Grohmannspitze

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Willy Rupp

( Zürich ) Mit 1 Bild ( 20 ) Es war in der dritten Augustwoche 1937. Ich war mit Fifi und Luigi bereits seit drei Tagen in den « flammenden Bergen », im Wunderreich der Dolo- miten, unterwegs. Wir hatten bei eisigem Wind die drei südlichen Vajolettürme überklettert, die imposantesten Felsnadeln, die je mein Auge sah. Dann waren wir über den A ntermoiapass gewandert und hatten die Cima Donna erstiegen, und am folgenden Tage brachen wir vom Sellajoch aus zur Besteigung der Sellatürme auf. Für morgen stand nun ein ganz besonderer « Leckerbissen » bevor, die Erkletterung der Grohmannspitze über die Südwand.

Fifi hatte sich an den Vajolet- und Sellatürmen die Finger wund gerissen. Luigi riet ihr daher, einen Tag zu « pausieren », und es war gut so.

Ein wunderschöner Donnerstagmorgen brach herauf. Lieblich leuchtete das Grün der Rasenkuppe der « Rodella » zu uns herüber. Von der Morgensonne in lichte Farben gekleidet, grüssten die zierlichen Zacken der Fünffingerspitze und die gewaltige Felsburg des Langkofels zu uns herab. Doch den schönsten Anblick bot doch « unser » Berg, die ebenmässige Pyramide der Grohmannspitze.

Eben hatten wir uns vom Pächter des Rifugio Valentini auf dem Sellajoch verabschiedet und den Weg zu unserer Wand unter die Füsse genommen. Da hören wir einen Zuruf. Wir bleiben stehen. Zwei Herren, die auch bei « Valentini » zu Gast waren, kommen auf uns zu, stellen sich vor: König und Kronfeld aus Wien. Sie machen glaubhaft, gewandte Kletterer und schon 14 Tage unterwegs zu sein, und bitten, sich uns anschliessen zu dürfen. Die beiden Herren wollen auch durch « unsere » Wand, kennen sie aber nicht und möchten nicht mühsam den Durchstieg suchen, wenn sich die Sache einfacher machen lässt. Luigi und ich beraten kurz und entsprechen der Bitte. Wir sind uns dabei bewusst, uns möglicherweise einen Hemmschuh angebunden zu haben.

Wir sind beim Einstieg. Die Nagelschuhe werden mit den Kletterfinken vertauscht. Dann schlüpfen wir ins Seil, und nach einigen Minuten schweben wir bereits in lotrechter Wand. Senkrecht unter uns dehnt sich das Geröllfeld, über das wir zur Wand angestiegen waren.

An winzigen Griffen und Tritten geht es aufwärts. Nun kleben wir schon zwei Stunden in diesen Felsen. Die beiden Wiener haben uns bis jetzt nicht behindert. Die zwei klettern flüssig und sind wirklich darauf bedacht, uns nie lange auf den Anschluss warten zu lassen.

Wir sind an der schwierigsten Stelle. Es ist die Schlüsselstelle der Wand. Eine trittlose Hangeltraverse von sechs Metern Breite und eine ebensolange Fusstraverse ohne Griffe. Die Hangeltraverse ist die schlimmere « Nuss », die hier zu knacken ist. Für die Fingerspitzen einen winzigen Halt, während der übrige Körper bodenlos über 400 m hohem Abgrund schwebt.

Luigi und ich sind über diese « kitzlige » Stelle hinweg. Auch das aalglatte Band der grifflosen Fusstraverse liegt hinter uns. In einem von Schmelzwasser genässten — tags zuvor war Schnee gefallen — und dadurch seifig und glitschig gewordenen Kamin verspreizen wir uns, so gut es eben geht, und warten auf die nachkommenden Wiener. Der erste muss eben über die Fusstraverse hinweg sein. Wir hören ihn seinem Kameraden zurufen: « Du kannst nachkommen! » In diesem Augenblick hören wir ein Zischen. Zwei dunkle Körper fliegen unter uns in die Luft. Zwei-, dreimal hören wir dumpf aufschlagen. Dann ist 's wieder still in der Wand. Über mir vernehme ich Luigis Stimme: « Da kannst nix machen, seins tot die zwei; komm Willem, wir gah'n weiter. » Ja, wir mussten wohl oder übel weiter. Ein Zurück gab 's hier nicht. Unseres Wissens war diese Wand noch nie im Abstieg bezwungen worden. Ein forcierter Abstieg wäre wohl durch fortgesetztes Abseilen möglich, doch hierzu fehlten uns die erforderlichen Haken und Seilschlingen. Also vorwärts! Das Gelände verlangte unseren vollen Einsatz und äusserste Konzentration. Das eben geschaute Drama mussten wir gewaltsam aus unserem Denken verbannen. Endlich, nach anderthalb Stunden, taucht der Steinmann auf dem Gipfelplateau auf. So gross jeweils die Freude am erfochtenen Bergsieg ist — heute lastete es uns bleischwer auf der Brust. Stumm machten wir unseren Eintrag im Gipfelbuch und schickten uns zum Abstieg auf der Enzensbergerroute an. Nach dreieinhalbstündigem Abwärtsklettern, Hin-unterstemmen und Abseilen, das kein Ende nehmen wollte, erreichten wir endlich die Scharte zwischen Grohmann- und Fünffingerspitze und konnten wieder in die Nagelschuhe schlüpfen. Luigi wollte direkt zum Bifugio Passo Sella hinunter. Ich bestand aber darauf, dass vorerst nach den beiden Abgestürzten gesucht werde. Er fügte sich, und so wanderten wir um den Berg herum und stiegen nochmals an den Fuss unserer Wand empor. Nach einigem Suchen fanden wir den einen der beiden Toten. Er war so übel zugerichtet, dass uns der Wille zu weiterem Suchen schwand. Wir eilten daher schleunigst zum Bifugio hinunter, um vom Vorfall Bericht zu erstatten.

Fifi war an diesem Vormittag zur Bodella spaziert, um uns mit dem Glas bei unserer « Felsturnerei » zu beobachten. Ein gütiges Geschick hüllte aber die Wand während unseres ganzen Aufstieges in dichten Nebel, so dass Fifi der Anblick des Absturzes erspart blieb.

Tags darauf ist Fifi wieder mit uns gekommen. Wir wanderten zum Grödnei Joch hinüber und erkletterten die grosse Tschirrspitze durch den schwierigen und mühsamen Adankkamin. Die Freude am Klettern lässt sich uns eben nicht mehr nehmen, und die Liebe zu den Bergen ist so stark in uns verwurzelt, dass sie durch nichts erstickt werden kann, und auch dann weiter glüht, wenn einmal der Berg einen aus unserer Mitte behält.

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