Einsame Wandertage im Unterengadin

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Georges Perrin, Vevey

Mitte Juli 1963. Mit einem alten Plan im Kopf verlasse ich auf dem Bahnhof von Landeck, an der Ostflanke des Arlbergs in Österreich, Frau und Kinder, um mich mutterseelenallein in ein originelles viertägiges Abenteuer einzulassen, das, wenn das gute Wetter hält, was es verspricht, besonders reizvoll sein dürfte.

Und das Schönwetter begleitete mich in der Tat getreulich; das Programm wurde eingehalten, die Wanderung vom Anfang bis zum Ende durchgeführt - und doch gab es da etwas Unvorhergesehenes, das das ganze Unternehmen hätte in Frage stellen können...

Doch bevor ich von meinem Ausflug in die Einsamkeit berichte, möchte ich ein Wort über die Familie sagen: Diese setzt nämlich ihre Reise über Zürich in die Westschweiz fort, zwar ihres Familienoberhauptes beraubt, doch beglückt von einer sechstägigen Wanderung im schönen Tirol, im österreichischen und italienischen Teil. Meran, die erste Station in der « Fremde », die wir mit dem Europabus von Zernez aus über die drei Pässe Ofen, Umbrail und Stilfs erreicht hatten, gefiel uns ausgezeichnet. Ein kurzer Aufenthalt im inneren Schnalstal ermöglichte uns einen Abstecher zur Bellavistahütte, zum Hochjoch und zur Nockspitze, einem Gipfel über einem Stausee, dessen Damm aus einer Erdaufschüttung besteht. Übers Niederjoch stiessen wir nach Österreich vor und kamen dann an einigen Hütten vorbei: Similaun, Martin-Busch, Hochjoch-Hospiz und Vernagt.

Nebenbei sei noch erwähnt, dass wir auf dem Stilfserjoch einen ausgiebigen Car-Halt dazu benützten, zu Fuss in nördlicher Richtung bis zu Punkt 2843 aufzusteigen, wo sich der Grenzstein befindet, der bis 1918 den Knotenpunkt der Grenzen zwischen Österreich, Italien und der Schweiz markierte. Wir picknickten in unmittelbarer Nähe, an einem windgeschützten Plätzchen, bei den Überresten ehemaliger österreichischer Befestigungen.

Nachdem wir im Postauto durchs Ötztal hinuntergefahren waren, nahm uns Innsbruck bei schönstem Wetter für zwei Tage auf, was den Besuch in dieser interessanten und sympathischen Stadt um so angenehmer gestaltete. Ein Umstand, der später noch ins Gewicht fallen sollte, muss dabei erwähnt werden: Ich kaufte hier un- ter anderem ein Paar hübsche blaue Wollsocken und zog sie sogleich an.

Soviel zum Vergangenen. Was die Gegenwart betrifft, so befindet sich der Einzelgänger, der ich unterdessen geworden bin - und das tue ich von Zeit zu Zeit mit Vergnügen -, gemütlich im Postauto eingenistet, welches das obere Inntal hinauffährt, dieses schöne lange Tal, das nichts anderes ist als die Verlängerung des Unterengadins ennet der Schweizer Grenze. Nach dem fahrplanmässigen Umweg über Nauders, dem letzten Dorf vor der italienischen Grenze des Reschenpasses, lassen uns die vielen Kehren der Norbertstrasse schnell an Höhe verlieren und Martina erreichen, das erste Engadiner Dorf und den Endpunkt meiner motorisierten Reise.

Es ist jetzt 2 Uhr nachmittags, Zeit, etwas Proviant einzukaufen, und dann mache ich mich forschen Schrittes auf den Weg Richtung Schuls, den ich aber nach zwei Kilometern wieder verlasse, um über die Innbrücke die Lichtung von Sclamischot zu erreichen - und exakt an dieser Stelle überkommt mich das Gefühl, dass nun mein Abenteuer beginne. Das beflügelt meine Schritte. Ich weiss - und ich bin glücklich darüber -, dass ich während der nächsten vier Tage zumeist allein sein werde.

Ein schmaler Waldweg, gut angelegt, aber steil, führt mich in zweistündigem Anstieg - mit einigen Pausen dazwischen - in eine bezaubernde Umgebung: Ich stehe bei Punkt 1681, an der Waldgrenze, und vor mir liegt ein eindrückliches Bild: im Vordergrund ein ausgedehntes Geröllfeld, die Grava Lada, auch sehr steil und noch mit einzelnen Baumbeständen gespickt, die das Weiss der Steine etwas abschwächen, dann, alles beherrschend, das imposante Massiv des Piz Lad.

