Hinter englischen Bergen versteckt. Eine wildromantische Liebesaffäre

Eine wildromantische Liebesaffäre

Wie die Briten einst das Matterhorn und die Eigernordwand entdeckten, so öffnet sich der Schweiz heute der Blick in eine der grossartigsten englischen Landstriche: den Seen-bezirk im gebirgigen Nordwesten. Das Cumbrian Mountain Festival lädt Schweizer Bergbegeisterte ein zur Entdeckung dieser Berglandschaft und zur Begegnung mit englischen Alpinisten.

David Penlingtons Auftreten gleicht nicht dem eines Berglers, vielmehr dem eines klassischen Gentlemans. Natürlich würde er dies bestreiten. Als gebürtiger Nordengländer will er mit dem aristokratischen Geblüt, das sich in den Londoner Herrenclubs den Tag um die Ohren schlägt, nichts zu tun haben – obwohl auch Davids Zweireiher wie angegossen sitzt, der Schnauz sauber zurechtgestutzt ist, die Lackschuhe glänzen. Was Dave, wie ihn die Freunde nennen, klar vom städtischen Gentleman unterscheidet, sind die sehnige Gestalt und das sonnengebräunte Gesicht.

Selbst Viehdieben zu gefährlich David ist leidenschaftlicher Alpinist. Kaum einen europäischen Viertausender hat er, aufgewachsen im Flachland, in der mittelenglischen Grafschaft Derbyshire, ausgelassen. Irgendwann trieb es ihn zu Höherem. Erstes Ziel war Schottland, « weil die dortigen Menschen, wie uns erzählt wurde, vor Gesundheit strotzten ». Grund war « wohl ihre Nahrung: Porridge und Whisky », mokiert sich David nachträglich. Schliesslich entdeckte er den nordwestenglischen Seen-bezirk. Anstrengend waren dort die steilen Strassen und Fusswege, die sich in engen Kurven durch den kahlen Moorboden winden, der schliesslich in Geröll übergeht. Und wo gelegentlich ein Wildbach Abwechslung in die Grautöne des nackten Gesteins bringt. Schon Hutchin-stones Geschichtsbuch aus dem Jahre 1794 beschreibt die Gegend um den Scafell Pike, der mit seinen tausend Metern Höhe alle anderen « Fells » ( Hügel ) im Kernland des Lake Districts überragt, als so « gefährlich, dass sich selbst die Viehdiebe aus ihren Schluchten fernhielten ». Und wenn sich doch ein Fremder in das abgelegene Hochtal verirrte, dann seien ihm von dem einzigen Spelunken-wirt Will Ritson solche Schauermärchen über wilde Tiere aufgetischt worden, dass er entsetzt Reissaus genommen habe. Hüttenromantik trotz Technik Zweihundert Jahre später ist die Uferlandschaft um den Wast-Water-See am Fusse des Scafell Pike touristisch erschlossen, aus der Spelunke des Lügen-wirts « Auld Ritson » wurde der renommierte « Wasdale Head Inn ». In dessen eichenholzgetäfeltem Pub genehmigen sich David Penlington und seine Kletterkollegen einen Schlummerbecher, übernachtet hingegen wird nebenan im Massenlager der Berghütte. Ihre Romantik behagt den sportlichen Engländern. Berghütten finden sich in ganz Cumbria, wie der Seenbezirk geografisch korrekt heisst, und gehören meistens entweder dem British Alpine Club oder dem Fell & Rock Climbing-Club. Auch wenn die Zeit der Bergpioniere und ihrer Erstbesteigungen vorbei ist und Handys die alte Hüttenromantik entzaubern, sind die Unterkünfte selbst in den nasskalten Wintermonaten ausgebucht. An den Schattenhängen der Panderdale-Berge lässt sich dank eines mobilen Schlepp-lifts gar Ski fahren.

SAC-Gämse in fremden Landen In einer der Hütten im nördlichen Lake District, auf halbem Weg zwischen dem Ullswater-See und den Schafsweiden auf dem Kirkstone-Pass, ziert ein Gäms-geweih, das Signet des Schweizer Alpen-Clubs, die Eingangstür. Und die Bilder rund um die Kaminfeuerstelle der « George Starkey Hut » zeigen Gipfel aus den Schweizer Alpen. Dies hat seine besondere Bewandtnis: Die Hütte gehört der « Association of British Members of the Swiss Alpine Club », gegründet 1909,

Initiant des Cumbrian Mountain Festivals ist die Vereinigung der britischen Mitglieder des Schweizer Alpen-Clubs SAC. Ihr Präsident Mike J. Goodyer ( l. ) und sein Vorgänger, W. Brooke Midgley, die beiden Stützen dieser Vereinigung, vor der George-Starkey-Hütte in Ullswater, der einzigen Unterkunft, die dem britischen Ableger des SAC selber gehört.

