Gspaltenhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

3432 m s= 10565 Par.F.

Der 22. August führte uns über die Sefinenfurke. Unsre Absicht war, am Abend ein Nachtlager in den Felsen des Büttlassen aufzusuchen, um in den günstigen Frühstunden des folgenden Morgens sogleich die eigentliche Ersteigung des Gspaltenhorns beginnen zu können.

Der bekannte Weg bedarf keiner Schilderung. Nur das sei bemerkt: als wir vor Murren um die Winteregg bogen und des lange erwarteten Gegners plötzlich ansichtig wurden, da müssen wir zugeben, dass uns doch, wie man zu sagen pflegt, das Herz ein wenig in die Schuhe fiel.

Der Berg bietet sich hier von seiner allersteilsten Seite dar; breit aus bodenlosen Abgründen hervorwach-send, nimmt er zwischen den Lücken des Büttlassen und des Tschingelgrats eine erschreckend schlanke Gestalt an und reckt den zerspaltenen Gipfel, dem Matterhorn nicht ganz unähnlich, äusserst abschüssig in die Lüfte. Wer den Berg von hier aus sieht, gibt ihm eine Höhe von mindestens 12000 '; so sehr erhebt ihn die Kühnheit der Form in dem Kreise der höhere Genossen. Ich benutzte die Zeit, während in Murren der Proviant zubereitet wurde, zur Skizzirung des Horns und wurde dabei auf alle Einzelheiten mehr als bei einer sonst noch so eingehenden Betrachtung aufmerksam. Wir wussten noch nicht, dass die Schneide des Berges, die, von der Büttlassenlucke ausgehend, sich so ungemein scharf vom dunkelblauen Himmel abhob, genau den Weg bezeichnet, der allein zum Gipfel emporführt 5 vielmehr glaubten wir bei der senkrechten Eck-mauer, die das eigentliche Bergeshaupt so kenntlich von dem übrigen Körper trennt, rechts oder links abbiegen zu können. Der Versuch, dieses zu thun, hat manchen.unserer Vorgänger zurückgeworfen; glücklicher Weise verfielen wir nicht in diesen Fehler. Einmal über jene verderbendrohende Ecke hinaus, musste es auf dem Firn, so steil « r auch ist, schon gehen.

Um eine grössere Summe Geldes als erwartet leichter geworden, sagten wir dem theuren Murren Lebewohl. Die zahlreichen Engländer freuten sich darauf, uns morgen mit den Teleskopen beobachten zu können. Oft war die Frage beregt worden, ob wir wollene Decken mitnehmen sollten oder nicht; die Aussicht auf eine vielleicht empfindlich kalte Nacht sprach dafür, die Mühe des Tragens und die Umständlichkeiten der Rücksendung dagegen; zwei Gründe gegen einen überwogen — und die Decken, Schweizer Alpenclub.3 blieben zurück.

Die Entbehrung derselben hatten wir uns selber zuzuschreiben. Um das Holz hätte uns beinahe noch ein halbblödsinniger Ziegenhirt gebracht, dessen unverständlichen Zeichen nach die Boganggenalp, die hinterste im Thale, noch bewohnt sein sollte. Dort gedachten wir den Vorrath mitzunehmen. Als wir hinkamen, war die Alp verlassen und in der trostlos weiten Oede weder von Menschen noch Holz eine Spur. Es gehörte Jo-hannes'scharfes Auge dazu, um in weiter Entfernung über uns zur Rechten einige magere Alpenrosenbüsche zu erspähen, und nach einer Stunde waren sie in unserni Besitz. Sie deckten vollständig den Bedarf. Aber auch wirkliches Holz sollten wir noch erhalten. Bereits hatten wir die ersten Schne'eflecke hinter uns, als wir auf eine grosse Anzahl von Stangen und Stöcken stiessen, eine Hinterlassenschaft der eidgenössischen Bergartillerie, die vor Kurzem die Furka passirt hatte. Für rüstige Fussgänger ist der Weg ein schöner Spaziergang; für Artillerie muss er eine Qual sein. Die Pferde sollen stark dabei gelitten haben.,

In Folge mancherlei Aufenthaltes war es 4 Uhr geworden, als wir die Passhöhe erreichten. Aus der Tiefe des Kienthals wirbelten wilde Nebelwolken zu uns herauf, die jedoch alle, trotz ihrer Mächtigkeit, auf der Schneide unsers Kammes angelangt, wie durch Zauberschlag in Nichts zerrannen. Drüben gen Westen in der Entfernung von etwa einer halben Stunde ragten die dunklen Zinnen eines zweiten, dem unsrigen etwa gleich hohen Grates aus den Nebeln hervor. Dieser war unser nächstes Ziel. Dort angelangt benahm uns der Nebel alle Aussicht. Um den Anhalt an den Büttlassen nicht zu verlieren, hielten wir uns möglichst links. Eine böse Stelle musste noch passirt werden, ehe wir von dem Felsgrat auf die südli- chen Trümmerfelder gelangen konnten.

Sie bestand in einer Strecke anhaltloser, nasser Felsplatten, die abschüssig gegen einen Abgrund ausliefen. Nachdem das Gepäck hinabgelassen war, gelangten wir mühsam, aber glücklich hinüber. Nach kurzem Gange sahen wir im Nebel eine weite Bucht südlich gegen die höheren Theile des Berges emporsteigen. Glücklicher Weise gab ich der Ansicht meiner Führer nicht nach, die darin das obere Ende des Kienthals erblicken und bereits jetzt eine Stelle zum Nachtlager aufsuchen wollten. Nach Süden jedoch durfte offenbar nicht umgebogen werden, ehe zu unsern Füssen der Gamchigletscher sichtbar geworden war. Ueber wüste Trümmerhalden und erweichte Schneefelder ging es jetzt lange hinab. Es war ein rauher Gang, und der Sonnenbrand durch den Nebelschleier that das Seinige zur Erhöhung der Mühsal. Endlich wurden wir durch den Anblick des Gamchigletschers erfreut. Herr Apotheker Lindt in Bern hatte mir die günstige Beschaffenheit der Felsen in dieser Gegend zum Uebernachten gerühmt. Etwas unterhalb lag eine grosse Höhle; sie schien sehr verlockend; doch bestand ich auch hier noch darauf, weiter vorzudringen, um dem morgigen Ziele so nahe als irgend möglich zu kommen. Ohne Innehalten ging es daher wieder aufwärts. Auf hohem Abhang über den schmutzigen Eismassen des sehr zerrissenen Gletschers stiegen wir jetzt nach dem hintersten Grunde des Thales hinauf. Noch manche Höhlung fanden wir in den Felsen, die zur Linken emporstarrten; aber keine wollte uns gefallen; sie litten alle an zu grossem Wasserreichthum. Der Marsch wurde nachgerade ermüdend und langweilig. Endlich — die Sonne war schon im Sinken — ruft uns Johannes zu, das richtige Nachtquartier sei gefunden. Die Freude über diese Kunde beschleunigte unsere letzten Schritte. Der

3* Rastort, durch überhangende Felsen geschützt, lag an der allervorgeschobensten Ecke.