Mittlerweile ist es später Nachmittag geworden, und ich darf keine Zeit verlieren, wenn ich vor Einbruch der Nacht mein heutiges Ziel erreichen will. Darum gehe ich unverzüglich das Geröllfeld an, wobei sich mir sogar da und dort einige Kletterfelsen in den Weg stellen, ich klam- mere mich an Stauden fest, verwünsche ab und zu das steile Gelände und die Unstabilität der Steine, um nach eineinhalbstündigem « Einsatz » und gemäss den Angaben meines Höhenmessers bei Punkt 2180 anzukommen, mitten im Abhang.

Mit Hilfe von Kompass und Feldstecher finde ich nach einigem Umherschweifen und erst kurz vor Sonnenuntergang den Dreiländerpunkt, einen Felsblock mit einer Marmortafel, den heutigen Grenzpunkt zwischen Österreich, Italien und der Schweiz - das Pendant zum ehemaligen von Stilfs. Diese Stelle war gar nicht so leicht auszumachen, zieht doch keinerlei weitere Markierung die Aufmerksamkeit auf sich.

Bei diesem Prachtswetter bietet sich von meinem Aussichtspunkt aus eine aussergewöhnliche Szenerie dar: Das ganze Unterengadin liegt mir zu Füssen, Tschin, ein behäbiges Dorf an der Talflanke auf der andern Seite, beherrscht von den Gipfeln der Berge um Samnaun.

Nach der obligaten Photo wähle ich Italien als nächstes Etappenziel meiner Pilgerfahrt. Un-deutlichen Spuren folgend, breche ich am Schräghang in östlicher Richtung auf und gelange auf eine Terrasse, wo eine verdutzte junge Gemse meinen Weg kreuzt; später geht 's ein bisschen aufs Geratewohl bergab.

Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich, denn ich befinde mich in der italienischen Militärzone und habe auch Gelegenheit, das wiederholt festzustellen. Aber ich bin einsamer als in einer Wüste und strecke mich nach Einbruch der Nacht sorglos unter einer Lärche aus, auf etwa i 800 Meter Höhe. Zwar habe ich keinen Schlafsack zur Verfügung, und so wird es denn auch ein eher unbequemes Nachtlager.

Kurz nach 6 Uhr morgens marschiere ich, immer noch mit meinen blauen Socken an den Füssen, in Reschen, einem am Ufer eines Sees hübsch gelegenen Dörflein, ein — ein angenehmer Abstieg durchs Grüne in aller Herrgottsfrühe liegt bereits hinter mir. Ich habe im Sinn, bis zum neun Kilometer weiter südlich gelegenen Mals das Postauto zu benützen. Da dieses nicht zur Zeit eintrifft, erkundige ich mich bei einem zufällig vorbeikommenden Polizisten.

« Sie streiken », lautet die Antwort. « Die Chauffeure machen blau für zwei Tage. » Aber ich lasse mir mein Programm deswegen nicht durchkreuzen; also versuche ich 's mit Autostopp - zum erstenmal in meinem Leben! Und wirklich: bald daraufsetzt mich ein freundlicher deutscher Automobilist in Mals ab, dem Endpunkt der Bahnlinie von Bozen.

Lieber Leser, wenn Du einmal in diese Gegend kommen solltest, so mach es wie ich und besuche Glurns, ein befestigtes Städtchen, denn der Weg dorthin lohnt sich wirklich. Seine Umfassungsmauern mit den Türmen der Stadttore, seine engen Gässchen mit den altertümlichen Häusern lassen Dich den Umweg nicht bedauern: Es ist ein Abstecher in eine reizvolle Vergangenheit.

Doch nun ist 's an der Zeit, den Wanderstab wieder zur Hand zu nehmen. Nach Nordosten marschierend, geht 's durch die Ortschaften Laatsch und Schleis ins Schlinigertal. Der Pfad ist gut, aber schroff und der Sonne zugewandt. Ziemlich durstig und etwas erstaunt, dass mich die Fusssohlen so eigentümlich schmerzen, erreiche ich Schlinig, ein kleines Dorf auf 1726 Meter Höhe, das sich sogar einer Kaserne rühmen kann.

