Heuschrecken. Muntere Begleiter auch bei Bergwanderungen

In der Schweiz gibt es 107 Arten von Heuschrecken. Darunter auch solche, die auf einer Höhe bis 3100 m leben können. Mit ihrer Lebensweise haben sie sich an die alpinen Bedingungen angepasst. 1

Wer kennt sie nicht, die Heuschrecken, die wir in den Voralpen und Alpen immer wieder antreffen. In diesen unberührten Lebensräumen können sie sich frei entfalten. Vor allem aus trockenen, sonnigen Bergblumenwiesen dringt intensives Zirpen. Hin und wieder fliegt eine Heuschrecke auf, breitet ihre rosafarbenen Flügel aus und streift mit « knatterndem » Geräusch mehrere Meter weit übers Gras, bevor sie sich mit einem Schwenker wieder fallen lässt. Das Männchen der Rotflügligen Schnarrschrecke macht sich mit diesem Balzflug bei Weibchen und Rivalen bemerkbar. Die grossen, untersetzt gebauten und mehrheitlich grünen Warzenbeisser halten sich dagegen in der Wiese auf. Ihr durchdringendes Zirpen besteht aus langen Reihen stimmhafter Zicklaute, die nur bei Sonnenschein ertönen. Streift man durch hoch gewachsene Weiden, scheucht man hin und wieder eines dieser Insekten auf, das wie ein Frosch in grossen Sprüngen hangabwärts flieht. Seinen Namen verdankt der Warzenbeis-ser übrigens seinem kräftigen Biss und dem braunen Saft, den er dabei abgibt. Der Volksmund sagt, dass sein Biss in eine Warze diese zurückbilden lässt.

Von extrem trocken bis sehr feucht

In der Schweiz gibt es nach dem gegenwärtigen Wissensstand 107 Heuschre-ckenarten. Die meisten leben in trocken- warmen Lebensräumen. Wie bei allen Insekten gibt es aber auch bei den Heuschrecken viele Spezialisten. Durch die rosafarbenen oder blauen Hinterflügel auffällig und gut bekannt sind die Öd-landschrecken, die extrem trockene Fels-fluren bewohnen, also noch extremere Lebensräume als die bereits erwähnte Rotflüglige Schnarrschrecke. Es gibt aber auch mehrere Arten, die nur in eigentlichen Sumpfgebieten oder auf regelmässig überfluteten Kies- und Sandbänken überleben können. Wieder andere leben in Wässermatten und Feuchtwiesen. Wichtige Lebensräume sind auch Waldränder und Hecken, Kahlschläge Schwarzes Flesch ob Ried bei Mörel: ein Paradies für ausgesprochen wärmebedürftige Heuschrecken. Hier leben u.a. die Rotflüglige Schnarrschrecke und die Sibirische Keulen-schrecke und auf Belalp ( l.o .) die Nordische Gebirgsschrecke.

Die Männchen der Rotflügligen Schnarrschrecken sind meist schwarz oder braunschwarz. Hier ein Tier aus dem Tschärzis-tal, Berner Oberland 1 Der Autor Bertrand Baur hat in Co-Autoren-schaft das Buch Heuschrecken der Schweiz verfasst. Eine Rezension ist in den ALPEN 9/2006 erschienen.

und lichte, nach Süden gerichtete Bergwälder, wie sie überall in unseren Alpen anzutreffen sind.

Nicht nur Vegetarier

Heuschrecken ernähren sich hauptsächlich von Pflanzen. Die Kurzfühlerschre-cken, deren Fühler deutlich kürzer sind als der Körper, fressen meistens Gras, aber auch Kräuter und seltener Blätter von Sträuchern und Bäumen. Die Lang-fühlerschrecken ernähren sich teilweise ebenfalls von Gräsern, häufiger aber von den Blättern von Stauden, Sträuchern und Bäumen. Unter ihnen gibt es aber mehrere Arten, die andere Insekten, auch Heuschrecken, erbeuten. Es ist bekannt, dass Heuschrecken in vielen Ländern eine richtige Plage sein können. Auch in der Schweiz kam es früher hin und wieder zu Massenvermehrungen, die zu Frassschäden führten. Wenn es heute bei uns noch Massenvermehrungen gibt, richten sie keinen Schaden mehr an. Denn in der modernen Landwirtschaft sind Heuschrecken leicht zu kontrollieren, reagieren sie doch empfindlich auf Insektizide und intensive Bodenbearbeitung. In extensiv bewirtschafteten Gebieten sind sie Teil des natürlichen Kreislaufes: Sie fressen Pflanzen oder andere Insekten, legen Kot ab und führen nach ihrem Tod dem Boden mit ihrem Körper wiederum Nährstoffe zu.

Bis auf 3100 m über Meer

Heuschrecken leben bis in grosse Höhen. Den Rekord hält gegenwärtig die Alpen-Keulenschrecke mit 3100 m. Diese kleine, kurzflüglige Art, die sehr gut an diese Höhenlage angepasst ist, wurde bis heute unter 1910 m noch nicht beobachtet. Ihre Verbreitung ist eurosibirisch und arkto-alpin, in der Schweiz kommt sie nur im Engadin, z.B. oberhalb der Bergstation Muottas-Muragl, und im nördlichen Puschlav vor. Die Eiszeiten muss sie auf eisfreien Gipfeln, die zwischeneiszeitlichen Wärmeperioden in hohen Lagen überlebt haben. Es gibt drei weitere Arten, die auf über 2900 m beobachtet wurden: die Sibirische und die Gefleckte Keulenschrecke sowie die Nordische Gebirgsschrecke.. " " .Verblüffend ist die Tatsache, dass die Gefleckte Keulenschrecke nicht nur auf 3070 m beobachtet wurde, sondern auch auf 280 m und in vielen dazwischen liegenden Höhenlagen. Die Spanne in der Höhenverbreitung dieser Art beträgt also 2790 m und ist damit die grösste für eine Heuschrecke der Schweiz.

