Genialer Granit, bizarres Eis

Eine Erstbegehung und verschiedene schwierige Touren auf winterliche Sechstausender in Peru, und das alles unfallfrei. Ein Erfahrungsbericht.

Fast senkrecht führte der Weg am Ende auf die Moräne. Auf zwei Schritte vorwärts folgte ein Schritt zurück. Eine Stunde zuvor waren wir auf dem Gletscher immer wieder bis zu den Oberschenkeln im weichen Schnee versunken. Oben auf der Moräne kamen wir zügiger voran. Nach wenigen Minuten standen wir vor der Türe des Refugio Pisco Peru. Es sieht aus wie eine SAC-Hütte, Steinmauern und rote Fensterläden. Unglaublich, wie gut das Bier nach der anstrengenden Bergtour tat. Als es draussen zu nieseln begann, war für uns vier klar, wir bleiben die Nacht über hier. Der Rest des SAC-Expeditionsteams war schon in Huaraz am Feiern, aber wir hatten uns noch die Überschreitung der vier Huandoy-Gipfel vorgenommen. In drei Tagen. Das Abenteuer Peru hatte vor fünf Wochen begonnen. Zeit für einen Blick zurück.

 

Schwierige Routen in der 800-Meter-Wand

Dreimal müssen wir den steilen Aufstieg zum Basecamp am Fuss des 5325 Meter hohen Granitkolosses Esfinge bewältigen, so viel Material ist dabei. Die Rucksäcke drücken auf die Schultern, die Sonne brennt auf die Köpfe. Für einige ist klar, dass für die nächsten Basecamps Träger unabdingbar sind. In den kommenden zehn Tagen klettern alle Teammitglieder verschiedene Routen in der rund 800 Meter hohen Felswand, alle stehen mindestens einmal auf dem Gipfel und geniessen die Aussicht. Die Esfinge, die Sphinx, bietet abwechslungsreichen Kletterspass in grandiosem Fels. Freie Kletterei wechselt mit technischer ab. Auf feine Risse folgen anspruchsvolle Runouts über nicht absicherbare Platten bis zum nächsten Stand. Weite Kamine wechseln mit interessanten Überhängen. Wir können uns optimal akklimatisieren und mit dem Feldstecher die weiteren Projekte studieren. Auch gelingt Marcel Probst die Erstbegehung von Pollo d’Or, einer 60 Meter langen Technolinie. Darauf folgen drei Tage ­Erholung, die das Team in Huaraz verbringt, wobei einige den Schlaf in der Nacht und andere den am Tag bevorzugen.

 

Erster Kontakt mit Schnee und Eis auf 6000 Metern

Den ersten Kontakt mit dem peruanischen Schnee haben wir auf den Moränen am Fuss des Artesonrajus, wo wir die Zelte am Schweizer Nationalfeiertag aufstellen. In der Südostwand stossen wir auf keine nennenswerten Schwierigkeiten, die Wand ist vergleichbar mit den Firnwänden in der Schweiz. Einzig die Höhe von rund 6000 Metern macht in Gipfelnähe ein wenig zu schaffen und drückt aufs Tempo.

Wieder im Camp geht das Gas aus und akuter Toilettenpapiermangel zwingt uns, unser Zeltlager möglichst zügig an die gegenüberliegende Talseite zu verschieben. An der Laguna Chacra finden wir das perfekte Plätzchen, sofern man die äusserst aggressiven Fliegen ignorieren kann. Bei einem Abstecher an die Laguna können wir im Materialdepot auch unser Gas- und Toilettenpapierproblem beheben.

 

