Gletscher-Klima-Kunst

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Hanspeter Holzhauser und Heinz J. Zumbühl

Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass Gletscher in der Kunst früherer Jahrhunderte als Motiv äusserst beliebt waren. Mit der Darstellung der gewaltigen, damals oft bedrohliche Ausmasse annehmenden Eismassen fand der Künstler ein Ausdrucksmittel, um die unbändige Kraft der Natur symbolhaft darzustellen.

Aber nicht nur in der Kunst, auch bei den Naturwissenschaftlern erweckten die gewaltigen Eisströme schon früh Interesse, und sie sind heute noch Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte. Eines davon ist die Rekonstruktion der Zungenlängenänderungen in der Vergangenheit. Das Schreiben einer Gletschergeschichte allein ergäbe indes wenig Sinn, wenn nicht aus dem Verhalten der Gletscher wichtige Grundlagen erarbeitet werden könnten: Gletscher sind nämlich mit dem Klimageschehen eng verbunden; auf veränderte Klimabedingungen reagieren sie entweder mit einem Vorstoss, oder sie schmelzen zurück. Das vorherrschende Klima widerspiegelt sich also in den Gletschern und ihren Dimensionen: Gletscher sind Klimazeiger. Mit den Kurven der Zungenlängenänderungen ( Fig. 3-7, Falttafel ) sind folglich auch günstigere und weniger günstigere Klimaphasen angedeutet.

Zusammenfassend sind die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit vorangestellt ( vgl. dazu Fig. 7 und die Tabelle auf der Falttafel ). Als Vergleich wurde zusätzlich der gut untersuchte Grindelwaldgletscher ( ZUMBÜHL 1980 ) einbezogen, dessen Schwankungen neuerdings um mehrere Jahrhunderte bis um 700 v.Chr. zurückverfolgt werden können ( HOLZ HAUSER/PFISTER/ZUMBÜHL in Vorbereitung ).

In Fig. 7 sind für die Kurven zwei Farben ( Rot und Schwarz ) verwendet worden, um den vorwiegend mit historischen Dokumenten belegten Abschnitt von dem Zeitbereich optisch abzugrenzen, der mit naturwissenschaftlichen Methoden ( 14C-Datierungen, Dendrochronologie, Geländearchäologie ) rekonstruiert wurde. Ebenso durch Farbe ( Blau ) hervorgehoben ist der Zeitraum der Kleinen Eiszeit. Die beiden Kurvenabschnitte zeigen deutlich, dass der historisch belegte Teil ein weitaus besseres zeitliches Auflösungsvermögen aufweist, was in Anbetracht der Datendichte und Genauigkeit der Hinweise im Gegensatz zu den 14C-Daten auch nicht erstaunt.

Die letzten rund 400 Jahre sind allgemein charakterisiert durch eine langfristige grosse Ausdehnung der untersuchten Gletscher, gefolgt von einer ungefähr ab 1860 einsetzenden ausgeprägten Schwundphase, die nur bei einigen Gletschern unterbrochen war von kleineren kurzfristigen Vorstossen ( um 1880/1890, um 1920 und Ende der 1970er Jahre ). Der engere Zeitraum der Kleinen Eiszeit ( Ende 16. Jahrhundert bis 1850/60 ) ist von zwei Hochstandsphasen um 1600 und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts flankiert. Dies entspricht auch den bisherigen Untersuchungen an anderen Alpengletschern: Gegen Ende des 16. Jahrhunderts ( um 1570 ) lieferte eine drastische Klimaverschlechterung die nötigen Bedingungen, um die schon etwas vorgeschobenen Gletscher ( nachgewiesen beim Grossen Aletsch-, Rhone- und Unteren Grindelwaldgletscher ) zum ersten Hochstand innerhalb der Kleinen Eiszeit anwachsen zu lassen. Im 17. und 18. Jahrhundert stirnten sie dauernd weiter vorne als heute. Während dieser Zeit schmolzen die Eisströme teilweise merklich hinter den Hochstandswall von 1600 zurück, stiessen aber auch wieder vor, wie beispielsweise ausgeprägt um 1780. Der Rhonegletscher erreichte damals etwa die Ausdehnung des letzten Hochstandes ( 1856 ).

