Höhenmedizinische Tagungen in der Schweiz 1996. SSAF (Schweiz. Stiftung für Alpine Forschungen)

Grundlegende Fragen zur Bildung der Ödeme nach wie vor offen Geschichtlicher Rückblick Die Tagungen in Interlaken und in Lausanne wurden mit einem Rückblick auf die Geschichte der Höhenmedizin in Europa und insbesondere in der Schweiz eingeleitet. So beauftragte der Bundesrat vor gut 100 Jahren die Berner Professoren Kronecker und Sahli abzuklären, ob medizinische Bedenken gegen den Bau und Betrieb einer Jungfraubahn bestünden. In einem passiven Aufstieg mit Maultieren und Sänften von Zermatt zum Plateau Rosa wurde gezeigt, dass die getragenen Personen - im Gegensatz zu den Trägern - die Höhe kurzfristig gut ertrugen. An beiden Tagungen wurde ferner auf berühmte Namen vergangener Jahrhunderte wie de Acosta, Barcroft, Bert, Douglas, Haidane, Mosso, Ravenhill, Val- c a ai 5 13 1 Die Tagung in Interlaken wurde von PD Dr. med. Peter Ballmer ( Bern ), Prof. Dr. med. Walter Reinhart ( Chur ) und Prof. Dr. med. Peter Bartsch ( Heidelberg ) organisiert, die von Lausanne von PD Dr.med. Urs Scherrer ( Lausanne ).

2 Eine Zusammenfassung mit Autorenangaben kann beim Sekretariat der Stiftung für Alpine Forschungen, Binzstr. 23, 8045 Zürich, angefordert werden.

Sicherheit, Medizin, Rettungswesen ï 5 lot, Zuntz usw. hingewiesen sowie auf die seit Ende des letzten Jahrhunderts bestehenden Höhenforschungsstatio-nen Cabane Vallot, Capanna Margherita, Alta Vista ( Teneriffa ) und Jungfraujoch.

Akute Bergkrankheit Die klinischen Bilder der verschiedenen Formen höhenbedingter Krankheiten zeigen, dass die akute Bergkrankheit nur schwer zu definieren ist, da sie sich ganz im Gegensatz zum Höhenhirn- und Höhenlungenödem in unspezifischen Symptomen äussert. Die Veränderungen bei der Atmung - oft verbunden mit Atemnot - sind für jedermann leicht erkennbare Zeichen eines Aufstiegs in grössere Höhen. Die körpereigene Regulierung der Atmung scheint indessen recht komplex zu sein, und viele Ergebnisse von Atmungsstudien sind deshalb widersprüchlich. Leider ermöglicht eine Messung der Atmungsreaktion auf einen verminderten Sauerstoffgehalt der eingeat-meten Testluft im Tiefland keine zuverlässige Voraussage, wer in der Höhe für eine Bergkrankheit anfällig ist und wer nicht. Nur für Herz-Kreis-lauf-Patienten ( Bypass-Patienten ) scheint die Höhentauglichkeit ( bis 3000 m ) anhand der Messung der ( evtl. reduzierten ) Sauerstoffsättigung ihres Blutes einigermassen beurteilbar zu sein. Interessant ist ferner, dass es beim Gesunden unter Belastung selbst unter kurzfristigem schwerem Sauerstoffmangel ( mit einer Sauerstoffsättigung von nur 50 Prozent ) nicht zu einer Beeinträchtigung der Herz-Kreislauf-Regulation kommt.

Bestehende oder auch kürzlich durchgemachte Infektionskrankheiten scheinen einen fördernden Einfluss auf die Entstehung von Höhenkrankheiten auszuüben. Diesem Umstand ist nicht nur auf Expeditionen in grosse Höhen ( Durchfall, Infektionen der Atemwege, Ohrenentzün-dungen ), sondern auch in den Alpen ( Grippe, Erkältungen usw. ) Rechnung zu tragen.

Höhenlungenödeme Bei Patienten mit Lungenödemen konnte in der Capanna Margherita ( 4559 m ) der Gasaustausch durch Verlagerung der Durchblutung in ödem-freie Lungenbezirke verbessert werden, wenn der überhöhte Lungenar-teriendruck durch Einatmen von Stickstoffmonoxyd ( NO ) gesenkt wurde. Dies unterstreicht die Bedeutung der bei der Entstehung des Höhenlungenödems auftretenden Veränderungen in der Lungendurch-blutung.