Er war bereits früher benutzt worden und bot Alles, was wir nur wünschen durften. Das Viele, was noch fehlte, ersetzte unser gute Humor.

Wer je unter freiem Himmel in den Hochalpen ein Nachtlager genommen hat, kennt dessen Vorzüge und Nachtheile. Welche von beiden überwiegen sollen, entscheidet sich nach der Individualität der Bivouakirenden. Ist sie derart, dass sie sich auch über wirkliche Beschwerden mit frohem Muthe hinwegsetzt, so wird die augenblickliche Lage, wenn auch an sich nicht die angenehmste, doch in der Erinnerung wenigstens als solche erscheinen. So erging es auch uns: hartes Bett, Kälte und Feuchtigkeit wird als unabwendbar mit in den Kauf genommen; im Uebrigen sind wir so heiter, als sässen wir in dem herrlichsten Palast, nicht in den windgefegten Felsen des Büttlassen.

Aber schau'nur hinaus über das Mäuerlein, welches unsern Schlummer vor den unmittelbarsten Lufteinflüssen schützen soll — da wölbt sich ja auch ein wahrhafter Palast in feenhafter Pracht. Die Nebel sind geschwunden; über den riesenhaften Formen der Blümlisalp, die in den hergebrachten Begriffen des Flachländers kaum Platz finden wollen, steigt jetzt der Mond herauf und überfluthet mit seinem Silber die hohen Schneegebilde des Morgenhorns und der Wilden Frau; tief davor schwingt sich, noch von dem Schatten der Nacht umwoben, der Gamchigletscher als eisiger Fussboden in das unabsehbare Thal. Die Decke aber bildet das ewige Himmelszelt, in dessen strahlend hellem Sternenschmuck wir eine glückliche Vorbedeutung für den kommenden Tag erblickten.

Mittlerweile hatte Johannes das Nachtlager bereitet.

Der Herd war noch von unsern Yorgängern aufgebaut; auch für Tassen, Teller und anderen Komfort hatte man gesorgt. Die originellste Hinterlassenschaft bildete das Brunnenrohr, eine alte Stearinlichterbüchse, durch ihren seltsamen Dienst werth, in einem Museum neben den merkwürdigsten Pfahlbaugeräthschaften einen Platz einzunehmen. Den Kochapparat, den ich meinen Kollegen zur Beachtung empfehle, trage ich immer selbst bei mir. Ich nehme nämlich den Wein nicht in Flaschen mit, sondern in zwei Blechgefässen, deren jedes 6 Schoppen hält; zwei Trinkbecher aus demselben Stoff bilden den doppelten Deckel, die Kochkessel den Untersatz; eine Laterne lässt sich an der Seite leicht befestigen und so sind zum Trinken, Kochen, Weintragen und Leuchten alle Materialien auf die kompendiö'seste Weise vereinigt. In belebteren Gegenden steckt man das Ganze in die Proviantsäcke und Niemand sieht daran etwas Auffälliges. Grog und Suppe erwärmten uns auf 's Angenehmste. Durch den Zauber der Umgebung war das Auge länger als beabsichtigt wach erhalten worden. Um 9 Uhr breitete ich meinen Plaid auf die glatten Steine und alle Drei streckten wir uns wohlgemuth darauf nieder. Ein weiteres Schutzmittel war uns nicht vergönnt; doch fand ich, dass ich wärmer hatte, wenn ich den Rock auszog und bis an die Kniee über mich deckte. Bis um Mitternacht war die Ruhe ziemlich ungestört; erst um diese Zeit wurde sie durch die überhandnehmende Kälte öfter als angenehm unterbrochen. Hans, der in dieser Beziehung keinen Spass versteht, wandte sich daher zu seinem Radikalmittel, dem Kaffee. " Das lustige Feuer, das jetzt angefacht wurde, sprach dem ferneren Schlafen das Todesurtheil. Seit 12 Uhr hatten sich überdies die Gedanken an das Gspaltenhorn zu einer Stimmung gesteigert, die derjenigen am Morgen einer Schlacht nicht ganz unähnlich war, und das kleine Restchen der uns noch sicheren Zeit wurde daher zu freudigem Lebensgenüsse ausgenutzt.

Ein Viertel nach 3 Uhr, nachdem wir unsere Effekten vor dem Winde — denn Menschen waren nicht zu fürchten — gehörig geborgen hatten, erfolgte der Aufbruch. Gleich bei dem Umbiegen um die nur wenige Schritte entfernte Felsecke, von der aus der Weg an der inneren Wand des Büttlassen westlich emporzieht, trat uns das Gspaltenhorn entgegen, vom hellen Mondscheine bis in die kleinsten Details scharf erleuchtet. Einige sehr spitze Felsthürme zur Rechten des Gipfels, die sogenannten rothen Zähne, stimmen sehr wohl zu dem bezeichnenden Namen des Berges. Der Boden besteht aus endlosen Trümmermassen; doch bieten sie dem Fusse immer festen Halt, und besonders jetzt in der Morgenfrische schritten wir gar leicht über dieselben hinauf den scheinbar ziemlich weit entfernten Schneelagern zu. Wie sehr sich das Auge bei Nacht über die Distanzen täuscht, zeigte der Umstand, dass wir schon nach 25 Minuten am Rande des Firnes angelangt waren. Freilich waren wir rasch gegangen, und die Temperatur, die gestern Abend um 9 Uhr -f- 8° R. betrug, war in der Nacht auf 5° herabgesunken. Zugleich mit dem Schnee hatten wir auch das entweichende Mondlicht wieder eingeholt; denn schon reichten die langen Schatten der Blümlisalp bis herauf zu unserm Standpunkt. Ich kann nicht beschreiben, welch glanzvolle Lichterscheinungen durch die unmittelbare Konstellation jener herrlichen SehneegipfeL, des Mondes und des Mor-gensternes hervorgerufen wurden; alle Farbenabstufungen von jetzt an bis zum Sonnenaufgang, der die helle Wirklichkeit an die Stelle der träumerischen Nachtidylle setzte, bildeten eine Reihe sich wechselsweise überbietender Lichteffekte.

