Einmal im Leben eine Heldin sein Nacht-Skitourenlauf am Flumserberg

Ein Skitourenrennen ist nicht jedermanns Sache. Jederfrau auch nicht. Wenn es dann auch noch nächtens durchgeführt wird, lassen die allermeisten die Ski im Keller. Unsere unerschrockene Autorin wagte den Selbstversuch.

Mir wird klar, warum Skitourenrennski rund ein Fünftel eines normalen Tourenskis wiegen. Jedes zusätzliche Gramm treibt auch zusätzlichen Schweiss ins Gesicht. Jacke ausziehen, schnell etwas trinken, schnell die Stirnlampe auf dem Kopf gerade richten, schnell weiter. Immer mehr Menschen holen mich ein, gemütlich plaudernd. Etwas irritiert blicke ich zurück. Ist da etwa schon der Besenmann in Sicht? Ich kämpfe mich vorwärts und befehle mir, langsamer zu gehen. « Bald kommt der Verpflegungsposten », sagt ein rüstiger Fünfziger. Man scheint mir die Verzweiflung anzusehen. Ich versuche, nicht so laut zu schnaufen. Die Stirnlampe baumelt inzwischen an meinem Handgelenk. Aufgeben? Ja! Aber wie? Und dann: Tatsächlich, die Prodalp ist in Sicht. Die Hälfte ist geschafft. Etwas verändert sich in mir. Beim Näherkommen fangen ein paar Flumser am Pistenrand an, ihre Treichlen zu schwingen. Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin erhält diesen urchigen Empfang. Na, wenn das nicht motiviert! Die Stimmung ist grossartig, ich fühle mich grossartig.

Mit Genuss trinke ich den heiss gereichten Tee und wundere mich, dass es niemand eilig hat. Es wird gelacht, Musik ertönt aus einem Lautsprecher. Die meisten der über 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Einheimische. Aber auch Teams aus Slowenien und Belgien sind angereist und sammeln Cup-Punkte, wie mir Sandra Rindener vom Organisationskomitee erklärte.

Mit neuem Selbstvertrauen winke ich meinem Mann zu und marschiere los. Der zweite und letzte Teil der Etappe liegt im Dunkeln. Erst jetzt sehe ich den Vollmond, die Sterne. « Mein Gott, welch wunderbare Nacht », rede ich vor mich hin und schreite voran, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes getan. Mein Tempo und mein Atem sind jetzt gleichmässig. In der Dunkelheit kommen mir Lichter entgegen. Die Schnellsten sind schon wieder auf dem Rückweg. Manche feuern die Aufsteigenden an. Ich laufe allein, nicht mehr im Feld, laufe mitten in der Nacht auf einer Skipiste mit Stirnlampe einer Berghütte entgegen. Zwischendurch passiere ich einen Streckenposten, der ebenso allein seine Pflicht erfüllt. « Wie gehts? »'s ist nicht mehr weit, hopp, hopp !» Wieder eine Steigung, da oben, das muss der Mathis-boden sein. Nach etwa hundert Höhenmetern werfe ich einen Blick zurück und stelle erstaunt fest, dass ich nicht das Schlusslicht bin. Die letzten Meter habens in sich. Dann endlich: Stimmen sind vom Prodkamm zu hören. Ein bissiger Wind bläst. Meine Müdigkeit verfliegt buchstäblich, es ist bitterkalt. Ich will nur noch raus aus dem Wind. Die Helfer vom OK halten Abschrankungen fest. Und dann ist es soweit: Wie eine Heldin schreite ich durchs Ziel und lasse mir mit einem Lächeln das Zeitband vom linken Bein abnehmen. Ich habs geschafft.

Wieder gibt es heissen Tee, dazu ein Paar Wienerli. Das Bergrestaurant Prodkamm ist voll. Gegen 50 Personen befinden sich in der warmen Stube bei einem Bier oder Kafi Schnaps. Ich geniesse meinen Rum nebenan an der kleinen Holzbar, fühle mich kein bisschen müde. « Einige übergeben sich am Ziel vor lauter Anstrengung », erzählt mir dabei eine Helferin. Ich habe heute eine Ahnung davon bekommen, was die Sportler meinen, wenn sie von « durebissa und seckla » sprechen. Leise Bewunderung für die Mitglieder des SAC-Swiss-Teams steigt in mir auf. Für sie ist die NightAttack «ein Trainingslauf», wie mir ein Mitglied des Teams vor dem Start sagte. Als ich, nach einer kalten und ungemütlichen Abfahrt, zurück an der Talstation ankomme, sind die Ersten seit mehr als einer Stunde im Tal, frisch geduscht und wartend auf die Rangver-kündigung. Gerstensuppe wird offeriert, und beim Löffeln macht sich bei mir langsam Müdigkeit bemerkbar.

33 Minuten benötigte der Sieger, natürlich ein Mitglied des SAC-Swiss-Teams, die ersten vier kamen praktisch gleichzeitig ins Ziel. In der Kategorie Volkslauf gewinnt derjenige, der am nächsten an der Durchschnittszeit ( dieses Mal: 1 Stunde 24 Minuten ) aller Gestarteter liegt. Am nächsten Tag erfahre ich, dass ich diesen «Sieg» nur um wenige Minuten verpasst habe. Jetzt stelle ich mir nicht mehr vor, wie es ist, an einem Skitourenrennen mitzumachen, sondern wie es wäre, zu gewinnen.

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