Einsatz an der Patrouille des Glaciers Eine Woche für sechs Streckenkilometer

Alle zwei Jahre, wenn in Zermatt die Hauptsaison bereits abklingt, mischt sich unter die internationale Touristenklientel ein Gästesegment der besonderen Art: Soldaten und Skitourenrennläufer. Die Helfer und Teilnehmer der Patrouille des Glaciers. Von den 1500 Helfern sind 1000 Armeeangehörige, darunter rund 100 Gebirgsspezialisten. 15 von ihnen sind Kurt Lauber unterstellt. Er ist Chef des Streckenpostens Schönbielhütte.

Schon eine Woche vor dem Start bezieht Lauber mit seinen Soldaten Quartier in der Hütte. So lange brauchen sie, bis der etwa sechs Kilometer lange Streckenabschnitt von Stafel bis zum Stockji präpariert und gesichert ist. Jetzt am Abend vor dem Rennen 2010 sitzt Lauber, der Zermatter Bergführer und Skilehrer, im Stübli der Schönbielhütte und blättert in seinen Unterlagen. Die Stimmung ist ausgelassen. Dank den hervorragenden Wetterbedingungen war die Arbeit im Gelände ein Vergnügen. Ohnehin sind die Einsätze an der PdG begehrt. «Ein WK an der PdG ist etwas Besonderes», sagt Felix Oechslin, einer der 15 am Streckenposten 1 staionierten Gebirgsspezialisten. Die Soldaten reissen Witze – zum Beispiel über den Welschen mit Dreadlocks, der am Tisch sitzt. Auch er tut bei der Gebirgseinheit Dienst und ist ein leidenschaftlicher Freerider. Weil er bei Arolla ohne Erlaubnis ein Couloir herunterfuhr, wurde er «strafversetzt», zu den Deutschschweizern. «Wir nennen ihn ‹notre prisonnier›», feixt Oechslin und klopft dem Heisssporn auf die Schulter.

Die Schönbielhütte liegt auf einem Bergvorsprung gegenüber dem Matterhorn auf 2694 Metern. Auf dem Gletscher unterhalb der Hütte befindet sich der Posten Schönbiel mit Sanitäts- und Verpflegungszelt. Wer es von Zermatt bis hierher nicht unter drei Stunden schafft, wird disqualifiziert. Wanderer benötigen dafür rund vier Stunden.

Kurt Lauber ruft seine Mannschaft zum letzten Rapport zusammen. Der Generator sei per Helikopter eingetroffen, «morgen wird das Verpflegungszelt aufgestellt. Hat es auch sicher genügend Fahnen für die Streckenmarkierung?», fragt er. Die Flash-Markierungen, wie die Fahnen mit Leuchtelementen für die Nacht genannt werden, dürfen erst ab dem Nachmittag gesteckt werden. «Wer mag, kann morgen früh einen kleinen Ausflug zum Stockji machen», sagt Lauber ganz unmilitärisch. Es sind etwa zwei Stunden bis dorthin. Beim Stockji ist ein weiterer kleiner Streckenposten, er liegt oberhalb der Schönbielhütte, auf einer Ebene in 3140 Metern Höhe. Es ist der letzte Posten vor der gefürchteten Tête Blanche (3650 Meter), dem höchsten Punkt des Rennens.

 

Markieren und Schaufeln

Der nächste Morgen verspricht mit einem prächtigen Sonnenaufgang tadellose Bedingungen. Ausgerüstet mit Schaufel, Pickel und ein paar Fahnen machen sich Felix Oechslin und Mario Schläppi auf den Weg in Richtung Stockji. Während Felix, der Ingenieur, entlang der breit präparierten Spur die letzten Wegmarkierungen anbringt, bessert Mario – er ist Käser – die Kehren mit der Schaufel aus. Am späten Vormittag erreichen sie ihre Kollegen auf dem Stockji. Seit zwei Tagen übernachtet die Handvoll Soldaten hier in einem geheizten Biwak. Auf dem Gasherd schmilzt Schnee in einem riesigen Kochtopf. Neben dem Biwak auf einer Palette stehen drei weitere grosse Kanister, auch sie sind mit Schnee gefüllt. Die Läuferinnen und Läufer erhalten hier einen letzten warmen Schluck vor dem Aufstieg zur Tête Blanche. Doch zuerst gibt es Kaffee für die beiden Neuankömmlinge. Bis das Wasser heiss ist, helfen Mario und Felix, einen Landeplatz für den Helikopter zu schaufeln. «Im Notfall muss er hier landen können», sagt Felix. Auch ein Tessiner, Paolo Meier, gräbt eine Mulde in den Hang. Hier im Windschatten kann der Arzt, wenn nötig, Erste Hilfe leisten. Schlimmes hat er noch nie erlebt, leichte Erfrierungen und Erschöpfungen kommen aber schon mal vor. Er entscheidet, wer den Anstieg auf den höchsten Punkt in Angriff nehmen kann und wer nicht. «Aber wer es bis hier geschafft hat, kommt in der Regel auch weiter.»