Die steile Firnhalde, von Schrunden kaum irgendwo unterbrochen, zieht sich direkt bis in die Lücke zwischen Büttlassen und Gspaltenhorn. Rüstig rückten wir auf ihrer weglosen Oberfläche vor und sahen die Tiefe unter uns von Minute zu Minute zunehmen. Doch hielten -wir uns immer näher an den Büttlassen, da das Gefälle nach der Mitte zu eine unnöthige Hackarbeit erfordert hätte. An den Felsen wieder angelangt, die sich in mächtigem Halbrund nach der nun sichtbar werdenden Lücke hinaufschwingen, wurde ein kurzer Halt gemacht, der der Betrachtung unsres Aufstiegs am Horne galt.

Himmelhoch zu unsrer Rechten ragte dieses in die Lüfte, und stellte sich jetzt vom Scheitel bis zur Sohle dem Auge unverdeckt dar. Der befirnte Felszug, der vom Haupt massiv gegen die Lücke herabsteigt, schien, wenn auch vielfach schroff und geborsten, doch keine allzugrossen Schwierigkeiten zu bieten. Der Gipfel selbst erschien wie ein dicker, viereckiger Mauerthurm, dem eine scharf dreikantige Spitze aufgesetzt ist, und dieses ist auch seine wahre Gestalt. Zur Seite links erhob sich jener zweite Hauptfels, der den Berg so charakteristisch als gespalten erscheinen lässt, und als weit schauender Obelisk auch von Bern aus mit blossem Auge gesehen wird. Ich kann nicht sagen, dass das Ganze, wie es sich hier darstellte, etwas besonders Abschreckendes hätte; nur der berüchtigte Eckpfeiler am Gipfel erregte durch « eine schwindlige Position auch hier wieder einige Bedenken. Gerade nach Süden erblickten wir noch die Gamchilücke, von der aus ebenfalls manch vergeblicher Versuch gemacht worden war. Darüber hinaus erschien der hohe Eisrücken des Petersgrates flach, wellig und so ausnahmsweise unalpin gebildet, dass während des Zwielichts eine Zeit lang die für erfahrne Gletschermänner sonst uner- hörte Täuschung entstehen konnte, als hätten wir dort Wolken vor uns, nicht die compakten Massen der Firne.

Wir schritten auf dem schmalen Gufferbande hin> welches zwischen der Felswand und dem Firn wie ein angelegter Fusspfad ununterbrochen hinaufzieht. Um 4 Uhr 40 Minuten erreichten wir eine höhlenartige Vertiefung des Felsens, in deren Hintergrund ich eine zurückgelassene Flasche bemerkte; ich öffnete dieselbe und fand darin die Karte meines letzten Vorgängers, des jungen Herrn Bädecker, Mitglied der Sektion Bern. Wie uns von Almen, einer seiner Führer, in Lauterbrunnen erzählte, hatte derselbe der ungünstigen Witterung wegen hier umkehren müssen. Zudem soll die Expedition auf der letzten Alp jenseits der Sefinenfurke über Nacht gewesen sein; ein entschiedener Fehler, vor dem ich alle künftigen Ersteiger des Gspaltenhorns warnen möchte und der unter Umständen sogar das Leben kosten kann. Man lasse sich ja die kleine Unbequemlichkeit nicht verdriessen, eine Nacht im Freien zu bivouakiren; die Ersteigung muss in den allerfrühesten Morgenstunden geschehen; denn gegen Mittag beginnt eine Kanonade von Fels- und Eisbrocken,. die den Verspäteten hülflos in die äussersten Gefahren versetzt. Nach weiteren fünf Minuten standen wir auf der Lücke.

Mittlerweile war es ganz helle geworden, und ungehindert schweifte der Blick über die Abgründe der beiderseitigen Thäler hinab nach Murren und an der ganzen leuchtenden Front des Bern er Hochgebirgs hin bis an die vorgeschobenen Zinnen der Wetterhörner. Alle die Riesen, die Jungfrau „ die herrliche mittenin ", waren in der übersichtlichsten Ordnung aneinander gereiht; nur das Schreckhorn und seine Trabanten bekamen wir weder hier, noch während der übrigen Ersteigung jemals zu. Gesicht.

Nach kurzen! Verweilen machten wir uns an die Ersteigung der breiten Firnhalde, die von hier aus gegen das Gspaltenhorn hinüberführt. Erst um 5 Uhr, als die Senkung steiler wurde, legten wir das Seil an. Im Weitermarsche mussten hie und da Stufen geschlagen werden; doch ging Alles so glatt, dass wir uns bereits die grössten Illusionen über den unschuldigen Charakter unsres Gegners machten; ja, wahrhaft lächerlich leicht erschien uns jetzt seine Ersteigung den entsetzlichen Erzählungen gegenüber, die im Lande umgingen, und das Gspaltenhorn dermalen „ zu dem gefürchtetsten aller Berner Hochgipfel " machten. Nur Geduld, es sollte schon anders werden!

Eine volle Stunde waren wir so dahingewTandert und unsre Hoffnung befestigte sich mit jedem Schritte; da plötzlich stehen wir auf der Spitze der Firnhalde, und ringsum uns her schiessen die Felsen in die unergründlichen Abgründe, dem Auge jeden Anhalt, dem Fusse jeden sichern Stand verrätherisch entreissend. Hier heisst es wissen, was man will, sonst wird man mit seinem Entschlüsse der Gspaltenhornfahrt schmählich aus dem Sattel geworfen. Gleich vier aufrechtstehenden Gerüstbalken schwingen sich die Zacken des Grates, jenseits dessen erst die schwierigsten Partieen beginnen, mit ungemein schmalen Kammverbindungen durch die Lüfte, und Alles ist mürbe, brüchig und zerspalten. Drüben aber steht das Horn selber, wie wir es von unten sahen, nur gewaltig viel grösser, viel schlanker vor uns, mit unnahbaren Flanken von Fels und grünem Eis, gleichsam aufgebaut aus lauter Trotz und Hohn gegen Den, der es sich kann einfallen lassen, auf seinem Gipfel eine frohe Stunde des siegreichen Genusses feiern zu wollen,

„ Da hinüber den Weg zu finden, das, Andreas, ist ein Problem, dessen Lösung Euerm Führerscharfsinn. alle

Ehre machen wird; ich lege jetzt das Oberkommando in Eure HändeDie grosse Enttäuschung wurde überdies noch durch den Anblick zweier zurückgelassener Leitern erhöht, die etwas trübselig aus ihrem einsamen Schneekissen zu uns herauf blickten. Wir sahen nämlich in ihnen, sei es mit Recht oder Unrecht, die abermaligen Zeugen einer geschehenen Umkehr, und diese Auffassung wirkte nicht ermuthigend.

