Hotels und die Engadiner Gebirgswelt. Die spätere touristiche Erschliessung des Bündnerlandes

Leben und Freizeit im Berggebiet

Vita e tempo libero in montagna

Vie et loisirs en montagne

die späte touristische Erschliessung des Bündnerlandes

Hotels und die Engadiner Gebirgswelt

Wer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Tourist nach Graubünden reiste, fuhr zur Kur. Mit der Erstbesteigung des Piz Bernina kamen dann vermehrt Alpinisten in die Bündner Täler. In einer ersten Phase wurden Bauernhäuser in Fremden-pensionen und später in Hotels umgewandelt. Zu den Schwerpunkten der alpintouristischen Entwicklung im Oberengadin mit Hotelbauten aus der Belle Epoque gehören Pontresina und Sils.

Der Hotelbau, wie er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in den grösseren Schweizer Fremdenorten entwickelte, setzte im Kanton Graubünden vergleichsweise spät ein. Wer um 1800 ins Bündnerland fuhr, suchte ein Kurbad auf. Der Bündner Hotelbau konzentrierte sich deshalb bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts auf einige wenige, meistens mit Thermalquellen oder Heilwas-sern ausgestattete Orte. Noch um 1850 waren Touristen in den meisten Gegenden des Kantons beinahe unbekannte Wesen.

Wasser, Luft und Berge Das Oberengadin mit St. Moritz, Pontresina und Samedan sowie Sils und Silvaplana etablierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als bedeutendste touristische Region des Kantons. In der Belle Epoque des späten 19. Jahrhunderts kam zum Bäderwesen das Bergsteigen als wichtiger Faktor für den raschen touristischen Aufstieg dazu. Ein grösseres Fremdenzentrum entstand in den 1860er-Jahren auch im Unterengadin mit Tarasp, Vulpera und Schuls rund um die dortigen Mineralquellen. Die Landschaft Davos, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Luftkurort für Lungenkranke in ganz Europa bekannt wurde, konnte sich in der Belle Epoque als zweitgrösste Fremdenregion des Kantons behaupten.

Pontresina – Ausgangspunkt für Bergtouren Seine touristische Entwicklung verdankte Pontresina, das Dorf am Fuss des Berninamassivs, vor allem den zahlreichen Alpinisten. Diese fühlten sich nach der Erstbesteigung des Piz Bernina am 13. September 1850 von den weiteren Oberengadiner Gipfeln magisch angezogen. Pontresinas Entwicklung verlief in der Folge auffallend parallel zu jener in Zermatt oder Chamonix, wo sich das Angebot für die immer zahlreicheren Fremden im « goldenen Zeitalter » des Bergsteigens ebenfalls stark vergrössern konnte.

Das Dorf am Fuss des Berninapasses ist zudem das Oberengadiner Paradebeispiel für den frühen Umbau ehemaliger Bauernhäuser in Fremdenpensionen. Das Gasthaus zu den Gletschern, das spätere Hotel Steinbock, wurde als eines der ersten aus einem alten Bauernhaus von 1651 umgebaut. In der Mitte des 19. Jahrhunderts bot das Gasthaus zum Weissen Kreuz von Clara Christ drei Betten an, eröffnete Lorenz Gredig sein Gasthaus zur Krone mit den ersten Fremdenzimmern und stattete Gian Saratz sein elterliches Bauernhaus im Dorf mit den ersten Gästebetten aus. Kronenhof und Saratz in Pontresina In den mittleren 1860er-Jahren begann parallel zur starken touristischen Entwicklung von Pontresina der kontinuierliche Aufstieg und Ausbau der Hotels Saratz und Kronenhof. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich zwischen den beiden nebeneinander gelegenen Häusern am Dorfrand von Pontresina ein eigentliches « Wettbauen »: Nachdem die Wirtschaft zur Krone in ein Hotel umgewandelt und kurz danach für die Unterbringung der immer zahlreicheren Berggänger eine Dépendance nötig geworden war, erhielt 1865 der alte Gasthof Saratz einen ersten Anbau. Um 1870 vergrösserte der damals

Mit dem neuen Bellavistatrakt wurde das Hotel Kronenhof 1877 zu einem Grossbetrieb mit 190 Betten vergrössert. Gesamtansicht von Pontresina, kurz nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Samedan 1908, mit den Hotels ( v. l. ) Roseg und Dependance Belmunt; Schlosshotel, 1908 aus dem Hotel Enderlin umgebaut; Parkhotel hinter dem Schlosshotel; Kronenhof; Saratz; Hotel Pontresina, heute Sporthotel Fo to: z vgM us eu m für Komm unik at ion Fo to: z vgSa mml ung Cl ub Gr an d Hô tel & Pa lac e, Ba sel Die Hotelhalle mit « Kronen»-Leuchter des Hotels Kronenhof in Pontresina. Fotografie um 1900 Hotel Kronenhof in Pontresina. 1898 bauten die Gebrüder Ragaz, Baumeis-ter-Architekten, das bestehende Hotelgebäude zur repräsentativen Drei-flügelanlage um. Fotografie um 1910 Ansicht der charakteristischen Hotelsilhouette von Pontresina mit den Hotels Kronenhof und Saratz im Vordergrund. Postkarte um 1920 Fo to: z vgM us eu m für Komm unik at ion Fo to: z vgM us eu m für Komm unik at ion Sa mml ung Cl ub Gr an d Hô tel & Pa lac e, Ba sel DIE ALPEN 10/2004

