Freuden und Leiden einer JO-Chefin

Den Keller hat sie voller Steigeisen, Anseilgurte und Lawinenverschüttetensuchgeräte ( LVS ), jedes zweite Wochenende organisiert sie eine Ski-, Berg- oder Klettertour. Monika Schoch ist Chefin der JO Interlaken1 und das seit nun schon neun Jahren. Was sich während dieser Zeit verändert hat und was ihr dabei Spass macht, erfahren wir im Verlauf einer Klettertour der JO Interlaken am Stockhorn im Berner Oberland.

Eigentlich stand Klettern beim Steingletscher im Sustengebiet auf dem Programm. Da es jedoch bis zum Morgengrauen geregnet hatte, beschloss das Leiterteam, zu den wesentlich niedriger gelegenen Felsen am Stockhorn, am Eingang zum Simmental, zu fahren.

1 Mit der Integration der JO ( Jugendorganisation ) in den SAC wurden die jugendlichen Altersklassen neu zur « SAC-Jugend ». Da die Bezeichnung JO in den Sektionen aber immer noch allgemein gebräuchlich ist, wird im vorliegenden Beitrag weiterhin von der « JO Interlaken » gesprochen.

Die Felsen sind erreicht. Beim Sichern gilt es, besonders acht zu geben Jugend-Infos,Berichte,Aktivitäten a < Nun stehen acht Jugendliche der JO Interlaken fröstelnd auf dem Parkplatz der Stockhornbahn. Der Herbst kündigt sich mit tief hängenden Nebelbänken an, die Luft ist feuchtkalt, und die Strassen sind nass. Alle sind froh, ihre Mützen und Handschuhe bei sich zu haben. Das Leiterteam, bestehend aus der JO-Chefin Monika Schoch und Beni, versucht, zwischen den Wolkenbänken zumindest ein paar spärliche blaue Flecken auszumachen. Angesichts der Sachlage wird beschlossen, bis zur Mittelstation zu fahren, um von dort zum Klettergebiet aufzusteigen. « Bis wir oben sind, sind die Felsen hoffentlich trocken und wir aufgewärmt », erläutert Monika den Entscheid den JO-lern und JOIerinnen, verteilt anschliessend das Material für den heutigen Tag, Klettergurte, Schuhe, Heim, und fragt als letztes: « Het jedes e Prusikschlinge ?» « Solche Tage mag ich überhaupt nicht », meint Monika, als wir in der Seilbahnkabine sind und die Nebelschwaden vorbeiziehen sehen, « da weiss man bis am Morgen nicht, wo man hinfahren soll. Zum Glück wohnen fast alle JOIer/innen nahe am üblichen Besammlungsort, dem Bahnhof Interlaken Ost. So können wir auch kurzfristig das Programm ändern. » Kaum mehr Bergfreaks Etwa 1 V2 Stunden dauert der Aufstieg auf dem vom Regen aufgeweichten, rutschigen Weg zum Klettergarten. Ab und zu kämpft sich die Sonne durch den Nebel, und nach kurzer Zeit ziehen sich alle die Jacken und Pullover aus.

Während des Anmarschs erzählt Monika, was sich während ihrer neunjährigen Tätigkeit als JO-Chefin verändert hat: « Heute haben wir etwa zur Hälfte Mädchen, während es früher ab und zu vorkam, dass die JO ein reiner war. » Dank der neuen, gut abgesicherten Klettergärten, zu denen auch derjenige hier am Stockhorn gehört, ist für Kinder und Jugendliche der Zugang zum Bergsport wesentlich einfacher geworden. Gleichzeitig besteht heute aber auch ein sehr grosses Angebot an verschiedenen Freizeitaktivitäten, so dass man neben JO-Touren noch manch anderes macht. Viele sind Mitglied anderer Sportvereine. « Wenn die Jugendlichen aber nur alle paar Monate mitkommen, haben sie meist die Hälfte des Gelernten wieder vergessen, und man muss mit der Ausbildung jedes Mal von vorne beginnen », hält Monika ihre Erfahrungen fest. « Der typische Bergfreak, der jede Tour mitmacht, auch wenn es mal , existiert kaum mehr. » Im übrigen sind heute klassische Hochtouren weniger gefragt als früher. Sportklettern ist zur Zeit der grosse Renner. Trotzdem nimmt Monika ab und zu Hochtouren in ihr Programm auf und führt diese auch mit bloss zwei oder drei Teilnehmerinnen oder Teilnehmern durch. Sie möchte so möglichst allen Wünschen gerecht werden, denn, wie sie sagt, « auch solche Trends können sich wieder ändern ».

