Ewiges Eis, wo niemand es vermutet Höhlengletscher im Jura

20 unterirdische Gletscher gibt es im Jura auf Höhen zwischen 1100 und 1400 Metern. Das Eis bildet sich nicht nur in viel tieferen Lagen als in den Alpen, sondern ist oft auch deutlich älter.

Der Bauch ist nass vom Schmelzwasser, der Rücken vom Tropfwasser, das durch den Karst sickert. Während wir durch einen schmalen Spalt zwischen Fels und Eis robben, verheddern sich die Steigeisen in den Hosen, die Hände werden gefühllos, immerhin verhindert der Helm Beulen, denn der Kopf stösst immer wieder gegen den Fels. Monlési heisst dieser Ort, abgeleitet vom französischen «mon loisir», mein Freizeitvergnügen. Ein Vergnügen? Für den unterkühlten Körper nicht, für die Augen schon! Im Licht der Stirnlampen schimmern Stalagmiten aus Eis; wo die Höhle höher ist, wächst ein Gebilde zur Decke, das aussieht wie ein wallender Talar, etwas weiter vorne streift der Lichtkegel über bläuliche, gespenstige Erscheinungen.

Wasser, das durch den Karst sickert und gefriert, schafft diese fantastische Welt. Zehn Meter dick ist das Eis, das sich in der Mitte der Höhle zu einer Kuppe wölbt, die fast an die Decke reicht. 6000 Kubikmeter lagern im Fels, 16 Meter unter der Erdoberfläche.

 

Natürliche Eisschränke im Karst

Ewiges Eis an einem Ort, wo es niemand vermuten würde: zwischen dem Val de Travers und La Brévine im Jura, auf 1100 Metern über Meer. 40 solche Glacières – wie die Gletscherhöhlen genannt werden – wurden in den 60er-Jahren dokumentiert, heute zählt das Schweizerische Institut für Speläologie und Karstforschung (Siska) in La Chaux de Fonds noch deren 20. Auf den Klimawandel ist dieser Rückgang nur bedingt zurückzuführen. Denn einige Eislöcher reagieren sensibel auf die wärmeren Winter, andere, wie die Glacière de Monlési, bleiben stabil.

Doch warum existieren diese unterirdischen Gletscher in Höhenlagen zwischen 1100 und 1400 Meter über Meer überhaupt? Es sind Kältefallen. Im Winter dringt die schwere, kalte Luft senkrecht nach unten in die Karsthöhlen. Monlési zum Beispiel hat drei Eingangsschächte, durch die die Kaltluft absinkt. Da die Schächte alle auf gleicher Höhe enden, gibt es keine Luftzirkulation. Deshalb kann im Hochsommer die heisse, leichtere Luft nicht eindringen: In den Eishöhlen steigt die Temperatur kaum über null Grad. Es sind denn auch nicht die Hitzesommer wie im Jahr 2003, die einige der Glacières zum Verschwinden bringen, sondern die wärmer werdenden Winter, die ihnen weniger Kälte zuführen.

 

Milch, Butter und Eis in den Höhlen

Der Jura wurde erst in den 50er-Jahren elektrifiziert, bis dahin waren die Glacières für die Bevölkerung eigentliche Goldgruben. Sie lagerten Milch und Butter in den Höhlen, verwendeten zu Hause Eisblöcke, um Lebensmittel zu kühlen; das Eis wurde teuer an Restaurants und Spitäler verkauft. Immer wieder ist die Rede davon, dass Eisblöcke, verpackt in Tannäste, zu Brauereien bis nach Paris transportiert wurden. Doch dies ist eine Legende, erfunden von Studenten in den 50er-Jahren. «Die wirtschaftliche Nutzung war ein wichtiger Grund, weshalb sich Wissenschafter früher mit den Eishöhlen befassten», sagt Geologe Marc Lütscher, der seine Dissertation zu den Glacières schrieb. Als die elektrischen Kühlschränke die Küchen im Jura eroberten, erlosch das wissenschaftliche Interesse an den natürlichen Kühlschränken.

Marc Lütscher hat dieser Wissenschaft wieder Leben eingehaucht, allerdings ohne ein ökonomisches Ziel zu haben. Der Forscher will die Eishöhlen zum Sprechen bringen, er will zum Beispiel wissen, wie alt das Eis ist, denn daraus ergeben sich Antworten auf die klimatische Entwicklung über Jahrhunderte. Hinweise gibt zwar auch das Eis der Alpengletscher. Doch dieses Eis ist relativ jung; wegen der raschen Abfolge von Schneefällen und -schmelze wird es selten älter als 200 Jahre. Auch das Eis in der Glacière von Monlési ist mit rund 120 Jahren nicht alt: Während Sickerwasser oben neues Eis bildet, schmilzt das alte unten am Grund weg. Mit 1500 Jahren uralt ist dagegen das Eis in der Glacière de St-Livres am Südhang des Mont Tendre. Grund: Das Eis bildet sich aus Schnee, der über eine steile Rampe in das Karstloch rutscht, sich nach und nach in Eis verwandelt und im Schlund die Jahrhunderte überdauert. Doch nicht nur in den Karsthöhlen lagert ewiges Eis im Jura: Im Hangschutt des Creux du Van, der riesigen Felsarena nördlich des Val de Travers, bildet sich Permafrost. Auch hier ist es die Luftzirkulation im Kessel, die den Boden kühlt und dafür sorgt, dass die Temperaturen tief bleiben.

 

Nicht nur Gletscher, auch Glacières sind gefährlich

Während die Menschen früher in die Eishöhlen gingen, um das Eis zu nutzen, sind es heute abenteuerlustige Touristen, die hinabsteigen. Ein beliebtes Ausflugsziel ist nicht nur die Glacière von Monlési, sondern auch das «Ischlöchli», wie es die Einheimischen liebevoll nennen, an der Nordseite des Chasserals. Doch den meisten ist nicht bewusst, dass die winzigen Gletscher gefährlich sind. In den 70er-Jahren etwa wurde ein Mann in der Glacière de Monlési von einem herabfallenden Eisklumpen erschlagen. Einen Helm zu tragen, ist deshalb Pflicht. Und in grösseren Glacières wie Monlési gehören auch Steigeisen zur Ausrüstung.

Die Eislöcher sind zudem sensible Orte. Jede Person, die hinabsteigt, erwärmt die Umgebung mit ihrer Körperwärme. Zugleich wird durch den Dreck an den Schuhen das Eis verschmutzt. «Und dunkle Flächen absorbieren mehr Wärme als helle», sagt SISK-Direktor Pierre-Yves Jeanin. Zumindest das Eisloch am Chasseral wird für einige Zeit von Besuchern verschont bleiben: Vor Kurzem ist ein Baum in den Schlund gefallen und versperrt den Zugang.

Nach einer Stunde vertreibt uns die Kälte aus der Glacière. Mit klammen Fingern halten wir uns an den eiskalten Tritten der Metallleiter fest und steigen hinauf. Es wird wärmer, und ein leichter Geruch nach vermodernden Blättern liegt in der Luft. Die Temperatur auf der Juraweide, 16 Meter oberhalb des Gletschers, liegt bei angenehmen 18 Grad.

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