DIE ALPEN 6/2002

mit gegenwärtig knapp 300 Mitgliedern, die gleichzeitig einer der SAC-Sektionen Monte Rosa, Grindelwald oder Diablerets angehören. Der verstorbene George Starkey, nach dem diese britische SAC-Hütte benannt ist, war ihr früherer Präsident.

Auch David Penlington ist SAC-Mit-glied. Als er vor 50 Jahren zum ersten Mal in die Schweiz reiste, durfte er wegen den britischen Devisenbeschrän-kungen der Nachkriegszeit gerade mal 20 Pfund mitnehmen – immerhin etwas mehr als jene 6 Pfund und 6 Schilling, die Thomas Cook nochmals 50 Jahre früher, 1907, für eine sechstägige « Magic Excursion » nach Genf und Luzern verlangte. Dennoch musste sich David in Zermatt nach einem preiswerten Nachtlager umsehen. So lernte der knapp 20-jährige Gipfelstürmer erstmals eine Berghütte kennen. Zurück auf der Insel schrieb er sich umgehend beim britischen Swiss Alpine-Club ein. Seither geniesst er alle Vorteile, die einem SAC-Mitglied offen stehen. Umgekehrt profitieren die Eidgenossen vom dichten Netz britischer Herbergen. « Cumbrian Mountain Festival » Im Jahre 2002 haben die englischen SACler einen Grund mehr, ihre Schweizer Kollegen willkommen zu heissen. Der völkerverbindende Anlass, den sie auf die Beine stellten, heisst « Cumbrian Mountain Festival », eine « Feier zu Ehren der Berge, ihrer Bewohner, ihrer Schönheit und ihres kulturellen Erbes ». Anregung dazu gab im internationalen Jahr der Berge der « dialogue across mountains ». Einer der Höhepunkte des Festivals ist die Gemäldeausstellung « John Ruskin und die Alpen – eine britisch-schweizerische Liebesaffäre ». Der Maler und Schriftsteller tat es Mitte des 19. Jahrhunderts seinem Vorgänger William Turner gleich und eilte nicht, wie die früheren englischen Welteroberer, Richtung Mittelmeer, sondern verweilte in den Alpentälern. Ruskins faszinierende Darstellungen von Farbe und Licht sind im Museum von Coniston im Süden des Lake Districts ausgestellt. Auch für SACler eine Entdeckung wert. a

Martin Peter, London

« Cumbrian Mountain Festival»-Informationen

Ausgangsorte: Windermere und Kendal im Süden und Penrith im Norden der Grafschaft Cumbria, per Bahn in 3–5 Fahrstunden von London aus erreichbar. Ausstellungen: Zur Frühgeschichte der britischen Bergsteigerei im « Village in the Hill » in Rheged am Stadtrand von Penrith, im Armitt Museum in Ambleside und im « Brewery Arts Center » in Kendal. Kunstaufnahmen der berühmten « Abraham Brothers » im Museum der Stadt Keswick oder im « Wasdale Head Inn ». Kunstausstellung zum Thema « Ruskin und die Schweiz » in Coniston. « Mad about Nature » – naturverrückt – zeigen sich der Nationalpark von Brockhole und die Gärten von Holehird unweit Windermere. Geführte Wanderungen und Kletterlehrgänge in Brockhole und Wasdale. Unterkünfte: B&B; Berghütten und Berghotels sind begehrt, deshalb vor allem abgelegene unbedingt reservieren. Freephone 0800 100 8848 oder Cumbria Tourist Board, Windermere, Tel. 0044 15394 444 444 Weitere Infos: Im Internet unter www.mountain-heritage.co.uk. Telefonische Auskünfte bei Rheged Tourist Information Centre, Penrith, Tel. 0044 1768 860034 Fo to s:

Ma rt in Pe te r Wildromantische Berglandschaft im nordwestlichen Seen-bezirk. Die höchsten Berge sind nur wenig über 1000 m hoch, der Aufstieg beginnt jedoch praktisch auf Meereshöhe. Rawhead im Langdale Valley, eine der Berghütten im Kerngebiet des Lake Districts Schüler aus der nordenglischen Stadt Penrith eröffneten mit einem Kletterwettkampf das « Mountain Festival ». An der offiziellen Feier war auch der Schweizer Botschafter in England, Bruno Spinner, anwesend.

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