Rückzug am schwierigen Chacraraju

Nach der Teambesteigung des Artesonraju dürfen wir uns auf unsere persönlichen Ziele fokussieren. Schnell findet sich ein eingespieltes Viererteam, das sich den imposanten Chacraraju zum Ziel setzt. Ich werde zusammen mit Marcel Probst, Gian Sebregondi und Martin Kimmig auf diesen Berg klettern. Um möglichst sicher unterwegs zu sein, schleppen wir tonnenweise Material über abschüssige Platten und den zerklüfteten Gletscher an den Wandfuss. Das Gelände ist anspruchsvoll, darum müssen wir wieder ohne Träger auskommen. Frühmorgens steigen wir in die kombinierte Wand ein und arbeiten uns Seillänge um Seillänge hinauf. Kaum erreichen die ersten Sonnenstrahlen die Wand, regnet es Steine und Eis. Wir flüchten zum Zelt am Wandfuss und beschliessen, die Unternehmung abzubrechen, wir wollen keinen Unfall riskieren. Es ist allerdings klar, dass ein Durchstieg in der Nacht und den frühen Morgenstunden relativ sicher möglich wäre. Ein wenig frustriert, aber um viele wertvolle Erfahrungen reicher, tragen wir die schweren ­Säcke zurück ins Basecamp, wo Yolan Aubert und Sébastien Pochon, die zusammen mit SGGM-Arzt Christian Salis auf dem Pisco gestanden sind, auf uns warten.

 

Vier Tage in grosser Höhe – Huandoy Este

Einen Tag später trifft auch der Rest des Teams wieder an der Laguna Chacra ein. Christelle Marceau, Jonas Jurt und Marco Burn sind zusammen mit den Bergführern Denis Burdet und Roger Schäli über den Nordgrat auf den Huandoy Este geklettert. Am ersten Tag bewältigen sie den Zustieg von der Laguna Chacra zum Fuss des Nordgrats. Nach einer Nacht im Zelt haben die fünf den Nordgrat in Angriff genommen und die Zelte am frühen Abend auf dem Sattel zwischen Huandoy Este und Norte aufgestellt. Roger und Denis kletterten auf den Nordgipfel, während sich die drei Teammitglieder im Sattel erholten. Vereint seilten sie vom Sattel Richtung Süden ab. Auf den Moränen schlugen sie ihr drittes Nachtlager auf und erreichten über einen Pass wieder das Basecamp. Die fünf erzählen von schöner Felskletterei am Anfang des Grates, von schwierigen und zeitraubenden Passagen auf dem Schneegrat und von wilder Umgebung auf 6000 Metern. Die Führer hörten nicht auf, von der wunderbaren Aussicht auf dem Huandoy Norte zu schwärmen. Der Gipfel ist der zweithöchste Gipfel der Cordillera Blanca.

 

Zwischen bizarren Eisformationen auf die Piramide

Nach dem gescheiterten Versuch am Chacraraju fühlen sich Martin Kimmig, Marcel Probst und ich immer noch energiegeladen und hoch motiviert für weitere Touren. Die Piramide, ein hübsches Gebilde aus wilden Schnee- und Eistürmen, hat uns in ihren Bann gezogen. Durch die Südwand zieht eine logische Linie, ein Firn- und Eiscouloir direkt und fast bis auf den Gipfel. Fast, denn die letzten 20 Meter bestehen aus typisch peruanischem Griesschnee.

Schon über dem Bergschrund wühlte und fluchte ich im Gries. Marcel ist sich sicher, dass eine Holzleiter nützlich wäre. Martin hingegen fantasierte etwas von Pulverschneeabfahrten. Nach den ersten Seillängen, zuerst im Firn, dann im Eis, übergab ich Marcel das «scharfe Ende» des Seils. Im Nachstieg pushten Martin und ich uns zu Höchstleistungen. Verschnaufen war nur alle 20 Meter drin, immer bei der nächsten Eisschraube.

Nach der letzten Seillänge staunen wir über den Graben, den Marcel in den Griesschnee gebuddelt hat. Jetzt stehen wir völlig ausser Atem vor dem Gipfelaufbau. Schluss für heute, der Gries reicht bis oben, das ist sofort klar. Also stürzen wir uns auf Früchtebrot und Trockenfleisch, bevor wir das lange Abseilmanöver hinter uns bringen und nach 16 Stunden zurück im Küchenzelt ein feines z‘Nacht geniessen.

 

Erstbegehung in fantastischem Granit

Eine neue Route, das war das erklärte Ziel unserer Expedition nach Peru. Marco Burn, Gian Sebregondi und Denis Burdet erreichen es. In zwei Tagen gelingt ihnen an den Felspfeilern des Pisco Oeste die Erstbegehung einer wunderschönen Felskletterei, die wir auf 6c+ vorschlagen. Sie nennen sie Miss you Girl und bringen damit auf den Punkt, was uns Männern hier am meisten fehlt.

