Erstbegehung am Thalay-Sagar. Garhwal Himalaya und Berner Trilogie

Erstbegehung am Thalay-Sagar

Am 27. September 2004 standen die Alpinisten Denis Burdet, Thomas Senf, Ralf Weber und Stephan Siegrist auf dem Gipfel des Thalay-Sagar, 6904 m, im Garhwal Himalaya. « Harvest Moon » benannten sie ihre Erstbegehung über den bislang unbestiegenen Nordwestgrat. Als Training hatte Stephan Siegrist zusammen mit Ueli Steck vorgängig die Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau in 24 Stunden Kletterzeit durchstiegen.

Die Gipfel im Garhwal Himalaya faszinieren den Extremalpinisten Stephan Siegrist gleich mehrfach. Sie bieten nicht nur technische Schwierigkeiten und grosse Höhen, sondern verlangen auch ein taktisches Vorgehen – und führen erst noch in ein fremdes, farbiges, kulturelles Umfeld.

Nordwestgrat am Thalay-Sagar Stephan Siegrist reiste mit seinen Mam-mut-Teamkollegen Denis Burdet, Thomas Senf und Ralf Weber von Delhi aus in den Garhwal Himalaya.

Ziel war der Thalay-Sagar, 6904 m, der formschöne Gipfel mit dem noch unbestiegenen Nordwestgrat. Seit 1987, als Spanier ihn erfolglos zu besteigen versucht hatten, blieb es um ihn ruhig. Also war es an der Zeit, die objektiv sichere, logische Linie anzugehen, im Wissen um die begrenzten Erfolgschancen, da die Kletterbedingungen ab 5900 m als sehr schwer eingestuft wurden.

Dank gutem Wetter erreichten die vier Alpinisten in acht Tagen Camp 1 und eine Höhe von 5800 m. Schlechtes Wetter hinderte sie dann an einem weiteren schnellen Vorwärtskommen. In künstlicher Kletterei brachten die vier unter schwierigsten Bedingungen Meter um Meter hinter sich. Neuschnee und daraus resultierende Lawinengefahr erzwangen Verzögerungen, bis dann am 27. September in der Morgenfrühe vom Camp 2 aus der Gipfelvorstoss gestartet werden konnte. Zu bewältigen waren 150 steile und brüchige Klettermeter – das berüchtigte « Schwarze Band » der Originalroute. Am frühen Nachmittag

Stephan Siegrist in der viert-letzten Seillänge des ersten Pfeilers. Nicht verfestigter Schnee machte dieses Wandstück, die eigentliche Nordwand des Thalay Sagar, zu einem interessanten Kletterabschnitt.

Fo to s:

Ro b Fr ost Ralph Weber in der Eisrampe, die zur ersten Wand führt Der Thalay Sagar in seiner vollen Grösse und Schönheit. Die Erstbegehung über den Nordwestgrat verläuft am rechten Rand in der Pfeilerwand zum Fuss des zweiten Pfeilers, dann in dessen Mitte und weiter über den Grat auf den 6904 m hohen Gipfel. Um Platz für Camp 2 auf 6350 m zu finden, mussten die vier knapp 50 m in einen Parallelgrat abseilen. Im Hintergrund der zweite markante Pfeiler Im Sommer 2004 durchstieg Stephan Siegrist zusammen mit Ueli Steck innerhalb von 24 Stunden Kletterzeit die drei Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau. Diese « Berner-Nordwand-Trilogie » diente ihm als Vorbereitung für die Thalay-Sagar-Expedition.

Foto: Jost von Allmen DIE ALPEN 12/2004

Verschiedenes

Diversi

Divers

hatten Denis Burdet, Thomas Senf, Ralf Weber und Stephan Siegrist die schwierige Erstbegehung geschafft – die Route « Harvest Moon » war geboren.

Berner Trilogie in 24 Stunden Solche Erfolge erfordern seriöse Planung und Vorbereitungen. Stephan Siegrist beispielsweise war im Frühjahr vorher für das Höhentraining an den Kilimanjaro gereist. Damit er dieses Konditions-niveau halten konnte, nahm er u.a. ein Projekt in Angriff, mit dem er sich schon lange auseinander gesetzt hatte: die Besteigung von Eiger-, Mönch- und Jungfrau-Nordwand innerhalb von 24 Stunden Kletterzeit.

Um Mitternacht des 28./29. Juli 2004 stieg er mit Ueli Steck in die Eiger-Nord-wand ein, und um 9 Uhr standen die beiden, über die Normalroute ( Heckmayr ) kletternd, auf dem Gipfel. Bereits zwei Stunden später war die Mönch-Nordwand an der Reihe. Um 14 Uhr waren sie auf dem zweiten Gipfel, wo sie entsetzt feststellen mussten, dass ein vorgängig deponiertes Verpflegungspaket anderweitig verwendet worden war. Nach der verspäteten Verpflegung auf dem Jungfraujoch, wo sie eineinhalb Stunden rasteten, dem Abstieg zum Guggi-Plateau und der Traversierung des Schneehorns wurde der letzte Aufstieg – und gleichzeitig die schwierigsten 800 m – in Angriff genommen: die Jung-frau-Nordwand. Die ehrgeizigen Alpinisten verpassten ihr gesetztes Ziel wegen der äusserst schwierigen Bedingungen knapp um eine Stunde, sie standen um 1 Uhr des folgenden Tages auf dem dritten Gipfel.

Für Stephan Siegrist ist nach dieser Nordwände-Besteigung und der Erstbegehung die Lust nach neuen Zielen ungebrochen: « Die nächsten paar Jahre möchte ich noch weitere Bergsteigerreisen unternehmen. Ich kann von meinen Erfahrungen in Bezug auf Technik, Taktik und gruppendynamische Prozesse profitieren. Ich habe auch gelernt, mit Niederlagen umzugehen, denn grosse Projekte haben nicht automatisch Erfolg. » Man kann also gespannt sein, mit welchen Herausforderungen er es 2005 aufnimmt – ob in der Schweiz oder im Ausland. a

Viviane Burkhalter, Bern

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