Als Monika vor neun Jahren die Leitung der JO Interlaken übernahm, war sie eine der ersten weiblichen JO-Chefs der Schweiz. Sie stellt dazu fest: « Anfangs wurde ich sehr zurückhaltend und kritisch beobachtet; er- Blick bei prächtigem Wetter vom Stockhorn auf die Alpenkette des Berner Oberlandes Auch das Abseilen wird geübt.

hielt dabei jedoch vor allem vom Sektionspräsidenten jede Unterstützung ».

Zeit zum Klettern und Spielen Mittlerweile sind wir beim Klettergarten angelangt. Nach wie vor streichen dicke Nebelschwaden um die Felsen, und niemand mag angesichts dieses immer noch nicht besonders einladenden Umfeldes so richtig ausgiebig picknicken. Schon bald geht deshalb ein Teil der Gruppe mit Beni an die Felsen. Diejenigen, die sich noch nicht so ganz sicher sind, wie das Anseilen genau funktioniert, üben mit Monika VP ( Halbmastwurf ), Mastwurf und Achterknoten.

Schon bald ist eine Wand mit Expressschlingen und Seilen behängt. Zum Teil klettern die Jugendlichen selbständig in Zweierseilschaften, andere wollen ihre ersten Gehversuche im Fels lieber im Toprope machen.

« Gang chly meh nach rächts, dort sy d'Griffe grösser, ja, so, muesch nume geng guet uf d'Füess stah !» Dank soviel Unterstützung und guter Tips stellen bald alle fest, dass sie ihre Routen selber vorsteigen können. Monika hat alle Hände voll zu tun: Knoten kontrollieren. Seile beim Ablassen festhalten, Standplätze einrichten und eine Abseilstelle vorbereiten. Nach Monikas Anleitung hängen die Jugendlichen ihre Abseilgeräte ein und montieren Prusikschlingen. Meist etwas zaghaft wagen sie dann die ersten Schritte in Richtung Wandfuss.

Inzwischen ist es längst Mittag geworden. Butterbrote, Äpfel und Schokoladeriegel werden ausgepackt. Doch trotz nun etwas angenehmeren Temperaturen halten sich die JOIer/innen nicht lange mit essen auf. Sie haben Seil, Karabiner und Schlingen als Spielzeug entdeckt. An einem Bohrhaken hängend versucht Simon, mittels mehrerer Karabiner, eine Teeflasche zu angeln. Auch lässt sich 's im Seil hängend wunderbar schaukeln.

« Je jünger unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind, desto mehr müssen wir neben dem Klettern auch Zeit für spielerische Aktivitäten einplanen », fasst Monika ihre Erfahrungen zusammen. Da es bei der JO Interlaken meist gemütlicher zu und her geht als auf SAC-Touren, nehmen gelegentlich auch Erwachsene an JO-Aktivitäten teil. So entstand vor eini- gen Jahren die Idee, zusammen mit den Naturfreunden Familienwochen anzubieten, die nun im Frühjahr und im Herbst jeweils gemeinsam organisiert werden.

Bürokram, « Telefonitis » und den Keller voller Material Monika leitet die meisten JO-Tou-ren selber. Nebst mehreren Tourenwochen ist sie fast jedes zweite Wochenende mit der JO unterwegs. Doch hinter all diesen Anlässen steckt viel Arbeit. Das Jahresprogramm erstellt sie gemeinsam mit dem gesamten Leiterteam. Dabei berücksichtigen sie auch Wünsche der Jugendlichen.

Für drei bis vier Touren werden jeweils Zettel mit den detaillierten Informationen an die JOIer/innen verschickt. Bei J+S meldet sie die Saison-kurse an und bestellt das nötige Material. Viel zu organisieren gibt es auch für Wochenendtouren und Tourenwochen, für die Unterkünfte reserviert und zum Teil Nahrungsmittel eingekauft werden müssen. Am Jahresende erstellt sie schliesslich die Abrechnung in doppelter Ausführung: die eine für den SAC, die andere für J+S.

Nach über neun Jahren als JO-Chefin ist für Monika solcher « Bürokram » Routinearbeit und relativ schnell erledigt, « bloss die Abrechnungen sind sehr zeit- und arbeitsintensiv ». Dank ihrem 70%-Job als Arztgehilfin verfügt sie über die nötige Zeit, all diese Arbeiten zu erledigen.