Noch mehr erstaunt mich allerdings, dass ich eine halbe Stunde später von einer Wache aufgehalten werde, die mir den Weg versperrt. Da wird doch tatsächlich im Innern des Tales von jungen Soldaten geschossen. Meine Erklärung auf französisch und deutsch über meinen Weg, der noch vor mir liege, erzielen nicht die geringste Wirkung bei dem gestrengen Wächter, der nur italienisch kann - und ich kein Wort.

In einer « Gefechtspause » sause ich darum wie der Blitz Richtung Schlinigpass davon, wobei ich bei dem Haus vorbeikomme, das vor dem Ersten Weltkrieg die Pforzheimerhütte des Deutschen Alpenvereins gewesen ist. Diese baufällige Unterkunft ist wunderschön an einem Seelein gelegen; sie dürfte heute den Zöllnern als Obdach dienen.

Eine langgezogene Hochfläche - dann überschreite ich die Schweizer Grenze auf 2296 Meter Höhe, ins Val d' Uiana einziehend, das noch Überraschungen für mich bereithalten wird. Hier finde ich auch die grosse Stille wieder, die es mir so sehr angetan hat doch da stellen sich andere Schwierigkeiten ein, eigentliche Fussbe-schwerden, ohne dass ich die geringste Ahnung hätte, woher diese kommen könnten.

Kaum habe ich den Abstieg angetreten, als ich mich auf einem Weg befinde, dessen Anlage seinerzeit eine Titanenarbeit erfordert haben muss: Ich stehe am Eingang zur Quarschlucht.

Man stelle sich vor: auf fast 2000 Meter eine fast senkrechte Felswand auf einer Talseite, bis zum Fluss hinabfallend. Und in diese Felswand ist der Pfad in einer Länge von nahezu einem halben Kilometer eingehauen. Auf der Aussenseite gibt es da und dort verrostete Schranken, und weiter unten läuft das Ganze in einen Tunnel mit einer respektablen Öffnung und von etwa hundert Meter Länge aus.

Dann auf einmal - Schluss! Keine Felsen mehr; vielmehr öffnet sich vor meinen Augen ein herrliches Tal, wo der Weg sich durch Wälder und Weiden schlängelt. Was für ein Frieden, und was für ein Idyll! Uina Dadaint, Uina Dadora, eine kleine Schlucht, dann komme ich nach einem langen, aber schönen Abstieg in Sur En an, am Inn.

Als ich mir eben über den in die Felsen gehauenen Weg in der Quarschlucht Gedanken mache, begegne ich einem Grenzwächter, der mir freundlich Auskunft gibt. Diese Anlagen am Ende des Val d' Uina seien einige Jahre vor 1914 durch den Deutschen Alpenverein subventioniert worden, um die grossen Alpenübergänge zu erleichtern, die er selbst förderte. Einer dieser Wege von Österreich aus ging durchs Paznaun- und Fimbertal, führte an der Heidelbergerhütte vorbei, über den Fimberpass, hinunter durchs Val Sinestra, wieder hinauf durchs Val d' Uina, an der Pforzheimerhütte vorbei, um schliesslich den Vintschgau und die Gegend von Meran zu erreichen.

Nun bleibt noch das härteste Stück des Weges zu bewältigen für heute - der Wiederaufstieg nach Ramosch, das auf der andern Talseite, etwa hundert Meter weiter oben gelegen ist -, denn meine Füsse brennen nun wie die Hölle. Glücklicherweise kriege ich in der Pension Bellavista, der einzigen Gaststätte am Ort, ein Bett und Verpflegung.

Nachdem ich mich dann in mein Zimmer zurückgezogen habe, stelle ich fest, dass meine Fusssohlen von vorn bis hinten mit Blasen übersät sind! Es bleibt mir nichts anderes übrig, als sie mehr schlecht als recht zu behandeln, da ich keine Taschenapotheke mitgenommen habe. Was aber hat es mit diesen blauen Socken an sich, dass diese eine so heftige Reizung der Haut hervorrufen, und zwar bei mir, der ich überhaupt noch nie unter Blasen gelitten habe?

Später hat sich dann herausgestellt, dass es an einem Fabrikationsfehler lag, indem der Nylonfa-den, der zur Verstärkung dient und im Innern des Wollfadens verlaufen sollte, diesen spiralförmig aussen herum umschloss und auf diese Weise eine Reibung der Haut hervorrief.

