Gebirgsbilder

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Max Oechslin

In dieser Nummer unserer Zeitschrift findet der Beschauer zwei Gebirgsbilder: ein Gemälde von Fred Scheuner, « Engelhörner », und einen Ausschnitt aus der Zeichnung- von Xaver Imfeid, « Mont-Blanc-Panorama ». Es sind zwei Gegensätze. Fred Scheuner, der tagsüber seiner kaufmännisch gerichteten Berufsarbeit nachgeht, benützt seine Freizeit zum Wandern und Bergsteigen, wobei er nie ohne Skizzenbuch und Bleistift, Leinwand und Palette auszieht, um Landschaft und Berge so festzuhalten, wie er sie sieht und erlebt. Die Felszacken und Bastionen der Engelhörner werden gleichfalls zu Engelsgestalten, deren Singen aus den Felsen orgelt, und über denen die Wolken Engeln gleich dahinschweben und vor denen die schwarzen Felsbuckel zu zusammengeduckten staunenden und zagenden Menschengestalten werden. Scheuner sieht den Berg nicht wie durch einen Photokasten mit Farbenfilm, sondern visionär, erlebend. Ganz anders hielt Xaver Imfeid, der Vermessungsingenieur und Topograph, die Bergwelt fest. Mit einer kunstvollen Präzision erfasst er mit dem Stift die Bergriesen, die Gipfel und Türme, die Flanken und Grate, baut das Massiv auf, als gelte es die Tektonik dieser Erdgestalten festzuhalten. Er zeichnet ein Dokument, schaut durch das Photoobjektiv, lässt aber alles weg, was bei der Reduktion des gewaltigen Naturbildes für das Auge verschwindet. Er sucht den Aspekt des Berges wiederzugeben und uns die vor uns gestellte Bergwelt als Wirklichkeit sehen zu lassen, damit wir sie im Bilde selber erleben. Imfeid ist der Zeichner, der berufsmässig mit ganzer Genauigkeit die Berge so darzustellen sucht, in Schwarzweiss, wie sie vor ihm stehen, ohne die eigenen Gefühle, die angesichts dieser Riesenwelt in ihm geweckt werden, mit hineinzulegen. Will Scheuner mit seinem Gemälde nicht eine « Kopie der Natur » uns geben, sondern sein Erleben notieren und sagen « so sah ich die Engelhörner », so will Imfeid mit seiner Zeichnung dagegen ein möglichst genaues Abbild der Berglandschaft Mont Blanc vor unsere Augen setzen, damit wir es sehen und erleben.

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