz wenig voraussetzt. Ein französisches Sprüchwort sagt:

„ Der Styl ist der Mann, der ihn schreibt, " d.h.: an dem Styl erkennt man die geistige Stellung, den Charakter und die Lebensrichtung des Menschen. Wir haben vorhin die Aufgabe einer vollendeten Naturforschung und Naturbetrachtung aufgestellt, und es hat Männer gegeben, welche diese Aufgabe, soweit möglich, gelöst haben und die Ergebnisse ihres Forschern und Denkens mit einer Meisterschaft in Rede und Schrift mittheilten, dass die Gestalten, welche sie schildern, sich gleichsam wesenhaft vor unsern Augen erheben, und dass wir so zu sagen die Begebenheiten mitleben, welche sie beschreiben. Ich erinnere nur an die Altmeister Humboldt, Göthe u. A. Diese Vorbilder zu erreichen, möchte Wenigen gegeben sein; aber wenn man etwas unternimmt, muss man entweder der Kraft bewusst sein, auf unbetretnen Bahnen den eignen Weg zu gehen, oder sich an bewährte Meister anschliessen. Wir werden uns Alle wohl zu dem Letztern entschliessen müssen.

Fassen wir die Punkte in 's Auge, welche bei Alpenfahrten gewöhnlich behandelt werden oder doch berücksichtigt werden sollten.

Das Erste ist natürlich der eigentliche Gegenstand und Zielpunkt der Reise, in der Regel eine Bergspitze, ein schwieriger Gletscherpass u. dgl. Ist dieser Gegenstand nicht ein allgemein bekannter, dessen Lage und Umgebungen man auf jeder leidlichen Karte findet, so wird man wohl thun, diese Verhältnisse übersichtlich anzugeben, die Einzelheiten, soweit sie erforderlich sind, kurz anzudeuten und das Uebrige der Reiseschilderung zu überlassen. Ersteres in gefälliger Weise zu thun, ist nicht leicht; es erfordert eine genaue Kenntniss der Gebirgs- und Naturverhältnisse, um das eigentlich Wesentliche herauszugreifen und das Bild im Grossen zu entwerfen.

Den Leser bloss auf die Karte verweisen, genügt aus verschiedenen Gründen nicht, von denen der hauptsächlichste der ist, dass man nicht immer und überall Karten zur Hand hat. Stelle man sich z.B. vor, man wolle eine Fahrt auf den Piz Stella im hintern Avers, oder auf den Piz Alv in Maigel beschreiben, so muss man, da diese Gegenden sehr wenig bekannt sind, und die Punkte bei weitem nicht auf allen Karten stehen, den Leser durch eine anziehende Schilderung des allgemeinen Landschaftsbildes für seinen Gegenstand zu interessiren wissen und ihm zugleich die Mittel an die Hand geben, sich von Anfang an zurecht zu finden. Man kann füglich behaupten, dass jeder einzelne Gebirgsstock interessante Beziehungen in hinreichender Menge darbietet, um diesen Zweck zu erreichen, wenn es gelingt, durch ihre Schilderung eine mit der Natur übereinstimmende, anschauliche Gestalt in der Phantasie des Lesers oder Zuhörers entstehen zu lassen.

In zweite Linie tritt gewöhnlich der Tourist selbst und sein anderes Ich ( nicht etwa eine zu Hause gebliebene Ehehälfte in re oder in spe, sondern der Führer ). Das ist sehr natürlich und in der Ordnung. Die Persönlichkeit der Handelnden muss bei der Beschreibung der Handlung so gut als der Schauplatz derselben hervortreten. Wir können einen Mann lieb gewinnen, der frisch und frei in lebendiger, selbst halb dramatischer Weise darstellt, was er that, sprach, dachte und fühlte, wie er mit seinen Genossen verkehrte, wie er sich in den ihm fremden oder neuenYerhältnissen bewegte. Aber wir können dieselben Dinge auch sehr langweilig finden, wenn sie sich allzusehr wiederholen, wenn in die Länge gezogen wird, was kurz sein soll, wenn Unwesentliches lang ausgesponnen, wenn Dinge, die Niemanden interes- siren, breitspurig auseinander gesetzt werden.

