Gefährliche Pilze

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VON JEAN DIVORNE, LAUSANNE

Mit 1 Tafel und 6 Bildern ( 108-113J Der Berg ist nicht nur eine Welt aus Stein und ewigem Schnee, wo fast jedes Leben unmöglich ist. In seiner unteren Zone ist er auch eine Region grossen Überflusses, wo uns die freigebige Natur eine unvergleichliche Auswahl an Tieren und Pflanzen vor Augen führt. Man muss sie nur zu entdecken wissen.

Der eigentliche Alpinist ist, wenn er diesen Namen verdient, ebensosehr Naturforscher. Er sieht in der Bergregion nicht allein seinen bergsteigerischen Tummelplatz; sie ist sein Forschungsgebiet und ein Ort der Erhebung.

Ein einfaches Streifen durchs Gehölz, wie die langweiligste Querung eines Geröllfeldes, kann durch den glücklichen Fund eines schönen Minerals oder einer seltenen Pflanze zur Bereicherung werden. Der wahre Alpinist wird, wenn er eine schwierige Besteigung unternimmt, vom Gipfel mehr als einen anspruchsvollen materiellen Sieg heimbringen, weil sein Geist sich über den Gipfel erhob.

Indem er uns in die Natur hineinführt, öffnet uns der Alpinismus eine neue Welt, die - oft weit entfernt von übertriebener Akrobatik - eine innere Genugtuung einbringt. An dieser Welt haben die Pilze einen wesentlichen Anteil.

Soweit man die schriftliche Überlieferung der Menschheit zurückverfolgt, sind die Pilze in den Chroniken aufgeführt, und im Bereich der Naturwissenschaft nehmen sie einen sichtbaren Platz ein; aber sie sind für sich behandelt, da man die Mykologie gern von der allgemeinen Botanik trennt. Ich habe das Spezialgebiet der Giftpilze als Thema für meine Dissertation gewählt; denn die in die Tausende gehenden ungefährlichen Arten der europäischen Pilzflora zu behandeln, wäre ein aussichtsloses Unternehmen gewesen.

Viele Leute haben ein falsches Vorurteil gegen Pilze; wenn sie nur davon reden hören, erfasst sie schon das Angstgefühl vor einer Vergiftung. Diesem Mythus muss entschieden zu Leibe gerückt werden; denn in Wahrheit beschränken sich die Giftpilze auf etwa fünfzehn Arten, wovon drei allgemein tödlich wirken. Daher soll, wer Amateur auf diesem grossen Gebiet ist, seine ganze Sorgfalt dem Studium der schädlichen Arten widmen. Wenn er diese einmal kennt, ist wenig oder gar keine Vergiftungsgefahr mehr vorhanden, da er beim Sammeln jeden verdächtigen Pilz meidet.

Noch etwas Wichtiges ist zu sagen: es gibt kein Erfahrungsmittel, um festzustellen, ob ein Pilz gut oder ungeniessbar sei. Wenn sein Fleisch beim Anschneiden die Farbe wechselt, ist das kein Beweis für seine Giftigkeit, sowenig wie der Silberlöffel, welcher schwarz wird, wenn er mit den Pilzen zusammen gekocht wird. Umgekehrt ist eine an einem Pilz haftende Schnecke keine Garantie für seine Essbarkeit. Das Nervensystem dieser niederen Tiere ist von unserem sehr verschieden, und die dem Menschen gefährlichsten Pilze sind für sie ungiftig.

Das einzige Mittel, um sich gegen Unfälle durch Giftpilze zu sichern, ist, ihre botanischen Merkmale gründlich kennenzulernen. Es ist eine kleine Anstrengung, die sich lohnt und die jeder, der sich für Pilze interessiert, auf sich nehmen muss.

Es gibt drei tödlich wirkende Pilze. Ohne speziellen Geruch, angenehm fürs Auge, gut geformt, merkwürdig anziehend! Das macht sie so gefährlich. Was die Viper im Fels, das sind sie - in noch schlimmerem Masse - im Wald. Sie heissen: Grüner Scheiden-Knollenblätterpilz ( Amanita phalloides ) ( Fig. 1 ), Flachhütiger weisser Knollenblätterpilz ( Amanita verna ) und Spitzhütiger Knollenblätterpilz ( Amanita virosa ).