Probleme hat die JO-Chefin, wenn ihr kleines, aber sehr aktives Leiterteam zur Durchführung des vorgesehenen Programms nicht ausreicht. Bis sie dann genügend Leiter/innen für die bevorstehende Tour beisammen hat, muss sie bisweilen während mehrerer Abende am Telefon hängen.

In Monikas Keller stapeln sich nebst dem J+S-Material auch Kletterschuhe, Klettergurte, Zelte und Kocher, die sich die JO während der letzten Jahre angeschafft hat. « Manchmal frage ich mich, wo ich das alles unterbringen soll », meint sie lachend. Prekär wird es, wenn die JO von einer verregneten Tourenwoche zurückkommt. Dann hängt ihr Keller voller nasser Zelte, und tagelang putzt sie Kocher, Töpfe und Pfannen - eine Arbeit, die sie verständlicherweise nicht besonders schätzt.

Freuen tut sich Monika andererseits über Briefe oder kleine Geschenke, die sie gelegentlich von Eltern und JOIer/innen erhält. Auch freut es sie, dass sich mittlerweile einige, die bei ihr Klettern und Bergsteigen gelernt haben, in der Ausbildung zum Bergführer befinden. Nicht zuletzt macht es ihr natürlich Spass, wenn sie auch selbst zum Klettern kommt.

Unterstützung gesucht Beim Klettern und Spielen vergeht der Nachmittag schnell. Schon bald ist es Zeit, die Seile abzuziehen und die Rucksäcke zu packen. « Wem gehört diese Bandschlinge? Passed uuf, das nüüt dr Bärg abtrolet !» Monika und Beni sortieren das Material und nehmen die Seile auf. Den JO-lern und JOIerinnen scheint es gefallen zu haben: Plaudernd und lachend steigen sie zur Seilbahnstation ab.

Auch nach gut neun Jahren macht ihr der Job als JO-Chefin noch Spass. In den letzten Jahren hat der Arbeitsaufwand durch den Aufbau des Kinderbergsteigens jedoch ständig zugenommen. Deshalb wäre sie froh, den Aufgabenkreis langsam etwas einschränken und die Arbeiten auf mehrere Leute verteilen zu können. « Solange aber immer alles funktioniert, ist es gar nicht so einfach, Nachfol-ger/innen zu finden », beschreibt sie die Situation in der JO Interlaken, « ein weiteres Jahr werde ich jedoch bestimmt noch JO-Chefin bleiben. » Simone Remund, Spiez

Der Vercors - gestern und heute

I Sport- und Wettkampfklettern I Arrampicata libera e di competizione l Escalade libre / Compétition e a.

Dominique Roulin, Veyrier GE

In den sechziger Jahren wurde das Vercors-Mas-siv häufig mit den Dolomiten verglichen: Die hohen, senkrechten Wände, die den östlichen Streifen des Vercors-Plateaus begrenzen, lassen einen sofort an die Felsformationen Norditaliens denken. Tatsächlich scheint der Vercors in zahlreichen Punkten den Dolomiten ähnlich, doch in verschiedener Hinsicht hinkt der Vergleich! Im Unterschied zu den Dolomiten weist der Vercors nur wenige freistehende Gipfel auf, und die Struktur des Fels eignet sich nicht besonders für leichte Kletterei. Es gibt so gut wie keine « Normalrouten », und mässig steile Wände sind sehr selten. Im Gegensatz

Archiane ist ein typisches kleines Vercors-Dorf.

zu den Dolomiten sind die Abstiege im allgemeinen leicht und verlaufen meistens auf einem guten Weg oder über gut eingerichtete Abseilstellen. Schliesslich hält die Höhe des Vercors-Plateaus den Vergleich mit den mächtigen Dolomiten-Massiven, die oft deutlich höher aufragen, nicht aus: Der höchste Punkt des Vercors, der Grand Veymont, befindet sich auf 2341 m.

Die meisten Kletterrouten enden an irgendeinem Punkt am Rand des Plateaus. Die Aussicht ist oft spektakulär und umfasst riesige Weiten vom Montblanc bis zu den südlichsten Gipfeln des Oisans und des Dévoluy. Die bedeutendsten Klettergebiete - abgesehen von den Klettergärten -befinden sich auf der Ostseite des Massivs. Hier sind die Wände am höchsten und bieten die grösste Routendichte. Das ganze wunderbare Gebiet bildet den « Parc naturel régional du Vercors ». Man muss sich an die gut signalisierten Regelungen halten, die für diese Art Schutzgebiet gelten.