Aber wie kann ich das wissen, was die Leute anspricht oder langweilt? wird Mancher sagen. Frage dich selbst, lieber Bruder Alpenclubist, was in diese beiden Abtheilungen gehorte, wenn dir die Beschreibung einer Bergtour im Kaukasus oder Himalaja vorläge, und du wirst in 's Klare kommen. Ausserdem kommt gerade hier sehr viel auf Art der Darstellung, auf Sprache und Styl an. Geringfü-gige Umstände und Yerhältnisse können, gut geordnet und dargestellt, recht anziehend werden; nur muss man sich nicht einbilden, dass sie es an und für sich schon seien. Einen dritten Punkt bilden die Natur Verhältnis se der durchwanderten Gegend, die Scenerie, wie man es seit einiger Zeit gerne nennt. Es fällt dies theilweise schon mit dem ersten von uns erwähnten Punkte zusammen, ist jedoch insofern verschieden, als hier nicht von allgemeinen Umrissen des Bildes, sondern deren Ausfüllung mit den Einzelheiten die Rede ist. Hier bieten uns die Alpen einen unerschöpflichen Reichthum. " Wie der Maler in seine Farben, so kann der Beschreibende in Das hineingreifen, was sich seinen Blicken darbietet, und, hat sein Auge recht gesehen, ist er nicht gedankenlos durch die Herrlichkeit der Alpenwelt hingegangen, so braucht er selten um Worte verlegen zu sein. Da liegt der Thalgrund in schweigender Nacht; es schlängelt der schmale Pfad sich hinauf durch die thauigen Matten; dann empfängt die Waldregion uns mit ihrem feierlichen Dunkel; wie Windharfenklang rauscht die Bergluft in den Zweigen der Tannen, und das Rauschen des wilden Thalstroms begleitet seine Akkorde. Der Morgen dämmert; bleiches Licht erhellt die Firnen; im Wald erwacht das Leben; der erste Ruf der Vögel begrüsst uns. Steil windet sieh der Felsenpfad an den Flühen hinauf, von denen die Alpenwasser in wilden Sätzen zu Thal stürzen, jeder Fall anders gestaltet.

Da stehen wir über der Waldregion auf der ersten Stufe des Hochgebirgs; drüben im Osten röthet sich der Himmel; die rosenfingrige Eos, wie Vater Homer sie nennt, die Morgenröthe, geht der Sonne voraus, die Spitzen färben sich mit glühendem Roth, und da kömmt sie selbst, die Königin des Tages, die nimmer alternde. Himmel und Erde feiern den neuen Tag. Dort um die Sennhütte sammelt sich die erwachende Heerde und es schallt der Sennen fröhlicher Ruf.

" Weit breitet sich die sattgrüne, saftige Rasendecke der Alpentriften aus; die purpurne Alpenrose leuchtet stolz aus dem dunklen Blätter schmuck; die Anemone blickt zu uns auf wie ein lächelndes Kind, die Gentiane mit blauem, sehnsüchtigem Auge. Ein buntes Heer von Schmetterlingen und andern kleinen geflügelten Wesen schwebt und gaukelt und summt um die reichen Blüthen des Alpengeländes, alles andere Formen als drunten im Tiefland. Aber höher hinauf geht unser Weg über steile Halden, zwischen Felsblöcken durch, über schroffe Flühen und zackige Klippen, jenen steilen, drohenden Hörnern zu, deren höchste Spitze unser Ziel ist, wo der Firngrat sich in schimmerndem Weiss scharf abgrenzt gegen des Himmels tiefes Blau. Der Pflanzenwuchs wird spärlicher. Die letzten Blumen sprossen aus wüstem Geröll, aus Felsenspalten und auf Blöcken, die den Schneefeldern entragen. Da senken sich die Gletscher herab. Ueber steile Firnhänge und Eistrümmer, zwischen drohenden Spalten streben wir dem letzten Felsgrat zu, der sich zackig und dunkel aus dem Firn erhebt. Mit sicherm Fuss und starkem Arm greifen wir ihn an, und über die höchste Kante schwingen wir uns hinauf. Der Gipfel ist erreicht und uns zu Füssen liegt Gebirg und Thal; hoch hebt sich die Schweizer Alpenclub.20 Brust;

weit öffnet sich das Auge und blickt mit Siegeslust über die zerrissenen Wellen der Alpenketten in die unermessliche Ferne.

Auch die Wissenschaft ist nicht vergessen worden auf unserm Wege. Wir haben den mächtigen Felsenbau des Berges studirt. Wie durchsichtig ist sein Inneres vor uns aufgeschlossen. Wir knüpfen unsre Beobachtungen an früher gemachte in den benachbarten Gebirgen, und von unserm hohen Standpunkt aus ordnet sich das Chaos der wilden Felsengestalten zu Gliedern eines Ganzen, in dessen Schichten und Massengebilden wir feste Ordnung und ewig waltende Gesetze erkennen. Wir haben in dem blüthendurchwirkten Kleide der Alpen alte liebe Bekannte und vielleicht auch Neues gefunden; auch das Thierleben ist nicht unbeachtet an uns vorübergegangen. Luft und Licht, Temperaturverhältnisse, Wasser und Eis haben uns Stoff zu anziehenden Beobachtungen geboten.

Die mächtigen Berggestalten des Alpengeländes hat vielleicht ein Künstler unter uns festzuhalten und durch den Griffel wiederzugeben gewusst.

Auch das Leben und Treiben der Menschen im Thal und in den Alphütten ist nicht unbeobachtet geblieben; es gehört mit zum grossen Gesammtbild.