Doch nun zu! Wir haben 's einmal unternommen, und in der sechsten Frühstunde fällt es Keinem von uns ein, das Hasenpanier zu ergreifen.

Da jene beiden Leidensgefährten wohl noch lange zusammen dort oben ausharren werden, und man sie weithin sehen kann, so schlage ich zum ewigen Gedächtniss für diese Passage den Namen „ Leitergrat " vor, werde mich wenigstens im Weiteren der Kürze halber dieses Ausdrucks bedienen. Der Raum war so enge, dass wir zum Hinabsteigen die Sprossen der einen Leiter benutzen mussten. Weiter ging es über Kalktrümmer oder am festen Fels — dem ich aber nicht allzusehr zu trauen bitte — hinab und hinauf, bald rechts, bald links, wo sich eben für Hände und Füsse der passendste Anhalt bot. Bisweilen musste ein solcher lange gesucht werden; am misslichsten war das Fortkommen über die einzelnen Grat-zaeken, über deren Spitzen man theilweise auf dem Leibe hinkriechen muss; leichter dagegen in den dazwischenliegenden Vertiefungen, die unser Vorrücken über Erwarten förderten. Nach einer halben Stunde hatten wir den merkwürdigen Grat hinter uns.

Noch einen frohen Blick rückwärts auf seine regellos aufgestossenen Zacken, seine tiefen Einschnitte und die Kehlen, die sich hüben und drüben in 's Unabsehbare verlieren, und wir beginnen schon mit grösserem Zutrauen das Aufsteigen an der zweiten Firnpartie, die zum Fusse des obersten Kegels hinaufführt.

Mit der ersten leidet dieselbe keinen Vergleich. Der Aufstieg ist viel steiler^ häufig wird der Schnee von Felsen unterbrochen, die mit Händen und Füssen mühselig erklettert werden müssen und eine würdige Vorbereitung auf jene schlimmste aller schlimmen Stellen bilden, bei der es heisst: „ Durch oder zurück !"

" Wir beobachten ihn noch lange, den hohen Eckpfeiler, und verzweifeln nur desswegen nicht an ihm, weil wir wissen, dass auch schon Andre vor uns daran hinaufgekommen sind; endlich aber lässt der Blick mehr und mehr von ihm ab, theils weil die brüchigen und vereisten Felsabsätze, die uns jetzt beschäftigen, ihn wirklich verdecken, theils weil die volle und ganze Aufmerksamkeit in jedem Augenblick dem je nächsten zugewandt sein muss. Die Felspostamente, oft 40 bis 60'hoch, nehmen eine, immer unfreundlichere Gestaltung an und stellen sich zuletzt als senkrecht dar. Kleine Runsen, die zwischen ihnen hindurchziehen, bilden die einzige Möglichkeit des Fortkommens; aber sie sind vereist und erfordern eine böse Hackarbeit. Von Schritt zu Schritt wachsen jetzt die Schwierigkeiten; immer langsamer schreiten wir vor. Es beginnen jetzt die Partieen, wo eine gemeinsame Bewegung mit Lebensgefahr verbunden ist. Also immer nur Einer darf hinanklimmen, d.h. meine und Johannes'Aufgabe ist eine wesentlich passive; sie besteht mit kurzen Unterbrechungen im sicheren und regungslosen Festhalten an den knappen Vorsprüngen, die in Folge des frisch gefallenen Schnee's noch unsicherer sind als unter gewöhnlichen Verhältnissen. Andreas aber, von dem in der Regel nur die Schuhnägel über mir sichtbar sind, bearbeitet das widerspenstige Element des Eises mit aller nur zu Gebote ste- henden Kraft.

Während dessen bin ich der dadurch erzeugten Kanonade schutzlos ausgesetzt. Ich bedecke daher das Gesicht wo möglich mit den Armen und überlasse es dem Nacken, sich mit den kalten Eisfragmenten abzufinden. Meistens aber haben die Hände den wichtigeren Dienst des Anklammerns an den Felsen zu versehen, und dann bildet meine unschuldige Nase den Eisbrecher für den ganzen Eissplitterhagel, der von oben hernieder-prasselt. Es währte auch nicht lange, so begann mir das Blut vom Gesicht herab zu tropfen; trotzdem verschmähte ich den Schleier, da er mir den Blick zu ungewiss gemacht haben würde. Mit den Beschwerden wuchs der Muth, ja unter diesen Umständen der Zorn über die Unmanier unsres Gegners, und das ist die richtige Stimmung, um alle Hindernisse, und wären sie riesengross, siegreich zu bewältigen.

Um 6 y2 Uhr ist die denkwürdige zweite Firnpartie überwunden. Wir stehen auf einem kurzen, schmalen Sattel am Fusse des eigentlichen Gipfels, und unmittelbar vor uns ragt der senkrechte Eckpfeiler auf, den man nicht von hier, sondern nur von Murren aus zu sehen braucht, um zu begreifen, dass er unter den schwierigsten, ja gefährlichsten Partieen der europäischen Alpen nicht den letzten Rang einnimmt. Zweierlei haben wir gestern beobachtet: einmal, dass wer hier stürzt, in den Schlünden des Sefinen- oder Kienthals unweigerlich seinen Tod findet; dann aber auch, dass wer hier überwindet, gewonnenes Spiel hat und der glücklichen Erreichung der obersten Spitze gewiss sein darf; beide Beobachtungen sind ein Sporn eben so sehr für unsere Vorsicht als für unsere Zuversicht.

Hans und ich postiren uns, das Seil haltend, im Reit-sitze auf den Sattel. Andreas steigt einige Schneetreppen hinauf und jetzt versucht er die Erklimmung der Pfeilerwand.