Sport- und Wettkampf klettern

Schnelle Entwicklung des Kletterns

Nach der Wiederholung der historischen Besteigung des Mont Aiguille über die Südseite im letzten Jahrhundert wurde im Jahr 1895 ein neuer Anstieg durch die Nordflanke gelegt. Diese Route, die sich durch steile, von kompakten Felsaufschwüngen unterbrochene Grasflanken windet, ist aber heute nicht mehr begehbar: Sie wurde durch wiederholte Felsstürze verwüstet. Die heute gebräuchlichen Anstiege reichen alle nicht weiter als in die Nähe des Nordostpfeilers.

1922 folgte die Route Tubulaires und ganz nahe davon jene von Vitte-Vausseaux ( 1924 ). Vor 1950 wurden noch zwei weitere Erstbegehungen unternommen: jene von Freychet im Jahr 1929 und -wieder über die Südseite -jene von Carlo Vercesi ( 1947 ). Fasst man die Frühgeschichte des Kletterns im Vercors zusammen, stellt man die starke Faszination fest, die der vom Hauptmassiv getrennte Mont Aiguille auf die Kletterer ausübte: Sie benützten fast ausschliesslich diesen Gipfel als « Übungsge- Auf dem grossen Band von Archiane; im Hintergrund der Glandasse-Gipfel

+H V lände ». Alle erwähnten Routen werden heute nicht mehr begangen. Nur die Tubulaires oder ein Teil des von Antoine de Ville entdeckten Anstieges dienen heute noch zum Abstieg vom berühmten Gipfel.

Von 1950 an beschleunigten Kletterer aus Lyon die Dinge - den Anstoss gab Roger Duplat. Einmal mehr markierte der Mont Aiguille den Anfangspunkt: Am 1. und 2. April 1950 eröffneten A.Bar-bezat, E. Barrai, R. Duplat und G. Vignes die wunderbare Linie über den Nordostpfeiler. Es handelte sich dabei um einen für jene Zeit sehr schönen, 350 m hohen Anstieg, der den Gebrauch von 40 Haken erforderte. Lange wurde die Route über den Nordostpfeiler als die schönste des ganzen Massivs betrachtet, und bis 1957 wurde sie über dreissigmal wiederholt. Zwei Jahre später antworteten Serge Coupé und Alain Cornaz mit der Erstbegehung des Südpfeilers. Dann machten sich Jean Couzy und René Desmaison ans Werk und eröffneten 1957 eine Route mit Schwierigkeiten bis zu VI und A3 durch die Wand. Von da an überstürzten sich die Ereignisse, und die anderen Gebiete des Vercors wurden von den Neuankömmlingen durchforscht.

Die wichtigsten Akteure der sechziger Jahre kamen - abgesehen vom grossen Vercors-Experten Serge Coupé - aus Lyon und Genf. Zu letzteren gehörten u.a. Christian Dalphin, Robert Wohlschlag ( Pellebrosse genannt ), Erica Stagni, Marc Ebneter, Italo Gamboni, und sie räumten das Gebiet zwischen der Tête de Malaval und den Deux Soeurs buchstäblich ab. Ihr Lieblingsort waren die Tours du Playnet, an die sie ein Dutzend Routen legten. Einige davon, etwa die Voie des Genevois am Dritten Turm, zählen heute noch zu den grossen Artifklettereien. Die Voie des Genevois wurde vom 2O. bis zum 22. Mai 1961 eröffnet und verlangte den Einsatz von 140 Haken ( davon vier Bohrhaken ). Die Wand ist 300 m hoch. Sie bildete zusammen mit der Besteigung des Pestel de Glandasse das Vorspiel zur grossartigen Erstbegehung der Route Bouclier du Gerbier, die am 15., 16. und 17. Juli 1964 von E. Stagni, C. Dalphin, M. Ebneter, J. Martin und R. Wohlschlag unternommen wurde. Diese Erstbegehung verkörperte einen echten Schritt nach vorn bei der Lösung solcher Kletterprobleme. Die Erstbegeher bereiteten die Wand von unten vor und wendeten alle Tricks und Kniffe der Artifkletterei auf hohem Niveau an. Die Technik konnte dank

Ein an die Vergangenheit erinnerndes Kilometerschild

dem Kontakt mit der amerikanischen Schule, die damals im kalifornischen Yosemite angewendet wurde, verfeinert werden. Das Umsetzen war um so leichter, als die Wände des Vercors oft lange überhängende Abschnitte aufweisen, wo die Artifkletterei in jener Zeit die einzige Möglichkeit zur Überwindung der Schwierigkeiten bot.