Während am Grossen Aletschgletscher und am Unteraargletscher nur die markanten Vorstossphasen ( und damit auch Klimaänderungen ) Ende 16./Anfang 17. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert hervortreten, zeigen Rhone-und Unterer Grindelwaldgletscher, im jüngsten Abschnitt auch der Rosenlauigletscher, ein wesentlich differenzierteres Bild. Offenbar sprachen die letztgenannten Gletscher nicht nur auf die lang-, sondern auch auf die kurzfristigen Klimaschwankungen während der Kleinen Eiszeit an und sind im Vergleich zum Grossen Aletsch- und Unteraargletscher wesentlich sensitivere Klimaindikatoren.

Obwohl im Verlauf die Kurve des Rhonegletschers mit derjenigen des Unteren Grindelwaldgletschers gut übereinstimmt, zeichnen sich in den Ausmassen der einzelnen Vorstossphasen Unterschiede ab: Um 1600 lag die Stirn des Rhonegletschers rund 240 Meter weiter vorne als um 1856. Beim Unteren Grindelwaldgletscher hingegen sind es nur etwa 30 Meter. Während der Untere Grindelwaldgletscher zwischen 1640 und 1855/1856 inner- halb des Niveaus der Hochstände pendelte, erreichte der Rhonegletscher im 17. und 18. Jahrhundert mindestens zweimal eine grössere Ausdehnung als um 1856. Leider lassen sich diese Stände ( E und F ) des Rhonegletschers zeitlich nicht exakt fixieren.

Der erste Hochstand im anschliessenden 19. Jahrhundert fällt in die Zeit um 1820. Auslöser für diesen kräftigen Vorstoss waren die extrem kühl-nassen Jahre zwischen 1812 und 1817 ( vgl. PFISTER 1984 ). Zeitlich am genauesten belegt ist diese Vorstossphase am Unteren Grindelwald-, am Rhone- und am Rosenlauigletscher. Vermutet wird ein Hochstand um 1820 auch am Grossen Aletschgletscher. Am Unteraargletscher zeichnet sich um diese Zeit keine deutliche Kulmination ab. Der Rhonegletscher wies nicht, wie bisher angenommen, um 1818 seinen grössten Stand im 19. Jahrhundert auf, sondern erst 1856. Auch der Untere Grindelwald- und der Grosse Aletschgletscher erreichten um 1820 die Dimensionen des letzten Hochstandes um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht ganz. Lediglich der Rosenlauigletscher war um 1820 etwas ausgedehnter als um 1850.

Der letzte Hochstand fällt bei allen Gletschern mit Ausnahme des Unteraargletschers in die Zeit um 1855/1860. Obwohl der Grosse Aletschgletscher sich in der Grösse von den anderen Eisströmen deutlich abhebt, reagierte er auf die entsprechende Klimaverschlechterung nicht wesentlich verzögert. Hingegen schob sich der Unteraargletscher vergleichsweise erst spät, im Jahre 1871, zu seiner maximalen Ausdehnung im 19. Jahrhundert vor und fällt somit aus dem Rahmen. Als Klimazeiger ist der Unteraargletscher offenbar nicht geeignet. Dies ist auch aus dem Kurvenverlauf im Bereich vor 1600 herauszulesen; insbesondere die geringe Ausdehnung vor dem Vorstoss Ende des 16. Jahrhunderts ist im Vergleich zu den anderen Gletschern ungewöhnlich. Die äusserst starke Schuttbedeckung, die lange und flache Gletscherzunge sowie die Exposition mögen einige der Gründe für sein nicht in ein Schema passendes Verhalten sein.

Auffallend gut stimmt die Kurve des Grossen Aletsch- mit derjenigen des Unteren Grindelwaldgletschers im Bereich vor 1500 n. Chr. überein. Einzig der spätmittelalterliche Hochstand im 14. Jahrhundert ist am Unteren Grindelwaldgletscher nicht nachgewiesen, wohl aber neu am Rhonegletscher, für den auch Hinweise über Hochstände um 300 n. Chr. und um 600/650 n.Chr. vorliegen.