Diese drei furchtbaren Pilzkreaturen finden sich in Laub- und Nadelwäldern der Hochebene und der Voralpen, vom Frühjahr bis in den Herbst. Teuflisch, wie sie sind, stehen sie manchmal mitten unter den essbaren Pilzen. Jedes Jahr verursachen die Amaniten in der Schweiz den Tod mehrerer Personen. Es sind Unvorsichtige, die sich ihrer Sache sicher glauben und es nicht für nötig halten, sich die Kenntnis einiger elementarer morphologischer Merkmale anzueignen. Sie glauben an die erwähnten mittelalterlichen Praktiken und fühlen sich nicht verpflichtet, ihr Sammelgut einer zuständigen Person vorzuweisen.

Die drei Pilzarten weisen deutliche Merkmale auf: der Pilz ist am Stielgrunde, oft im Moos versteckt, von einer Scheide umgeben; am obersten Viertel ist der Stiel von einem herabhängenden häutigen Ring umgeben. Der Hut ist beim grünen Scheiden-Knollenblätterpilz olivgrün. Die beiden andern, unter sich fast identischen Arten sind ganz weiss. Ausgewachsen, werden diese Kryptogamen 15 cm hoch mit einem Durchmesser von etwa 10 cm.

Diese Pilze enthalten ausserordentlich giftige Substanzen, wovon eine, das Phallin, als heftigstes Gift, das existiert, betrachtet werden muss, sowohl wegen der irreparablen Schäden, die es im Organismus verursacht, als auch, weil es in kleinsten Mengen zum Tode führt. Die chemische Natur des Phallins ( Hexapeptid ) und seine unheimliche Wirkung lassen vermuten, dass diese Substanz ein Mittelding zwischen Mikrobengift und Alkaloid ist.

Diese ziemlich ungeklärte Situation im chemischen wie im physiologischen Bereich macht das Problem der Gegengifte zur Behandlung eines Patienten, der Pilze einer dieser gefährlichen Arten gegessen hat, besonders schwierig. Stellen wir uns vor, dass ein einziger dieser Pilze, der unglücklicherweise in ein Pilzgericht hineingeraten ist, eine ganze Familie, die an der Mahlzeit teilnimmt, vergiften kann. Auch bei ärztlicher Behandlung verlaufen 52 % der Knollenblätterpilzvergiftungen tödlich. Für die ärztliche Hilfe ist der Umstand, dass die Vergiftungssymptome erst 8 bis 12 oder sogar bis 24 Stunden nach der verhängnisvollen Mahlzeit auftreten, ausserordentlich erschwerend: die Pilze sind vollständig verdaut, die Giftstoffe sind ins Blut übergegangen.

Die ersten Anzeichen einer Vergiftung durch Amaniten äussern sich in heftigen Unterleibsschmerzen, Erbrechen und blutigem Stuhlgang; dann folgt ein Zustand völliger Entkräftung mit Angstgefühlen, wobei der Geist völlig klar bleibt. Trügerische Perioden der Beruhigung wechseln mit neuen Krisen ab; aber leider bedeuten die ruhigen Phasen keine Besserung; sie leiten oft den fatalen Ausgang ein, der nach 5 bis 30 Tagen Leidenszeit zum Tode führt. Eine eventuelle Heilung braucht lange Zeit und lässt oft Organschäden zurück.

Die Therapie ist ausschliesslich Sache des Arztes: acht Stunden nach der Mahlzeit ist eine Magenentleerung nutzlos; dazu würden Brechmittel den depressiven Zustand des Kranken verstärken. Hingegen sind salzhaltige Abführmittel zu empfehlen. Gegen die physiologischen Störungen, bei welchen die Erscheinungen von Mineralverlust eine entscheidende Rolle spielen, wird der Arzt physiologisches Traubenzuckerserum und Cortison verabreichen. Man wird versuchen, Organschäden, besonders solchen der Leber, mit Methioninpräparaten entgegenzuwirken. Der Allgemeinzustand des Kranken wird mit den gebräuchlichen Tonika, ausgenommen Alkohol, unterstützt. Die Schmerzen werden mit starken Analgenen gestillt.

