Gallo-Nordwestkante

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hans Bernhard

Mit 5 Bildern ( 68—72Chur ) Zahlreich sind die berühmten Nord- und Nordwestkanten in der Bondasca: Badile, Gemelli, Cengalo, Punta Pioda und Sciora di fuori. Sie locken den Kletterer schon beim Aufstieg zur Sciorahütte, und die Zahl ihrer Besteiger nimmt von Jahr zu Jahr zu. Bei dieser grossen Auslese ist es verständlich, dass die mehr abseits gelegenen Kanten und Grate im Bergeil bis heute fast unbekannt blieben.

Durch einen Eintrag im Sciorahüttenbuch wurde mein Interesse für die Gallo-Nordwestkante geweckt. Zwei Bergsteiger aus Garmisch, Willi Weippert und Karl Simon, hatten diesen abgelegenen, wilden Grat entdeckt und bereits im Jahre 1936 in zweitägigem schwerem Ringen erstmals bezwungen. Die Routenbeschreibung wurde nach gelungener Fahrt kurz und nüchtern in das Hüttenbuch der Sciorahütte eingetragen. Immerhin Schloss ich aus der Bemerkung « Äusserst schwierige, sehr luftige Kletterei » sowie aus der Dauer von zwei Tagen, dass es sich dabei um eine ausserordentliche Kletterfahrt handeln müsse, welche den übrigen Bondascakanten nicht nachsteht; denn ich hatte diese zwei « Wetterstein- und Kaiser-Spezialisten » einige Jahre vorher zufälligerweise an der Badile-Nordkante kennengelernt und wusste, dass für diese der Begriff « äusserst schwierig » ziemlich hochgeschraubt war. Meine Erwartungen sollten denn auch nicht enttäuscht werden.

Auf der Fahrt von Promontogno nach Vicosoprano, wo die Nordwestkante des Gallo am besten sichtbar ist und sich steil und gezackt wie der Rücken eines vorsintflutlichen Reptils zwischen dem dunkeln Frachicciocouloir und dem hellen Verginecouloir emporbäumt, hatte ich schon vor Jahren den Entschluss gefasst, diese schöne Kante anzugehen. Zufolge des Aktivdienstes kam ich jedoch erst im Jahre 1944 dazu. Nach zwei wunderschönen Biwaks ( eines am Einstieg und das zweite in halber Höhe der Kante ) mussten mein Kamerad Ruedi Pfisterer und ich jedoch zufolge eines « Verhauers », der in glatter Wand endigte und wertvolle Stunden kostete, den Rückzug antreten; denn so schön diese Biwaks auch waren, auf ein drittes wollten wir uns doch lieber nicht mehr einlassen! Nach vielstündigem Abseilen erreichten wir bei einbrechender Dunkelheit ziemlich abgekämpft unseren ersten Biwakplatz am Einstieg, den wir vor genau sechsunddreissig Stunden verlassen hatten.

Zwei Jahre später stand ich wieder am Einstieg zur Gallo-Nordwestkante. Mein Begleiter war diesmal Walter Mathis, den meine begeisterte Schilderung dieser imposanten Kletterfahrt von La Chaux-de-Fonds bis hierher gelockt hatte.

Diesmal hatte ich auf den mühsamen Aufstieg direkt von Vicosoprano hinauf und auf das dadurch bedingte Vorbiwak am Einstieg verzichtet und diesen von der Albignahütte aus über den Passo Val della Neve erreicht. Das Wetter war drückend und schwül, so dass wir am Einstieg länger als nötig an der unterwegs erstandenen Wurst kauten. Immer wieder betrachteten wir die schwarzen Wolkenbänke, welche sich von Westen her dräuend über das Bergell schoben. Erst vor wenigen Tagen hatte ich anlässlich eines in der Drusenfluh-Südwand glücklich überlebten Hochgewitters geschworen, nur noch bei ganz sicherem Wetter schwere Touren anzugehen. Schliesslich gab aber der Umstand, dass mein Kamerad in drei Tagen bereits wieder an seinem Arbeitsplatz sein musste, doch den Ausschlag, so dass wir endlich um 9 Uhr, wenn auch mit etwas gemischten Gefühlen, einstiegen.