Wir haben im Allgemeinen die Elemente entwickelt, welche bei der Beschreibung einer Alpenreise hauptsächlich in Betrachtung kommen. Dass noch viel Anderes hineingezogen werden kann, bedarf wohl kaum der Erwähnung..

Aber da hast du uns nichts Neues mitgetheilt, wird Mancher-sagen; alles das haben wir schon hundert Mal gelesen und gehört!

Ganz recht! Aber unter diesen hundert Malen wird es wohl nicht zweimal ganz auf dieselbe Weise gegeben worden sein.

Je nach der Persönlichkeit, der Anschauungsweise, dem geistigen und wissenschaftlichen Stand -punkt des Erzählers ändert die Darstellungsweise unendlich ab und soll das thun; denn nichts wäre unangenehmer, als wenn sich in unsrer Vereinsschrift eine Manier ausbildete, nach welcher Alles sich formt und wie über einen Leist geschlagen erschiene. Eben weil die Gegenstände der Beschreibungen nahezu dieselben sind, muss die Vielseitigkeit in die Darstellungsweise gelegt und Manches hineingezogen werden, was grössere Mannigfaltigkeit hervorbringt.

Betrachten wir nun die verschiedenen Stylarten, welche uns bei solchen Darstellungen in der Regel entgegentreten.

Da haben wir zunächst den rein erzählenden Styl. Der Verfasser erzählt uns gewissenhaft Alles das, was vom Auszug aus dem Wirthshause oder der Alphütte oder auch von seinem Heimathsorte bis auf die Bergspitze und wieder zurück sich zugetragen, und hat dabei hauptsächlich die Tour an sich und die Personen im Auge, die sie gemacht haben, ohne sich um allgemeinere Verhältnisse zu kümmern. Dergleichen kann recht angenehm und ergötzlich dargestellt werden, besonders wenn es gelingt, einen gewissen Humor hineinzubringen. Man läuft aber dabei Gefahr, breit und langwierig zu werden, und Dingen grössere Bedeutung beizulegen, welche andere Leute durchaus nicht interessiren. So ist es z.B. gar nicht unwichtig, die Reiseausrüstung zu erfahren, welche der Reisende namentlich für mehrtägige Fahrten mitgenommen hat, weil man sich in ähnlichen Fällen darnach richten kann. Dazu gehört unter Anderm auch der Inhalt des Proviantsackes; denn es gibt Nahrungsmittel,

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die sehr zweckmässig sind, wahrend andere sich als unpraktisch erweisen. Wenn aber der Leser bei jedem Halt in der Beschreibung wiederkäuen soll, was da Alles gegessen und getrunken worden, so kann er mit Recht einwenden, dass er zu der Ordnung der Zweihänder und nicht zu den Wiederkäuern gehöre. Dergleichen gibt es noch gar mancherlei.

Man muss sich überhaupt fragen, was wohl der Leser eigentlich zu wissen wünscht und was ihn sonst in der Beschreibung anziehen mag. Um nicht ebenfalls langweilig zu werden, führen wir nur noch einen Punkt an. Es ist sehr wichtig, ein treues und anschauliches Bild des gemachten Weges zu erhalten, die Schwierigkeiten und die Art ihrer Ueberwindung kennen zu lernen, und hierzu ist oft die Anführung von mancherlei Einzelheiten nothwendig, während Mangel an übersichtlicher Klarheit und zu langes Verweilen bei Unwesentlichem den Leser verwirrt und den Zweck verfehlt, ihn die Reise gleichsam mitmachen zu lassen.

Als eine eigenthümliche Art des erzählenden Styls müssen wir noch diejenige anführen, die wir als Ge-schäftsstyl bezeichnen möchten. Hier wird die Tour als ein Geschäft behandelt, welches, als im Reiseprogramm oder im Reisehandbuch stehend, gemacht werden muss. So wurde die Sache auch angegriffen, Alles gewissenhaft notirt, was dazu gehört, und so wird sie auch in der Beschreibung wiedergegeben, häufig mit Ausdrücken und Sprachwendungen, die sehr lebhaft an Bureau und Comptoir erinnern. Handelt es sich nun bloss um geschäftliche oder aktenmässige Feststellung von Thatsachen, so hat diese Manier, gewiss ihre Vorzüge; allein es gehört dieselbe in Schriften, die sich die Aufgabe gestellt haben, thatsächliches Material zu sammeln, und können solche Angaben hier grossen Werth haben.

Für weitere Kreise, denen wir unsere Bestrebungen auch durch gefällige Formen des Vortrags anziehend machen müssen, passt sie nicht.