Es gibt neuerdings ein im Pasteurinstitut in Paris entwickeltes Serum, welches - möglichst rasch nach Erscheinen der ersten Symptome verabreicht - Erfolge zeitigt.

Die Ähnlichkeit der tödlichen Amaniten mit manchen essbaren Pilzen kann zu tragischen Verwechslungen führen. So kann der grüne Scheiden-Knollenblätterpilz auf den ersten Blick mit dem Bitteren Ritterling ( Tricholoma sejunctum ) und mit dem grünen Täubling ( Russula ) verwechselt werden. Ebenso haben die weissen Knollenblätterpilze Ähnlichkeit mit einer in Wäldern vorkommenden Varietät des Champignons ( Agaricus ) ( Fig. 5 ). Eine solche Verwechslung konnte ich im Sommer 1959 feststellen, als mir ein Pilzsammler seine Champignonernte vorwies, in der sich zwei ahnungslos mitgepflückte giftige Knollenblätterpilze befanden! Eine Entdeckung, die mich schaudern machte. Ein ähnlicher Fall ist im Oktober 1960 auf dem Markt in Freiburg passiert; aber die offizielle Kontrolle schied die gefährlichen Exemplare sofort aus.

Als weitere nicht empfehlenswerte Vertreter der Pilzflora sind noch ein paar harmlos aussehende Burschen zu nennen, denen mit gutem Grund misstraut werden muss.

Dazu gehören: der Fliegenpilz ( Amanita muscaria ) ( Fig.2 ) und der Pantherwulstling ( Amanita pantherina ) ( Fig. 3 ). Diese beiden Pilze sind in den Bergen viel verbreiteter als die vorgenannten Arten. Jeder Bergsteiger wird schon das reichliche Vorkommen des Fliegenpilzes in den Wäldern der Voralpen festgestellt haben, wo er gern in Gesellschaft von Röhrlingen ( Boletus ) auftritt. Es ist kaum nötig, diesen Pilz zu beschreiben. Sein Bild ist uns von Jugend auf vertraut aus Märchen-bilderbüchern. Der Pantherwulstling ist weniger bekannt. Sein Hut, am Rand gestreift, variiert von bräunlichgrau bis braun oder gelbbraun und ist wie der Fliegenpilz mit weissen Warzen bedeckt, den Überresten der Hülle, die den ganzen Pilz umgibt, bis er aus dem Boden dringt. Diese Reste können durch starke Regenfälle ganz verschwinden. Der ziemlich dünne Stiel, auch mit einem Ring versehen, ist am Grunde kugelig.

Nicht so gefährlich wie der grüne Scheiden-Knollenblätterpilz, führen diese beiden Pilzarten doch zu heftigen Vergiftungen mit Magen-, Darm- und Nervenstörungen, die bis zu Halluzinationen führen. Die Symptome treten 2-4 Stunden nach dem Pilzgenuss auf und sind ähnlich wie bei einer Vergiftung durch die Tollkirsche ( Atropa Belladonna ).

Die Giftigkeit des Fliegenpilzes variiert von einer Gegend zur andern. So ist der Gehalt an aktivem Giftstoif ( Myceto-Atropin ) im Süden viel schwächer als in nördlichen Gegenden. Die Italiener, zum Beispiel, essen den Pilz, nachdem sie ihn geschält und abgebrüht haben. Von diesem Verfahren ist in der Schweiz abzuraten. Südliche Saisonarbeiter haben das bei uns mehrfach zu ihrem Schaden erfahren! Der Genuss von Fliegenpilzen erzeugt einen Rauschzustand mit einem Hang zur Pyromanie Ein solcher Fall soll im Waadtland beobachtet worden sein, wo ein Italiener trotz der Warnung seines Arbeitgebers solche Pilze ass. Ein paar Stunden später fand der Meister seinen Knecht im Heuschober, wo er stolpernden Schrittes einen zügellosen Tanz um ein eben entfachtes Feuer aufführte. Am andern Tag erinnerte sich der Arbeiter an nichts mehr. In Sibirien geniesst man den Fliegenpilz bei Festen; er ersetzt in seiner Wirkung den Alkohol!

