Glückliche Inseln. Pico de Teide

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Willy Uttendoppler, Bern

Pico de Teide Teneriffa ( spanisch Tenerife ) dürfte die meistbesuchte Insel des Archipels der Kanarischen Inseln sein. Selbst von den entferntesten Ländern erhält sie dank ihrem ewigen Frühling und den guten Flugverbindungen regen Besuch und ist in der Hauptsaison so gut wie ausgebucht, zumal es in unsern Regionen bald zum guten Ton gehört, vom strengen Winter in den milden und sonnigen Frühling südlicher Zonen hinüberzuwechseln. Teneriffa liegt im Atlantischen Ozean, gegenüber der afrikanischen Küste, etwas nördlich des 28. Breitengrades, also auf gleicher Höhe wie Florida oder Unterägypten, und die Reiseangebote -meist inklusive Zimmer mit Frühstück - sind so verlockend und günstig, dass man nicht unbedingt ein Krösus sein muss, um sich einmal so ein kleineres Abenteuer und ein Stückchen andere Welt leisten zu können. Und wer Bergsteiger ist, wird natürlich mit Spaniens höchstem Berg, dem Pico de Teide ( 3707 m ) liebäugeln, dessen schneebedeckte Spitze die ganze Insel beherrscht, der Landschaft einen ganz besonderen Zauber verleiht und sogar das Wetter beeinflusst. Schon Kolumbus erwähnte das feuerspei-ende Ungeheuer im Bordbuch auf der Durchfahrt zur Neuen Welt. Heute darf man sich ihm aber ohne Bedenken nähern, denn seit 1909 hatte der Teide keinen Ausbruch mehr.

Die dreieckförmige Insel Teneriffa ( 2053 Quadratkilometer ) ist voller Gegensätze: das wilde, Pico de Teide aus dem Parador National Canadas vom Teide überragte Kettengebirge, das immergrüne, landschaftlich überaus schöne Orotavatal im Norden ( eigentlich gar kein Tal, sondern ein riesiger Hohltrichter ) mit den unabsehbaren Kiefernwäldern und der Küste mit den schwarzen Basaltfelsen. Das Meer ist mitunter derart wild, dass man nur in geschützten Bassins baden kann. Dann die weiten, sonnenüberfluteten Sandstrände im Süden der Insel, im Wechsel mit malerischen Städten und Dörfern, die allen Komfort bieten. Ferner die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Einwohner. Unvergesslich bleibt ein Sonntag mit dem Liedergut der kanarischen Folklore in Begleitung der Gitarren und Mandolinen, den malerischen Trachten bei Gesang, Spielen und Tänzen. Die Urbewohner der Insel waren die « Guanches » ( Höhlenbewohner ), eine kräftige Rasse mit eigenartigen Sitten und Bräuchen, aber auch mit beachtlichem Mut, den sie immer wieder bei Überfällen an den Tag legten, bis dann die Inseln im 15. Jahrhundert der kastilischen Krone unterstellt wurden, so dass sie heute das Geschick Spaniens teilen. Die Hauptstadt von Teneriffa ist Santa Cruz an der Südküste mit i 80000 Einwohnern. Schöne Gärten und belebte Strassen geben ihr ein besonderes Gepräge und lassen einen gerne verweilen, zumal Theater, Kinos, Museen, Nachtlokale, eine Stierkampf-arena und Sportmöglichkeiten aller Art vielerlei Abwechslung verheissen. Der Hafen, in einer weiten Bucht gelegen, die vom Anaga-Gebirge überragt wird, stellt einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Amerika dar. Jährlich legen hier ungefähr 10000 Schiffe an. Bedeutend ist auch die grosse Erdöl-raffinerie.