So verhält es sich auch mit rein wissenschaftlichen Darstellungen. Sind solche bloss für Fachmänner bestimmt, so braucht es weiter nichts als eine klare, vollständige Aufzählung der Thatsachen und Entwicklung der daraus sich ergebenden Folgerungen. Alles[Andere ist überflüssig, und da in den betreffenden Schriften gewöhnlich der Raum, den eine wissenschaftliche Arbeit einnehmen darf, knapp zugemessen ist, so muss man sparsam sein mit den Worten, was übrigens auch sonst zu empfehlen ist. Dennoch irrt man sich, wenn man Trockenheit und Steifheit als unzertrennlich von tiefer Gelehrsamkeit ansieht. Sokrates und Platon entwickelten tiefe Weisheit in der gefälligsten Form, und die neuere Wissenschaft hat den Zopf abgelegt; sie spricht und schreibt verständlich und anziehend, wo es darauf ankommt, das wissenschaftlich Erforschte und Erkannte zum Gemeingut gebildeter Menschen zu machen, verliert auch dadurch nicht an Werth und Ansehen. In dieser Tracht, frei und schon wie die Musen auf ihrem felsigen Sitze in Hellas, soll die Wissenschaft den Alpenforscher begleiten. Die Sprache, die sie redet, der Ausdruck der klaren Anschauung, die ihren Stoff beherrscht und zu schönen Formen gestaltet, wird dann schon gefallen.

Es ist hier wohl der Ort, vor einer Unsitte zu warnen, die allmälig aus der deutschen Sprache verschwinden soll und muss es ist der Gebrauch fremder Worte, die man besonders in der Wissenschaft nicht entbehren zu können glaubt, oder sie wohl gar als einen Beweis gelehrter Bildung zur Schau trägt. Man wird mir hier einwenden, ich habe ja in dieser Arbeit selbst solche gebraucht und damit eben bewiesen, dass wir sie nicht entbehren können.

Leider ist daran etwas Wahres. Es giebt Worte, die Begriffe bezeichnen, für welche der deutsche Ausdruck eben darum fehlt, weil man seit langer Zeit einen fremden braucht, und diese können wir leider nicht mehr los werden; sie mögen sich einbürgern; auch sind es am Ende nicht gar viele. Wo aber ein gleichwerthi-ges, gutes deutsches Wort zur Hand ist, da sollte man solche Altflickerei nicht treiben. Am wenigsten aber sollte man dazu beitragen, die Summe fremder Worte durch Aufnahme neuer in einem sich frisch bildenden Zweig der Schriftstellerei zu vermehren. Dazu sind wir aber auf dem besten Wege. Der Gebrauch französischer Worte wie Couloir, Sérac u. dgl. ist, wenn auch zu vermeiden, doch zu entschuldigen, weil sie aus dem franzö-sisch-schweizerischen Alpenlande stammen und den Alpen eigenthümliche Gegenstände sehr gut und kurz bezeichnen, obgleich die Genfer und Waadtländer es übel vermerken würden, wenn ihnen die Uebersetzer jedesmal da ein deutsches Wort setzten, wo ein solches die Sache vielleicht besser ausdrückte als eine französische Bezeichnung. Wenn man aber Worte aus fremden Sprachen einflickt, die im Alpengebiete gar nicht heimisch sind, so errinnert dies sehr lebhaft an Kellner, Hausknechte u. dgl., die Tes, Yes rufen, wenn sie auch sonst kein Wort Englisch verstehen.

Der festen, klaren Sprache der Wissenschaft steht geradezu entgegen ein gewisser sentimentaler Ton, dem wir besonders in altern Schriften begegnen und der glücklicker Weise aus der Mode zu kommen scheint. Es gefällt sich diese Weise in einem Spielen mit Empfindungen, denen eigentliche Kenntniss der Sache und Ver- hältnisse, oft auch die Wahrheit abgeht.

Man geht gewiss nicht zu weit, wenn man behauptet, dass solche Gefühlsschwärmereien gar nicht unter dem mächtigen Eindruck unmittelbarer Anschauung, sondern nachträglich auf der Studirstube durch allmäliges Hineinphanta-siren entstanden sind. Dahin gehören die wortreichen Schilderungen sogenannter Totaleindrücke, denen kein deutliches Bild zu Grunde liegt und durch die man auch kein solches erhält, gewisse Ausdrücke idyllischer Glückseligkeit, zu denen kein rechter Grund vorliegt, umgekehrt das Gefühl des Grausens und Schreckens an sichern Standorten, die Uebertreibung der Gefahr, wo allenfalls wirklich solche ist; unwahre und übertriebene Schilderungen von Landschaft, Eis, Schnee, Wind und Wetter; Empfindeleien über Glück und Unglück der Alpenbewohner, von Blumen, Bäumen, Murmelthieren und Gemsen hinauf bis zur holden Sennerin und dem hochmögenden, behäbigen Gemeinderath des Alpendörfchens u. s. w. Wir könnten noch ein langes Register aufführen und Beispiele dazu; aber wir überlassen dies unsern Lesern. Nur das wollen wir noch bemerken, dass man das Unwahre und Gemachte unter Anderm auch an schwülstigem, überschwanglichem Styl, unpassenden Kraftausdrücken, ungehörigen Vergleichungen, überhaupt an der übertriebenen, dem behandelten Gegenstand nicht angemessenen Weise erkennt, die man mit dem Namen Bombast bezeichnet. Wahres Gefühl spricht zum Herzen mit der Sprache der Wahrheit und wird immer gefallen und anziehen.

« Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, Wenn es euch nicht von Herzen geht. »

Man hat sich um so mehr vor solchen Uebertreibun-gen und Abschweifungen vom guten Geschmack zu hüten,

als es nicht Wenige gibt, die dergleichen für Poesie halten oder ausgeben. Wir kommen dadurch zu der Betrachtung des poetischen Styls.

Die Frage, was eigentlich Poesie sei, hat von jeher Philosophen und Aesthetikern viel zu schaffen gemacht, und die Antwort ist nicht leicht in kurze Worte zu fassen, da hier namentlich auch die Frage über das Wesen des Schönen in Betracht kommt. In Allem, was ist und geschieht, können wir eine wirkliche und eine ideale Seite unterscheiden; das Ideale aber ist der Gegenstand in seiner höchsten Reinheit und Vollendung. Da die Wirklichkeit nie ganz frei ist von störenden Nebendingen und Ereignissen, so ist das Ideal ein geistiges Bild, welches die durch Vernunft geregelte Phantasie schafft. Ein solches entsteht in der Seele des Dichters, indem er die reinen Grundzüge seines Gegenstandes auffasst, das Stö-rende, Unharmonische beseitigt und dafür Beziehungen aufnimmt, die sich an andere ideale Gebiete anknüpfen. Wer das in gebundener oder ungebundener Rede wiederzugeben vermag, liefert somit etwas Poetisches, während viele ganz leidlich gereimte Verse, worin alltägliche Gedanken und Geschichten versifizirt sind, noch lange nicht den Namen „ Poesie " verdienen.

Dass die Natur der Gegenstand poetischer Auffassung sein kann, wird so leicht Niemand leugnen, und sie ist es gewesen von Vater Homer und den Sängern der indischen Heldensage an bis auf unsre Zeit, so sehr, dass die Dichtungen der verschiedenen Völker ein entschiedenes Gepräge der Natur tragen, welche sie umgibt. Wir können hier auf dieses weite, höchst anziehende Gebiet nicht näher eingehen und berufen uns auf die Erinnerung unsrer Leser; uns kann hier nur die Frage beschäftigen: ob und in wie fern sich unsre Alpennatur zu poetischer Auffas- sung und Darstellung eignet, und in wie weit eine solche in unsre Jahrbücher passt.

Ueber die erste Frage waltet wohl kein Zweifel. Wenn Schönes und Erhabenes, Einheit in der Mannigfaltigkeit sich verbinden müssen in einer vollendeten Dichtung, so hat die Natur das Schweizerland in beiden Richtungen mit ihren reichsten Gaben ausgestattet. Da stehen sie, die gewaltigen Massen, wie für die Ewigkeit aufgebaut; in kühnen Umrissen streben himmelan die vielgestaltigen Hörner und Kuppen, keine Form der andern gleich an Felsbau und Gestalt; funkelnd im Lichte der Sonne, umhüllt sie die reine Decke von Eis und Schnee, ein jungfräulicher Schleier, der noch nie gehoben ward, dessen malerischer Faltenwurf tief hinabwallt an den hohen Gestalten über das grüne Kleid der Matten und Wälder. Wie Edelstein hineingewoben, glänzen die Seen und drunten am Fuss des Gebirgs die freundlichen Wohnungen der Menschen, die mit freudiger stolzer Zuversicht hinaufblicken zu den Riesen und Riesinnen droben, die in festgeschlossenen Reihen dastehen, ein Hort der Freiheit. Sage und Geschichte erzählen, wie die Macht der Tyrannen sich brach an der ewigen Veste der Alpen und an der Kraft der Männer, die von da herabstiegen; in flammendem Glühen feiern die Spitzen des Hochgebirgs die Tage, wo die Sonne der Freiheit aufging am Rütli und am jungen Rhein. Man suche ein anderes Land, wo das alles sich so vereinigt, wo ein solches Bild sich in so verhältnissmässig kleinem Rahmen vor unsern Blicken entrollt, und man wird es nicht leicht finden. Es gibt Berglandschaften, die noch grossartigere Formen bieten, deren Fuss mit der Ueppigkeit tropischen Lebens umsäumt ist; aber wer sie gesehen, gibt meist doch den Alpen den Preis der schönen Einheit in Allem, was sie uns bieten.

