«Grande Dame» des Alpinismus: Yvette Vaucher im Porträt

Yvette Vaucher im Porträt

Die Spitzenbergsteigerin Yvette Vaucher musste lange warten, bis ihr im SAC die Anerkennung zuteilwurde, die sie verdiente. Eine stattliche Anzahl Nordwände reichte jedenfalls nicht.

Wir schreiben das Jahr 1962. Zwei Zweierseilschaften steigen in die Eiger-Nordwand ein, es sind erfahrene Alpinisten, die zügig vorankommen. Im zweiten, langen Eisfeld beginnt es zu schneien. Trotz den widrigen Umständen erreichen die Bergsteiger die Rampe, wo sie biwakieren. Als das Wetter am Morgen nicht besser ist, treten sie den Rückzug an. Sie wissen, dass noch keine Seilschaft lebend von so weit oben zurückgekehrt ist. Nach bangen Stunden des Abstiegs im endlosen Schneetreiben erreichen sie das Stollenfenster der Jungfraubahn. Gerettet! Sie klettern durch die Öffnung und steigen mitten in der Nacht den Bahnschienen entlang Richtung Tal ab. Haben Sie sich ein Bild dieser Vierergruppe gemacht? Hätten Sie gedacht, dass zwei Frauen mit von der Partie waren? Wohl kaum, denn Spitzenalpinismus wird vor allem mit Männern in Verbindung gebracht. In den 1960er-Jahren waren bergsteigende Frauen erst recht eine Minderheit. Dennoch: Bei besagtem Versuch an der Eiger-Nordwand sind Michel Vaucher und Michel Darbellay mit Loulou Boulaz unterwegs, der damals 54-jährigen, legendären Genfer Bergsteigerin. Mit von der Partie ist auch die 33-jährige Yvette Attinger, spätere Vaucher. Sie wären die ersten Frauen gewesen, welche die Eiger-Nordwand durchstiegen hätten. Zwei Jahre später gelingt dies der deutschen Alpinistin Daisy Voog.

