Gipfellose Auffahrtsskitouren in der Bietschhorn-Gruppe

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Daniel Anker, Bern

( Von Blatten 1540 m über die Lonza und auf Brunnmatten südlich zum Birchbach. An dessen rechtem Ufer steigt ein blaumarkiertes, in der LK nicht verzeichnetes Weglein auf eine Rippe und durch Wald bis zur Grasterrasse von P. 2400.2. Nun weglos über langsam in Geröll und Blockschutt übergehende Matten empor zum Galn und an den Fuss eines etwa 500 m hohen Schneecouloirs. Durch dieses oder an seinem linken Rand steil empor zur Rippe von P. 3154.4. Ein kurzes Stück diese Firnrippe empor, bis man horizontal nach SE zum Baltschiederjoch queren kann. 5 Std. Anstrengend. Besser für den Ab- als Anstieg ge-eignet.Bietschhorn, links das Baltschiederjoch Entdeckung Dieses Couloir muss doch fahrbar sein! An Weihnachten 1988 war 's, als ich es sah. Vom Elwertätsch ging der Blick über das Lötschental nach Südosten zum Bietschhorn hinüber: ein gewaltiger Berg, verschneit und damit noch unnahbarer als sonst. Doch das weisse, links sich herabziehende Couloir scheint einen gangbaren Weg zu bieten. Der Ausstieg oben ins Baltschiederjoch auf dem flachen Verbindungsgrat zwischen Bietschhorn und Breitlauihorn sollte ebenso möglich sein wie der Zugang von unten durch die steile und lawinengefährliche Wald- und Hangzone. Mit dem Feldstecher versuchte ich den Routenverlauf zu erkunden, den ich später mit der Lupe auf der Karte überprüfte. Dann bestimmte ich mit Massstab und Rechner die Hangneigung des Couloirs: oben 100 Höhenmeter 36 Grad, die restlichen 300 Höhenmeter durchschnittlich 35 Grad steil. Fahrbar also, wie auch die Nordhänge weiter unten. Auf der Südseite des Baltschiederjochs sollte sich ebenfalls ein Weg zur Baltschiederklause finden lassen. Nun mussten nur noch gute Verhältnisse abgewartet werden. Während der Auffahrtstage 1989 waren sie 's.

Anstrengung Das grüne Lötschental liegt tief unter uns. Am nördlichen Rand des Couloirs steigen wir auf. Die Ski sind auf den Rucksack geschnallt und machen ihn noch schwerer. Statt der Harsch- geben die Steigeisen den nötigen Halt. Die Sonne brennt und verlängert das Westcouloir des Baltschiederjochs um etliche Schweisstropfen. Nassschneerutsche haben es in eine steile Knollenmulde mit dazwi-schengefrästen Eisbahnen verwandelt. Kein Schleck, dieser Aufstieg. Eine sogenannte . Evi, Christian und Emanuel kennen diesen Begriff: Stotziges Gelände und viele Kickkehren, dichtes Unterholz und dicke Lawinenreste. Genau so ist 's gewesen, nur gestaltete sich alles noch etwas mühsamer als sonst. In der Morgendämmerung sind wir bei der Post von Blatten ( 1530 m ) gestartet. Seit- 1 SAC-Clubführer Berner Alpen, Band 3 ( Ausgabe 1976 ), über den Aufstieg von Norden ins Baltschiederjoch ( 3203 m ) Bei der Baltschiederklause, im Hintergrund die gefährliche Traverse her haben wir uns mit Erlenstauden und Bruchharsch herumgeschlagen, der zu hoch lag, um zu Fuss aufzusteigen, und der trotzdem nicht ausreichte, um die Ski benützen zu können. Doch nun sind wir schon hoch über dem Tal. Sieben Stunden nach dem Aufbruch nehmen wir auf dem Rücken ( ca. 3210 m ) westlich des Baltschiederjochs die Felle ab.

