Einige Worte zuvor

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Spieltrieb kleiner und grosser Kinder führte seit jeher zu plastischer Nachbildung aller möglichen Dinge. Hirtenbuben kneten aus Lehm oder Ton in verkleinerter Form ihre Kühe und Schafe, oder sie schnitzen sie aus Holz. Seit uralten Zeiten aber war es auch Geister-, Götter- und Heldenvereh-rung, die zu plastischer Nachahmung von Menschen und Tieren führte. Die Gottheit musste erst materialisiert werden, um sie begreifen und ansprechen zu können. Im östlichen und südlichen Asien stehen, sitzen, hocken Hunderttausende modellierter Buddhas in verstaubten Tempeln. Die kleinsten kaum so gross wie ein Laubfrosch, die grössten aus Felswänden herausgeschnitten in Dimensionen unserer Kirchtürme. Auch im nahen Orient und im europäischen Abendland wurden schon vor Jahrtausenden Götter, Helden und Tiere in Stein gemeisselt. Bei Guisando in Altka-stilien ( Spanien ) bewunderte ich einst ein halbes Dutzend Überlebensgrosse heilige Stiere, die dort, in Granit gehauen, seit zweitausend Jahren gelangweilt in einer Wiese stehen. Von höchster Vollkommenheit sind die marmornen Götter und Göttinnen der alten Griechen. Auch die Christen blieben nicht zurück. Ihre religiöse Inbrunst im Verein mit künstlerischem Schaffensdrang schuf in Stein oder Holz Tausende von Symbolen, Darstellungen des Gekreuzigten, solche der Gottes-mutter und andere. Geistige und visuelle Genies erhoben viele dieser Werke zu höchster künstlerischer Vollkommenheit.

« Den ersten Menschen formtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein. » Solch selbstbewusste Worte legte Conrad Ferdinand Meyer dem göttlichen Michelangelo in den Mund.

Warum aber nur immer Götter, Heilige, Löwen und Pferde, und allenfalls ein Schloss und m I eine alte Hütte? Warum nicht auch Berge. Sie stehen ja so gewaltig und schön vor uns, klagte einst mein Bergsteigerfreund.

Am Berg interessierte bis tief in die Neuzeit hinein, bis zum Erwachen naturnahen Forschens, nur das Gras als Viehfutter, der Wald als Holzlieferant, das Wild für den Jäger. Man sieht ja die Berge meist nur von weitem und nur von einer Seite her, man hat sie nicht in der Hand, und sie sind so gross, dass man ihre Gesamtformen nicht leicht abtasten kann. Seit Anbeginn und oft bis auf unsere Tage erscheinen Geländeteile im Modell nur als gleichsam unbeteiligte Träger aufgesetzter Menschenwerke. Man bastelte Modelle projektierter Festungen, um damit die Zweckmässigkeit ihrer Anlagen zu prüfen oder zu demonstrieren. Aus denselben technischen oder propagandistischen Gründen liess man Modelle von Stauseen und Staudämmen herstellen.

Auch beim Kinderspiel ist es nicht anders. Da häufen die Knirpse den Sand zu steilen Hügeln, weil sie für ihre Eisenbahn einen Tunnel benötigen, und vielleicht für die Brücke ein Tobel. So entstanden und entstehen Bergmodelle nicht immer des Berges wegen. Erst als im 16. und 17. Jahrhundert in der Schweiz und anderswo das Bedürfnis nach topographischer Orientierung zunahm, als früheste regionale Karten auch für alpine Gebiete entstanden, schlug die Geburtsstunde des topographischen Modelles. Gross ist seither ihre Anzahl, gross, sehr viel grosser noch die Menge seither verwitterter, verderbter, verschollener und vergessener Objekte.

Was da im Laufe des ig.Jahrhunderts und hierauf bis heute landauf, landab zusammengebastelt wurde, lässt sich kaum mehr erfassen. Selbst die Anzahl « besserer », dauernder öffentlicher Schaustellung würdiger Bergreliefs ist in der Schweiz erstaunlich gross. Schon verschiedentlich wurde versucht all das Vorhandene in Katalogen ( Reliefbibliographien ), zum Teil mit Kurzkom-mentaren, zu erfassen. So erstmals im Jahre 1896 durch J. H. Graf, hierauf 1937 durch F. Gygax und endlich 1947 durch W. Kreisel. Die Arbeit Figur r: Zusammenschau von Gelände ( j\atur ), Geländean-sicht, Karte und Geländemodell ( Relief ). Der Beobachter steht im Punkte P. H—H liegt in Augenhöhe. Man beachte die gegenseitige Lage der drei Punkte A, B und C im Gelände, in der Ansicht, in der Karte und im Geländemodell.

von Graf wurde herausgegeben durch das Eidgenössische Topographische Bureau in Bern, diejenigen von Gygax und von Kreisel durch das Schweizerische Alpine Museum in Bern.