Kurz nach g Uhr verlasse ich am nächsten Morgen den Postjeep in Vna, 400 Meter oberhalb Ramosch, beim Eingang ins Val Sinestra. Ich habe das Gefühl, auf Nadeln zu gehen, und jede Begegnung wird für mich zur Tortur, denn sie stellt mir jeweils zwei Bedingungen: Ich muss erstens normal zu marschieren versuchen, und zweitens darf ich keine Grimassen schneiden während dieser Zeit. Doch das Wetter ist schön, und die Natur prangt im Festkleid; so gestalten sich zwar die nachfolgenden zwei Tage mühselig, doch würde ich um nichts in der Welt meine Wanderung abbrechen.

Der prächtige Pfad steigt sachte der Talflanke entlang. Ein Stück weiter unten entdecke ich im Wald einen weissen Fleck, das Kurhaus Val Sinestra, dessen Bäder bekannt sind. Weiter geht 's durch Griosch, den letzten Weiler am Eingang 1 1 1 zum Val Chöglias. Auf der gleichnamigen Alp, auf etwa 2000 Meter, macht der Weg eine rechtwinklige Biegung, wird schmäler und schmäler und beginnt gleichzeitig steiler nach Südwesten anzusteigen. Aber er ist immer noch sehr gut markiert, fast zu gut, scheint mir, für die gegenwärtige Begeherzahl, die mir recht dürftig vorkommt.

Der Talabschluss, vom Piz Mottana überragt, ist von wilder Schönheit. Seit Stunden habe ich nun niemanden mehr angetroffen, und so wird es bis zum Ende der Etappe weitergehen. Vom Fimberpass aus - er ist 2264 Meter hoch — entdecke ich eine veränderte Fernsicht. Im Westen steht mir nun das eindrucksvolle Massiv des Fluchthorns gegenüber.

Ein angenehmer Abstieg von etwa einer Stunde Dauer führt mich zur Heidelbergerhütte des Deutschen Alpenvereins. Sie liegt auf 2264 Meter und ist die einzige Hütte eines ausländischen Alpenvereins auf Schweizer Boden. Im Jahre 1889 erbaut, wird sie von einem österreichischen Hüttenwart, unterstützt von einem ansehnlichen Hilfspersonal, geführt. Von Ischgl ( im Paznauntal ) aus ist sie mit dem Jeep erreichbar irgendwie anders als unsere vom SAC. Man glaubt sich eher in eine der zahlreichen Hütten des Deutschen Alpenvereins, die dieser in Österreich besitzt, versetzt und gar nicht im Bündnerland. Das kommt daher, dass der obere Teil dieses Tales zwar auf Schweizer Boden liegt, geographisch aber das ganze Fimbertal — auf französisch Val Fenga - von Österreich abhängig ist. Es handelt sich hier auch um ein prächtiges Skigebiet, und besonders im Frühling wird die Heidelbergerhütte üblicherweise von einem beachtlichen Touristenstrom aus Österreich und Deutschland überschwemmt.

Ich werde in dieser Hütte freundlich empfangen und finde auch Platz zur Genüge; doch am nächsten Morgen geht es schon in aller Frühe weiter - bergabhinkend. Beim Grenzpfahl setze ich mich hin, um in freier Natur das Morgenessen und den Alpfrieden zu geniessen.

Die alte Pforzheimerhütte ( 2260 m ), am Weg der ehemaligen « grossen » Unterengadiner Bergfahrten 2Punta della Vedretta, vom Schlinig-Grenzpass aus, im hintersten Val d' Ulna 3Der Piz Lad beim Dreiländerpunkt Photos: Georges Perrin, Vevey Dann wird weitermarschiert- der Aufbruch ist jeweils der schlimmste Moment - in diesem geradlinigen, leicht abfallenden Tal. Ich möchte gerne um 9.15 Uhr in Ischgl den Postkurs nach Landeck erreichen und muss mich deshalb beeilen, denn von der Hütte sind es zwölf Kilometer bis dorthin.

Doch eine weitere Überraschung ist für mich bereit. Im zweiten Drittel des Weges überholt mich ein VW - es ist das erste Auto, das mir auf dieser Strecke begegnet - und hält an. Sein liebenswürdiger Besitzer lädt mich zum Mitfahren ein und will mich in Ischgl noch nicht aussteigen lassen; ja er kutschiert mich, vielleicht in etwas allzu flottem Tempo, durchs Paznauntal hinunter zum Bahnhof von Landeck, wo ich vor vier Tagen aufgebrochen bin. Kurz vorher machen wir aber doch einen kurzen Halt, um an der Arl-bergstrecke den berühmten Trisanna-Viadukt zu bewundern.