Angst Vor uns liegt die Traverse entlang des Fusses der Jägihorn-Südwand zur Baltschiederklause. Auf der Karte ist ein Pfad eingezeichnet, der auf einem schmalen Band oberhalb senkrechter Felsabbrüche von der Moräne des Üssre Baltschiedergletschers zur Hütte führt. Jetzt aber ist das abschüssige Band mit aufgeweichtem Schnee gepflastert. Wir sind müde, die Sonne brennt immer stärker, und die Hütte ist bloss noch 300 Meter entfernt. Wir könnten auch auf den Talboden unterhalb des Hüttensporns abfahren, um dann allerdings wieder 450 Meter aufsteigen zu müssen - was gewiss sicherer wäre. Aber wir versuchen zu traversieren. Die Aussicht auf das Bietschhorn vergessen wir, dafür schiesst Adrenalin in die Adern. Wenn wir hier ins Rutschen kommen, dann... Nicht daran denken. Die Stockgriffe gut halten und aufpassen, dass die Skispitzen nicht steckenbleiben. Unterhalb der Lauffläche schwimmt der Schnee weg und fällt ins Leere. Über uns die Granitfluchten des Jägihorns. Und dort vorne die Hütte. Plötzlich Wassereis statt Schnee, sich aus den Bindungen klinken, hinüberzittern, wieder in die Bindungen schlüpfen - und dies alles nur einen Meter vom Rand des Bandes entfernt.

Erleichterung Mit der eben ausgestandenen Angst in Kopf und Beinen erreichen wir glücklich die Baltschiederklause ( 2783 m ). Zuerst einen Schluck aus der Flasche, dann noch einen. Für heute können wir endgültig die Ski abschnallen und uns vor die Hütte setzen. Jemand aus unserer Gruppe zieht die Schaufel aus dem Rucksack und legt den Eingang frei. Zum Glück handelt es sich um eine zweigeteilte Tür, was uns erlaubt, schnell an die ersehnten Getränke heranzukommen, die seit dem vergangenen Herbst auf Besucher warten. Die Fensterläden öffnen, um Licht und etwas Wärme in die kalte Stube zu lassen. Felle und Kleider zum Trocknen aufhängen. In den Hüttenschuhen waten wir durch tiefen Schnee zu einem windstillen Plätzchen, um uns hier an die Sonne zu legen. Zunächst bewundern wir die mächtige Pyramide des Bietschhorns, dann schwenkt der Blick nach rechts, um mit einigem Schaudern unsere Spur auf dem abschüssigen Schneeband zu verfolgen. Für einmal haben wir Glück gehabt. Haben wir dies aber nicht schon bei früheren Gelegenheiten festgestellt?

Zufriedenheit Die letzten Sonnenstrahlen scheinen durch ein Fenster der Baltschiederklause. Sie geben noch etwas zusätzliche Wärme zur Bouillon, die unser Abendessen in der kalten Stube einleitet. Wir sind nur zu viert, und das reicht nicht aus, um die Temperatur in der bloss fünf Grad Celsius aufweisenden Hütte zu erhöhen. Aber uns ist es recht. Lieber so, als anderswo in einer überfüllten Hütte schichtweise essen und schlafen zu müssen. An einem Auffahrtstag sind bei solchen Wunderverhältnissen bezüglich Wetter und Schnee die meisten Ski-tourenhütten ohnehin mehr als nur gut besucht. Von diesem Ansturm auf den Alpenraum merken wir in unserer Einsiedlerklause zuhinterst im Baltschiedertal keine Spur. Kein Anstehen, um eine Pfanne heissen Wassers zu ergattern, kein Gedränge auf den ohnehin schon zu engen Liegeplätzen. Dafür brauchen wir im kühlen und heimeligen Schlafraum die Wolldecken nur etwas dichter über unsere Körper zu ziehen. Noch ist es draussen hell, als wir die Augen schliessen. Morgen wollen wir aufs Nesthorn, via Baltschiederlücke und Gredetschjoch. Ob wir da durchkommen?

Enttäuschung Wir sind am Einstieg zur schmalen und steilen Firnrinne, die sich durch die felsigen Westwände der Baltschiederhörner zur Baltschiederlücke hinaufzieht. Auf der Karte ist die Lücke nicht benannt, nur kotiert ( 3219 m ). Der SAC-Clubführer gibt an, dass sich der Aufstieg von der Hütte aus mit Ski wenigstens bei günstigen Verhältnissen teilweise machen lässt. Genau diese Angabe hat uns Hoffnung und Motivation gegeben, die Baltschiederklause noch fast in der Nacht zu verlassen, auf den Innre Baltschiedergletscher abzufahren und anschliessend zur 120 Meter hohen und 45° steilen Rinne aufzusteigen. Doch schon nach wenigen Metern treffen wir auf Blankeis. Wir sind entmutigt; so sehr sogar, dass wir auf den Weiterweg verzichten. Vielleicht würden wir uns zur Baltschiederlücke hinaufwagen, wenn wir nicht nach einer Besteigung des Nesthorns via Gredetschgletscherjoch wieder zu dieser Rinne zurückkehren müssten. Also zurück zur Baltschiederklause. Kein Gipfel heute. Drüben am Bietschhorn die Morgensonne, wir hier im Schatten. Die Stimmung ist ähnlich.