Es gibt aber Erscheinungen, deren Eindruck so gewaltig und riesenhaft ist, dass Auge und Phantasie ihn nicht umfassen, und wenn sie es thun, das Wort keinen Ausdruck dafür findet. Aehnlich wie für die Poesie, die in der XJnermesslichkeit des Weltalls liegt, findet der Mensch gewöhnlich auch keine Worte und keinen Gesang für das, was seine Seele bewegt, wenn er von einer der höhern Spitzen das Alpengebiet überschaut. Nur wenigen grossen Meistern ist es gelungen, Akkorde anzuschlagen, die in jedem Herzen wiederklingen und wie Heimweh Jeden ergreifen, der mit der Alpennatur vertraut ist. Dies sind immer grosse Züge, kühn hingeworfen mit genialer Hand, welche beweisen, dass dem Geiste des Sängers eine Offenbarung geworden von dem Geiste der Natur,

« Der da schafft am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirket der Gottheit lebendiges Kleid. >

Dass es ihm gelungen ist, das unermesslich Grosse zu umfassen und zu durchdringen, erkennen wir daran, dass er von den äussern Formen gerade das gab, was das innere Wesen bezeichnet. Der grossen Mehrzahl ist das nicht vergönnt;-die meisten suchen durch einlässliche Schilderungen von Einzelheiten den Mangel jener Grundzüge zu ersetzen. Dies kann mit grösser Geschicklichkeit und Gewandtheit, mit ausgezeichneter Sachkenntniss geschehen, die Sprache kann schön und blühend sein, am rechten Orte macht es jedenfalls auch einen vortheilhaf-ten Eindruckaber man hüte sich, zu tief in diese Weise einzugehen; denn man läuft Gefahr, zu ermüden und, was noch schlimmer ist, in Phrasenmacherei zu verfallen, wo die Worte den Geist erdrücken.

Darin liegt nun eigentlich schon die Antwort auf die andere Frage. Wem ein poetisches Gemüth gegeben ward,

:'- ..:L,. :::,. ;; wem sein guter Genius die ideale Seite der Dinge offenbart, wessen Gedanken sich leicht in die angemessene Form kleiden, so dass die Worte sich von selbst ordnen zu rhythmischer Bewegung — warum sollte er dieses Talent nicht geltend machen?

Wo aber nicht Alles sich wie von selbst macht, wo das Wort den Gedanken beherrscht und nicht umgekehrt der Gedanke das Wort — da lasse man das Dichten und Reimen und verschone uns mit schlechten Versen. Jene Anlage ist einmal eine angeborene und wird nicht gelernt, sondern nur gebildet, wo sie schon vorhanden ist. Ein Anderes ist es, bei Alpenwanderungen poetische Beziehungen aufzufinden und in ungebundener Rede darzustellen. Das mag jedem Menschen von Geist und Bildung gelingen, der der Sprache mächtig ist. Nur suche man die Poesie nicht in Redensarten, gezwungenemWesen, gemachter und unwahrer Empfindung, unrichtigen Deutungen, übertriebenen und hinkenden Vergleichungen und Bildern, schwülstigen Beiwörtern u. dgl. Die Wahrheit der Sachen und Ideen und die Darstellung in schlagenden, gut gewählten Worten ist in Naturschilderungen von selbst poetisch* ).

Eine besondere Neigung hat sich in neuerer Zeit bei Beschreibung von Bergfahrten gezeigt, das Ganze oder einzelne Theile humoristisch zu geben, und es ist nicht zu leugnen, dass wir in diesem Sinne manches recht Gute

* ) « Je erhabener die Gegenstände sind, desto sorgfältiger muss der äussere Schmuck der Rede vermieden werden. Die eigentliche Wirkung eines Naturgemäldes ist in seiner Komposition begründet. Die Araber sagen figürlich und sinnig: die beste Beschreibung sei die, in welcher das Ohr zum Auge umgewandelt wird » — sagt A. v. Humboldt, der im II. Bd. des Kosmos S. 6 ff. die goldene Regel der Naturbeschreibung bleibend gültig entwickelt hat.A. d. R.

und Anziehende erhalten haben. Aber mit dem Humor ist es ähnlich wie mit der Poesie. Ein guter Witz lässt sich nicht suchen, noch weniger das Witzmachen lernen; das muss sich von selbst finden und findet sich bei witzigen Leuten auch von selbst, wenn das Zusammentreffen von Thatsachen oder das Kreuzen der Ideen den Humor anregt. Wessen Verstand aber, wie Jean Paul sagt, wie eine Maus in allen yier Gehirnkammern herumfahren muss, um ein Bröselchen Witz aufzutreiben, der soll sich lieber auf alles Andere verlegen als darauf. Wie nichts mehr erheitert als guter Humor am rechten Platz, so ist nichts langweiliger als gezwungener Humor, dessen rechte Spitze erst durch längeres Besinnen gefunden wird, besonders wenn sich dergleichen durch lange Artikel fortspinnt. Das hat viel Aehnlichkeit mit einem Fuhrwerk auf einem holperigen Alpweg oder den berühmten Knüppelstrassen im sarmatischen Tiefland. Am widerwärtigsten sind in dieser Weise rein persönliche Witze-leien über Leute, die man nicht kennt, und Geschichten, deren Verlauf man nicht recht weiss und worin dieser und jener sein Gift ausläset, wie man früher von den Klapperschlangen glaubte, dass sie von Zeit zu Zeit beissen müssten, um nicht durch zu grosse Ausdehnung der Giftbläs-chen Zahnweh zu bekommen.

