Erleben statt vergleichen

Neulich in der Kletterhalle: Neben einigen Routen steht nicht nur der Schwierigkeitsgrad, sondern auch noch: «Kids Route». In diesen Routen sind die Griffe näher beieinander, damit auch kleinere Personen oder eben Kinder hochkommen. Die eine ist mit einer satten 7 c bewertet – und für mich zu schwer. Noch vor wenigen Jahren hätte ich mich zur Spitze gezählt, hätte ich diese Route gepunktet. Heute ist die 7 c für 15-Jährige an Wettkämpfen Standard.

Sei es die T-Skala beim Wandern, die Hüsler-Skala auf Klettersteigen, die Schwierigkeitsgrade beim Klettern: Skalen helfen, Routen zu wählen, die dem eigenen Können entsprechen. Allein, sie sind auch Spiegel und Massstab des eigenen Vermögens: Wieder mehr Zeit für den Aufstieg gebraucht als im Führer angegeben? Wieder aus der Route gefallen, die die Kollegin schon längst gepunktet hat? Logisch kann das nerven.

Doch wer sich statt in den Fels in den Schwierigkeitsgrad verkrallt, wer statt auf den Weg auf den Höhenmesser starrt, der misst sich nur noch mit dem Spiegelbild. Schnellere, Stärkere und – um beim Märchen zu bleiben – Schönere gibt es aber immer im Land: die Trainingspartnerin, Bergkollegen und die Elite sowieso. Massstab sollten aber nicht die Skalen, nicht der Vergleich mit anderen bleiben, sondern die eigenen Erlebnisse und Leistungen.

Wenn Ihnen der Bergkollege vorrechnet, welche Gipfel er dieses Jahr schon ereilt hat – und Sie innerlich erblassen: Denken Sie an die schöne Tour, die Sie letztes Wochenende in aller Gemütlichkeit durchwandert haben… Pfeifen Sie auf die T6, die SS+ und die 7 c.

Die Zufriedenheit, die wir in den Bergen erleben können, lässt sich nicht in Skalen fassen; das Glück, die eigene Leistungsgrenze geknackt zu haben, auch nicht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen vergnügten, hoffentlich sonnigen und ereignisreichen Herbst. Tourenvorschläge finden Sie in dieser Ausgabe gleich mehrfach, zwei leichtere und einen anspruchsvollen (ab S.14).

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