Es gibt andere gefährliche Pilzarten, die zum Glück ziemlich selten sind und klein, so dass sie die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen. Ich denke an die Risspilze ( Fig. 6 ), insbesondere an den ziegelroten Risspilz ( Inocybe Patouillardi ) und an die weissen Trichterlinge ( Clitocybe rivulosa und Varietäten ). Alle diese Pilze enthalten einen Amino-Alkohol von gefürchteter Wirkung, das Muskarin. Charakteristisch für die Vergiftung mit dieser Substanz sind krankhafte Sekre-tionserscheinungen: übertriebener Schweiss und Speichelfluss, Tränen- und Nasenfluss usw. Die Pupille ist verengt, der Puls verlangsamt. Die Vergiftung zeigt sich sehr bald nach dem Pilzgenuss. Radikales Gegenmittel: Atropinsulfat.

Der Satanspilz {Boletus satanas ), der Riesenrötling ( Entoloma lividum ), der Tiger-Ritterling ( Tricholoma tigrinum ) ( Fig.4 ), der gilbende Karbol-Champignon ( Agaricus xanthodermus ) und der Speitäubling ( Russula emetica ) sind nicht im eigentlichen Sinne giftig; es steht nicht fest, dass sie Gifte enthalten. Jedenfalls sind sie aber sehr schlecht verdaulich und die Unverträglichkeit wird bei einigen dieser Pilze durch harzige Substanzen verstärkt, die den Verdauungskanal reizen. Die Beschwerden zeigen sich oft schon während des Essens. Diese leichte Form von Vergiftung wird wie eine gewöhnliche Verdauungsstörung oder Darmgrippe behandelt. Aus dieser Pilzgruppe ist einzig der Riesenrötling für vereinzelte Todesfälle bei besonders schwächlichen Personen verantwortlich.

Es lag mir fern, mit diesen Hinweisen « den Teufel an die Wand zu malen »; ich wollte jedoch auf die Gefahren des Pilzsammeins hinweisen für den, der die Pilze nicht sicher kennt. Der Pilz- liebhaber, der auf eine ihm unbekannte Art stösst, darf diese nie der Pfanne übergeben, bevor er sie untersucht und sicher bestimmt hat.

Alpinismus und Pilze! Scheinbar haben sie nichts miteinander zu tun, und doch... Welch ein Vergnügen, auf dem Rückweg nach einer schwierigen Besteigung sich unter den letzten Sonnenstrahlen in einem Tannenwald vom Pilzsammeln aufhalten zu lassen! Der Moosgrund bringt schmerzenden Füssen Linderung, das Grün des Unterholzes ist Balsam für die vom Schnee brennenden Augen. Die Kirchenstille des Waldes entspannt die im Fels auf harte Probe gestellt gewesenen Nerven. Es ergebe sich eine Umstellung des Interesses, lässt sich einwenden. Aber dieses Tun spielt sich, wenn auch eine Höhenstufe tiefer, immer noch im Herzen der Bergwelt ab, zum Wohle von Körper und Geist.

Photographische Dokumentation. Photoaufnahmen der Pilzwelt sind fast ausnahmslos schwierig. Die Farben der Pilze geraten gewöhnlich auf dem Film nicht gut. Wenn man im Walde arbeitet, ist auch die Beleuchtung im allgemeinen schlecht oder wenigstens unbeständig. Manchmal muss am hellen Tag zum Blitzlicht gegriffen werden. Man wird also verstehen, dass es schwierig ist, auf der Photographie eines Pilzes in seiner natürlichen Umgebung die botanischen Kennzeichen deutlich hervortreten zu lassen. So zieht man im allgemeinen die Aufnahme im Laboratorium vor, mit Verzicht auf die Umgebung des Standorts im Walde. Die Aufnahmen 108-113, die diesen Artikel illustrieren, sind streng wissenschaftlich und machen die unterscheidenden Merkmale jeder abgebildeten Art deutlich. Sie wurden von einigen Mitgliedern der wissenschaftlichen Kommission der Société mycologique de La Chaux-de-Fonds ausgeführt. Photos 2 und 5 sind in der Natur und bei natürlichem Licht von Eduard Mercanton aufgenommen.Übers.: F.Oe. )

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