Ein andrer falscher Humor ist der Bummlerstyl, welcher den Witz in die Thatsache der Bummelei legt und glaubt, dass sich ein vernünftiger Mensch an Kneipen, Faulenzen, Charmiren mit den Kellnerinnen u. dgl. und schliesslich an der Planlosigkeit der ganzen Geschichte erbauen und belustigen könne.Von diesem ist wohl zu unterscheiden das frische, kräftige Hinausschreiten in die Gebirgswelt, welches Abenteuer sucht, die Gefahr herausfordert, des Gelingens sich freut und dem Ungemach ein Schnippchen schlägt.

Eine andere, nicht eben angenehme Sorte von Humor ist der des tiberkultivirten Touristen, jene widerliche Blasirtheit, die durch Verbildung und übertriebenen Lebensgenuss erzeugt wird, der nichts schön und anregend genug ist. Solche Leute bleiben zwar meist auf der Landstrasse; verirren sie sich aber in 's Hochgebirg, so.werden sie ihren Reisegefährten neben andern Eigenschaften auch durch fade Witzmacherei unleidlich und nicht minder, wenn sie nachträglich ihre Erlebnisse gar zu Papier bringen. Pfui über dich, Buben, hinter dem Ofen!

Es gibt hie und da Verhältnisse, welche dem, der sie erlebt, höchst komisch und ergötzlich vorkommen, während Andere dies gar nicht finden. Der Geschmack ist natürlich verschieden; aber meist fehlt solchen Geschichten eine gewisse allgemeinere Beziehung, oder es fehlt dem Erzählenden der richtige Ausdruck.

Für Diejenigen, welchen in der That eine humoristische Richtung inne wohnt, findet sich auf Bergreisen, welchen Zweck sie nun haben mögen, nach allen Richtungen sehr reichlicher Stoff für ihre komische Muse, und wir heissen diese auf der Tour selbst wie in der Beschreibung derselben willkommen. Wer sich eines ernsten Zweckes bewusst ist, darf sich wohl zwischen der Arbeit ausruhen, um Kräfte zu sammeln. Aber man halte nicht jeden Bock für einen Satyr, darum weil er Bocksfüsse hat.

Was soll denn nun aber, wird man fragen, eigentlich in der Beschreibung einer Bergfahrt vorkommen, und wie muss sie gehalten sein um allen Anforderungen zu entsprechen?

Wir wollen durchaus nicht in Abrede stellen, dass sämmtliche angeführte Hauptrichtungen, natürlich ohne

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die namhaft gemachten und andere Abschweifungen, befolgt werden können, und dass in allen etwas Tüchtiges geleistet werden kann. Doch möchte ich für unsere Zwecke dazu rathen, sie sämmtlich so weit möglich zu vereinigen, weder die eine noch die andere streng vorherrschen zu lassen, und daraus ein Ganzes zu bilden, das in lebendiger, anschaulicher " Weise dem Leser die. Alpenfahrt mit Allem, was damit in Verbin düng steht, so vorführt, dass er sie im Geiste mitmacht, und von Allem, was dabei geschah und gesehen ward, ein Bild erhält, dem seine Phantasie folgen kann, und das seinen Gesichtskreis in den verschiedensten Richtungen erweitert. Ich möchte diesen Styl den eigentlich beschreibenden nennen. Hierzu gehört also:

1. Eine gute Entwicklung und Bestimmung des Reise-zweckes und Reisezieles, möglichst kurz und das Nothwendige enthaltend. Der Leser muss möglichst schnell in den Schauplatz der Erzählung eingeführt werden. Wo dieser schon bekannt ist, fange man lieber gleich mit der Hauptsache an. Uebermässig lange, allgemeine Betrachtungen sind zu vermeiden; das liebe „ Ich " ist auch nicht allzusehr hervorzuheben.

2. Der Gang der Erzählung muss klar und anschaulich sein, und nichts Wichtiges darf ausgelassen werden; dagegen sind Nebensachen, wofern sie nicht ein ganz besonderes Interesse haben, möglichst kurz zu behandeln.

3. Das Bild der durchwanderten Gegend muss klar und scharf hervortreten; die Schilderungen müssen die wesentlichen Züge des Landschaftsbildes hervorheben. Wo es aber zu dessen Deutlichkeit erforderlich ist, sind die Einzelheiten so anzugeben, dass sich das Beschriebene gleichsam wesenhaft in der Phantasie des Lesers entwickelt. Zu viel Worte schaden auch hier.