Am frühen Nachmittag sind Oechslin und Schläppi zurück in der Hütte. Die meisten legen sich nach dem Mittagessen für ein, zwei Stunden hin. Den Besuch von PdG-Kommandant Ivo Burgener verpassen sie. Burgener ist mit dem Helikopter unterwegs. Er will wissen, wie weit die Vorbereitungen sind. Aber nicht nur dies: «Ich lasse es mir nicht nehmen, den Helfern meinen persönlichen Dank auszusprechen.»

 

16 Stunden Ernstfall

Postenchef Kurt Lauber ist zufrieden. Während Mario und Felix auf dem Stockji waren, konnte er mit den anderen den Posten Schönbiel fertig einrichten. Nur die Netze für die Einlaufbahnen müssen noch gespannt werden. Es ist ein ausgeklügeltes System, das einen Stau der Patrouillen verhindern soll. Es wird Abend. Bis zum Start der ersten Gruppe dauert es noch drei Stunden. Nach einem ausgiebigen Znacht fährt die Mannschaft mit Stirnlampe hinab zum Posten. Für die Soldaten beginnt jetzt der Ernstfall PdG: In den nächsten 16 Stunden werden sie kein Auge mehr zu machen. Von ihrem Verpflegungszelt weg schlängeln sich die Leuchtfahnen hinauf zur Tête Blanche. Die sternen­klare Nacht ist bitterkalt, im Hintergrund röhrt der Strom­erzeuger.

Erst zehn, dann Hunderte

Dann ist es soweit: «Die ersten Läufer sind beim Stafel», erfährt Kurt Lauber via Funkgerät. Letzte Kontrolle. Sind die Zeitmesser auf dem Posten? Während er am Sanitätszelt vorbeigeht, befiehlt er: «Lasst keine Zuschauer ins Zelt.» Ausgerechnet jetzt steigt das Funkgerät aus. Dann sind sie da. Die ersten zehn Läufer – Hunderte werden ihnen folgen. Ohne die Einlaufbahnen wäre das Chaos perfekt. Die Soldaten haben alle Hände voll zu tun: Seile entwirren und neu verknoten, Ausrüstung kontrollieren. Erst wenn die Patrouillen angeseilt sind, kommt das Okay zum Weiterlaufen. Auch das Sanitätszelt ist inzwischen gefüllt. Die Kälte setzt den leicht bekleideten Sportlern zu. Nach Mitternacht begleitet Felix eine Gruppe Teilnehmer hinab zum Stafel, sie haben aufgegeben. Von dort bringt sie ein Militärfahrzeug nach Zermatt. Felix nimmt den Weg zurück unter die Ski, er braucht eine knappe Stunde. Wieder beim Posten angekommen, holt er sich einen Kaffee im Verpflegungszelt. Draussen ziehen die letzten Läufer vorbei. Kurt wartet an den Netzen. Der grösste Rummel ist vorbei. Er blickt hinauf in den Sternenhimmel und dann zu den Läufern, die schwer atmend aber lächelnd an ihm vorbeigleiten und rasch im Dunkeln verschwinden. In ein paar Stunden geht es ans Aufräumen.

Die PdG, eine Leistung der Schweizer Armee

Mehr als 2000 Dreierpatrouillen melden sich jeweils für die Patrouille. Teams aus 29 Ländern sind dabei. Verfügbare Startplätze gibt es aber nur 1400. Das Rennen ist ein Anlass der Superlative: 200 Tonnen Material – Stromaggregate, Treibstoff, Beleuchtungsmittel – sind nötig, um das Rennen durchführen zu können. Für Transporte fliegen Helikopterpiloten während den vier Wochen Auf- und Abbau rund 300 Stunden. Verglichen mit einem normalen WK fallen Mehrkosten von rund 500 000 Franken an.

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