Grand Combin de Valsorey-NW-Wand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ERICH VANIS ( WIEN )

Mit 1 Skizze Zeit der Handlung: Mitte Mai 1958.

Ort der Handlung: Cabane de Panossière.

Wir waren eben von einer Skitour vom Combin de Tsesette zurückgekehrt, als uns einige Burschen auffielen, deren Gehaben wirklich nicht zu übersehen war. Einer von ihnen zog an einer Rebschnurschlinge ein Hakenbündel rasselnd hinter sich her, den Schwanz dieses Stahligels aber bildeten drei Meter lange Trittschlingen mit Aluminiumsprossen. Bald danach knallten Sektpfropfen. Eine Neutour wurde gefeiert. Schon wieder eine « Wende im Alpinismus »? Rätselhaft war uns nur, wo man hier im Combingebiet eine Felsmauer findet, in die man all das Eisenzeug, angefangen von den 1 cm langen Expansionshaken bis zu den 30 cm Schwertern, hineinschlagen kann. Nun, es gab keine geheime Dru-West- oder Capucin-Ostwand hier. Die Erstbegehung führte über einen Felseissporn, wie ihn ähnlich schon unsere Grossväter bestiegen haben. Damals, bei Christian Klucker z.B., sprach die Route einer Lyskammnordwand allein schon für sich, heute aber zählt nur der Materialauf- 188 wand! In der Einleitung des Buches « Jenseits der Vertikalen » von Georges Livanos wird unter anderem erwähnt, dass der Verfasser 18 000 Haken verwendet bzw. 12 000 davon eigenhändig geschlagen hat. Wahrlich eine beachtliche Leistung, wobei man sich allerdings fragt, was höher zu werten ist, die körperliche oder die mathematische Arbeit. Wer aber nicht zur Gilde des sechsten Grades gehört, versucht sich wenigstens so zu geben. Was macht man nicht alles, um alpin als ge-sellschaftsfähig zu gelten? Man trägt eine reich sortierte Schlosserei mit sich herum, auch wenn man gar nichts damit anzufangen weiss.

Tags darauf packten auch wir unser Eisenzeug ein, allerdings ohne Rasseln. Wozu auch, mit unseren zwei Eishaken und Karabinern hätten wir ohnehin niemanden imponieren können. Unser Ziel war die Nordwestwand des Combin de Valsorey.

Beim Verlassen der Hütte stellten wir eine drohende Wolkenbank im Norden über dem Genfersee fest. Obwohl es 2 Uhr nachts war, umfing uns lauer Wind, und die Wetterfront kam rasch näher.

Nach allen Regeln der Vernunft hätten wir für diesen Tag unsere Eishaken an den berühmten Nagel hängen und weiterschlafen sollen. Doch wir wollten einmal unvernünftig sein, wir hatten Lust das zu machen, was gegen jede Regel der Logik war...

Rascher als sonst stiegen wir damals zum Wandfuss hinauf, um wenigstens eingestiegen zu sein, wenn uns das Unwetter erreicht. Nun, das ist uns auch gelungen, als die ersten Flocken fielen, lagen schon 200 m der Eisflanke unter uns. Nebel fiel ein, wir aber stiegen unbeirrt über einen zerklüfteten Eisrücken empor. In unregelmässigem Zickzack legten wir unsere Spur an, immer die mit festem Preßschnee ausgefüllten Schrägspalten ausnützend.

Nach etwa 3 Stunden tauchte aus dem Grau eine Felsinsel auf. Das war unser Orientierungspunkt. Hier hätten wir Gelegenheit gehabt, entlang der Originalroute Blanchets nach links auf das Combin-plateau zu queren. Bei dem nun einsetzenden Sturm wäre dies wohl das Vernünftigste gewesen. Wir aber waren konsequent, sowohl in der Unvernunft als auch in der Durchführung unseres Planes. Nachdem wir die Felsinsel rechts umgangen hatten, hackten wir unsere Kerben weiter, gerade hinauf. Eigenartigerweise störten uns diesmal weder der Sturm noch der Schneefall und die kleinen Lawinen. Wir waren vom Schlechtwetter nicht überrascht worden, sondern bewusst hineingegangen und darin lag der Unterschied. Natürlich möchte ich unsere Handlungsweise nicht als Beispiel zur Nachahmung hinstellen, im Gegenteil. Mein Freund Egbert Eidher und ich aber hatten für den Sommer eine Einreisegenehmigung in den Kaukasus. Bei den dortigen grossen Touren gerät man häufig in Wetterstürze, so dass wir auch darauf moralisch eingestellt sein wollten. Tatsächlich sind uns die Erfahrungen der Combin-NW-Wand dann bei der ersten Begehung der Ullu-kara-Tau-Nordwand sehr zustatten gekommen. Nebel und Schneesturm hatten für uns einen Teil ihrer Schrecken verloren. So lag also auch etwas System in unserer unlogischen Handlungsweise.