Die Begehung der Route Bouclier du Gerbier erforderte 270 Haken, davon 15 Bohrhaken. Sie behielt lange das Etikett der schwierigsten Vercors-Klette-rei, verlor jedoch bald diesen Ruf wegen der vielen Seilschaften, die eine grössere oder kleinere Zahl von Haken zurückliessen. Anfang der siebziger Jahre war die Route beinahe durchgehend eingerichtet, und eine schnelle Seilschaft konnte sie in einem einzigen Tag begehen.

Die Chartreuse und die Pelle: dem Vercors zugerechnete Massive

In der Folge trugen grosse Persönlichkeiten des Alpinismus, jede auf ihre Art, zur Erschliessung des unerwarteten « Spielplatzes » bei, als der sich der Vercors erwies. An erster Stelle muss hier der zu früh verstorbene Dominique Leprince-Ringuet genannt werden, der drei wunderbare, noch heute oft begangene Routen eröffnete: Pentecôte und den Pfeiler Leprince-Ringuet in der Glandasse-Wand und die fantastische, sehr kühne Parai Rouge am Archiane. Die letztgenannte Erstbegehung war eine logische und passende Folge der von den Genfern eröffneten Bouclier-Route. Die Kletterei durch die Paroi Rouge führt durch eine erstaunlich steile und eindrücklich ausgesetzte Wand! D.Leprince-Rin-

4 01 Q a < a 5 Ein Blick auf den erstaunlichen Fels von Parfum d' Opale an der Pelle: Die Silex-Kletterei ist sehr fein, und das Vertrauen stellt sich nur langsam ein!

guet, B. Conod und J.P. Frésafond durchstiegen sie in drei Tagen ( 24., 25. und 26. April 1965 ). Die Kletterei verlangt grossen Einsatz und weist immer wieder frei zu kletternde Abschnitte auf.

Namen wie Georges Livanos, Lucien Bérardini, Robert Paragot, Claude Deck und viele andere dürfen ebenfalls nicht verschwiegen werden: Sie alle suchten den Vercors auf, wenn in den Alpen schlechte Verhältnisse herrschten.

Am Ende der sechziger Jahre wird die Kontinuität von einer erschliessungshungrigen Generation von Kletterern gesichert, die aber leider ein ständig kleineres Spielgelände vorfinden. Noch unbegangene Linien befinden sich entweder in sehr kompakten Felszonen oder in solchen von schlechter Qualität und verlangen unabdinglich Mut und Kühnheit von den Kletterern, die nicht zuviel Bohrhaken verwenden wollen. Yannick Seigneur

Parfum d' Opale an der Pelle - eine wunderschöne Kletterei mit ein paar schwierigen Stellen ( 6a obl. )

und J.P. Paris begegnen den Tatsachen mit der Erstbegehung des Mont Aiguille durch die Nordwestwand. Die Linienführung und die Atmosphäre der Route sind wunderbar, doch der Fels ist eher gefährlich. Zudem ist ein Rückzug über die extrem ausgesetzte Route schwierig oder fast unmöglich! 1967 machen sich O. Jager, J. Martin, A. Parat, J.P. Paris, G. Rubaud und Y. Seigneur mit einer Erstbegehung durch die Nordwand des Granier in der Chartreuse wieder bemerkbar. Damals machte diese Leistung sehr viel von sich reden: In der Nordwand des Granier, die durch einen riesigen Felssturz geformt worden ist, findet man fast überall Felsen in einem spektakulären Zustand ständigen Zerfalls! Ein Jahr nach dieser aussergewöhnlichen Tat eröffneten G. Nomine, B. Tahon und B. Vartanian in drei Klettertagen, nachdem sie ein Drittel der Wand vorbereitet hatten, die zentrale Route ( Centrale ) am Grand Manti. Die Route, die auch Paroi Jaune genannt wird, ist anhaltend

Sport- und Wettkampfklettern Am Fuss der Pelle Die wunderbare Wand der Pelle färbt sich im Morgenlicht rot.

anstrengend, bietet keine Fluchtmöglichkeit und überwindet 450 Höhenmeter in einem Zug. Einzig ein Dreiecks-Band nach der 16. Seillänge durchschneidet sie. Die Schwierigkeiten künstlicher Kletterei sind bedeutend, vor allem aber verlangt die Route grossen Einsatz und viel Engagement.