neu im Engadin ansässige Architekt Nicolaus Hartmann aus Chur den Kronenhof durch den Einbezug eines Nachbarhauses, sodass bereits 42 Zimmer mit 70 Betten vorhanden waren. Zu dieser Zeit wurde auch ein neuer grosser Speisesaal angebaut, der im Baedeker sogleich spezielle Erwähnung fand. Drei Jahre später erhielt auch das Saratz einen neuen Hoteltrakt mit grossem Speisesaal. Architekt war hier der ebenfalls eingewanderte Baumeister-Architekt Jacob Ragaz. Zwischen 1875 und 1885, als an anderen Orten der Tourismus stagnierte und sich mancherorts sogar eine richtige Krise einstellte, wurden Kronenhof und Saratz vergrössert. Der neue Bellavistatrakt machte das Hotel Kronenhof zu einem Grossbetrieb mit 190 Betten, und Pontresina hatte sich mit seinen sieben Hotels und mehr als 900 Betten hinter dem führenden St. Moritz als zweitgrösster Fremdenort im Oberengadin etabliert. In mehreren Etappen erhielt das Saratz zwischen 1885 und 1905 die Erscheinung, die bis zum Anfügen des neuen Erweiterungsbaus 1996 erhalten blieb, und der Kronenhof wurde kurz vor der Jahrhundertwende durch die Gebrüder Ragaz aus Samaden zu einer imposanten Dreiflügelanlage erweitert, einer ganz seltenen Hotelform im schweizerischen Alpenraum.

Sils-Maria In den 1870er-Jahren entwickelte sich auch Sils mit seinen beiden Ortsteilen Sils-Baselgia und Sils-Maria zu einem Fremdenzentrum, das ähnlich wie Pontresina als Ausgangspunkt zur Besteigung der nahe gelegenen Berggipfel diente. Am Anfang der Entwicklung stand das 1862 eröffnete, ebenfalls aus einem Bauernhaus umgebaute Hotel Alpenrose, das als erste Fremdenpension am Dorfeingang einen markanten baulichen Akzent setzte. 1871 öffnete der bekannte Engadiner Hotelpionier Johannes Badrutt, Hotelier im Kulm-Hotel St. Moritz, das Patrizierhaus von Johann Josty in Sils-Baselgia als « Hotel de la Grande Vue » für englische Gäste, aus dem nach weiteren Umbauten zu Beginn des 2O. Jahrhunderts das Hotel Margna entstand. Als drittes grösseres Gasthaus kam 1875 an Stelle eines Bauernhauses mitten im Ortskern das Hotel Edelweiss hinzu, der erste Hotelneubau in Sils. In den Jahren der grossen Entwicklung zu Beginn des 2O. Jahrhunderts wurden in Sils-Maria beinahe gleichzeitig zwei neue grosse Hotels errichtet: am Fuss des bewaldeten Hügels auf der Westseite des Dorfes das Hotel Barblan, später Schweizerhof, und in aussichtsreicher Lage auf dem dominanten Hügel das Hotel Waldhaus. 1 Der weit gereiste und erfahrene Hotelier Josef Giger-Nigg liess 1908 nach seinen Ideen durch den im Hotelbau viel beschäftigten Architekten Karl Koller aus St. Moritz eine eigentliche Hotelburg hoch über dem Dorf erstellen, in der sich die noble Hotelgesellschaft ganz unter ihresgleichen vergnügen konnte.

Die touristische Infrastruktur Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts drangen neue technische Errungenschaften in das Oberengadin ein. Die Heilquellengesellschaft von St. Moritz beteiligte sich 1874 am Bau eines Gaswerks und an der Aufstellung eines Beleuch-tungskandelabers vor dem Kurhaus. Im folgenden Jahr wurden die beiden neuen Hotels Du Lac und Victoria in St. Moritz-Bad an die Gasversorgung angeschlossen. Auch das Hotel Roseg in Pontresina verfügte zu der Zeit bereits über eine Gasbeleuchtung. Gemäss dem Reiseführer von 1881 hatten die Hotels Roseg, Weisses Kreuz, Kronenhof und Bellavista sowie Saratz in Pontresina Gasbeleuchtung. Zwei Jahre zuvor brannten im Kulmhotel von Hotelier Badrutt erstmals elektrische Glühbirnen nach dem System Jabloch-koff. 2 Der initiative Hotelier, der diesen technischen Fortschritt im Jahr zuvor an der Pariser Weltausstellung entdeckt hatte, gehörte damit zu den absoluten Pionieren in der Schweiz. a

Dr. Roland Flückiger-Seiler 3 1 Das Hotel Waldhaus in Sils Maria erhielt kürzlich den Titel « Historisches Hotel des Jahres 2005 ». Diese Auszeichnung wird von einer Fachjury jährlich einem Hotel oder Restaurant verliehen, das sich um die denkmalpflegerische Erhaltung seines Betriebes besonders verdient gemacht hat. Vgl. Internet unter www.icomos.ch 2 Im Jahre 1877 liess Jablochkoff eine elektrische Lampe patentieren, bei der Plättchen aus Kaolin und ähnlichen Substanzen durch die Funken einer Induktionsrolle erhitzt und hierauf durch den Strom der Rolle am Glühen erhalten wurden. 3 Der Verfasser dieses Beitrages ist Autor der beiden Bücher: Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2001 – Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2003 ( mit der Geschichte der Hotelbauten im Bündnerland ).

Hotel Waldhaus in Sils-Maria. Die 1908 eröffnete Hotelburg auf dem Hügel über dem Dorf ist ein Werk des im Hotelbau viel beschäftigten Architekten Karl Koller. Fotografie um 1910 Fo to: z vgM us eu m für Komm unik at ion DIE ALPEN 10/2004

Mitteilungen der Clubleitung

Comunicazioni della direzione del club

Communications de la direction du club

Feedback