Abermals vergingen zwei Stunden. Da erblickten wir über uns die Schemen der Gipfelfelsen. Eine schmale, sehr steile Eiszunge führte noch 50 m in sie hinein, und über verschneiten Fels kletterten wir das letzte Stück zum nahen Gipfel. Kaum 5 m vom höchsten Punkt entfernt, betraten wir den Combin de Valsorey ( 4184 m ).

Mit Karte, Kompass und Höhenmesser tasteten wir uns den Grat entlang über den Combin de Grafeneire ( 4317 m ) und die Aiguille du Croissant ( 4260 m ). Es war dies ein sicherer Weg als durch die Mulden unterhalb zu queren, wo man bei Nebel keinerlei Orientierungsmöglichkeit besitzt. Nur einmal kamen uns auch auf der Gratroute Zweifel, beim Abstieg zur Mur de la Côte und zum Hochplateau des Combin de Tsesette. Dort aber war das Glück mit uns. Eben als wir mit unseren Schritten zögerten, lichtete sich der Nebel ein wenig, und wir sahen 10 m vor uns Holzpflöcke und eine Abseilschlinge im Schnee. Wenn wir auch keine 100 m Rebschnur wie unsere Vorgänger zum Abseilen mithatten, so störte dies nicht weiter, ging man doch diesen Hang seit dem Jahre 1857 frei auf und ab. Die Holzpflöcke aber wiesen uns den Weg zum Corridor, zum Skidepot und zur Cabane de Panossière zurück. Diesmal lachten wir gar nicht über die Materialschlacht der Superextremen. Wir lächelten nur ein wenig und waren ihnen im Grund genommen sogar ein bisschen dankbar!

In den Tannheimern

EINE KLETTERFAHRT VON WILLY SCHWEIZER ( WINTERTHUR ) Auf Pfingsten pflegt der Bergsteiger Pläne zu schmieden und nebenbei mit schönem Wetter zu rechnen. Nun, schönes Wetter herrschte am diesjährigen Pfingstsamstagmorgen, und unser Plan stand fest: Es galt, die Kletterberge des Tannheimertales zu besuchen.

Im neuerstandenen VW meines Freundes reisen wir, d.h. meine Frau, mein Kamerad Köbi Looser und ich, über Bregenz-Immenstadt-Sonthofen, dann über das Oberjoch ( zur Zeit der « Tausendjährigen Morgendämmerung » Adolf-Hitler-Pass genannt ) ins Tannheimertal, einem Tiroler Hochtal nahe der bayrischen Grenze. Nesselwängle ist unser Endziel, wo übrigens Toggenburger Jäger im Herbst jeweils dem Waidwerk obliegen.

Nach kurzem Inbiss in einem behäbigen Tiroler Gasthof schwingen wir ächzend unsere prall gefüllten Rucksäcke über die Schultern und steigen in der heissen Mittagssonne den blumenübersäten Hang hinauf gegen das Gimpelhaus. Bald nimmt uns kühler Wald auf, und nach einstündigem, steilem Aufstieg erreichen wir das Berggasthaus, wo wir nur noch in einem unbenutzten Stall eine « Drittklassunterkunft » beziehen können, da im Haus selber schon alles bis zum letzten Platz reserviert ist.

Einige junge Bergsteiger erklären uns die Gegend und, was uns besonders interessiert, die Kletterrouten und ihre Schwierigkeitsgrade. Gimpelwestgrat, 2>.A. Grad, also gerade recht, um noch etwas Fels in die Hände zu kriegen. Nach einer knappen Stunde stehen wir am Einstieg, im Sattel zwischen Rotflüh und Gimpel. Es ist nachmittags halb 3 Uhr. Über uns eine Seilschaft nach der anderen. Ein dreimal verlängerter 5. Kreuzbergwestgrat, ebenso griffig, ebenso prächtig. Nach kurzer Zeit stehen wir am « Spreizschritt », der sogenannten Schlüsselstelle. « Nun Mut Johann », hat ein Witzbold mit roter Farbe an den Fels gepinselt. « Also Mut, Johann-Jakob », sage ich zu meinem Freunde. Der schaut sich die Sache genau an, spuckt in die Hände, und oben ist er. Etwas mehr Zureden braucht es bei meiner Frau, die das Autofahren noch in sich spürt und angesichts dieser « Nun-Mut-Johann »-Stelle das Augenwasser bekommt. Doch bald ist auch sie über diese Stelle, und nach einigen luftigen Seillängen stehen wir auf dem Gipfel ( 2176 m ).