Sowohl im Vercors als auch in der Chartreuse wurden in der Folge weitere grosse Artifklettereien eröffnet. Das Massiv der Chartreuse zwischen Grenoble und Chambéry wird übrigens unter den Kletterern, die diese zahlreichen Klettergebiete besuchen, als der kleine Bruder des Vercors betrachtet. Die wunderbaren Wände des östlichen Teils der Chartreuse übten lange Zeit grosse Anziehungskraft auf zahlreiche Kletterer aus den verschiedensten Ländern aus: Zu ihnen gehörten die Amerikaner G. Hemming und S. Fulton, die bereits 1963 eine schöne Route an der Tête Nord der Rochers du Midi eröffneten. Wie die Chartreuse wird gewöhn-

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lich auch die Roche Courbe ( die allgemein Pelle genannt wird ) zum Vercors gezählt, auch wenn sie geografisch nicht mehr dazu gehört: Sie liegt weiter südlich in der Drôme und gehört zu einer Kette namens Les Trois Becs mit den Gipfeln Veyou, Signal und Rocher Courbe oder Pelle. Dazu kann man auch die Roche Rousse, die etwas gegen Süden verschoben liegt, rechnen. Die ganze Region verfügt über ein grossartiges Potential von modernen Routen, und die Erstbegeher waren in den letzten Jahren sehr aktiv.

Was die grossen Artifklettereien angeht, müssen weitere wichtige Erstbegehungen wie die Eclipse am Mont Aiguille ( 1973 eröffnet von F. Diaferia, F. Pelatan und P. Salomez ) sowie die 1974 in der Paroi Rouge d' Archiane von M. Berruex, M.Deville-Duch und R. Flematti eröffnete Les Grands Toits erwähnt werden.

Sport- und Wettkampfklettern

Alle genannten wichtigen Artilklettereien - die meisten verlangen sehr grosses Engagement - wurden kaum oder gar nicht wiederholt. Sie erfordern alle eine grundsolide Erfahrung in abenteuerlichem Gelände sowie im fantasievollen « Basteln »!

Den Vercors als Naturraum bewahren

Spricht man die Entwicklung des Kletterns im Vercors an, so berührt man einen heiklen Punkt! Das Vercors-Massiv, das bis vor wenigen Jahren im Zustand des Abenteuergeländes gelassen wurde, erlebt nämlich heute die klassische Konfrontation zwischen verschiedenen Einstellungen zum Klettern: Einrichten von oben oder von unten? Topos oder keine Topos? Darf die Absicherung von so pre-stigereichen Routen wie jener durch die Paroi Rouge verändert werden? Wenn ja, was wird aus diesem aussergewöhnlichen Naturraum, der erstaunlicherweise vom Strom der Kletterer aller Richtungen verschont blieb? Die Probleme und Fragen sind zwar nicht neu, doch sie zeigen zumindest, dass es Widerstände gibt und dass nicht alle Kletterer ihre Befriedigung finden in einer Übererschliessung, wie sie etwa an den Felsen von Presles stattfindet. Oft hört man zum Thema Absicherung:

« Die Routen müssen so abgesichert sein, dass jedermann sie klettern kann !» Die gegenwärtige Situation hat aber zur Folge, dass es immer weniger Möglichkeiten für jene gibt, die das abenteuerliche Gelände lieben, und immer mehr für die Masse jener Kletterer, von denen gewisse nur ein bisschen « Fun » suchen, um sich nach kurzer Zeit woanders-hin zu wenden. Angesichts der Umweltschädigun-gen kann man sich fragen, ob das Ideal einer Handvoll von rechtschaffenen Kletterern unvermeidlich den übertriebenen Bedürfnissen der grossen Masse zum Opfer fallen soll. Diese Überlegung betrifft in erster Linie die Erstbegeher selbst. Wieviele von ihnen kümmern sich nämlich um die Folgen der übertriebenen Absicherung? Weil das Potential für Neutouren immer kleiner wird, scheint leider ein ungebremstes Rennen stattzufinden. Es gewinnt derjenige, der am meisten macht und dessen « Geschäft am besten rentiert ». Die Erschliessung eines unberührten Kletterfelsens kann man heute mit jener eines Erdölvorkommens vergleichen! Natürlich sind die finanziellen Folgen nicht vergleichbar, doch die Haltung des Erschliessers einer Kletterroute ähnelt jener des profitgierigen Erdöl-suchers. Die Ausbeutung des Ortes wird sorgfältig geplant, um die Projekte eventueller Konkurrenten, die zwar zugleich Waffenbrüder sind, zu zerstören. Fauna oder Flora? Die Geschichte des Ortes? « Nach uns die Sintflut... » - dies scheint oft die einzige vernehmbare Antwort zu sein.