Der Berg zählt, nicht der Ruhm Ein sonniger Tag im Februar 2010. Ein steiles Strässchen hinauf zum verwinkelten Haus in der Genfer Altstadt, wo Yvette Vaucher seit vielen Jahren zu Hause ist. Mit zügigen Schritten nimmt die 80-Jährige den steilen Aufstieg in Angriff. Kurze Zeit später sitzen wir in ihrer Wohnung beim Tee und schauen uns Bergfotos an. « Waren Sie enttäuscht über den Abbruch der Tour an der Eiger-Nordwand ?» – « Ja und nein », antwortet sie, « weil wir uns gesagt haben: Wir kommen wieder. » Das sagt viel aus über Yvette Vaucher. Sie ist eine pragmatische Person, eine Macherin, die dem Klettern mit Leib und Seele zugetan ist. Grosse Abhandlungen über das Bergsteigen liegen ihr nicht: Sie hat es getan, und sie hat es geliebt. Man glaubt ihr, dass nicht Ruhm und Erstbegehungen lockten, sondern immer und in erster Linie der Berg. Matterhorn, Badile etc. Die Liste der Routen, die Yvette Vaucher begangen hat, ist beeindruckend: Neben der Eiger-Nordwand, deren Begehung ihr 1974 nach mehreren Anläufen gelingt, durchsteigt sie in den 1960er- und 1970er-Jahren die klassischen Nordwände von Matterhorn, Badile, Grosser Zinne, Aiguille du Dru und der Grandes Jorasses. 1966 schafft sie mit Michel Vaucher zusammen die erste Direttissima der Dent-Blanche- Nordwand. Sie hat den Südgrat der Aiguille Noire de Peuterey erklettert, die Gugliermina, die Sentinelle Rouge, den Grand Pilier d' Angle, den Freney- und den Bonatti-Pfeiler. 1971 nimmt Yvette Vaucher an der internationalen Mount-Everest-Expedition teil, die nach dem tragischen Tod eines Teilnehmers abgebrochen wird. Sie besteigt das Diamant Couloir am Mount Kenya, den Westgrat des Mount McKinley in Alaska, die Nose und die Nordwestwand des Half Dome in Kalifornien. « Et cetera », meint Yvette Vaucher. « Schreiben Sie einfach: et cetera. Wir unternahmen noch so viele andere Touren. » Eine Pionierin wider Willen Ihre Unerschrockenheit kommt Yvette Vaucher nicht nur in den Bergen zugute: In den 1950er-Jahren lebt sie in Neuenburg und vermisst das Klettern am Genfer Hausberg Salève. Kurzerhand erwirbt sie – als erste Frau – ein Schweizer Fallschirmbrevet. Ursprünglich interessierte sie sich für das Fallschirmspringen, weil sie zur Bergrettung wollte. Ihre Bewerbung wurde aber mit der Begründung abgelehnt, Frauen seien nicht zugelassen. An diese Grenze, die ihr als Frau von der Gesellschaft gesetzt wird, stösst Yvette Vaucher immer wieder. Denn ihre Biografie stimmt ganz und gar nicht mit dem Frauenbild der Nachkriegszeit überein: Die ideale Schweizerin ist Hausfrau und Mutter und stellt ihre Ambitionen zugunsten von Ehemann und Kindern zurück. Zwar ist Yvette Vaucher keine Feministin wie etwa Loulou Boulaz, die sich vehement für das Frauenstimmrecht und die Lohngleichheit einsetzt. Aber indem sie ihrer Leidenschaft für den Alpinismus mit grosser Selbstverständlichkeit nachgeht, wird sie gewissermassen zur Pionierin wider Willen. Ihre Unerschrockenheit, ihr grosses Talent, ihr technisches Können und ihr Durchhaltewille ermöglichen es ihr, als Frau in einem männerdominierten Sport Berge zu versetzen. Schon als sie mit 19 Jahren am Salève die ersten Kletterversuche macht, wird man auf sie aufmerksam. Bald darauf klettert sie im Umfeld des legendären Genfer Bergclubs « Androsace », dem einige der besten Bergsteiger ihrer Zeit angehören. Dennoch seien ihre Leistungen manchmal angezweifelt worden, erzählt Yvette Vaucher. « Noch heute heisst es manchmal: ‹Ach, dein Ehemann hat dich die Wand hinaufgezogen.› Sie sagen dummes Zeug, vielleicht im Scherz, aber sie sagen es dennoch. » Anders als die Bergsteigerinnen, die sich im Schweizer Frauen-Alpenclub organisieren, ist Yvette Vaucher vor allem mit Männern unterwegs. « Zu meiner Zeit sah man Frauen nur in den einfachen Kletterrouten. Sie hatten keine guten Begleiter und waren nicht genügend ausgebildet », meint sie. In der « Eheseilschaft » Während in den 1950er-Jahren die Kletterlust vieler Frauen durch die fehlende Förderung und Anerkennung im Keim erstickt wurde, verschafft sich die Ausnahmekletterin schnell den Respekt der besten Alpinisten. Als sie 1961 auf Michel Vaucher trifft, der kurz zuvor von der Erstbesteigung des Dhaulagiri ( vgl. « Die Alpen » 5/2010 ) zurückgekehrt ist, hat sie den Seil- und Lebenspartner gefunden, mit dem sie die nächsten 15 Jahre verbringen wird. Ein solches Modell der « Eheseilschaft » ist damals nicht unüblich. Durch das Arrangement mit einem Partner, der sie als Alpinistin anerkennt, muss sich eine Spitzenbergsteigerin nicht mehr ständig mit den Vorurteilen auseinandersetzen, die sie als « unnatürlich » oder gar « unmöglich » taxieren. In den 1960er-Jahren sind in der Schweiz einige « kletternde Ehepaare » auf höchstem Niveau unterwegs: Brigitte und Paul Etter, Silvia Metzeltin und Gino Buscaini, Heidi und Albin Schelbert, Gaby und Geny Steiger. Und eben: Yvette und Michel Vaucher. Nach dem Verbot stolze Eltern Yvette Vaucher bleibt, genauso wie allen anderen Frauen, eine Mitgliedschaft beim SAC lange verwehrt. Nach der Fusion des SAC mit dem SFAC 1979 ( vgl. « Die Alpen » 7/2007 ) wird ihr und Loulou Boulaz von der Sektion Genevoise die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Später wird Yvette Vaucher Tourenleiterin und 1995 Präsidentin der Sektion Genf. Zudem gehört sie der Groupe de Haute Montagne an und amtet als Jurymitglied für den Piolet d' Or. Und heute liegt ihr das Kinderbergsteigen am Herzen. Kinder wüssten, wie man auf Bäume steigt, sagt Yvette Vaucher: Warum sollten sie nicht auch am Fels klettern? Leider seien aber viele Eltern zu ängstlich. « Klettern ist ein ideales körperliches Training. Es ist gut für den Rücken, für die Muskeln und für das Gleichgewicht. Es gibt keinen Grund, den Kindern Angst zu machen. » Als ich frage, ob sie diese Ängstlichkeit für ein neues Phänomen halte, verneint sie lachend. Schon ihre Eltern hätten ihr das Klettern verboten. « Aber ich habe ihnen nicht gehorcht. Ich erzählte erst am übernächsten Tag von den Touren, die wir unternommen hatten. Und siehe da: Schliesslich waren meine Eltern stolz auf mich. »

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