Mit klinischen Methoden kann in der Höhe der Durchtritt von Blutflüssigkeit durch die Wände kleinster Blutgefässe ( Kapillarpermeabilitäts-störungen ) nachgewiesen werden. So wurde auf 4300 m ( Vallot-Hütte ) nach standardisierter Stauung eine Volumenzunahme des Unterschenkels gemessen; gleichzeitig war das Ausmass des Verschwindens radioaktiv Vor allem bei Besteigungen im Everest-Massiv müssen sich die Alpinisten mit der Problematik der Höhenödeme auseinandersetzen. Mount Everest-Massiv von NNW. Im Vordergrund der Rongbuk-Gletscher mit dem westlichen Seitenarm ( hori- zontal ). Im Hintergrund Makalu, Baruntse und Chamlang. Rechts, oberhalb der Mitte, der untere Teil des Khumbu-Gletschers. Unmittelbar links davon die Pyramide des Pumori.

markierten Eiweisses aus den Blutgefässen infolge Austritts in die umliegenden Gewebe erhöht. Dieser letztere Befund liess sich allerdings in einer grösseren Versuchsreihe auf der Capanna Margherita ( 4559 m ), die auch Patienten mit Höhenlungenödemen umfasste, nicht bestätigen.

Für den immer wieder beobachteten Austritt von Blut und Blutflüssigkeit in die Lunge wurde ein mechani-stisches Konzept zur Diskussion gestellt: Infolge der Sauerstoffunter-versorgung verengen sich die Blutgefässe, wobei der Druck der zirkulierenden Blutflüssigkeit in diesen Gefässen stark ansteigt. Als Folge davon treten Blutflüssigkeit ( und oft auch kleine Mengen Blut ) durch die Gefässwände in die umliegenden Gewebe aus, z.T. auch infolge kleinster Rissbildungen in der Gefässhaut. Entzündliche Vorgänge wären dabei eine sekundäre Reaktion auf die entstandenen Ödeme und Mikroblutun-gen. Dieses Erklärungsmodell ist aber nicht unumstritten.

Eine japanische Forschergruppe stellte in der Lungenspülflüssigkeit von Patienten mit Höhenlungenödemen eine erhöhte Konzentration verschiedenster, eine Entzündung signa-lisierender Botenstoffe fest. Da diese Untersuchungen jedoch erst 1 bis 2 Tage nach Spitaleintritt durchgeführt werden konnten, bleibt auch hier die Frage unbeantwortet, ob die durch die Botenstoffe belebte entzündliche Reaktion tatsächlich eine unmittelbare Begleiterscheinung des Das Himalayabergsteigen, bei dem der Mensch in grössere Höhen als sonstwo auf der Welt vordringt, birgt auch bezüglich der Höhener-krankungen besondere Gefahren. Sofortiger Abstieg und - als vorbeugende Massnahme - die Verabreichung von künstlichem Sauerstoff sind hier vor allem zu empfehlen; der K2 ( 8611 m ) vom Gipfel des Gasherbrum II ( 8038 m ) aus.

Höhenlungenödems darstellt oder erst anschliessend auftritt.

Neue Gesichtspunkte zur Entstehung des Höhenlungenödems werden sich möglicherweise aus Untersuchungen an Zellkulturen ergeben, die darauf hinweisen, dass eine verminderte Natriumaufnahme der Zellen der Lungenbläschen zu einer Abnahme der Wasserrückresorption aus den Lungenbläschen führt und dadurch zur Entstehung der Ödeme beitragen könnte. Freie Sauerstoffra-dikale scheinen bei der Auslösung der Höhenkrankheit keine Rolle zu spielen.

Hirnstörungen Die Auslösungsmechanismen der bei der akuten Bergkrankheit auftretenden Störungen im Gehirn sind ebenfalls noch nicht geklärt. Das Erscheinungsbild der Bergkrankheit kann z.B. nicht direkt auf eine durch Sauerstoffmangel verursachte Zunahme der Hirndurchblutung zurückgeführt werden. Als eine der möglichen Ursachen wurde eine vermehrte Freisetzung gewisser Botenstoffe im Gehirn zur Diskussion gestellt. Mittels Positronenemissions-tomographie ( PET ) konnte in diesem Zusammenhang nach einem Höhenaufenthalt auch eine Zunahme des Traubenzuckerumsatzes im Hirn-stamm und im Hypothalamus festgestellt werden. Tierversuche zum Höhenhirnödem sind leider als Folge der unterschiedlichen anatomischen Verhältnisse nur begrenzt auf den Menschen übertragbar.

Massnahmen und Medikamente Bei der Vorbeugung und Behandlung mit Medikamenten muss zwischen der akuten Bergkrankheit und den Höhenhirn- und Höhenlungenödemen unterschieden werden. Während für alle Krankheiten gilt, dass ein langsamer Aufstieg die weitaus beste vorbeugende Massnahme, die sofortige Verabreichung von Flaschensauerstoff ( sofern vorhanden ) und ein rascher Abstieg die beste Behandlung darstellt, werden die Wirkstoffe Acetazolamid3 bei akuter Bergkrankheit, Nifedipin3 beim Höhenlungenödem und Dexametha-son3 beim Höhenhirnödem als beste unterstützende Massnahmen empfohlen.