Mit katzenartiger Gewandtheit windet er sich empor; da der Körper jedoch zu dicht an den Fels angepresst ist, kann das Auge kaum mehr über sich blicken; suchend nur erfassten die Hände einen Anhalt nach dem andern. Die Mitte war erreicht, nun aber finden sie keinen Stützpunkt mehr, und ausser Stande höher zu gelangen, hängt Andreas über der unabsehbaren Tiefe; nach und nach schwinden die Kräfte: es bleibt keine Wahl, unser Bahnbrecher muss umkehren!

Der erste Angriff war missmngen; vom Sattel aus wenden wir uns nochmals nach rechts und links; aber da ist kein Ausweg. Die Kehlen sind zu unnahbar, und es bewahrheitet sich unsere frühere Losung: „ Durch oder zurück !"

Jeden kleinsten Vorsprung dem Gedächtniss genau einprägend, sucht Andreas jetzt zum zweiten Male den Aufstieg zu forciren. Zwei Fuss mehr nach links scheint es eher zu gehen. " Wieder ist er in der Mitte angelangt, aber es gelingt. Jetzt noch ein kleines Stück; er verschwindet über der höchsten Ecke, und bald verkündet " uns sein froher Zuruf, dass ein fester Stand oberhalb gewonnen ist. Die Reihe war an mir; theils an der Wand, heils am gespannten Seil hinaufturnend, hatte ich eine eichtere Aufgabe als mein Vorgänger. Nach etwa 6 Minuten stand ich oben; in kurzer Zeit auch Johannes.

Das Gspaltenhorn macht eine Ausnahme von der -Regel, dass der oberste Gipfel auch die schlimmste Partie des Berges sei. Die schmale Firnkante, die bis zur Spitze hinaufzieht, erfordert zwar auch die vollste Festigkeit, Ausdauer und Uebung, bietet aber doch keine so verzweiflungsvollen Positionen dar, als die zurückgelegte trecke. Sie theilte sich deutlich in zwei Hälften ab; das Ende der ersten bezeichnete ein hochaufragender Fels, das Ende der zweiten eine überhangende Gewächte, die wir schon während des nächtlichen Mondscheins bemerkt hatten.

Ganz dicht dahinter nrasste das Ziel liegen. " Während des Aufsteigens gab es noch hie und da zu hacken; aber die Eisstücke stürtzten bei der Schmalheit der Kante unmittelbar in die Tiefe, nicht mehr auf die Nachfolgenden herab; es gab noch manchen Fels zu erklettern, aber sie waren doch nicht so hoch als die unten passirten, und ihr weniger steiles Gefälle gestattete dem frischen Schnee eine festere Auflage, so dass er uns hier unterstützte, während er uns unten gefährdet hatte.

Eine Stunde war wieder verflossen, als wir über die Gewächte balancirten, die ein sehr zartes Auftreten verlangte, um nicht durch schwere Tritte beleidigt, uns rücksichtslos in die blaue Luft hinausbrechen zu lassen. Der grosse östliche Felsobelisk, der vor Kurzem noch stolz auf uns herabgeblickt, lag bereits ein bedeutendes Stück zu unsern Fussen; nicht ganz so weit mehr über uns winkte der Gipfel. Der völlig gebogene Firn, von keinem Fels mehr unterbrochen, erleichterte das Begehen der letzten Schneide.

Endlich standen wir an dem langersehnten Ziele unserer Wünsche. Es war 8 Uhr 10 Minuten. Wir hatten also die sehr schwierige Ersteigung vom Lagerplatz aus in der unglaublich kurzen Zeit von nicht ganz fünf Stunden bewerkstelligt. Wir standen, sagte ich, nein! Ein an dieser Stelle sehr begreifliches Gefühl veranlasste uns, den Stand alsbald mit dem Sitze zu vertauschen, und so liessen wir uns denn siegesfroh auf die messerscharfe Kammeinsenkung nieder, bei welcher die drei den Gipfel bildenden Kanten ihren Vereinigungspunkt finden. Wenn Herr Studer in seinem Buche „ lieber Eis und Schnee " von der „ domartigen Kuppel des Gspaltenhorns " redet, so trifft dieses " Wort doch nur für den subjektiven Eindruck zu, den der nördlich stehende Beschauer von dem Gipfel unsers Berges erhält.

Das Gspaltenhorn bildet durchaus keine Kuppel im Sinne des Dôme du Montblanc oder du Goûté u. dgl., sondern hat eine ganz eigenthümliche Gestaltung, wie ich sie noch bei keinem andern Berge getroffen habe. Wie bemerkt, bildet der Mittelpunkt eine kleine Vertiefung; von Nord schwingt sich die einzig gangbare Kante, von Südwest und Südost aber zwei zerrissene Gräte zu uns herauf, und die drei etwa gleich grossen Schluchten, die sich dazwischen in die Tiefe verlieren, ziehen den Blick sofort unvermittelt ins Sefinen-und Kienthal hinab und auf die Fläche des breit dahin-wogenden Tschingelgletschers. Der allerhöchste Punkt liegt etwa klafterweit von unserm Sitz entfernt auf dem von der Gamchilücke heraufsteigenden Grat und überragt unsern Sitz nur um etwa 2 Fuss. An diesem Orte suchten und fanden wir die beiden Flaschen unserer Vorgänger, des Herrn Foster aus Cambridge, dem am 10. Juli, und des Herrn Bohren aus Grindelwald, dem am 20. Juli die Ersteigung gelungen war. Ich verzeichnete die Data meines Besuches und vereinigte meine Karte mit derjenigen des ersten Ersteigers.

Und nun die Aussicht. Wie zu vermuthen, ist dieselbe mannigfach beschränkt und steht, mit derjenigen von andern Hochpunkten verglichen, in keinem Verhältnis s zu den Schwierigkeiten der Ersteigung; dennoch ist sie höchst eigenthümlich und somit auch schön in ihrer Ait. Scharf abgeschnitten, gehört ihre nördliche Hälfte nur den Voralpen und der Niederung an, die südliche nur dem Hochgebirg. Den Glanzpunkt in der Gruppirung des letztern bildet der unmittelbare Anblick des Tschingel- gletschers, der den ruhig-breiten Strom seiner Wogen in endlosen Massen nach dem Aufgang und Niedergang entsendet.

