Enfant de Bohême

Das Durchsteigen immer schwierigerer Routen bleibt eine der bevorzugten Tätigkeiten der Kletterer. Frédéric Nicole macht keine Ausnahme. Dieses Jahr hat er sich auf die Eröffnung extremer Boul-derrouten konzentriert, in allen Ecken der Schweiz, in den Vereinigten Staaten und in Südafrika. Er ist einer der besten, wenn nicht der beste Boulderkletterer der Welt, jedenfalls der einzige, der eine Boulderroute im Niveau 8b+ ( die Boulder-Bewertung ist strenger als die in Wänden übliche ) gemeistert hat.

Am Chuenisberg, im Basler Jura, hat er sich im Sommer 1996 in ein altes Projekt von Wenzel Vodicka verliebt, eine dem Anfang der Route Ravage folgende und dann sich nach rechts entwickelnde 12-m-Diagonale.1 Wenzel Vodicka und Eric Talmadge haben 1987 hartnäckig daran gearbeitet, dann aber, nachdem alle Züge einzeln gelungen waren, verzichtet. Weltmeister François Legrand hat die Route für realisierbar erklärt, ohne sie jedoch durchzuziehen. Der Verfasser des vorliegenden Beitrages hat selber einige Versuche unternommen, die Schlüsselstelle des Untergriffs hat ihn das Vorhaben aber ebenfalls aufgeben lassen. Wenn man dann Frédéric Nicole diese Passage mit einer solchen Leichtigkeit ausführen sieht, müssen Uni Zürich Uni Lausanne Uni Zürich Uni Lausanne Uni Zürich Uni Zürich 1 Bei dieser Kletterlinie, die von ihrem Erstbegeher, Frédéric Nicole, Enfant de Bohême genannt wurde, handelt es sich nicht um einen Boulder, sondern um eine eigentliche Route mit boulderartigem Charakter. ( Die Red. ) Chuenisberg: Am Einstieg die andern sich sagen, dass sie gut beraten waren zu verzichten!

Rasche Einstimmung und unerwartete Zwischenfälle Beim ersten Kontakt entdeckt Frédéric den Chuenisberg neu, seine grossen Bäume, seine Quellen, diese so eigene Stimmung, die verunsichert und die Felsen niedriger erscheinen lässt. Auf Anhieb bewältigt er alle Züge. Am zweiten Arbeitstag kann er bereits die Abfolge der Züge ins Auge fassen, aber ein Zögern in der Schlüsselstelle, eine Verkrampfung beim Einhängen nach dem Verklemmen und - nein, heute wird es nicht gelingen! Die Tagesbilanz ist trotzdem sehr positiv: dreimal die ganze Route mit einem einzigen Ruhepunkt. Der dritte Vorstoss, einige Tage später, ist enttäuschender: Die Haut des rechten Zeigefingers ist durch das Verklemmen wundgescheuert, und das vierte Einhängen wird erst ungewiss, dann unmöglich.

Einen Monat später, am 6. September 1996, spürt Frédéric Nicole, dass der grosse Tag angebrochen ist. Wegfahrt per Auto in Dietikon, seine Freundin Mary am Steuer, aber - ein rotes Lämpchen leuchtet auf dem Armaturenbrett. Diagnose: Es fehlt am Öl. Die wertvolle Flüssigkeit muss nun zuerst gefunden und am geeigneten Ort eingegeben werden - und weiter geht 's. Aber es raucht immer stärker, und immer häufiger werden die Halte.. " " .Viele Stunden gehen durch diese Ärgernisse verloren, schon naht die Nacht, als endlich der Fels und der grosse Wald da sind, die Ruhe des Chuenisberg. Rasch noch ein kleiner Versuch: Den Anfangsriss erklettern, dann den zweiten Haken einhängen und wieder abklettern.

Erfolgreicher Durchstieg Am nächsten Tag gilt es ernst. Nach Bewältigung der Einstiegszüge der Traversée de Ravage bringt Frédéric sich in die Ausgangsposition für den Schlüsselzug. Aus der Verklemmung nimmt er den Untergriff und verschiebt seinen Körper nach rechts. Die Füsse sind beinahe auf der Höhe der Hände, aber Fred nimmt sich nicht einmal die Zeit, um sein linkes Knie unter dem Loch zu verklemmen ( die einzige Lösung, für andere Kletterer ), er schiebt sich einfach auf seinen Fuss, und die linke Hand streckt sich, ohne Hast, um den Zweifingergriff zu erreichen. Die Wirkung der Reibungsverminderung auf dem linken Fuss ist augenblicklich, er hält nicht mehr, und Frédéric muss mit allen seinen Kräften blockieren, um dem gefürchteten Pendeleffekt ent- Frédéric Nicole bei der Durchsteigung der Route Enfant de Bohême ( 8 c+ ) gegenzuwirken, der ihn aus dem Zweifingergriff zu reissen droht. Jetzt verkrallt er sich in der Andeutung eines Risses hinter dem Block, hängt ein, atmet tief und nimmt die Füsse nach. Der linke Zeigefinger und der Mittelfinger verklemmen sich im kleinen Loch, das jedes mit Tape geschützte Fingerglied abweist. Doch, es hält! Er nimmt das Seil, zieht es ein und - rasch einhängen. Jetzt geht es schon besser, noch zwei Blockierungen auf Leisten, ein senkrechter Griff für die rechte Hand und das, was die andern Top-Dynamo nannten.

Frédéric hat soeben die Route Enfant de Bohême geklettert; er hat den Namen, zu Ehren des zweiten Begehers von Ravage im Jahr 1986, des tschechischen Kletterers Wenzel Vodicka gewählt, des Erschliessers des Chuenisberg. Die vorgeschlagene Bewertung ist 8 c+, und noch niemand kann diese diskutieren. Ist es noch nötig zu sagen, dass die Route durchwegs natürlich ist, genauso wie Ravage?

Die andern Routen im Grad 8 c+ und mehr:

In der Schweiz: Bain de sang, 9a, St-Loup, 1993 durch Frédéric Nicole. Non à la bombe, 8 c+, St-Loup, 1995 durch Frédéric Nicole. Speed, 8 c+, Voralpsee, 1995 durch Beat Kammerlander.

Weltweit: Es gibt nicht mehr als 25 Routen in diesem Schwierigkeitsgrad.

Philippe Steulet, Mettembert/JU ( üM c CI a.

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