Hoffen wir, dass die Besonnenheit über den Opportunismus gewisser Erschliesser siegt. Wir müssen allerdings feststellen, dass Zweifel berechtigt sind, da das Kräfteverhältnis zu ungleich ist. Wieviel Kredit misst man heute noch Meinungen bei, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen? Nichtsdestoweniger kann man in der Alpingeschichte die immer wieder geäusserte Überzeugung feststellen - von Paul Preuss über Guido Lammer und Tita Piaz zu Samivel -, dass in den Bergen gewisse Demokratiebegriffe nicht anwendbar sind und die Diskussion dieser Frage seit langem überholt ist, da die Zeit jenen Männern, die man als Sektierer empfand, recht gab. Die Frage der Erschliessung in grossem Stil stellt sich heute nicht mehr: Es handelt sich vielmehr nur noch darum, einen Naturraum, der rasch zerstört wird, so klug wie möglich zu bewahren.

Die gegenwärtige Entwicklung

Abgesehen von ein paar kleinen Felsen und vom nördlichen Teil des Vercors, der hauptsächlich aus den Rochers de Presles besteht, hat das Gebiet als Ganzes glücklicherweise nur wenige Beeinträchtigungen erlitten. Das Abenteuergelände ist fast überall bewahrt geblieben, und jene, die Archiane in den sechziger Jahren kannten, werden sich auch

heute nicht fremd vorkommen. Das ist ein Luxus! Der Preis, den man für den Aufenthalt in dieser paradiesischen Ruhe bezahlen muss, besteht auch nicht automatisch darin, dass man im Grad 6b zehn Meter über einem verrosteten Haken klettern muss. Nein - die alten Linien wie der Pilier Livanos, die Voie du Levant oder die wunderbare Paroi Rouge sind mit Friends und Klemmkeilen leicht absicherbar, und der Fels ist von durchaus akzeptabler Qualität. Die Stände der Paroi Rouge wurden kürzlich mit 10-mm-Bohrhaken versehen. Damit wird die Begehung dieser in ihrer Art einmaligen Wand um einiges sicherer. Trotzdem trägt man im Rucksack besser noch ein paar zusätzliche Haken mit! Die neuen Routen sind im allgemeinen sehr schön und durchgehend eingerichtet. Dies gilt für die f 992 von F. Derobert und P. Matillon eröffnete Pluie en Août. Die Route ( 6b obl ., frei 7b ), die sich links von La Révélation befindet, führt über einen attraktiven Pfeiler aus ausgezeichnetem Fels. Sie wurde mit der Hilfe von Fixseilen eingerichtet, was für eine Wand dieser Grösse natürlich diskutabel ist. Eine ausgezeichnete Note verdient auch die schon superklassi-sche Route Fruits de la Patience am Pestel d' Archiane: « Verdon»-Fels, 300 Höhenmeter sehr steile Kletterei, Schwierigkeit 6b obl. ( was m. E. etwas überbewertet ist ). Der Abstieg erfolgt mittels Abseilen. Die 1991 eingerichtete Route ist das Werk von Laurent Valeur und Fabrice Apère. Immer noch in Archiane wurde die Route L' Equation, die die Gebrüder Remy 1978 von unten eröffneten, neu eingerichtet und verändert. Sie ist vom Einstieg bis zum Gipfel über 400 Meter lang. Einige neue oder neu abgesicherte Routen gibt es auch an den Aiguilles de Bénevise.

Weiter nördlich findet die Geschichte des Mont Aiguille ihre Fortsetzung mit Etats d' Ame am Rand des Felssturzes in der Nähe des Nordostpfeilers -eine 1993 von A. Rebreyrend eröffnete Route mit Ambiance.