Zur Betrachtung des grossen Bergamphitheaters, das als strahlende Mauer den Hintergrund des Lauterbrunnenthals umrahmt, ist nicht leicht ein passenderer Standpunkt zu finden, als der unsrige. Er erhebt uns gerade hoch genug, so dass kein Perspektive mehr an der Grosse der Formen etwas zu verkürzen vermag, und doch nicht so hoch, dass die majestätischen Gestalten dadurch eine Einbusse an ihrer überlegenen Würde erlitten. Tief zu unsern Fussen an 's Mutthorn schliesst dieser herrliche Bergkranz an; im Tsehmgelhorn scheint das Bewusstsein der Grosse zuerst zu erwachen; durch kühne Selbstständigkeit imponirt das Berner Breithorn; gross ist das Grosshorn nur im Anschluss an die Gefährten; durch vereinte Kraft wirken Mittaghorn und Ebene Fluh, und bescheiden tritt das hohe Gletscherhorn zurück, um sie in Nichts zu beeinträchtigen, die auf unvergänglichem Throne sitzend, dem Himmel mehr verwandt zu sein scheint als der Erde — die Jungfrau. lieber den Roth-brettgrat mit senkrechten Abstürzen riesengross emporwachsend, raubt sie uns zwar den Anblick der weiten östlichen Gebirgswelt; aber sie versöhnt uns zugleich durch den Reichthum der eigenen Schönheit. Zu ihrer Linken vermögen nur Mönch und Eiger zur Geltung zu kommen und die Wetterhörner durch das Ebenmass ihrer Bildung. Klein neben solcher Grosse erscheint die Titlisgruppe sammt dem Markstein des Hochgebirgs gen Norden, dem Urirothstock, und nur das Weiss ihrer Gletscher noch bezeichnet auch sie als erhabene Altäre der Schöpfung. Aber sieh, auch bei den Bergen scheint das Wort zu gelten: „ Selbst dem grossen Talent drängt sich ein gros-seres nach. " Rechts von der Jungfrau erscheint das Finsteraarhorn, die dunkeln Felsen sanft gemildert durch das Blau der Ferne.

Freilich sahen wir es nur bis an die Schulter, den Hugisattel. Noch mehr oder gänzlich sind alle seine Nachbarn verdeckt. Nur als winziges Spitzchen schaut über das Lauinenthor das Grosse Grünhorn herüber, und in den kaum bemerkbaren Gipfelfragmenten über der Lauterbrunner Grenzkette haben wir Mühe, die Häupter der " Walliser Viescherhörner zu erkennen. Eine Wendung nach West zeigt uns im fernen Savoyen den Riesenbau des Montblanc und seiner Aiguillen.

Der speziell für uns anziehendste Theil der Aussicht liegt im Süden; denn dahin gehen unsre nächsten Pläne. Dort hebt über Tschingelhorn und Berner Breithorn hinaus die herrliche Lötschthaler Kette ihre Kulme so markirt und charaktervoll in die Lüfte, dass selbst die Riesen des Wallis, die in zahlloser Heerschaar dahinter aufleuchten, wenn auch mathematisch höher, doch vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet, den Wetteifer der Schönheit mit derselben kaum ertragen können. Bietschhorn und Aletschhorn, die zwei himmelstürmenden Kolosse, fordern unsre Bewunderung; das grössere Interesse knüpft sich an die beiden mittleren Berge, Lötschthaler Breithorn und Schienhorn, deren bisher unbetretene Häupter, falls der Himmel uns günstig ist, in wenigen Tagen eine Errungenschaft des S.A.C. werden sollenDie starren Südwände der Blümlisalp, des Freundhorns, der Doldenhörner, des Alteis und des Balmhorns zeigen die unschönere Seite dieser nach Norden so herrlich prangenden Schneeberge. Wolken, welche sich jetzt zu bilden begannen, verdeckten zum Theil das Hügelland; glücklicher Weise lassen sie uns den unvergesslichen Blick auf das Grün der nächsten Thäler frei, namentlich auf Murren, man sich wundern wird, uns schon seit einer Yiertel-

Schweizer Alpenclub.4

stunde auf dem Gipfel zu beobachten, während man uns frühestens um 10 Uhr auf demselben erwartet hatte.

Meine Führer drängten ungeduldig zum Rückzug, der mit jeder Minute gefährlicher werden würde. Wie ich es hier angegeben, fasste ich die Aussicht der kurzen Zeit halber selbst nur in grossen Gruppen in 's Auge; die Lücken wird sich der genaue Kenner der Gebirge leicht ergänzen, für den Nichtkenner hat das Detail kein Interesse. Die Temperatur -j- lo R. hätte ein längeres Verweilen wohl noch gestattet. Ich riss mich nicht ohne innere Bewegung von diesem schwer erkämpften Gipfel los, an dessen wilde Unwirthlichkeit sich eine der grössten Erinnerungen meines Lebens knüpft.

5 Minuten Tor halb 9 Uhr wurde der Rückweg angetreten. Herrn Thioly's Ausspruch, dass nie ein Theil des Herabsteigens schwerer sei als irgend einer des Hinaufsteigens, hatten meine bisherigen Erfahrungen alle bestätigt. Das Gspaltenhorn belehrte mich über das Gegentheil. Der Abstieg war nicht nur weit schwieriger, er kostete uns auch mehr Zeit; denn die Strecke vom Anfang des Leitergrates an, die wir aufwärts in 2 Stunden 10 Minuten zurückgelegt hatten, erforderte abwärts volle 4 Stunden; und doch wurde unsre Thätigkeit niemals durch eine unnöthige Rast unterbrochen.

Bis zu der Gewächte hin konnte einfach rückwärts gegangen werden. Von hier aus bis an den Leitergrat blieb nichts übrig, als rückwärts wie auf einer Leiter, und zwar nicht auf den Fussen, sondern auf den Knieen — wodurch man eine viel festere Widerlage gewinnt — hinabzusteigen. Und wäre es nur wie auf einer Leiter gewesenHier aber haben wir keine Sprossen, und da die Stützpunkte für den Fuss höchst unregelniässig, bald zu nahe, bald zu weit entfernt sind, so muss jeder Tritt mit den tastenden Zehen zuerst mühsam erkundet werden, zumal das Auge, um nachzuhelfen, sich zu dicht an der Firn- oder Felswand befindet.

Dann lässt man sich vorsichtig von einem Knie auf das andre nieder und hackt den Eispickel eine Stufe tiefer über sich ein, um mit jedem Hülfsmittel, mit jeder Muskel dem Gewicht des Körpers, die bestmögliche Unterstützung zu gewähren.