Abschliessend seien wie erwähnt kurz noch einige Worte zur Gletscher/Klima-Beziehung angefügt. Ein Zusammenhang zwischen Gletscherbewegung und Klima ist bereits aus der Abhandlung

Die erst seit den letzten Jahrzehnten von Glaziologen durchgeführten Messungen auf den Gletschern dienen heute der Berechnung der Massenbilanz und, verknüpft mit meteorologischen Datenreihen, der Entwicklung von Modellen, mit denen die äusserst komplexe Beziehung Gletscher/Klima erklärbar gemacht werden soll.

Untersuchungen von HOINKES ( 1967: 21 ) zufolge sind die Witterungsverhältnisse der Monate Mai bis September für den Massenhaushalt eines Gletschers entscheidend, wobei den sommerlichen Schneefällen ( und damit auch der Temperatur ) ausschlaggebende Bedeutung zukommt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber, dass nicht ein einzelnes Kli-maelement, sondern das komplizierte Zusammenspiel der einzelnen Elemente ( Niederschlag, Temperatur, Strahlung, Windder ( Witterungscharakter ) verschiedener Jahreszeiten - den Massenhaushalt nachhaltig beeinflusst ( HOINKES 1962: 561 ).

Dieser lässt sich am besten mit typischen Grosswetterlagen umschreiben, die nach HOINKES ( 1967: 19-21 ) den Ablauf der Gletscherschwankungen befriedigend wiederzugeben vermögen.

Wie sieht nun ein gletschergünstiges Jahr im Idealfall aus?

Die folgenden Wetterlagen bewirken längerfristig ein Anwachsen der Gletscher:

- kühl-feuchte Winter ( ozeanische WinterKälterückfälle im Frühjahr und dadurch verzögerter Beginn der Ablationsperiodekühl-nasse Sommer ( monsunale Sommermöglichst wenig Hochdrucklagen am Ende der Ablationsperiode im September. Dank des umfangreichen witterungsklima- tologischen Datenmaterials, das PFISTER ( 1984, 1 ) für den Zeitraum von 1525 bis 1860 aufgearbeitet und ausgewertet hat, ist man in der Lage, die klimatischen Ursachen der weitreichenden Gletschervorstösse in der Kleinen Eiszeit zu beurteilen. Wie Pfister nachweisen konnte, sind Dauer und Intensität der gletschergünstigen Witterungskonstellationen, die zu Gletschervorstössen führten, unterschiedlich. Auch zeigt sich, dass verschiedene Kombinationen der Witterungselemente zum gleichen Resultat führen können.

Ist ein Gletscher schon weit vorgeschoben, so braucht es vergleichsweise wenig, um ihn zu einem Hochstand anwachsen zu lassen. Nur aufgrund von Hochstandswällen kann deshalb noch wenig über die vorangegangene Klimaänderung ausgesagt werden. Es ist aus diesem Grunde wichtig, die jeweilige Ausgangsposition der Gletscher zu kennen, um das Ausmass einer Klimaverschlechterung auch in früheren Zeitabschnitten, wo keine Witterungsaufzeichnungen vorliegen, abzuschätzen. So ist der Hochstand um 1600 auf ein Zusammenfallen schneereicher Winter mit kalten Frühjahren und nassen Sommern zwischen 1568 und 1579, gefolgt von äusserst nassen Sommern zwischen 1584 und 1597 zurückzuführen. Die Gletscher stirnten zu Beginn dieser einschneidenden und über mehrere Jahrzehnte dauernden Klimadepression etwas weiter vorne als heute ( etwa wie um 1900/1920 ). Tiefe Temperaturen und im Gebirge schneereiche Sommer in den Jahren 1812-1817, also auf wenige Jahre konzentrierte schlechte Klimabedingungen, waren Ursache für den Hochstand um 1820. Aller- dings waren die Gletscherenden durch den Hochstand um 1600 und durch Vorstösse im 18. Jahrhundert bereits weit vorgeschoben ( vgl. Fig. 7, Falttafel ). Der letzte Hochstand um 1850/60 als Folge unterdurchschnittlicher Temperaturen von 1847 bis 1851 und schneereicher Jahre ( insbesondere Winter ) zwischen 1851 und 1853 profitierte von den schon ausgedehnten Gletschern seit dem Hochstand von 1820 ( vgl. PFISTER 1984, 1: 145-148 ).