Damit endigt diese abwechslungsreiche Wanderung, in deren Verlauf ich fünfmal die Landesgrenze überschritten und bei der ich, begünstigt von schönem Wetter, ausgesprochen spärlich besuchte und wenig bekannte Winkel der Alpen begangen habe.

Mitte Juli 1968. Während eines Aufenthaltes mit meiner Familie in Schuls wiederholte ich den Ausflug zum Dreiländerpunkt, diesmal in Begleitung meiner Tochter Jacqueline, um ihr eine besondere und einsame Ecke zu zeigen und sie an den väterlichen Einfallen teilhaben zu lassen. Für den Hin- und Rückweg wählten wir diesmal eine andere Route als 1963; sie war zudem weniger mühsam und sehr reizvoll.

Dafür war das Wetter gar nicht mehr mit dem vom ersten Mal zu vergleichen. Der Himmel war verhängt, Nebelbänke zogen da und dort umher, kurzum, es war ein grauer Tag, und obendrein wateten wir von 2000 Meter an noch im Schnee, der zwei Tage zuvor gefallen war.

Nachdem wir bequem im Postauto, das die Verbindung von Schuls mit Landeck aufrechter- hält, transportiert worden sind, verlassen wir Nauders, die hübsche österreichische Ortschaft, zu Fuss gegen g Uhr. Schon nach einigen Metern auf dem Weg zum Reschenpass tauchen wir in den Wald ein, und zwar auf einem Pfad, der eher für Strassen- als für Bergschuhe geeignet ist. Als wir in unmittelbarer Nähe von Tiefhof vorbeikommen, entdecken wir weiter oben in einer Waldlichtung den lieblichen Grünsee, der sowohl einen Halt als auch eine Photo wert ist.

Von da aus sind es nur noch einige Minuten zu den Weiden von Mutz, deren vorerst sanfte und weiter oben steilere Hänge wir im feuchten Gras hinansteigen, um plötzlich... in Italien und im Schnee zu landen. Hier führt uns der Zufall auf einen breiten Weg, der den weiteren Anstieg ein Stück weit erleichtert. Aber aufgepasst! Diesmal ist dieser einsame Winkel bewohnt, denn schon von weitem sehe ich eine Uniform. Weil wir Unannehmlichkeiten befürchten, verdrücken wir uns « querfeldein » und gelangen um 12.30 Uhr zum Dreiländerstein, inmitten des Abhanges, an der Nordseite des Piz Lad.

Das kühle Wetter verkürzt das Picknick. Wir machen uns in nördlicher Richtung an den Abstieg, indem wir durch die Grava Lada, das riesige Geröllfeld, im Lauf fast hinunterpurzeln. Von 1900 Meter an geht der Weg durch den Wald, genau dem schweizerisch-österreichischen Grenzverlauf folgend, von einem Grenzstein zum andern. Der Abstieg wird noch durch den Umstand erleichtert, dass ein etwa zwanzig bis dreissig Meter breites und ungefähr zwei Kilometer langes Band gerodet worden ist.

Und wenn der Bündner Führer ( IX ), Unterengadin, auf Seite 326 diesen Umstand erwähnt, so gibt er doch keinen Grund dafür an. Was aber den Zeitpunkt des Holzschlages betrifft, so dürfte dieser eine ganze Weile zurückliegen, beginnen doch in der Schneise junge Bäumchen zu treiben.

Beim Grenzstein 47, der genau über einer Felswand steht, etwa auf i 1550 Meter, brechen wir unser kleines Spiel ab. Ein schöner Fussweg, dem Hang entlang und grossenteils im Wald verlau- 1Face ouest de l' Aiguille Noire de Peuterey ou se déroule la voie Ratti. Vue prise du Col de l' Innominata 2Arête sud des Dames Anglaises, vue du refuge Mondino Photos: Claude Remy, Rcnens fend, lässt uns ohne Mühe am Nachmittag Nauders erreichen.

Vom Regen bleiben wir nun verschont, und wenn auch unsere Schuhe ganz durchnässt sind, so kommen diesmal wenigstens die Füsse ungeschoren davon.Übersetzung R. Vögeli )

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