Auf der Gewächte angelangt, mussten wir uns ordentlich überblicken, um die entschwindende Firnbank überblicken zu können; einige weitere Schritte zeigten, dass bei einem Vorwärtsgehen in der gewohnten Weise nothwendig der Eine oder der Andere das Uebergewicht bekommen werde, und nöthigten uns zu der angegebenen Auskunft des Rückwärtsmanceuvrirens, das jetzt länger als 3 Stunden beibehalten werden musste! Die weit schwierigste von allen Bewegungen aber war das Umdrehen, das allemal dann nöthig wurde, wenn die Länge des Seiles zwischen uns zu Ende war; denn auf den in Bewegung Begriffenen mussten die beiden Andern stets genaueste Acht haben, und dies konnte nur geschehen, wenn man das Gesicht vom Berge ab und ihm zugekehrt hatte, gleichgültig, ob man ihn wirklich sah oder nur aus den Bewegungen des Seils, falls er hinter einem Vorsprung verschwunden war, auf die seinigen schliessen konnte. Still und stumm, als fürchtete man durch jedes Wort sich irre zu machen, wurde von diesen heillosen Manoeuvern eines nach dem andern ausgeführt. Das einzige fast, was man während mehrerer Stunden hörte, waren die Kommandorufe meines nunmehr voraussteigenden Führers Johannes, namentlich die oft wiederholte Mahnung: „ Habt Acht, habt Acht! Wenn hier Einer fällt, fallen wir Alle !"

Endlich verkündet uns ein unabsehbarer Abgrund, dass wir an dem gefürchteten Eckpfeiler, dem „ Bösen

4* Tritt ", wie ich ihn der Kürze halber nennen will, angekommen sind.

Die Wand selber können wir vorerst nicht erblicken; denn unser augenblicklicher Standpunkt ist überhangend. Jedenfalls durften nicht die beiden Vordersten zu gleicher Zeit über den gähnenden Abgründen schweben, die, wie wir wissen, rechts und links davon aufgethan sind. Erst muss wenigstens Einer auf dem Sattel drunten Posto gefasst haben. Durch das dritte überzählige Seil wird daher zwischen mir und Johannes — mit grösser Yorsicht, denn man wankt bei jeder Bewegung — die Länge des schon vorhandenen Seiles derart ausgedehnt, dass dieser bis zum Sattel hinabsteigen kann, ohne dass ich meinen Standpunkt zu verändern genöthigt bin. In tiefen Eisstufen fussend und mit den Aexten fest eingehackt, sind Andreas und ich mit jedem Moment darauf gerichtet, auch den heftigsten Ruck des Seiles auszuhalten, der durch ein etwaiges Abgleiten des unsern Blicken nunmehr entschwundenen Johannes verursacht werden könnte. Wir stemmten so fest wider, dass uns dieser mehrmals zurufen musste, nur nicht zu fest zu halten, da er sonst nicht weiter könne. Trotz Allem ging die Sache besser, als ich erwartet hatte. Johannes hatte das Glück gehabt, die wenigen Stützpunkte, die zusammenhängend hinabführen, sogleich richtig aufzufinden. Nun kam die Reihe an mich. Es wurde die Frage laut, ob ich nicht lieber den Fels ganz ausser Acht lassen und mich geradezu am Seil hinablassen solle. Dies aber liess weder mein Ehrgefühl zu, noch auch die allzu grosse Rauhheit und Schärfe der unmittelbar nebenan befindlichen Wand. Nur musste ich die Arme frei haben; mit der Axt in der Hand war es mir nicht möglich hinabzuklettern. Das Klügste wäre nun gewesen, die beiden noch oben befindlichen Aexte zusammen zu binden und zu Johannes hinabzulassen; leider fiel

dies jetzt Niemanden ein, und Andreas blieb mit den beiden hier sehr hinderlichen Instrumenten allein zurück. Halb festgeklammert, halb schwebend kam ich äusserst mühsam, aber doch glücklich nach etwa 5 Minuten auf dem Sattel an. Während dessen hatte Andreas etwas vorgehen müssen und hing nun, die fatalen Aexte haltend, gerade auf der Ecke. Rasch postire ich mich im Reitsitz neben Johannes, und gespannt beobachten wir jede Bewegung des nun nachfolgenden Andreas. Er hatte die weit schwierigste Aufgabe. Es war aufregend zuzusehen, wie dieser sonst so mauerfeste Mann über der Mitte den richtigen Punkt nicht finden kann, vor übergrosser Anstrengung an allen Gliedern bebt und endlich statt vorwärts wieder zurück muss. Auch diesmal gelang der zweite Versuch besser als der erste. Die Aexte wurden von Vorsprung zu Vorsprung frei an die Wand gehängt; denn ohne von oben gehalten zu sein, muss man wenigstens die Hände freihaben. Da kugelt ein wenig Schnee hinter der Ecke hervor, Andreas kann nur die eine Axt noch retten, die andre wird abgerissen, und pfeifend fliegt das langbe-währte, grade jetzt so unentbehrliche Instrument über unsre tiefgeduckten Köpfe weg in den Abgrund des Sefinenthals. Hin ist hin, verloren ist verloren! Der einzige schwache Trost war, dass doch wenigstens nur eine Axt und Keiner von uns gestürzt sei. Es war jetzt 11 Uhr. Wir hatten also bis hierher 2V2 mal so viel Zeit gebraucht als aufwärts. Ein kleines hier befindliches Steinmannli vergass ich zu öffnen; wahrscheinlich bezeichnete es das Scheitern einer bis hierher gelangten englischen Expedition.

Auf der nun folgenden zweiten Firnpartie wiederholten sich im Wesentlichen die Manœuvres der Gipfelkante,

dass sie noch schwieriger waren als dort. Andreas ohne Axt hatte eine verzweifelte Aufgabe.

Mit Sehnsucht blickten wir nach dem Leitergrat; er schien kaum erreichbar. " Wieder hing ich| in einer sehr bösen Position; mit Händen und Fussen in Eisstufen eingeklammert, vermochte ich weder vorwärts noch rückwärts zu blicken — da plötzlich erhalte ich einen Schlag auf den Kopf, der mich fast betäubt; ein von oben losgesprungener Stein, der Andreas wie eine Kugel am Ohr vorbei gepfiffen war, hatte mich grade getroffen und jagte nun in tollen Sätzen mit meiner Kappe, deren ledernes Tragband zersprengt war, in den Abgrund des Kienthals hinab.

Das Gspaltenhorn fordert seinen Tribut! Wohlausgerüstet zogen wir hinauf; ohne Axt, ohne Kappe, mit zerfetzten Schultern und Knieen kehren wir zurück — in der That, wir haben eine Schlacht gewonnen! So sehr wir uns beeilten, aus dem Bereich der stürzenden Steine hinaus zu kommen, so langsam ging es doch vorwärts.

