Fondue statt Teigwaren Schluss mit der Pastaparty vor der Hochtour

Über 4000 Meter über Meer bringt deftiges, sprich fettreiches Essen mehr Energie als Kohlehydrate. So lauten die Resultate einer neuen Schweizer Studie übers Höhenbergsteigen.

Führende Schweizer Höhenmediziner haben am letzten Weltkongress für Höhenmedizin in Peru für eine Überraschung gesorgt. Die bei Ausdauersportlern beliebte vorabendliche Pastaparty taugt für Hochtourengänger und auf Expeditionen nur bedingt. In Höhen von 4000 Metern und mehr ist es sinnvoller, fettreiche Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, als die Kohlehydratspeicher zu füllen. Das hat die Untersuchung einer Vielzahl von Höhenbergsteigern am Muztagh Ata ( 7546 m/China ) und am Pik Lenin ( 7134 m/ Kirigistan ) ergeben. Die beiden grossen – auch vom SAC unterstützten – Schweizer Forschungsexpeditionen haben diese Resultate erbracht.

Zum ersten Mal ist es den Forschern um Professor Andreas Huber vom Zentrum für Labormedizin des Kantonsspitals Aarau mit aufwendigen Blutanalysen gelungen, ein Gesamtbild der Stoffwechselveränderungen in grosser Höhe zu erhalten. 30 Freiwilligen aus der ganzen Schweiz wurde vor, während und nach dem Aufstieg regelmässig Blut entnommen. Sie mussten auch unter schwierigsten Umständen am Berg klinische Untersuchungen über sich ergehen lassen. « Ein neuartiges Verfahren hat es möglich gemacht, mit einem Minimum an Blut unzählige von Parametern zu erforschen und so die höhenbedingten Veränderungen im Körper der Bergsteiger aufzuzeigen », erklärt dazu die Höhenmedizinerin Jacqueline Pichler vom Berner Inselspital. Ein Mikroliter Blut reiche nun aus, um Hunderte von Reaktionen herauszulesen. Dennoch war der Aufwand für die jüngste Expedition enorm. Eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit waren nötig. Für die Forschungsarbeit am Berg mussten neben der Laborausrüstung auch 80 Zelte, Isolationsmatten, Tiefkühler, Kommunikationsmittel, Solarpanels und Generatoren nach Kirgistan gebracht werden. Verpflegung für rund drei Wochen sowie eine umfassende alpintechnische Ausrüstung für über 40 Expeditionsteilnehmer gehörten ebenso zur Ausrüstung.

Der Pik Lenin ( 7134 m ) ist zwar einer der technisch weniger schwierigen 7000er Zentralasiens. Auch sieht der Berg auf den ersten Blick lieblich aus, darf aber gemäss dem technischen Expeditionsleiter, Kari Kobler, nicht unterschätzt werden. Das Wetter am Berg hat seine Tücken, und lange Marschzeiten in Fels, Eis und Schnee sowie tiefe Temperaturen können den Berg zu einem « mühsamen Gesellen » machen.

Die Auswertung der knapp 1000 Blutproben, die beim Aufstieg auf die beiden über 7000 Meter hohen Berge gesammelt und tiefgefroren in die Schweiz transportiert worden waren, hat nicht nur heftige, höhenbedingte Stressreaktionen gezeigt, sondern auch Aufschluss gegeben über die Energiegewinnung des Körpers in grosser Höhe. Gleichzeitig fanden die Forscher im Blut der Testpersonen in grosser Höhe auch eine Vielzahl von Entzündungsreaktionen.

Die grösste Stoffwechselveränderung haben die beiden Forschenden Jacqueline Pichler und Urs Hefti beim Fettverbrauch entdeckt: Je höher die Testpersonen aufgestiegen sind, desto mehr Fett wurde von ihren Körpern verbrannt. Der Verbrauch an Kohlehydraten dagegen blieb gleich. Dies überraschte das Forschungsduo nicht zuletzt, weil die Energiegewinnung über Fettreserven mehr Sauerstoff benötigt als die Verarbeitung von Kohlehydraten. Genau dieser Sauerstoff wird aber beim Aufstieg zunehmend knapp. « Der Körper zapft also trotz Sauerstoffmangel nicht die am einfachsten verfügbaren Energiereserven an, sondern greift im Höhenstress bereits ab 4000 Metern auf die Fettreserven zurück », bilanziert Jacqueline Pichler. Wieso der Organismus in dieser Extremsituation Fett als Energielieferant bevorzugt und so paradoxerweise Sauerstoff verschwendet, wissen die Forschenden nicht. Sie vermuten aber, dass der Körper aufgrund seines Ausnahmezustandes eine « normale » Energieaufnahme als nicht mehr möglich erachtet und im Sauerstoffstress « auf Überleben » und die Verbrennung von Fettreserven schaltet.