Trost Die Unterlage ist noch gefroren, nur etwas Schneestaub schimmert weiss im Streiflicht, wenn die Skikanten in den steilen Westhang der Gredetschlücke greifen. Bei der Abfahrt vom Fuss der Baltschiederlücke über den Innre Baltschiedergletscher ist bei jedem Schwung in uns die Lust auf weitere Schwünge gestiegen. Doch wo bietet sich noch ein Aufstieg mit lohnender Abfahrt? Der Himmel ohne Wolken, der Schnee ohne Spuren, die Landschaft ohne andere Skialpinisten, aber die Gipfel rund um die Baltschiederklause auch ohne Skiaufstiege. Bloss die Gredetschlücke nördlich des Grüebhorns ( nicht zu verwechseln mit dem Gredetschjoch zwischen Lötschentaler Breithorn und Nesthorn ) war uns bereits am Vorabend aufgefallen. Kein Name, nur eine Höhe ( 2989 m ) und eine rassige Abfahrt von 300 Höhenmetern. Oben so steil, dass wir uns voll konzentrieren müssen, unten so flach, dass wir es voll sausen lassen können. Ein Traum, wenn es so noch weitere tausend Meter abwärts ginge! Statt dessen wartet unser der Wiederaufstieg zur Hütte über einen stotzigen Osthang voll gefährlich lauerndem Nassschnee. Später Wolken und gar leichter Schneefall. Sollte dieser sich verstärken, sitzen wir in der Falle.

Anspannung Bald ist das Skidepot oberhalb von P.3475 m am Südgrat des Breitlauihorns erreicht. Tief fällt der Blick zum Innre Baltschiedergletscher hinab, wo wir gestern in der Rinne zur Baltschiederlücke gescheitert sind. Doch wir haben kaum Zeit, daran zu denken, denn der Aufstieg auf dem gefrorenen, steilen Firn verlangt unsere ganze Konzentration. Wir sind froh um die Harscheisen, ohne die der Aufstieg nicht zu schaffen wäre. Kurz nach fünf Uhr sind wir von der Baltschiederklause abgefahren. Weil wir die gefährliche Traverse zum Üssre Baltschiedergletscher nicht mehr riskieren wollten, kurvten wir in der Dämmerung 450 Meter hinab und stiegen anschliessend zwischen Gletscher und Hüttensporn Abendstimmung in der Baltschiederklause über abschüssige Hänge empor. Gleichmässig setzten wir Ski vor Ski. Bei den vielen Spitzkehren achteten wir noch besonders darauf, dass sich die Eisen gut in die harte Unterlage verbissen. Nun saugen wir die Sonnenstrahlen auf. Die Spannung steigt: Wird es uns auch noch gelingen, die restlichen 150 Meter zum Gipfel des Breitlauihorns ( 3655 m ) zu überwinden?

Pech Wir queren auf den Südgrat des Breitlauihorns hinaus. Dort angelangt, stellen wir fest, dass eine von der Sonneneinstrahlung schon aufgeweichte Schneeschicht die ausgesetzten Platten bedeckt. Besorgt schauen wir hinauf, über das Hindernis hinweg, zum 100 Meter höher liegenden Gipfel. Wahrscheinlich könnten wir hochklettern, doch das würde bedeuten.

dass wir uns anseilen und Sicherungshaken schlagen, was Zeit braucht. Mehr Zeit, als uns zur Verfügung steht. Denn noch steht uns die grosse Abfahrt vom Baltschiederjoch ins Lötschental bevor, für die wir gute Verhältnisse benötigen. Wieder kein Gipfel heute. Als Ersatz steuern wir die Schneekuppe ( 3514 m ) südwestlich des Breitlauihorns an, wo wir uns kurz die Hände schütteln. Dann nichts wie los, schwungvoll über sonnige Hänge hinab, um anschliessend etwas weniger schwungvoll unter dem Älwe Rigg zu traversieren, wobei wir hier sogar die Felle wieder aufziehen müssen. Um zwölf Uhr erreichen wir den Rücken westlich des Baltschiederjochs. Ein paar Blicke zum eisig-gleissenden Nordgrat des Bietschhorns, dann ein paar Bissen hinunterwürgen. Ängstlich freuen wir uns auf die Abfahrt.