An einem geschützteren Orte angelangt, wischte ich mir das Blut ab und verband den brummenden Schädel so gut als möglich mit dem Taschentuch. So ging es zum Leitergrat zurück. Wunderbarer Weise war die Axt an einer tiefer befindlichen Felsklippe hängen geblieben und blickte sehnsüchtig zu ihrem Herrn herauf. Natürlich wrar der Ort unzugänglich, und der gefährliche Versuch, dahin zu gelangen, missglückte.

Es war die höchste Zeit, dass wir zurückgekommen waren; denn jetzt eben begann am Hörn jenes verderbliche Bombardement, von dem ich oben geredet habe. Der Leitergrat, brüchig und schwindlig genug, war ein wahrer Spass gegen die zurückgelegten Partieen. Unsere hier aufgehäuften Proviantsäcke wurden mitgenommen; im Sturmschritt ging es über die erste Firnpartie hin, und um 12 Vj Uhr langten wir in ihrer Mitte auf einigen freien Fels-

.

platten an, wo ausgepackt und das wohlverdiente Siegesmahl eingenommen wurde. Ich konnte nicht umhin, nachdem wir aus so grossen Gefahren glücklich errettet waren, meinen Führern, die nächst einem höhern Leiter das Ihrige zur glücklichen Rettung beigetragen hatten, ehe ich den dargebotenen Becher nahm, meine Dankbarkeit durch eine besondere Belohnung auszudrücken. Sie hatten sich ausgezeichnet gehalten, und ihre Thaten erregten später den Neid und die Bewunderung der gesammten Führerschaft des Oberlandes.

Die Rast dauerte bis 1 Uhr. Dann ging es zur Lücke. Die abschüssigen, erweichten Firnfelder gestatteten eine herrliche Rutschpartie und fliegend und fahrend, springend und jagend, den Gemsen gleich, legten wir die Strecke bis zum Nachtlager in nur 25 Minuten zurück, während sie heute Morgen 2 Va Stunden beansprucht hatte.

Während nun der Küchenmeister den erquickenden Kaffe unter dem Felsenbrunnen bereitet, kann ich den spätem Ersteigern des Gspaltenhorns noch einige " Winke geben.

Man unternehme die Ersteigung nicht im Frühsommer; grössere Schneemassen erleichtern zwar den Aufstieg an den Firnpartieen, sind aber durch ihren Einsturz an den schroffen Gehängen allzugefährlich; namentlich steigern sich die Schwierigkeiten am „ Bösen Tritt " mit jeder Schneeflocke. Ist seine Wand von Schnee und Eis ganz frei, so dürfte die Ersteigung ungleich leichter sein als bei meinem Besuche. Ferner rathe ich, der Klet-terkraft der eigenen Beine zu vertrauen und ja keine Leitern mitzuschleppen; dieselben sind an gewissen Punkten zwar sehr wünschenswerth, aber nicht unentbehrlich, und wie man sie an diese Punkte transportiren will, ist mir räthselhaft.

Mit einem " Wort: das Mitnehmen von Leitern kann die Ersteigung vereiteln. Was die Schwierigkeiten betrifft, so darf das Gspaltenhorn wohl mit den verrufensten Bergen wetteifern; sie stehen aber denen von Herrn Hoffmann's Dammapass und meinem Maasplankjoch nach, d.h. das Hinabsteigen am Gspaltenhorn fand ich schwieriger als dort den Aufstieg; doch dürfte dort eine Rückkehr nach dem Geschenenthal allerdings kaum möglich sein. Endlich versäume man es, wie schon bemerkt, ja nicht, die Nacht in den Felsen des Büttlassen zuzubringen.

Zwischen 3 und 4 Uhr wurde wieder aufgebrochen » Mit der ganzen Bagage beladen, wanderten wir dem tiefen Grunde des Kienthals zu, bedauernd, dass er so tief war, indem dadurch ein eben so hohes Aufsteigen an der jenseitigen Thalwand nach unserm Ziele, der Bundalp, nöthig wurde. Im Nebel langten wir nach einigen Stunden auf der von steilen Kalkwänden gekrönten Höhe an und wanderten in der Richtung fort, in der wir vom Büttlassen her die schönen und grossen Hütten der Alp hatten liegen sehen. Wolken und die Sehnsucht nach dem Ziele gaukelten der Phantasie allerlei Trugbilder vor, indem ein übers andere Mal entfernt auftauchende Kalkblöcke für Häusergruppen gehalten wurden. Endlich hatten wir die obere Alp erreicht; aber siehe da! dieser mühselige Tag will bis zur Hefe genossen sein: die Sennen sind bereits hinabgezogen, und nochmals ist ein weiterer Marsch erforderlich. Mit anbrechender Dämmerung erreichten wir die untere Alp. Kuhgeläute und Jodler hatten uns. schon lange über die endliche Erreichung des Gesuchten beruhigt. Die gute Aufnahme, die wir Seitens der Sennen erfuhren, übertraf alle unsere Erwartungen; denn durch die Lektüre von Herrn Dr. Roth's „ Weisse Frau " waren dieselben bezüglich der Gastfreundschaft nicht allzuhoch gespannt.

Seitdem aber hat sich Vieles geändert, und zum Lob der stämmigen Bundälpler sei 's gesagt, ihre Käse und Milch, ihr Heulager und Entgegenkommen war aus-gezeichnetAuf 2 Uhr Nachts hatten wir Ordre gegeben, uns zu neuen Thaten zu wecken. Einstweilen lassen wir die gewaltigen Eindrücke und Erfahrungen des Tages nochmals am inneren Auge vorüberziehen. Morpheus sorgt dafür, sie alsbald mit goldenen Traumbildern zu verweben!

. JJebersicM der Distanzen:

Aufbruch. .3 Uhr 15 Min.

am Firne 340auf der Büttlassenlücke. 445am Leitergrat.... .6an der LT. Firnpartie630am Bösen Tritt 7Gipfel.... ...810East.... .15 Min.

Rückkehr.... .*825Böser Tritt. 11am Leitergrat...... ...12 Mitte der I. Firnpartie..... .1230East30 Min.

am Lagerplatz. .125Rast... 2 St.

Bundalp630Rasten 2 St. 45 M.

Marsch 12 Std. 30 Min.

Ganze Tour 15 Stunden 15 Minuten.

II. lieber Höhen und Tiefen in 's Lötschthal.

Feedback