Erinnerungen — Piz Buin und Piz Platta

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Romedi Reinalter, S-chanf

Piz Platta im Oberhalbstein Die Skitouren der SAC-Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Piatta in den Rhätischen Alpen gehören schon lange der Vergangenheit an. Dies erinnert mich an mein den damaligen Teilnehmern gegebenes Versprechen, die persönlichen Eindrücke niederzuschreiben, ebenso aber auch an die Gründe, warum es dann doch nicht dazu gekommen ist. Einmal in den hektischen Alltagsbetrieb zurückgekehrt, musste bald diesem, bald jenem Priorität gegeben werden, so dass vieles, das auf den ersten Blick weniger von Belang erschien, auf die lange Bank geschoben wurde. Aber aufgeschoben ist nicht aufgeho- ben, denn ein solches Versprechen wirkt weiter, macht sich bemerkbar, bleibt als ständiger leiser Vorwurf bestehen.

Soeben habe ich am Fusse der Crasta Mora, auf einem südexponierten Hang gepicknickt. Unten in der Talebene, wo sich noch eine dünne, aber harte Schneeschicht hat halten können, gleitet ein Langläufer den schneefreien Rändern des einstigen Bachverlaufs des Beverin ausweichend, leicht auf- und absteigend dahin. Meine Augen folgen ihm, bis er in der Ferne verschwindet, und meine Gedanken schweifen zurück. Zurück zu den Skitouren der Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta.

Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche, was damals vorgefallen ist, muss ich geste- hen, dass mir viele kleine, lustige Einzelge-schichten und Anekdoten, die sich in der Gruppe abgespielt haben, nicht mehr vollständig präsent sind. Bei einzelnen Vorkommnissen haben sich die Konturen zum Teil verwischt, sie wirken verschwommen und leben erst dann wieder auf, wenn zu gegebener Zeit, in Anwesenheit der damaligen Teilnehmer, die Eindrücke rekonstruiert werden können. Davon ausgenommen sind natürlich jene Erleb- Nächste Doppelseite: Im Aufstieg über den Ostgrat von der Fuorcla Buin zum Piz Buin Grond nisse, denen eine starke subjektive Komponente anhaftet.

Wenn irgendwann, irgendwo das Vergangene, das noch nicht vollständig verdaut ist, wie ein Film im Eiltempo sich abspult, gelange ich oft zu einer differenzierteren Betrachtungsweise oder sogar zu einer anderen Sicht der Dinge. Jede Tour setzt sich aus einer Aneinanderreihung von vielen einzelnen Details zusammen, die erst in ihrem gegenseitigen Verhältnis wieder einen Gesamteindruck vermitteln. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, etwas, das sich im täglichen Leben im- Gemsen, eine auf Skitouren stets wieder anzutreffende Wildart mer wieder abspielt. Eine Tour kann aus grandiosen Eindrücken bestehen, aber es kann auch sein, dass Einzelheiten eine derart grosse Bedeutung erhalten, dass sie alles andere überstrahlen; so zum Beispiel die Schmerzen, die eine Blase beim Laufen verursacht, der Tanz mit hohen Bergschuhen in einer kleinen, getäferten Wirtsstube im abgelegenen Maiensäss, die Wolkenbilder, die am Fuss des Piz Platta bei einem Wirbelsturm entstanden, oder die Laute der Schneehühner, die frühmorgens beim Wegmarsch von der Buinhütte zu vernehmen waren.

Für mich wäre es nun sinnlos, die ganze Tour schriftlich nachzuvollziehen, vielleicht auch zu mühsam, die Erinnerungsbruchstücke aneinanderzureihen. Immer wieder frage ich mich - fragt sich wohl jeder -, weshalb man in aller Frühe aufsteht, bei klirrender Kälte schlotternd am Parkplatz bei der Post in St. Moritz Bad auf die Tourenkameraden wartet, einen langen, beschwerlichen Aufstieg auf sich nimmt und schwierige Passagen bei der Abfahrt meistert.

Draussen in der Natur kann ich mehr Abstand zum Alltäglichen und vertieften Zugang zu mir selber gewinnen. Es ist nicht so, dass

Die beiden Buin, Piz Buin Grond und Piz Buin Pitschen, im Silvrettagebiet ( Unterengadin ) Flechtengesellschaft im Sonnenlicht ich den Schwierigkeiten entgehen möchte, im Gegenteil. Die dabei gewonnene Distanz bietet mir die Möglichkeit, das, was mich beschäftigt, von einer anderen Seite anzupacken oder nach neuen Wegen zu suchen. Es kam schon vor, dass es mich in meiner periodisch auftretenden Isoliertheit grosse innere Überwindung kostete, an einer Sektionstour teilzunehmen, von der ich dann aber frohen Mutes und in meiner inneren Welt bestärkt zurückkehrte. Dabei liessen sich öfters gute Lebensgefühle, die in schwierigen Zeiten um so seltener werden, wieder erwecken. Trotzdem bieten die Berge dem mit Schwierigkeiten behafteten Menschen keinen Ausweg aus einem unerfüllten Leben.

Jeder von uns verfügt über einen Lebensraum, der ihm mehr oder weniger vertraut ist. Dies ist sein Alltag, in dem es gilt, sich durchzuschlagen. Man pflegt zu sagen, der Mensch sei ein ( Gewohnheitstier ), doch stets wird die andere, neue Welt, die

Wenn ich allein und mit offenen Sinnen durch die Landschaft schweife, spüre ich bisweilen, wie es zu einer subtilen Berührung zwischen der Natur und dem Menschen kommt. Eine Tour wird zum Genuss, zum Erlebnis, wenn äussere und innere Natur in Einklang stehen und sich verbinden können. Lässt man sich dann genügend Zeit, mag es sogar gelingen, nicht nur äusseren Geheimnissen auf die Spur zu kommen, sondern auch einen Weg zu seinem inneren Wesen zu finden.

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