Abfahrt von der Westflanke der Gredetschlücke Im Aufstieg am Breitlauihorn-Südgrat Sturz Jeder Schwung muss sitzen bei der Abfahrt durch das Westcouloir des Baltschiederjochs. Da der Couloirgrund wegen Lawinenresten nicht befahrbar ist, müssen wir in die links liegenden Hänge ausweichen. Gut 40 Grad beträgt die Hangneigung, und der Schnee ist noch nicht aufgeweicht. Bei einem Sturz gäbe es deshalb kein Halten mehr. Weiter oben, in der Abfahrt vom Joch über den steilen Firnrücken zum Sattel bei P. 3154.4 am Beginn des Couloirs, ist einer von uns gestürzt. Als letzter kam er herunter, setzte zu einem Schwung an, kurvte... und rutschte weg. Versuchte sich aufzufangen, rutschte weiter, glitt rasend schnell den Hang hinab. Gelähmt vor Schrecken schauten wir zu. Zum Glück läuft der Rücken aus, so dass ihm nichts passiert ist. Auch psychisch nicht, da er weiss, warum er gestürzt ist. Er habe den Hüftgurt des Rucksacks zu wenig festgezurrt, so dass dieser ihn am Ende des Schwungs aus dem Gleichgewicht gezogen habe. Bei einer Steilabfahrt muss an jede Kleinigkeit gedacht werden. Mit jedem Schwung verlieren wir an Höhe, das Vertrauen in die Ski und in uns wächst, Skifahren spielt sich auch im Kopf ab.

Rausch Vom Auslauf des Couloirs bis hinunter zur Waldgrenze empfängt uns ein prächtiger Sulz! Steil sind die Hänge immer noch, aber auf diesen paar Zentimetern weichem Schnee fahren wir ab wie - ja, womit kann eine unbekannte, schwierige, lange Abfahrt in einer eindrücklichen Landschaft bei solchen Verhältnissen verglichen werden? Es ist ein Rausch, auch im akustischen Sinne. Es ist erstaunlich, dass wir überhaupt noch Zeit zum Fotografieren finden. Die Ernüchterung folgt unterhalb 2000 Meter, als wir in der Schneise durch den Bell-wad-Wald und im Wald selbst auf knöchel-bis knietiefen Nassschnee treffen. Doch all die Stauden und Steine darüber und darunter, all die Äste und Absätze bremsen nur unsere Fahrt, nicht aber unser Glücksgefühl. Ski an die Fusse, Ski abschnallen, ein Stück hinab auf dem Weglein, dann wieder über einen Schneefleck, und so fort. Auf dem allerletzten weissgrauen Rest gegenüber der Post von Blatten machen wir den allerletzten Schwung. Vier einzelne Spurenlinien ziehen sich knappe 1700 Meter in die weisse Höhe hinauf. Sicht- Am Baltschiederjoch bar ist die Route von hier aus nicht. Aber spürbar, von den festgeschnürten Zehen bis zum verbrannten Gesicht.

Freude Haufenweise liegen Ski und Rucksäcke auf dem Postautoplatz von Blatten, von wo aus die Tourenfahrer Kurs um Extrakurs nach Goppenstein zurückgekarrt werden. Jemand hat uns über die untersten Hänge herunterkurven gesehen und fragt nach dem Woher. In der Baltschiederklause, antworten wir. Da seien wir wohl allein gewesen. Wir nicken, und unsere Gegenfrage, welche Hütte unser Gesprächspartner denn besucht hätte, ruft nur ein müdes Winken hervor - die Ausrüstungs-haufen sagen ja eigentlich genug. Von der Re-staurantterrasse schauen wir noch einmal zum Breitlauihorn empor und versuchen, jenen P. 3514 m ausfindig zu machen, von dem wir vor der Abfahrt heruntergeschaut haben. Wir können uns nicht für einen der Punkte entscheiden. Bei der Fahrt durchs Lötschental hinaus blicken wir immer wieder zurück zum Baltschiederjoch, zu seinem Westcouloir und den darunterliegenden Hängen, die in der Nachmittagssonne leuchten. Sieht schön aus, sieht auch gefährlich aus. Aber so sind Skitouren ja manchmal - ganz sicher jene am Sockel des Bietschhorns.

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