Hitze und Durst im Ala Dag

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Chlaus Lötscher, Littau

Durch grüne Obstgärten, entlang einem munteren Bächlein, das diesen grünen Zauber tränkt, schlängelt sich der Weg aufwärts zu den Höhen des Ala Dag, zu den wuchtigsten und schönsten Gipfeln des Taurusgebirges. Doch oben, wo die Quelle im Fels verschwindet, beginnt das Reich der Disteln, der Dornenbüsche und der zu Stroh vertrockneten Gräser. Heinz und ich marschieren aufwärts, die schweren Rucksäcke drücken, die Sonne brennt unbarmherzig. Yedi Göller, die sieben Seelein, wollen wir heute erreichen und dort unser Zelt aufschlagen, um dann die Felspyramide des Direktas und den höchsten Gipfel des Taurus, den Demir Kazik, zu besteigen.

Unser Weg führt über lange, steile Geröllhalden, die Sonne brennt; geschützt vom Schatten steiler Felswände, versuchen einige Schneeflecken den heissen Sommer zu überstehen. Sie haben gute Aussichten, denn es ist bereits September. Unsere Kehlen sind dürr und trocken, keine Quelle lockt, dann und wann murmelt das Wasser verstohlen tief unten im Geröll. Mein vierwöchiger Aufenthalt in Griechenland und das damit verbundene Faulenzerleben scheinen sich zu rächen, und die Hitze scheint den Rest beizutragen, 1Die Felspyramide des Direktas, von Norden gesehen. Unser Aufstieg führte durch die Westwand 2Blick von Westen auf den Ala Dag: der Kleine und der Grosse Demir Kazik ( 3916 m ) und der Karanfil Dag 3Die lange, steile Geröllzunge beim Abstieg vom Demir Kazik Photos Chlaus Lötscher, Littau denn nach dreieinhalb Stunden Marsch bekomme ich solche Atembeschwerden, dass wir uns entschliessen müssen, in der Nähe eines wasserspendenden Schneeflecks zu biwakieren.

Während der Nacht erhole ich mich gut, und am nächsten frühen Morgen steigen wir weiter. Zwei Hirten mit einer grossen Schafherde begegnen uns. Bald erreichen wir einen Pass, und vor uns liegt die Senke von Yedi Göller. Eilig steigen wir hinab, und auf einer kleinen Wiese an einem winzigen Seelein unmittelbar am Fusse des Direktas schlagen wir das Zelt auf.

Beim ersten Sonnenlicht brechen wir auf zu seiner Besteigung. Nach einem mühsamen Geröll-anstieg suchen wir einen Weg durch die Felsen der Westwand. Saftige Kletterstellen bringen uns richtig in Schwung, und noch vor Mittag stehen wir auf dem Gipfel. Tief unten am kleinen See liegt unser Zelt. Lange Gebirgsrücken mit steilen Felswänden warten im Süden auf Kletterer, welche neue Führen gehen möchten. Wir sind die ersten und wohl auch die letzten, welche dieses Jahr den Direktas aufsuchen. Im Norden ragt der Demir Kazik zum Himmel. Es wird morgen ein weiter Weg zu ihm sein. Wir steigen ab und ruhen uns am kleinen See aus.

Obwohl wir frühzeitig unser Zelt abgebrochen haben und wegmarschiert sind, beginnt die Sonne bald wieder mit voller Kraft auf uns niederzu-brennen. Über ein letztes, überaus steiles Geröllfeld erreichen wir den Pass. Vor uns fällt ein Couloir, umsäumt von wuchtigen Felstürmen und Wänden, in eine breite, steinbedeckte Talsohle ab, hinter der sich der Demir Kazik zum blauen Himmel aufrichtet. Noch liegt die Tiefe unter uns im Schatten, doch bald wird die Sonne diese in einen Glutofen verwandeln. Etwas wehmütig blicken wir noch einmal in die Senke zurück, in der die sieben Seelein friedlich in der Sonne glitzern, dann steigen wir hinab in den wilden Kessel. Lange marschieren wir über Felsen und Geröll, welche da und dort von Flechten und zähem Gras überwachsen sind. Wie wir endlich den Südostgrat erreichen, hat die Sonne uns wieder nassschwitzen lassen und die Kehlen ausgetrocknet.

In leichter Kletterei erreichen wir den Gipfel. Wir geniessen den Ausblick in die weite, braune Ebene Anatoliens, welche in der Sonnenglut flimmert und nur dort von grünen Streifen unterbrochen wird, wo ein Bach Wasser spendet.

Auf dem Gipfel steht eine kleine Büste Mustafa Kemal Atatürks, welche erst gestern von einem Bergsteiger aus Ankara heraufgetragen wurde. Das türkische Volk zeigt sich auch heute noch äusserst dankbar seinem weisen Staatsgründer gegenüber.

Der Abstieg ist leicht, und eine steile, schmale Zunge aus feinem Geröll erlaubt uns, im Laufschritt den Berg hinunterzurennen; hier hinaufsteigen möchte jedoch keiner von uns beiden. Unser Marsch durch das lange Gerölltal wird aufmerksam von einer Ziegenherde beobachtet, welche sich hoch hinauf in den Schatten steiler Felswände geflüchtet hat. Weder Heinz noch ich wagen das Wort « kühle Ziegenmilch » in den Mund zu nehmen, denn der Durst plagt beide zu sehr. Doch bald erleben wir eine herrliche Überraschung: Bevor das Tal in eine Schlucht abfällt, wird das Wasser der verschiedenen Schneeflecken gezwungen, in einem kleinen Wasserfall über die blanken Felsen zu stürzen. Eilig werfen wir die Rucksäcke weg und lassen uns vom kühlen Wasser duschen. Doch nach kurzem Abstieg ist der Hals von Hitze und trockener Luft erneut ausgebrannt. Weiter unten begegnet uns ein Hirte, der zu seinen Ziegen aufsteigt. Er öffnet ein Tuch, das er zusammengeknotet in der Hand trägt, und gibt jedem von uns einen Apfel. Wir danken ihm herzlich; darauf steigt er mit gleichmässigem Schritt weiter und verschwindet in der Schlucht, durch die wir eben abgestiegen sind. Wie bescheiden diese Hirten leben!

Wir sind froh, als wir endlich das ausgetrocknete Wiesland erreichen, denn bald werden die kühlen Schatten der Obstgärten uns wieder aufnehmen. Vorher jedoch stürze ich mit der Hand in ein kleines Dornengebüsch, und ich brauche viel

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