Anfänglich kommen wir, uns immer etwas links vom Grat haltend, flott vorwärts. Doch allmählich wird die Angelegenheit immer plattiger und steiler, so dass nur noch die sich gegen den grossen Gratgendarm hinaufziehenden Risse und Kamine ein Fortkommen ermöglichen. In diesen sind wir nun für längere Zeit geborgen wie in Abrahams Schoss.

Das Umsteigen von einem Kamin in das nächste erfordert erstmals zwei Sicherungshaken. Dann verschwinden wir wieder für zwei volle Seillängen einige Meter tief im Plattenpanzer des Berges. Knapp unterhalb des grossen Gendarms kommen wir wieder zum Vorschein. Ein kurzer Quergang nach rechts, und wir haben die kleine Gratscharte erreicht, in welcher die Erstersteiger einen Steinmann errichteten.

Das Wetter hat sich inzwischen etwas gebessert, und nun sticht die Sonne durch das Gewölk. Ein wenig gutes Zeichen, welches zudem bewirkt, uns noch fauler zu machen, als wir es an diesem schwülen Tage ohnehin schon sind. An einem Felszacken gesichert strecken wir uns aus und erwachen leider erst nach mehr als einer Stunde aus unserem unfreiwilligen Mittagsschläfchen. Rasch drücken wir einige getrocknete Bananen durch unsere mindestens ebenso ausgetrockneten Kehlen hinunter, und ich nehme die nächste Seillänge in Angriff. Diese führt unterhalb des grossen Gendarms einige Meter in die Südseite hinaus, wo sich eine plattige Verschneidung steil hinaufzieht. Diese wird durch ein ausserordentlich luftiges Manöver erreicht: man ersteigt einen aus der Wand abstehenden Felsobelisk, von dessen Spitze aus man durch einen heikein Spreizschritt die anfänglich fast grifflose Verschneidung von rechts her gewinnt. Diese vermittelt den Aufstieg zu einer bequemen Rampe, von welcher sich ein Kamin senkrecht bis auf den Grat hinaufzieht. Dieses ist wie mit dem Käsemesser abgeschnitten und erinnert stark an das Stemmkamin am Gipfelblock des Turmes II am Salbitschyn. Da dieses hier jedoch wesentlich mühsamer und auch höher ist und ich es vom letzten Sommer her noch in schlechter Erinnerung habe, lasse ich diesmal gerne meinem Kameraden den Vortritt. Mit Hilfe von zwei Standhaken, welche wir letztes Mal stecken liessen, bringt er diesen « Krampf » verhältnismässig rasch hinter sich. Nachdem der kleine Rucksack im grösseren verschwunden und aufgeseilt ist, bin auch ich bald auf dem Grat. Vor uns türmt sich der grosse Gendarm senkrecht empor. Dass es an dessen Nordwestkante nichts zu suchen gibt, ist mir in guter Erinnerung. Ein heikler Quergang auf der Südseite bringt mich wiederum in eine steile Verschneidung, welche nach einer weiteren Seillänge in die Gratscharte hinter dem grossen Gendarm führt. Dies ist der Biwakplatz der Erstbegeher, welchen auch wir bei unserem letzten Versuch benützt hatten. Trotzdem es erst 18 Uhr ist, lassen wir uns hier häuslich nieder; denn wir wissen nicht, wie es weiter oben mit den Biwakmöglichkeiten steht. Ausserdem ist dieser Platz so wildromantisch, dass es geradezu schade wäre, dieses von der Natur vorbereitete Biwakplätzchen zu verpassen: die Scharte wird von einer horizontalen Granitplatte gebildet, welche genügend Raum bietet, dass sich zwei Personen ausstrecken können. Gegen Südosten baut sich der weitere Gratverlauf in riesigen Steilaufschwüngen gegen den Gipfel des Gallo auf, gegen Nordwesten reckt sich der grosse Gendarm wie eine zackige Flamme empor. Auf der einen Seite fällt die Wand mehrere hundert Meter senkrecht gegen das Frachiccio-couloir ab, und auch auf der anderen Seite dauert es längere Zeit, bis man eine leere Konservenbüchse aufschlagen hört. Noch nie lag ich auf einem so wuchtigen Biwakplatz!

