Es wird zu heiss für Alpenblumen Mehr Konkurrenz für seltene Arten

Die Pflanzen in den Bergen reagieren auf den Klimawandel. An die Kälte angepasste werden seltener. Studien, die Daten für ganz Europa erfassen, belegen diesen Trend.

«Gloria», das tönt nach Jubel. Doch es ist auch die Abkürzung für ein Forschungsprogramm, dessen Mitglieder weltweit Untersuchungen in Gebirgsregionen durchführen (vgl. Kasten). Und ihre Publikationen werden Liebhaber der Alpenflora kaum jubilieren lassen. Denn sie zeigen: Die steigenden Temperaturen führen zu markanten Veränderungen im Vorkommen der verschiedenen Pflanzen.

Wärme lässt Pflanzen klettern

Auf knapp 900 Probeflächen bei rund 60 Gipfeln in 17 europäischen Gebirgsregionen – darunter das Combin-Massiv im Wallis – untersuchten Gloria-Forscher die Veränderung in der Zusammensetzung der Vegetation zwischen den Jahren 2001 und 2008. Die im Jahr 2012 im Fachmagazin «Nature Climate Change» publizierte Studie bestätigt den generellen Trend, dass kälteadaptierte Pflanzen zunehmend von wärmeliebenden Pflanzen verdrängt werden. Das Phänomen, das von den Forschern als Thermophilisierung bezeichnet wird, wurde damit erstmals für einen ganzen Kontinent quantitativ erfasst. Die Forscher verwendeten dafür einen Indikator, der positiv reagiert, wenn auf einer Probefläche vermehrt Pflanzen auftreten, deren Hauptvorkommen früher tiefer lag. Wie eine Überprüfung ergab, nimmt der Indikatorwert auch zu, wenn die durchschnittliche Minimaltemperatur im Juni im Boden der einzelnen Lebensräume ansteigt.

Konkurrenz in der Höhe wächst

Eine weitere Analyse der Daten, die 2012 im Fachmagazin «Science» erschien, ergab einen Anstieg der Pflanzenartenzahl in den Gipfelbereichen. Eine solche Zunahme konnte jedoch nur auf den Bergen Nord- und Zentral­euro­pas festgestellt werden. Im Gegensatz dazu stagnierte oder verringerte sich die Anzahl der Arten auf fast allen untersuchten Bergen der mediterranen Region. Im Schnitt nahm im nördlichen Europa die Artenzahl auf den Gipfeln um 3,9 Arten zu, in der Gegend des Mittelmeers nahm sie um 1,4 Arten ab.

Die Anreicherung der Flora auf den Berggipfeln im Norden interpretiert Michael Gottfried von der Universität Wien aber nicht als Anzeichen dafür, dass die Alpenblumen im Norden weniger gefährdet sind: «Die neu hinzukommenden Pflanzen sind meist weitverbreitete Arten aus tieferen Lagen, die den Konkurrenzdruck auf die selteneren, kälteliebenden Alpenblumen erhöhen.»

Mehr Arven und Alpenrosen

Michael Gottfried erwähnt, dass es vor allem Zwergsträucher wie die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) seien, die von der Baumgrenzregion höher steigen. Jean-Paul Theurillat von der Uni Genf und Pascal Vittoz von der Uni Lausanne, die im Wallis an der Untersuchung beteiligt waren, ergänzen, dass Pflanzen wie die Arve (Pinus cembra), die Rostblättrige Alpenrose (Rhododendron ferrugineum) oder der Alpen-Brandlattich (Homogyne alpina) vermehrt in höheren Lagen vorkommen. Ihr Vorkommen verringert haben gemäss den Schweizer Forschern hingegen Hallers Schwingel (Festuca halleri), Kerners Läusekraut (Pedicularis kerneri) oder das Stängellose Leimkraut (Silene acaulis).

Wallis nur wenig besser

Beim ersten Blick in die Studien könnte man den Eindruck erhalten, dass die Situation im Wallis weniger dramatisch ist, denn der Indikator für die Thermophilisierung ist hier zwar positiv, aber weniger stark als in anderen europäischen Bergregionen. Zudem gibt es höhere Berge. «Grundsätzlich ist es schon so, dass das Aussterberisiko im Wallis aufgrund der höheren Berge kleiner sein könnte als in anderen Alpengegenden», erklären Theurillat und Vittoz. Die Forscher mahnen trotzdem zur Vorsicht. Denn der Migrationsprozess der Pflanzen sei sicher nicht linear. Zudem hänge er von Veränderungen im Jahr und von der Samenverbreitung ab. Auch wenn es im Wallis auf den höchsten Gipfeln zu einer Zunahme der vorhandenen Arten gekommen ist, sei das kein Zeichen zur Entwarnung. Denn entscheidend sei das europäische Gesamtbild.

Pflanzen nicht konservierbar

Sowohl der österreichische Forscher wie auch die Schweizer sind besorgt über die Entwicklung. Samenbanken oder künstliche Alpengärten können aus Sicht der Experten nur sehr beschränkt zur Arterhaltung beitragen. Denn vor allem hochalpine Pflanzen sind teilweise kaum kultivierbar, und die genetische Diversität lässt sich mit diesen Rettungsmassnahmen sowieso nicht erhalten. Dazu kommt, dass die oft als Allheilmittel propagierten Langzeitkonservierungen bei tiefen Temperaturen in speziellen Samenbanken bei Hochgebirgsarten nicht anwendbar sind. Denn diese verlieren ihre Keimfähigkeit innerhalb kurzer Zeit. Gar nichts hält Michael Gottfried von Vorschlägen unter dem Stichwort «Assisted Migration»: «Das Konzept, gefährdete Arten in andere, heute noch kühlere, oft weit entfernte Gebirgsregionen zu verpflanzen, lehnen wir strikt ab.» Denn die Verfälschung der jeweils re­gio­nal sehr typischen Gebirgsflora mit nicht einschätzbaren Folgen sei als äusserst kontraproduktiv zu bewerten.

Vier Grad wärmer in den Alpen

«Der einzig realistische Schutz des Artenreichtums an Gebirgspflanzen ist eine vor allem schnelle Stabilisierung der Temperatur durch eine effektive Rücknahme des anthropogenen Treibhauseffekts. Ob dies gelingt, ist fraglich. So weisen Theurillat und Vittoz darauf hin, dass wir heute mit einer Erwärmung von vier Grad Celsius in den Alpen rechnen müssen. «Einige Arten werden kältere Orte finden, indem sie das Relief nutzen und vermehrt nordseitig wachsen. Sicher werden aber viele Arten eine starke Abnahme durch Fragmentierung oder Isolierung ihrer Populationen erfahren.»

Literatur

Gottfried et al, «Continent-wide re­sponse of mountain vegetation to climate change». Nature Climate Change 2, 2012, doi:10.1038/nclimate1329 Pauli et al, «Recent Plant Diversity Changes on Europe’s Mountain Summits». Science 336, 2012, doi: 10.1126/science.1219033

www.gloria.ac.at

Das Forschungsprogramm

Das Gloria-Programm (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) ist ein Netzwerk von mehr als 100 Forschungsgruppen aus sechs Kontinenten, dessen Ziel ein weltweites Monitoring der Gebirgsregionen ist. Seit der Gründung 2001 durch Forscher der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat es einen standardisierten und langfristigen Ansatz zur Beobachtung von Gebirgsvegetation und ihrer Reak­tion auf den Klimawandel entwickelt und umgesetzt. Die europäischen Untersuchungen werden im Jahr 2015 wiederholt, um den Fortgang der Entwicklung aufzuzeigen.

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