Graf registriert für schweizerische Gebiete bereits etwa 160, Gygax deren 350 und Kreisel 480 Reliefs. Hierbei wurde erfasst, was in Museen, Hochschulinstituten, Schulhäusern, Amtshäu- sern und anderen öffentlichen Gebäuden zu sehen ist. Die Schätze privater Liebhaber sind kaum zu erheben. Der Hinweis auf die genannten Kataloge erlaubt es mir, mich hier auf die Schilderung von Werken besonderer Bedeutung zu beschränken. In einem Schlusskapitel sind die wichtigsten Objekte der umfangreichsten Reliefsammlungen in der Schweiz zusammengestellt.

Es geht uns hier nicht darum, eine lückenlose Geschichte des alpinen Reliefbaues in der Schweiz zu liefern. Die vorliegende Studie will lediglich auf die wesentlichsten Entwicklungen und Leistungen hinweisen und einige der beachtenswertesten Werke der Vergessenheit entreissen. Damit soll auch ein Beitrag zu einem bisher vernachlässigten Aspekt schweizerischer Topogra-phie-Geschichte beigesteuert werden.

Nun aber lassen wir zuvor noch ein kleines, für manchen Leser vielleicht nicht ganz überflüssiges Begriffs- oder Wortgefecht folgen.

In unseren Ausführungen begegnet der Leser auf Schritt und Tritt den Begriffen « Relief » und « Modell ». Beide sind im Sprachgebrauch vieldeutig. Man spricht ja z.B. auch von mathematischen Modellen. Im vorliegenden Aufsatz bedeuten Relief und Modell ein und dasselbe. Sie bedeuten verkleinerte, dreidimensionale, plastisch-körperliche, aber stets auf den Grundriss bezogene Nachahmungen von Erdoberflächenformen. Wir bezeichnen sie auch als topographische Reliefs oder Geländereliefs, auch als Gebirgs-oder Bergreliefs, im Gegensatz etwa zur plastischen Gestaltung von Porträts auf Münzen. In Deutschland bezeichnet man solche topographischen Reliefs oft auch als Reliefkarten. In der Schweiz aber verstehen wir unter einer Reliefkarte ein planebenes Kartenbild mit anschaulicher Darstellung der Geländeformen durch Licht- und Schattentöne.

Solch unterschiedliche Sprachgewohnheit schafft in der Fachliteratur oft Verwirrung. In der deutschen und österreichischen Literatur begegnen uns ausserdem noch die Ausdrücke « Hoch-bild » und « Geoplastische Darstellung ».

Häufig verwendete Begriffe für besondere Ausstattung oder vorwiegenden Gebrauch sind:

- Schichtstufen- oder Treppenstufen- oder kurz Stufenrelief, auch etwa Kurvenreliefs für topographische Reliefs ohne naturähnliche Abschrägung der Höhenkurven-Treppenstufen.

- Kartenreliefs sind solche mit aufgezeichneten Landkartensignaturen oder aufgepressten Landkarten. Im Gegensatz zu Modellen mit möglichst naturähnlicher Bemalung.

- Schulreliefs schliesslich sind solche, die vor allem dem Unterricht dienen. Meist kleinere Stücke, Kartenreliefs oder auch sog. Typenreliefs, d.h. abstrahierte « Normlandschaften » oder typische Landschaften, wie z.B. Dünen, Vulkane, Gletscher u. ä.

Im Französischen finden wir für topographische Reliefs die Bezeichnungen « Carte en relief », « Plans-Reliefs » und « Basrelief ». Der französische Dictionnaire Nouveau petit Larousse gibt für « Basrelief » die Erläuterung: « Ouvrage de sculpture dont les figures ne forment qu' une légère saillie ». Für Reliefs alpiner Felszinnen in grossen Massstäben stimmt dann freilich ein bloss leichtes Vorspringen der Formen nicht ganz!

Abschliessend sei noch festgehalten, dass sich unsere Ausführungen auf Modelle alpiner Berge und Gebirge der Schweiz beschränken. Modelle von Flachlandschaften, auch solche von Siedlungen, Städten, Burgen oder SAC-Clubhütten usw. fallen weg.

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