Änderungen des Klimas wirken sich in der Regel nicht unmittelbar auf die Zungenlänge aus; der Gletscher reagiert mit einer bestimmten Verzögerungszeit, die abhängig ist von seinen Dimensionen und vom Relief, in das er eingebettet liegt. Deshalb widerspiegeln Zungenlängenänderungen Witterungsverhältnisse, die Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen können. Für kleinere Gletscher sind Verzögerungszeiten von 0 bis 4 Jahren, für mittelgrosse bis grosse solche von 5 bis 16 Jahren nachgewiesen ( GAMPER und Suter 1978 ). Beim Grossen Aletschgletscher dürfte dieser Wert noch höher liegen.

Diese Arbeit hätte nicht geschrieben werden können ohne das umfangreiche, qualitativ allerdings sehr unterschiedliche historische Bild- und Schriftmaterial.

Obwohl verschiedene Bildquellen älter sind, konzentrieren sich doch die Hauptfülle sowie die wertvollsten Ansichten auf die Zeit zwischen 1760 und 1860, also auf die letzten 100 Jahre der Kleinen Eiszeit.

Als einzigartiger Glücksfall der Gletschergeschichte ist es zu bezeichnen, dass zwei der bedeutendsten Künstler von Alpendarstellun-gen, C. Wolf und S. Birmann, eine grosse Zahl von Gletscheransichten hinterlassen haben, dies zudem aus Zeiten, in denen die Eismassen vorstiessen und damit ein besonders attraktives Aussehen boten.

C. Wolf, durch den Naturforscher J. S. Wyttenbach in Motivwahl und Blick geschärft, als Künstler begnadet, schuf in den Jahren 1773-1778, d.h. in der Zeit der Spätaufklärung, die in formaler, atmosphärischer und symbolhafter Hinsicht hochwertigsten und eindrücklichsten Gletscheransichten der Berner Alpen ( ca. 50 Arbeiten, wenn man diejenigen seiner Schüler und Kopisten mitrechnet ). Für die Do- kumentation des Gletschervorstosses der Jahre 1770-1780 sind die Bilder von Wolf entscheidend.

Einen zweiten Höhepunkt in unserer Glet-schermotivgeschichte bilden die einem früh-romantischen Realismus verpflichteten, in den Jahren 1824-1828 entstandenen ca. 57 Gletscherstudien von S. Birmann. Seine aquarellierten Bleistiftzeichnungen, topographisch präzise wie Fotografien, haben buchstäblich die Gletschergeschichte revolutioniert, ermöglichen sie doch erstmals eine je nach Eisstrom differenzierte topographische Abgrenzung des von zahlreichen Fehleinschätzungen belasteten 1820er Vorstosses.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sich auch die Wissenschaftler intensiver mit den Gletschern zu befassen, allen voran der junge Natur- und Gletscherforscher L. Agassiz, der in den Jahren 1840-1845 mit seinen umfangreichen Felduntersuchungen auf dem Unteraargletscher praktisch den Anfang der experimentellen Glaziologie markiert. Die dabei von J. Wild erstellte topographische Karte im Massstab 1:10000, die erste wissenschaftliche Gletscherkarte überhaupt, weist als Lithographie mit der Feinheit und Genauigkeit der Landschaftsdarstellung durchaus auch künstlerische Qualitäten auf.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich wegen der aufkommenden fotografischen Techniken das Bildmaterial vollständig. Gletscheransichten auf Daguerreotypien und ab 1856 auf Fotografien, beeindruckend z.B. die Aufnahmen von F. Martens und A. Braun, verdrängen die gezeichneten und gemalten Eisstromdarstellungen.

Erst F. Vallotton und vor allem F. Hodler ( nun schon im 20. Jahrhundert ) gelang es, der künstlerischen Gletscherdarstellung inhaltlich und formal neue Wege zu weisen, so dass sie die Konkurrenz der Fotografie nicht mehr fürchten musste.

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