Die neuen Erkenntnisse können erklären, wieso sowohl Männer wie Frauen in grossen Höhen vermehrt Lust auf deftiges Essen und fettige Speisen wie Käse, Speck oder geröstete Erdnüsse haben. Gleichzeitig lässt sich damit auch sagen, dass sich Kohlehydrate wie etwa Teigwaren als Energiespeicher in grosser Höhe nur bedingt eignen.

Der Aufenthalt in grosser Höhe und die Sauerstoffarmut in Höhen über 3000 Metern belasten den Körper aber auch mit einem sogenannt « oxidativen Stress ». Auch die Untersuchung der am Pik Lenin gesammelten Blutproben hat gezeigt, dass sich beim Aufstieg in grosse Höhen aufgrund der veränderten atmosphärischen Bedingungen im Körper bösartige Sauerstoffmoleküle bilden, wie sie sonst nur bei schwer kranken Patienten zu registrieren sind. Diese aggressiven Moleküle würden bei einer dauernden Höhenexposition Organe und Stoffwechsel nachhaltig schädigen. Diese Diagnose sei – genau wie eine gute Akklimatisation – ernst zu nehmen, aber kein Grund für Panik, erklärt Jacqueline Pichler. Dies, weil die bösartigen Sauerstoffmoleküle bei einem Abstieg in tiefere Lagen wieder zerfallen.

Eine ernsthafte Schädigung des Organismus durch wenige, zeitlich befristete Höhenexpositionen sei deshalb nicht zu erwarten. Auch gibt es keine Anzeichen für Langzeitschäden. Die effektive Wirkung dieser « bösen » Sauerstoffmoleküle sei allerdings noch nicht erforscht. Ebenfalls noch im Dunkeln tappen die Forscher bei der Suche nach vorbeugenden Massnahmen sowie Möglichkeiten, bereits die Produktion dieser grundsätzlich unerwünschten Moleküle in der Höhe zu hemmen. Ob die am Pik Lenin verabreichten Vitamine imstande waren, diese Wirkung zu entfalten, können Jacqueline Pichler und ihr Forscherkollege Andreas Huber, der ärztliche Direktor des Kantonsspitals Aarau, erst nach weiteren Analysen in rund einem Jahr sagen.

Die Analyse der in China und Kirgistan gesammelten Blutproben zeigt, dass der menschliche Körper bei länger dauernden Höhenexpositionen einem nicht zu unterschätzenden Stress ausgesetzt ist. Trotz verändertem Energiemanagement, « bösen Sauerstoffmolekülen » und Entzündungsreaktionen bezeichnen die Höhenmediziner den gesunden und gut trainierten menschlichen Körper als « sehr robust und widerstandsfähig ». Auch die neuen Erkenntnisse über die Stoffwechselveränderungen seien kein Grund, auf Bergtouren, Trekkings und Expeditionen zu verzichten. Vorausgesetzt, man beachtet die gängigen Akklimatisationsregeln und nimmt die Warnsignale des eigenen Körpers ernst.

 

 

> Weiterlesen:

Mehr zu den Forschungsexpeditionen am Muztagh Ata und am Pik Lenin: www.swiss-exped.ch Mehr in « Die Alpen »: www.sac-cas.ch/zeitschrift > Archiv > 4/2010, 5/2007, 9/2005 www.videoportal.sf.tv > Suchen > « Pik Lenin »

Dickes Blut bringt weniger Leistung

Die Akademien der Wissenschaften Schweiz haben den Forscher Beat Schuler ( Universität Zürich/Oxford ) mit dem Prix de Quervain 2010 ausgezeichnet. Schuler hat mit einer Studie gezeigt, dass die Viskosität des Blutes einen entscheidenden Einfluss auf die körperliche Leistungsfähigkeit hat, was grundlegend war für die Erkenntnisse der Schweizer Forschungsexpedition am Muztagh Ata ( « Die Alpen » 4/2010 ). Der Effekt ist altbekannt und viel genutzt: Ausdauerathleten trainieren in sauerstoffärmeren Höhenlagen und reichern so ihr Blut mit zusätzlichen roten Blutkörperchen ( Sauerstoffträgern ) an. Damit wird die Sauerstoffversorgung in tieferen Lagen verbessert. Gleichzeitig führt der Anstieg der roten Blutkörperchen aber auch zu einer Verdickung des Blutes ( Hämatokritwert ), was bei höhenkranken Patienten den Kreislauf und das Herz belastet. Beat Schuler hat mit seiner nun ausgezeichneten Arbeit bewiesen, dass sich zwar in der Höhe ein hoher Anteil an roten Blutkörperchen positiv auf die Sauerstoffversorgung auswirkt, verdicktes Blut aber gleichzeitig die Leistungsfähigkeit limitiert. Der Forscher zeigte, dass der optimale Hämatokritwert für eine maximale körperliche Leistungsfähigkeit bei 58% liegt.

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