Fragwürdige Bekleidung Die «Erklärung von Bern» untersucht Outdoorbranche

Die soziale Verantwortung scheint für die Outdoorausrüster nicht wichtig zu sein. Das ergab eine Untersuchung der « Erklärung von Bern » in diesem Jahr, in der sie 29 Firmen in Bezug auf ihre Transparenz und ihr soziales Engagement bei den Produktionsbedingungen ihrer Zuliefe-rer unter die Lupe genommen hat. Abheben vom düsteren Branchen-bild können sich nur Mammut, Patagonia und Odlo.

Das Ergebnis war ernüchternd. Nicht einmal die Hälfte der angefragten Firmen war bereit, Auskunft über die Pro-duktionsstandards zu geben. Auch einen öffentlich zugänglichen Verhaltenskodex oder Informationen zur Unternehmens-verantwortung suchte man meist vergeblich. Die EvB schloss daraus, dass bei vielen Unternehmen die Hausaufgaben nicht gemacht wurden. Auf einer Notenskala von 1 ( beste Note ) bis 3 schnitten nur Mammut und Patagonia mit 1,6 sowie Odlo mit 1,8 einigermassen gut ab. Schlicht eine 3 erhielten Salewa, Schöffel und Tatonka. Ganz düster sah auch das Bild bei den kleineren Betrieben aus: Am besten waren noch Bergspitz und Sherpa mit 2,4. Die meisten Kleinbetriebe erhielten eine 3, darunter auch Descente, der Ausrüster der Schweizer Skinationalmannschaft.

Für Christina Luginbühl von der EvB war dieses schlechte Abschneiden nicht vorhersehbar. «Auffällig war für uns aber im Vorfeld, dass sich viele der Firmen in der Outdoorbranche mit Fairness und Nachhaltigkeit rühmen», sagt Luginbühl. Nicht zuletzt dieser Umstand habe bei ihrer Organisation dazu geführt, dass viele Konsumenten wissen wollten, ob man diesen Werbeversprechen glauben dürfe. Dass jetzt Werbung und Realität so weit auseinanderklaffen, habe sie überrascht. Die EvB-Vertreterin ergänzt: «Selbst der sonst sehr fortschrittliche Betrieb Patagonia verpflichtet sich nicht, einen Existenzlohn zu zahlen.»

Doch wie interpretieren die Outdoorfirmen selbst die EvB-Umfrage? Katharina Habermann von der Mammut Sports Group erachtet die Umfrage als lobenswerte Initiative und ist zufrieden, dass das Engagement von Mammut darin gewürdigt wird. Mit dem Beitritt zur Fair Wear Foundation3 sei Mammut einer zentralen Forderung der EvB nachgekommen. Für die Zukunft meint Haber-mann: «Das Ergebnis der Umfrage spornt uns an, uns noch weiter zu verbessern, dies aber nicht nur im sozialen, sondern auch im ökologischen Bereich und in der Unternehmensführung.»

Zum Umstand, dass der Outdoorspezialist Salewa, der zur Oberalp-Gruppe gehört, so schlecht abschnitt, erklärt Lukas Keel von Salewa Schweiz: «Eine Reorganisation in der Public-Relations-Abteilung in der Oberalp-Gruppe und eine Neuorganisation beziehungsweise eine Neuausrichtung gerade bei den Themen, welche die Umfrage tangiert, führte dazu, dass es uns nicht möglich war, an der Umfrage teilzunehmen.» Selber unternehme Salewa aber grosse Anstrengungen im Bereich Nachhaltigkeit und Fair Trade, beispielsweise mit einem eigenen Büro im Fernen Osten oder indem man Baumwolle mit dem Label «Cotton made in Africa»  verwende. Keel fügt noch an: « Es ist eben so, dass in vielen nicht börsenkotierten Unternehmen viel für Nachhaltigkeit gemacht wird, ohne dass man das gross kommuniziert.»

Mit verstecktem Engagement gibt sich aber die EvB nicht zufrieden. Sie fordert, dass alle Outdoorfirmen einen Verhaltenskodex erarbeiten, ihn umsetzen, einer Multi-Stakeholder-Initiative beitreten wie beispielsweise der Fair Wear Foundation, Organisationsfreiheit sowie Kollektivverhandlungen fördern und Kleinbauern im Rohstoffanbau unterstützen. Damit sollen Bedingungen, wie sie die EvB am Beispiel von North Face illustriert, verhindert werden. So verdient eine Näherin in El Salvador gerade mal einen Franken an einer North-Face-Jacke, die in der Schweiz für 176 Franken verkauft wird. Um aber das Existenzminimum einer Familie zu decken, müsste die Näherin vier Mal so viel verdienen. Was ist aber der Anreiz für die Outdoorfirmen, die Forderungen der EvB zu erfüllen? Christina Luginbühl glaubt, dass sich eine langfristige Lieferbezie-hung und das gemeinsame Erarbeiten von verbesserten Arbeitsbedingungen positiv auf die Produktivität und Qualität auswirken. Dazu komme, dass man bei Bekleidungsfirmen kaum mehr Unterschiede bei Qualität und Preis der Produkte erkennen könne, sondern bei ihrem Image. « Wenn eine Firma dafür bekannt ist, dass ihre Produkte zu einem Hungerlohn hergestellt werden, ist das alles andere als cool, und es wird schwierig und teuer, ein solches Image zu korrigieren.»

 

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Kriterien der Studie

Für ihre Studie bewertete die Erklärung von Bern die Outdoorfirmen anhand von fünf Hauptkriterien: Transparenz, Sozialkodex, Kodexumsetzung, Monitoring und Verifizierung sowie Material der Produkte. Für jedes Kriterium erhielten die Firmen eine Note von 1 bis 3. Für die Gesamtbilanz einer Firma nahmman den Notenmittelwert über alle fünf Kriterien. Die einzelnen Kriterien wurden wiederum auf verschiedene Aspekte hin überprüft. Bei «Transparenz» beispielsweise gab es Punkte für das Beantworten des Fragebogens oder den öffentlichen Zugang zu einemVerhaltenskodex.

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