Um uns vor nächtlichen Abstürzen und auch vor der Zugluft zu bewahren, bauen wir das kleine Mäuerchen rings um unser Lager noch etwas besser aus. Die « Schlaraffia»-Matratze ersetzen wir durch unsere zwei 40-m-Seile, welche wir schön auf den Boden ringeln. Doch vorerst benützen wir sie noch, um unser Eisenzeug etwas weiter oben auf dem Grat in eine Felsspalte zu verstauen; denn der immer noch anhaltende schwüle Westwind lässt mit einem Hochgewitter rechnen.

Unser 1.August-Diner muss leider vollständig trocken hinuntergewürgt werden, da wir am Morgen der Ansicht waren, dass wir ohnehin nicht so viel Flüssigkeit mitzuschleppen in der Lage wären, als wir zu trinken das Bedürfnis hätten. Auch die hell lodernden Augustfeuer tief unten im Bergeil lenken unsere Aufmerksamkeit nicht gänzlich von unseren durstigen Kehlen ab, so dass wir schliesslich mit ausgetrocknetem Gaumen in unseren Zeltsack kriechen. Trotzdem schlafen wir leidlich gut. So gut, dass nicht nur ich persönlich, sondern auch meine sämtlichen Gliedmassen einschlafen; denn einer musste zufolge des beschränkten Raumes dauernd hochkant liegen, und der war ich.

Beim Morgengrauen zeigt sich, dass sich das Wetter doch zum Guten gewendet zu haben scheint. Das gibt uns den nötigen Auftrieb, so dass uns die aufgehende Sonne bereits an der Arbeit sieht. Schon nach einer Seillänge erblicken wir die Stelle, an welcher ich letztes Mal umkehrte. Auch diesmal wieder scheint mir das Band von hier aus besehen gangbar. Doch ich weiss noch gut genug, dass sich dieses um die Ecke diskret in glatter Plattenflucht verliert. Ich hatte fast Blut geschwitzt, bis ich diese ungemütlichen 40 Meter wieder zu meinem Kameraden zurück gestiegen war. Somit lasse ich mich diesmal mit diesem trügerischen Band nicht näher ein und seile mich gleich zu Beginn auf eine einige Meter tiefer gelegene Steilrampe ab. Auch hier wird mir die folgende Seillänge nicht geschenkt. Doch mit Untergriffen und allerlei anderen Kunstkniffen erkämpfe ich schliesslich doch eine kleine Terrasse, von welcher aus ein Weiterkommen möglich scheint. Der zweite kommt nach und sichert mich durch einen Haken; doch die sich hier steil hinaufziehende Verschneidung trügt: schon nach wenigen Metern drängt sie meinen Körper so stark hinaus, dass mir trotz des Risses, in welchen ich meine rechte Hand verkeilen kann, ungemütlich wird. Sicherungshaken lassen sich hier beim besten Willen nicht eintreiben. Ich gehe nochmals zurück. Doch nachdem mein Gefährte oberhalb seines Standplatzes noch einen weiteren Haken placiert hat, durch welchen wir das zweite Seil laufen lassen, bringe ich die 30 Meter lange Verschneidung glücklich hinter mich. Von hier aus kann ich nun meinen letztjährigen Quergang gut übersehen und bin froh, diesen damals nicht weiter forciert zu haben; denn der Weiterweg wäre je länger je unmöglicher geworden.

Durch Risse arbeiten wir uns nun wieder zu der Gratkante hinauf. Ihre Schärfe und Ausgesetztheit lässt nichts zu wünschen übrig und überbietet selbst den Gipfelaufbau der Punta Rasica. Um keine Hemmungen zu kriegen, nehme ich sie gleich in Angriff. Die Luftigkeit ist jedoch ganz ausserordentlich, und anfänglich getraue ich mich kaum, die dünne Granitplatte zwischen meine Knie zu nehmen; denn eine Möglichkeit für Sicherungshaken gibt es nicht, und auf beiden Seiten gähnt die Leere. Doch auch diese Stelle ist nicht so schlimm, wie sie aussieht, und schon nach einer knappen Seillänge erreiche ich eine Scharte, von welcher aus ich den Seilgefährten nachnehmen kann.