Ein ganzes Leben in einigen Monaten

Von den 107 Arten der Schweiz wurden 46 Arten auf über 2000 m beobachtet. Es erstaunt immer wieder, wie in der kurzen Saison ab Mai/Juni die ganze Fotos: Ber tr and Baur Auffällig am Männchen der Sibirischen Keulen-schrecke sind nebst den erweiterten Fühlerenden vor allem die blasen-förmig aufgetriebenen Vorderschienen.

Die Sibirische Keulen-schrecke lebt bis auf einer Höhe von 2920 m.

Die Nordische Gebirgsschrecke kommt bis auf 2960 m vor. Sie übersteht auch frühe Schneefälle. Hier ein Pärchen oberhalb Muottas Muragl/GR, aufgenommen am 2. September 2004 Entwicklung einer Heuschrecke vor sich geht: aus dem Ei schlüpfen, in dem sie im Boden den Winter überdauert hat, über mindestens fünf Häutungen von der Larve zum ausgewachsenen Tier heranwachsen, sich paaren und mit der Eiablage für die Generation des nächsten Jahres sorgen. Dies ist nur möglich, weil ihr kleiner Körper in kurzer Zeit aufgewärmt ist. Zudem verhalten sich Heuschrecken sehr Energie sparend: Ver-schwindet die Sonne hinter einer Wolke, schmiegen sie sich an die aufgewärmten Steine oder schlüpfen in die noch erwärmten Wiesen und Weiden. Dazu kommt, dass die Sonne im Gebirge meist länger und intensiver scheint als im nebligen Mittelland, vor allem auch im Frühjahr und Herbst. In den Bergen sind deshalb Heuschrecken im Juni oft deutlich weiter entwickelt als im Mittelland. Da ausgesprochene Gebirgsarten kälte-tolerant sind, überstehen sie auch frühe Schneefälle. Schmilzt der Schnee wieder weg, so kann man auf 2500 m bei Sonnenschein wieder kopulierende Paare entdecken und zirpende Männchen hören.

Zirpen noch und noch

Das Besondere an den Heuschrecken ist ihr Gesang. Die Kurzfühlerschrecken erzeugen ein Zirpen, indem sie mit Schrill-zäpfchen, die auf der Innenseite der Hinterschenkel sitzen, über eine Vorder-flügelader streichen. Das Flugschnarren der Ödlandschrecken wird durch die Hinterflügel erzeugt, die übereinander streichen. Das Zirpen der Langfühler-schrecken entsteht dagegen durch das Aneinanderreiben der Basis der beiden Deckflügel, die zu eigentlichen Zirporga-nen umgestaltet sind. Verblüffend sind drei andere Arten der Lauterzeugung. Kaum hörbar ist das Geräusch, das die Knarrschrecken mit ihren Kiefern erzeugen können. Leise, aber durchaus hörbare Lautreihen erzeugen die kleinen, zarten Eichenschrecken, die mit einem Hinterbein auf das Blatt trommeln, auf dem sie sitzen. Und verblüffend laut sind die Laute, die die Sumpfschrecken hervorrufen, indem sie die Hinterschienen nach hinten schleudern und dadurch beim Auftreffen auf den Flügeln ein mehrere Meter weit hörbares « Zegg » erzeugen. Die Heuschrecken und ihr Zirpen gehören bei uns zum schönen Sommerwetter wie der laute Gesang der Zikaden in südlichen Ländern. Auch im Gebirge. a Ber trand Baur, Münchenbuchsee Fotos: Ber tr and Baur Sunnbühl ob Kandersteg: kühl, aber sonnig. Hier leben die Gewöhnliche Gebirgsschrecke und in den Wacholderbüschen die Kurzflüglige Beissschrecke. Diese zirpt nach den ersten Schneefällen eifrig weiter, sobald die Büsche wieder schneefrei sind. Dieses Männchen der Alpinen Gebirgsschrecke lebte auf dem Alpetli im Diemtigtal. Die glänzend grün gefärbte Art kommt bis auf 2650 m in etwas kühleren Gebieten vor.

Reidigen ob Boltigen, Simmental im Berner Oberland. Diese Gegend ist vor Wind geschützt und sonnig. Hier leben über 20 Heu-schreckenarten, u.a. die Al-penschrecke und die Rot-flüglige Schnarrschrecke.

Die Gewöhnliche Gebirgs-schrecke kommt bis auf 2800 m vor. Sie bevorzugt aber sonnige, steinige Hänge. Dieses Weibchen wurde oberhalb der Lauchernalp fotografiert.

Die Alpenschrecke lebt bis auf 2340 m. Die Beine der überwiegend grün gefärbten Tiere haben oft die Farbe der Pflanzen-stängel. Hier ein Weibchen in Reidigen ob Boltigen/BE Sumpfschrecken leben bis auf 2710 m. Unter den normalerweise grünlich gefärbten Weibchen gibt es auch auffällig braunrot gefärbte Tiere.

Die Gefleckte Keulenschrecke lebt zwischen 280 und 3070 m, womit sie die grösste « Höhen-spannweite » aller Schweizer Arten hat. Dieses Männchen ist im Entlebuch fotografiert worden. Ein grosses Warzenbeisser-weibchen hat sich im Lötschental, oberhalb Lauchernalp, in der Vegetation eine sonnige Stelle zum Aufwärmen ausgesucht. Die lange Legeröhre ist leicht gebogen.

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