Ein herrlicher Rundblick bietet sich unseren Augen! Westlich das hügelige Allgäu, nördlich das weite bayrische Flachland, die wilden Wettersteinwände sowie die unzähligen Karwendelgipfel im Osten, und südlich nahe die J^echtaler, weiter weg die Oetztaler Alpen und die Silvrettagruppe.

Zwei Nürnberger Kletterer lernen wir kennen, Ruedi und Fritz, kurz « Kumpels » genannt, mit denen wir den Abstieg antreten. Im Laufe des Abends fühlen wir den zwei etwas auf den Zahn, und dabei stellt sich heraus, dass es zwei ganz « starke Jungens » sind, die schon die schwersten Dolomi-ten-, Karwendel- und Kaiserwände « gemacht » haben, denen gegenüber wir uns fast als grüne Anfänger vorkommen.

Doch früh zur Ruhe und früh hinaus am Sonntagmorgen, haben wir doch zwei Touren im Sinn; Rotflüh, alter Südwandweg, und Gimpelsüdwand. Eine Stunde brauchen wir bis zum Einstieg der Rotflüh. Ein abschüssiges Band vermittelt den Weiterweg in die Wand, drei senkrechte Seillängen mit einigen Haken, eine ausgewaschene Schlucht mit Rasen durchsetzten Platten. Dann auf leichtem Weg zum Gipfelkreuz. Heute ist auch meine Frau entschieden besser in Form.

Wir schauen zur Gimpelsüdwand hinunter. Diese Wand wollen Köbi und ich noch durchsteigen. Vier Partien kleben darin. Auf leichtem Weg sind wir rasch in der Scharte Rotfluh/Gimpel, steigen zum Einstieg hinunter und etwa 60 m seilfrei empor. Ein senkrechter Riss zwingt uns, das Seil zu entrollen. Darauf folgt ein senkrechter 40-m-Kamin, weiter links geht es über Schroffen in die Verschneidung, d.h. in die zwei schönsten Seillängen dieser Route. Dann stehen wir wieder auf dem Gimpelgipfel, drücken uns die Hände und sind glücklich.

Im Gimpelhaus. Mit den « Kumpels » feiern wir einen vergnügten Abend, erzählen, singen Lieder, plaudern und trinken etwas Wein, zur Mitternacht, bis der grössere der « Kumpels » behauptet, dass sein Grossvater Zigeunerkönig von Dänemark gewesen sei.

Pfingstmontagmorgen. Heute geht 's zur Rotflüh-Südwestwand. Nach Angaben der « Kumpels » eine reine Genusskletterei! Nun, wir können uns natürlich auf ein Urteil eines « Extremen » nicht so ohne weiteres verlassen und verbinden uns am Einstieg, vorbeugen ist besser als heilen, mit zwei Seilen. Über uns sind zwei Partien an der Arbeit, so dass hie und da ein Stein fällt. Unangenehm!

Ein ausgesetzter 15-Meter-Quergang ist der Einstieg. Sicherung: ungenügend. Dann leichter links aufwärts zum Fusse eines senkrechten Kamins. Vor mir keucht ein Heidelberger Student, schweissnass, aufwärts. Mir gefällt es; denn Kamine liegen mir gut. Oben wird er sogar überhängend, und plötzlich ist man wieder im « Freien », am Quergang nach links. Ich lasse dem Köbi den Vortritt, und mit ruhigen Bewegungen quert er hinüber, geht hinauf zum Stand. Nicht übertrieben schwer, aber von unerhörter Ausgesetztheit ist diese Stelle. Der Standplatz ist ein komfortables, breites Band. Zwei Haken zeigen den Weiterweg über einen respektablen Überhang an. Bis ich den ersten erwische, muss mein Kamerad ein « Böggeh » machen, dann rasch einen Zug, den zweiten Karabiner einhängen, ein Klimmzug an einem « Bombengriff », noch etwa 10 Meter rechts, ausgesetzt, und plattig hinauf zum sicheren Standhaken. Eine leichte und nochmals eine schwerere Seillänge, und oben sind wir.

Ein abschiednehmender Blick in die Runde, und hinunter geht 's zur Hütte - ins Tal - in den Alltag zurück, glücklich und zufrieden.

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