4. Die wissenschaftliche, künstlerische und ästhetische Seite darf nicht ganz vernachlässigt werden. Es ist unmöglich, Alles zu wissen und Alles in den Kreis seiner Beobachtungen zu ziehen; aber irgend eine der angegebenen Seiten sollte doch immer in den Kreis der Reisebeobachtungen aufgenommen werden.

5. Wie das Land, so sollte auch das Volk uns nicht fremd bleiben, Beobachtungen über sein Leben und Thun, Geschichte und Sage flechten sich oft in reizender Weise ein, wo sich dazu Gelegenheit bietet.

6. Poetische Auffassung ist nicht Jedermanns Sache. Sie lässt sich nicht gewaltsam herbeirufen und wirkt dann nur schädlich; aber die Natur hat unsern Weg mit Blüthen geschmückt, und wenn Blüthen des Geistes dessen Schilderung verschönern, so werden sie dem willkommen sein und angenehme Ruhepunkte gewähren, der uns im Geiste begleitet.

7. Der rechte Alpenfahrer ist weder ein Mucker noch ein Staatshämorrhoidarius. ( Bewahre uns, Herr, vor dem Uebel !) Er schaut furchtlos hinab in die Tiefe, frei und froh in des Himmels reines Blau und lustig in 's Leben. Die Philister und ihre Gevattern und Geschwister, des Lebens Sorge und Mühe hat er drunten in der Tiefe gelassen, und dem fröhlichen Sinn ziemt ein fröhliches Wort unter Genossen, die gleiches Streben, gleiches Wagniss und gleiche Freude verbrüdert.

8. Wir können uns wohl sehen lassen mit unsern Leistungen verschiedener Art, und kümmern uns wenig darum, was Andere griesgrämlich dazu bemerken. Was aber von uns der Oeffentlichkeit übergeben wird, darf auch Anderer Kritik nicht scheuen. Es gehe daher Nichts von uns aus, als was dem Verein Ehre bringt, und das thut in weiteren Kreisen namentlich die Tüchtigkeit unserer Vereinsschrift, für welche daher nur das passt, was nach Inhalt und Form wirklich gut ist.

der Redaktion.

Wir erhielten vorstehende Abhandlung aus dem Nachlasse des allzufrüh verstorbenen Gelehrten und betrachten sie als ein liebes und sehr beherzigenswertes Vermächtniss an die Clubgenossen. Indem wir mit dem Inhalte derselben der Hauptsache nach vollkommen einverstanden sind, erlauben wir uns, noch einige ergänzende Bemerkungen beizufügen.

Unser Jahrbuch hat gewissermassen einen doppelten Charakter. Einerseits ist es eine literarische Leistung des Vereins, die aus dem Schoosse desselben auf den grossen Weltmarkt hinausgeht und sich dem strengen kritischen Massstabe unterziehen muss, der in formaler und materieller Hinsicht an jedes „ Buch " gelegt werden darf. Wir denken, dass die bisher erschienenen Bände diese Prüfung auf literarischen Werth nicht übel bestanden haben, da glücklicherweise der S.A.C. nicht wenige Genossen zählt, welche die Feder ebenso gut wie den Alpstock zu handhaben verstehen.

Anderseits ist aber das Jahrbuch auch ein Vereinsorgan, ein Bindemittel und Sprechsaal der Clubmitglieder. Unter diesen gibt es erfreulicherweise sehr Viele, welche zu höchst wesentlichen Leistungen im Dienste desVereins-sowohl als des Jahrbuchszweckes, nämlich die genauere Kenntniss des Alpengebietes zu vermitteln, befähigt sind,

ohne bei ihren Arbeiten Ansprüche auf eine literarische Leistung erheben zu wollen oder zu können. Es wäre nicht gut, wenn diese Mitarbeiter sich durch die Normalien der vorstehenden Abhandlung entmuthigen oder gar auf falsche Fährte bringen liessen. Wir möchten diesen Genossen vielmehr folgenden Rath geben: Schreibe frisch und frei aus der Stimmung heraus, die dich auf deinen Wanderungen beseelte; schreibe so einfach und natürlich als möglich und vermeide falsches Pathos, triviale und gelehrte Phrasen so sorgfältig wie Gletscherspalten; halte dich an die Hauptsache; aber mach7 diese recht, d.h. gib in wenigen, ausdrucksvollen Sätzen das charakteristische Bild der Oertlichkeit, und vor allen Dingen bezeichne in den höhern Regionen topographisch genau an der Hand der besten Karten deinen Weg und die über denselben gewonnenen Erfahrungen und Beobachtungen! Damit hast du das Deine gethan und die Andern können etwas daraus lernen. Eine spezielle Aufzählung aller vergossenen Schweisstropfen und aller ausgestandenen Aengsten ist nicht gerade vonnöthen. Lass diese Würze deiner Erinnerungen ruhig zurück in den Firnen und Felsen deines Tagewerkes. Fiat!

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Schweizer Alpenclub.21,

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