Im südlichen Vercors findet man an der Glan-dasse-Wand zwei sehr schwierige Routen: Cosa Nostra und In Extrémiste, beide unmittelbar links des Pfeilers Leprince-Ringuet; Schwierigkeiten 7a obl ., frei 8a, und das über 400 Höhenmeter. Es scheint, dass In Extrémiste die alte Route Pentecôte von 1963 kreuzt und Gegenstand einer lebhaften Auseinandersetzung ist, da bei ihrer Erstbegehung in einer Passage der alten Route die Haken entfernt wurden. In der Tat wurde die betreffende Stelle wieder mit Bohrhaken eingerichtet; sie verlangt nun aber die Beherrschung von Schwierigkeiten, die nichts mit der Originalroute zu tun haben! In den Ver-cors-Tälern zirkulieren Gerüchte, dass gewisse schäbige Plättchen abgeschraubt werden. In der Zwischenzeit bleibt der Leprince-Ringuet-Pfeiler der am meisten begangene Glandasse-Klassiker.

01 a.

Die südliche Begrenzung des Vercors wird von der Glandasse-Kette gebildet; auf der Aufnahme der Sektor Valcroissant.

Sport- und Wettkampfklettern

Zusammen mit dem Mont Aiguille spielen die Deux Sœurs eine massgebliche Rolle in der Geschichte der Vercors-Kletterei; links im Bild Agathe, rechts Sophie.

Die Chartreuse und die Pelle

Das Chartreuse-Massiv steht nicht nach: 1995 eröffnete Guy Rochas von oben Sans Peur et sans Reproche am Aup du Seuil. Die Route neben der Paroi Jaune ( Grand Manti ) bietet zehn vollständig eingerichtete Seillängen im Grad 7a+ obl ., frei 8a. In der Dröme profitiert zur Zeit die Pelle von der grössten Erneuerung. Ich spreche in diesem Zusammenhang bewusst von « profitieren », da die Wand bis jetzt nur wenige Routen und darunter nur einen Klassiker verzeichnete. Die kürzlich eröffneten Neutouren gereichen ihr überhaupt nicht zum Nachteil. Das Angebot: Les Fruits du Soleil ( 6b/c obl .), eine anspruchsvolle, vollständig eingerichtete Kletterei. Parfum d' Opale ( 6a obl ., manchmal etwas anstrengendder Silex1, die Spezialität dieser Wand, wird jedem Kletterer lange in Erinnerung bleiben! Dann der Pilier des Coccinelles ( 6a/b obl .), eine sehr schöne und luftige Linie; die Voie de la Résistance ( 6b obl .), vielleicht angesichts ihrer Lage mitten in der Wand der schönste Anstieg. Man sollte auch nicht zögern, der sehr klassischen Voie des Parisiens einen Besuch abzustatten: Sie ist die historische Route des Ortes und hat trotz ihres Alters keine Falten gekriegt! Die Routen an der Pelle haben eine Höhe von 200 bis 250 m und wurden alle durch Denis Benoît, Philippe Théolier und Pascal Moreau von unten eingerichtet. Sie sind insgesamt gut bis sehr gut abgesichert. Für die klassische Route nimmt man einen Satz Klemmkeile mit.

1 Silex ( auch Feuerstein genannt ) ist feinstkristalliner Quarz ( Siliciumdioxid ), der sich vielfach in Knollen, manchmal in eigentlichen zusammenhängenden Knollenserien, entlang von Schichtflächen anlagert. Infolge der Härte verwittern die Silexknolien weniger rasch und ragen deshalb etwas aus dem umgebenden Gestein heraus. ( Die Red. ) Aus dem Französischen übersetzt von Christine Kopp, Bürglen Der Mont Aiguille von Nordwesten

In den letzten Jahren wohnt man einem « Revival » an vielen Wänden bei, an denen sich die Anfänge der Vercors-Kletterei abspielten. Es besteht kein Zweifel, dass Sektoren wie die Tours du Playnet, Archiane, Glandasse oder Les Trois Becs das Reservoir für die künftigen Neutouren bilden. Die einzige nicht zu vernachlässigende Besorgnis ist, dass auf Biegen und Brechen sterile, « schlüsselfer-tige » Routen produziert werden! Mögen die Erschliesser die historische Entwicklung der Kletterei bedenken, ein wenig länger beim Warum und Wie verweilen und dementsprechend handeln.

Schränkt man das Abenteuergelände ein, so richtet man auch das Wertvollste in uns zugrunde: die Träume, die Fantasie, das Gefühl der Entdeckung. Deshalb muss die Möglichkeit, sich vom ausgetretenen, abgesicherten Pfad zu entfernen, auch weiterhin für jene, die sie brauchen, bestehen.

»port und /ettkampf klettern

Arrampicata libera di competizione

Escalade libre / Competition

.a difesa dell'ambiente

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»rotection

le la montagne

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