Unsere Ankunft auf Teneriffa war vorerst eine arge Enttäuschung. Eine zweimotorige Propellermaschine schaukelte uns von Las Palmas ( Gran Canaria ) durch Windböen und Wolken nach dem Flugplatz Los Rodeos bei La Laguna ( 50000 Einwohner ), der ehemaligen Hauptstadt von Teneriffa, deren Wahrzeichen Käthe- drale und Universität bilden und die Ausgangspunkt für prachtvolle Exkursionen in die berühmten Wälder von Esperanza und Mercedes ist. Doch die totale Waschküche war keine Ouvertüre nach unserem Geschmack. Auf der Talfahrt im Car nach dem Standquartier in Puerto de la Cruz ( 15000 Einwohner ) durchfuhren wir gepflegte Wein- und Bananenkulturen, und das Wetter besserte sich zusehends, ja am Nachmittag, als wir uns im Telmo-Schwimmbad vergnügten, schälte sich hoch über uns der Gipfel des Teide aus den Wolken. Was Wunder, dass unser Stimmungsbarometer in die Höhe flitzte!

Puerto de la Cruz, an der Nordküste gelegen, hat sich in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Ferienorte von ganz Teneriffa entwickelt. Weltberühmt ist der Botanische Garten, der auf verhältnismässig kleinem Raum eine ungeahnte Pracht von Blumen, Sträuchern und Bäumen aus allen Klimazonen bietet und einen guten Überblick über die tropische und subtropische Vegetation der Insel vermittelt. Wie aus dem Spielbecher gewürfelt, stehen über der Küste die Hotels, Dancings, Bars, Restaurants, Geschäfts- und Appartementhäuser, Villen und Landsitze. Ein Réduit für Ferien- und Sonnen-hungerige, Millionäre, Künstler, Snobs und Abenteurer.

Wir haben Ferien und lassen uns Zeit. Dank der ganzjährigen Saison verfügt das Reisebüro « Insular » über ein reichhaltiges Ausflugsprogramm und organisiert halb- und ganztägige Ausflüge mit den modernsten Autocars, auf der ganzen Insel. Von diesen Möglichkeiten machen wir auch ausgiebig Gebrauch; aber nun — wir haben bald Vollmond - lockt die Tei-de-Besteigung. Ein Kleincar kurvt uns durch das immergrüne Orotavatal bergwärts. Der Talschaft Orotava ( 22000 Einwohner ) mit den vornehmen Adelspalästen, den holzgeschnitzten Baikonen, der berühmten Stickereischule und der prachtvollen Concepciön-Kirche hatten wir schon vorher unseren Besuch abgestattet. Herr- 2Die höhersteigende Sonne wirft den Schattenkegel des Teide auf die westliche Inselhälfte von Teneriffa 3Los Roques und Pico de Teide Photos Willy Uttendoppler, Bern lieh weitet sich der Blick auf Puerto de la Cruz und die weissen Schaumkronen der Küste hinunter. Später fährt der Car durch herrliche Kiefernwälder, deren lange Nadeln gesammelt werden und die ideale Verpackung für den Bananenexport ergeben. Die jährliche Bananen-produktion auf Teneriffa beträgt 200000 Tonnen, und diese Früchte gedeihen hier bis auf eine Höhe von 300 Metern. Mit Wein deckt sich die Insel selbst ein, dagegen gelangen noch Gemüse und Blumen in den Export.