«Man soll sich davor hüten, ein Ziel zu erreichen», heisst es in Paul Watzlawicks Millionenseller Anleitung zum Unglücklichsein. Wie es scheint, hat das bei jungen Alpinisten und Alpinistinnen Gültigkeit. Unerwartet beginnt nämlich eine Diskussion über den weiteren Verlauf der Expedition. Statt weiter im Hochgebirge unterwegs zu sein, stehen andere Tätigkeiten wie Sportklettern und Reisen hoch im Kurs. Ich selbst komme mir vor wie in einer verdrehten Welt, bin nach den 16 Stunden an der Piramide wohl zu müde, um verstehen zu können, wieso einige jetzt plötzlich mit Bergsteigen aufhören wollen. Und denke an die guten Freunde, die bei der Selektion für unser Expeditionsteam ausgeschieden sind. Die wären sicher motiviert. Nach der Intervention der beiden Bergführer kommt das Team zum Schluss, dass der Alpinismus Priorität haben muss. Man einigt sich auf getrennte Wege: Unser bewährtes Dreiergespann versucht die komplette Huandoy-Überschreitung – die Bergführer haben jetzt lange genug von der tollen Aussicht auf dem Nordgipfel geschwärmt. Der Ostgipfel über den Nordgrat erscheint uns direkt vom Basislager ohne Biwak möglich. So planen wir die Überschreitung in drei Tagen. Die Strategie lautet «Fast & Light».

 

Überschreitung aller vier Huandoy-Gipfel

 

Gut acht Stunden brauchen wir für die 1600 Höhenmeter vom Basislager über den Nordgrat auf den Huandoy Este. Im nächsten Sattel stellen wir das Zelt auf und ruhen uns aus. Mit den ersten Sonnenstrahlen steigen wir durch die 600 Meter hohe Firnwand auf den Nordgipfel. Wir stehen im Nebel, nichts ist mit der viel gepriesenen Aussicht. Am Nachmittag steigen wir auf den Gipfel des Huandoy Oeste. Die Nacht ist nicht mehr wirklich erholend. Der dritte Tag in dieser Höhe steht bevor. Den Bergschrund überwinden wir über eine senkrechte, schmale Eissäule. Vor allem psychisch komme ich nahe an meine Grenzen. Wenig später reichen sich ein Berner, ein Walliser und ein Bündner auf dem letzten ­Gipfel die Hand. Der obligate Gipfelschnupf gehört dazu.

Projekt Leistungsbergsteigen

Mit dem Jugendprojekt Leistungsbergsteigen schult und fördert der SAC das klassische Bergsteigen in anspruchsvollem, kombiniertem Gelände. Nach mehreren Ausbildungsmodulen in den vergangenen drei Jahren wurde das von Salewa unterstützte Projekt nun mit der Expedition in Peru abgeschlossen. Es wird nun ausgewertet, und die Konzepte werden angepasst. Im Jahr 2014 soll die nächste dreijährige Ausbildung starten.

Gipfel und Touren

Esfinge (5325 m)

Classica (750 m 6c+/7a) Alle

Cruz del Sur (800 m 7b) Schäli, Burdet

Granxets Glacé (650 m, A2 VI) Kimmig, Hefti

Pollo d’Or (60 m 6b A3)* Probst, Burn, Sebregondi

Artesonraju (6025 m)

Südostwand (S+, 800 m, 45–55°) Alle

Pisco(5752 m) Pochon, Aubert,

Normalroute (WS) Salis

Huandoy Este (6000 m) Marceau, Jurt, Burn,

Nordgrat (ZS+) Schäli, Burdet

Huandoy Norte (6395 m) Burdet, Schäli

Nordostwand (S+)

Piramide (5885 m) Kimmig, Hefti, ProbstSW-Wand (SS+) Jurt, Schäli

Pisco Oeste Burn, Sebregondi,Miss you Girl (8 Seillängen, 6c+)* Burdet

Huandoy Este (6000 m), Norte Kimmig, Probst, Hefti(6395 m), Oeste (6356 m), Sur (6160 m) Überschreitung

*Erstbegehung

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