Bei Personen, die erfahrungsgemäss die Höhe schlecht vertragen, oder wenn eine vernünftige Höhenanpassung nicht möglich ist, kann Acetazolamid vorbeugend verabreicht werden. Zur Bekämpfung höhenbedingter Kopfschmerzen kommt auch Ibuprofen3 in Frage.

Risiken eines Aufenthalts in grossen Höhen An einem Rundtischgespräch, an dem Höhenbergsteiger und -medizi-ner sich dem Publikum stellten, wurde u.a. gefragt, weshalb einige Foto: Christine Kopp Extrembergsteiger angesichts der durch Sauerstoffmangel verursachten Probleme und Gefahren z.B. für eine Besteigung des Mount Everest keinen zusätzlichen Sauerstoff mitführten. Die sehr einleuchtende und den heutigen Zeitgeist widerspiegelnde Antwort des Spitzenbergsteigers Jean Troillet: « c' est plus élégant », geriet etwas ins Schussfeld der Kritik der Höhenmediziner: Die Konsequenzen dieser « modischen » Komponente des Höhenbergsteigens - Hirnschädigungen als Folge des akuten Sauerstoffmangels - sind nicht nur während eines Aufstiegs direkt spürbar, sondern könnten sehr wohl auch auslösende Ursachen für Unfälle und Fehlentscheidungen sein. Da sich zudem solche Hirnschädigungen meist nicht vollständig zurückbilden, könnten sie im späteren Leben eines Bergsteigers vor allem dann Bedeutung erlangen, wenn Alterungsprozesse Beeinträchtigungen und Funktionsverluste verursachen.

Schlussfolgerung Auf Grund der bisherigen Daten lässt sich heute noch nicht mit Sicherheit sagen, ob die Ödeme, die sich bei akuter Höhenexposition in Lunge und Gehirn bilden, primär durch eine Störung der Durchlässigkeit der Blutge-fässwände oder durch eine Erhöhung des Filtrationsdrucks als Folge hämo-dynamischer Veränderungen zustande kommen. Hier sind noch grundlegende Fragen offen. Es werden viele weitere detaillierte Studien am Menschen in grosser Höhe notwendig sein, um die genaueren Zusammenhänge einigermassen erkennen zu können.

SSAF ( Schweiz. Stiftung für Alpine Forschungen ). " " 4 Q'Diese Namen bezeichnen die in Medikamenten enthaltenen Wirkstoffe; Ärzte und Apotheker kennen selbstverständlich die entsprechenden Markennamen.

4 Weitere Informationen sind bei Dr.. " " .Jürg Marmet, Traubenweg 8, 4123 Allschwil, Tel./Fax 061/481 13 11, erhältlich.

Das Problem der Höhenödeme beschränkt sich nicht auf das Bergsteigen in den hohen aussereuropäischen Gebirgen. Auch auf Bergtouren in den Alpen können solche Erkrankungen auftreten und gefährliche Folgen zeigen; das Monte-Rosa-Massiv von Schwarzsee aus.

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Alpine Geschichte, Cultur, Erzählungen

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weite reichte vom ein paar Minuten langen Video bis zum stündigen Fernsehfilm. Ebenso gross war die Vielfalt der Themen; zu ihnen gehörten etwa: Filme über Höhlen, eine Flussfahrt in Alaska, fahrende Destillateure in Savoyen, traditionelle tibetische Medizin, eine wissenschaftliche Expedition nach Grönland, den Kletterer und Beatnik Gary Hemming, das Geschwindigkeitsskifahren, das pakistanische Dorf Shimshal, den Holzbildhauer Adolf Vallazza, Vulkane auf Hawaii, das moderne Sennenleben usw.!

Zusätzlich zu den Filmvorführungen wird dem Besucher in Trento ein reiches Rahmenprogramm geboten, das auch dieses Jahr eine Fülle von weiteren Anlässen umfasste: die Präsentation der 1996 erschienenen Bergbücher, eine Bücher-Schau von Trientiner Verlagen sowie ausländischen Antiquariaten, Podiumsgespräche und Fotoausstellungen. Besonders bemerkenswert war die Holz-skulpturen-Ausstellung von Mauro Corona. Corona, Kletterer, Bildhauer und Autor von ausgezeichneten, eben veröffentlichten Erzählungen, ist im Trentino und Südtirol eine legendäre Figur, zu dessen Image der Auftritt mit zerrissenem Trägerleibchen ( im Sommer und Winter ), einem Kopftuch, das seine wilden, schwar-

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