Nun folgen wieder einige glatte und steile Grattürme, welche über Leisten und Risse ohne grosse Schwierigkeiten an ihrer linken Seite umgangen werden. Doch der Gipfelaufbau setzt unserer Zuversicht auf einen baldigen Hüttentee wieder einen kräftigen Dämpfer auf: ein senkrechter Riss scheint den Aufstieg über den letzten Steilaufschwung zu vermitteln. Hoch oben winken zwei Holzkeile der Erstbegeher, welche nichts Gutes ahnen lassen. Noch weiter oben hängen lose Blöcke im Riss, von welchen es in der Routenbeschreibung heisst, diese seien in gefährlicher Kletterei zu überwinden. Da mir diese Bemerkung eher unsympathisch ist, suche ich nach einer anderen Lösung: einige Meter rechts dieses Risses öffnet sich ein schmales Kamin, so schmal, dass ich kaum ernstlich an die Möglichkeit glaube, mich durch dieses emporarbeiten zu können; doch einen Versuch ist diese verlockende Möglichkeit immerhin wert. Ich muss Bluse, Schlosserei und Seilschlingen ablegen und ausserdem meinen Brustkasten einziehen, um mich in das Kamin hineinzuzwängen. Sobald ich einatme, bin ich schon zu dick und bleibe stecken. So krampfe ich mich mit voll ausgeatmeter Lunge immer ein Stückchen aufwärts zwischen den glatten Wänden empor, was ausserordentlich mühsam ist. Es hat jedoch den einen Vorteil, dass ich bloss einzuatmen brauche, um mich zu verkeilen, so dass Hände und Füsse unbenutzt herunterbaumeln und sich wieder ausruhen können. Das Kamin geht durch den ganzen Gipfelaufbau hindurch, und von der anderen Seite grüsst der stolze Piz Badile in mein Verliess. Mein wartender Gefährte hat aber in seiner einbeinigen Situation kein Verständnis für solche Naturbetrachtungen, um so mehr er ja nichts davon sieht und sich bereits über « Genickstarre » beklagt. So arbeite ich mich mühsam höher und erreiche keuchend das Ende dieses eigenartigen Kamins. Hier sind die Schwierigkeiten zu Ende, so dass ich den Nachkommenden gut gesichert über den Riss aufsteigen lassen kann. Bei dieser Gelegenheit befördert er einige der « Losen Gesellen » in die Tiefe, um für spätere Seilschaften den Aufstieg weniger gefährlich zu gestalten; denn das von mir benützte Kamin lässt sich wohl nur von wenigen ganz schlanken Kletterern bezwingen.

Über leichte Felsstufen erreichen wir bald den berühmten gespaltenen Gipfelblock des Gallo. Ausgedörrt und abgekämpft, wie wir sind, verzichten wir für dieses Mal auf dessen nicht ganz leichte Besteigung und machen uns gleich an den Abstieg; denn es ist schon wieder später Nachmittag, und wir möchten die Albignahütte noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.

Ohne Zeit mit Abseilen zu verlieren, erreichen wir über den Normalaufstieg in freiem Klettern bald den Einstieg und stürmen von da zum Passo Val della Neve hinunter, wo sich unsere vor zwei Tagen zurückgelassenen Schuhe vorfinden sollten; doch offenbar hatten wir diese zu gut oder zu schlecht versteckt, so dass wir fast die Hoffnung aufgeben wollen, diese noch heute abend zu finden; denn hier im grobklotzigen Geröll sieht ein Granitblock dem anderen ähnlich. Mit systematischem Absuchen nach Lawinenreglement kommen die Gesuchten schlussendlich doch noch zum Vorschein, so dass wir den weiteren Abstieg zur Albignahütte nun mit den « Genagelten » unter die Füsse nehmen können.

Gemächlich wandern wir bergab und lassen das Erlebnis der letzten Tage langsam abklingen. Zurück bleibt eine tiefe Befriedigung über eine glücklich vollendete und grossartige Bergfahrt, an welche wir nach unserer Rückkehr ins Alltagsgetriebe noch lange mit Freude und neuer Sehnsucht denken werden.

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