Unser Car hat nun den Kraterrand von Las Canadas erreicht. Hier befindet sich das Restaurant « Portillo » mit schönem Ausblick zum Teide. Mit den letzten Zirbelkiefern geht hier auch die Vegetation zu Ende. Las Canadas ist mit einem Durchmesser von ungefähr 15 Kilometern und einem Umfang von 75 Kilometern einer der grössten Krater der Welt. Wie eine Mondlandschaft mutet dieses Gebilde an. Wir befinden uns nun knapp über 2000 Meter Höhe. Die verhältnismässig gute Strasse führt in den Krater hinein, d.h. dem nördlichen Rand entlang, und vermittelt grossartige Einblicke. Es lohnt sich, einmal bis zum westlichen Ausgang des Kraters zu fahren, wo sich der « Parador Nacional Canadas de Teide » befindet, ein gepflegtes Hotel mit Schwimmbad und einer reizenden Bergkapelle. Dort stehen auch die einzigartigen Felsformationen « Los Roques de Teide », Basalttürme, bis 60 Meter hoch -ein kleiner Klettergarten und eine wahre Fundgrube für Photographen. In der Mitte der Strecke Portillo-Parador liegt auf 2350 Meter die « Talstation » der im Bau befindlichen Tei-de-Seilbahn. Schade, dass auch hier die Technik nicht haltmacht! Kurz vorher zweigt ein schmales Natursträsschen ab, welches unseren Car noch bis auf 2600 Meter « pusten » lässt. Nun befinden wir uns in der Ostflanke des Berges. Bei einer bescheidenen Klause aus Natursteinen, Brettern und Wellblech wartet in der Regel ein Eseltreiber mit zwei Tragtieren auf Kundschaft. Unser Führer ist ein Original; QH deutsch nicht dass wir ihn nötig hätten, aber wenn man sich am Teide nicht die Füsse wundlaufen will, so ist man auf diesen Begleiter mit dem Klein-car angewiesen. Ausserdem ist die Sache nicht teuer und macht viel Spass, denn in der Regel trifft sich eine international zusammengewürfelte Gesellschaft. Die Kleidung einiger Damen erinnert eher an ein Kostümfest als an eine Bergfahrt. So oder so - nun steigt man auf einem mehr oder weniger guten Weg in knapp zwei Stunden ins Refuge « Alta Vista » ( 3200 m ). Diese Unterkunft ist gut unterhalten und teilweise bewirtet. Es ist klar, dass man dank der Motorisierung die Teide-Besteigung als Tagestour durchführen könnte; aber es lohnt sich, in der Hütte zu übernachten, um am Gipfel das Schauspiel des Sonnenaufgangs zu erleben. In den weichen Betten schläft es sich übrigens recht gut.

Um 4.30 Uhr « bläst » der Führer Tagwache. Ende September sind die Tage eben schon recht kurz und wollen ausgenützt sein. Nach einem heissen Kaffee machen wir uns denn auch eine Stunde später auf die Beine, wobei die Lichtkegel der Taschenlampen uns den Weg weisen. Auf 3400 Meter graut im Osten der neue Tag. Die Route führt nun in die Südseite hinüber, und wir passieren auf 3500 Meter die Kopfstation der Seilbahn. Eindrücklich sind die Tiefblicke in den Riesenkrater von Las Cafiadas, wo noch die Schatten der Nacht lagern. Langsam verfärbt sich der Gipfel, geht vom dunklen Violett in Rosarot über, während liebliche Schrapnellwolken den rotgefärbten Himmel zieren. Das Schlussstück in der Südflanke ist bis zum Kraterrand des Gipfels sehr steil und der Weg schlecht; unser Führer steigt aber wie aus einer Rakete geschossen, so dass unsere Kolonne arg auseinandergerissen wird. Nun erreichen wir den vom Schwefel gelbgefärbten Krater, dem warme Dämpfe entsteigen, und betreten über die Südabdachung um 7 Uhr den Gipfel. Aus den blutrot gefärbten Wolkenbänken des östlichen Horizontes taucht soeben die Scheibe der Sonne empor — ein einmaliges Bild! Aber es ist bitterkalt, und der Leiter lässt nicht von ungefähr eine Literflasche mit Kognak kreisen. In der westlichen Landeshälfte von Teneriffa breitet sich der Schattenkegel unseres Berges aus; schemenhaft erkennt man in der Runde die umliegenden 12 Inseln, von denen, Teneriffa miteingerechnet, 7 bewohnt sind. Die höhersteigende Sonne lässt auf einmal die Canadas-Kra-terumrandung wie Filigran aufleuchten und erweckt Stimmungsbilder von einmaliger Schönheit, weshalb wir mit klammen Fingern an unseren Photoapparaten hantieren, während unsere beiden besseren Ehehälften mit blauer Nase unter der Kapuze der Windjacke « Modell » stehen. Ob die Nasen von der Kälte oder vom Kognak blau gefärbt sind, bleibe dahingestellt; aber eines ist sicher: Herrliche Farbbilder haben wir vom Teide nach Hause gebracht, die an langen Winterabenden in uns immer wieder die Sehnsucht nach den glücklichen Inseln wecken.

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