«Ich fühle mich verwirklicht.» Walter Bonatti ist 70 Jahre alt

Er steht für das grosse Bergsteigen der Fünfziger- und Sechzigerjahre schlechthin: Walter Bonatti, einer der begabtesten Bergsteiger aller Zeiten. Im Juni feierte er seinen 70. Geburtstag. Grund genug für ein Gespräch, das Christine Kopp mit dem italienischen Abenteurer führte.

«Es gab von Anfang an keine bessere Welt als die Berge, um mich zu formen. Sie erlaubten mir, mich zu vergleichen und zu messen, zu erfahren und zu lernen - ein jedem Menschen angeborenes Bedürfnis. Dort oben fühlte ich mich von einer Unternehmung zur anderen lebendiger, freier, wahrer: also verwirklicht. In meinem Leben als Bergsteiger habe ich immer den Gefühlen gehorcht, dem kreativen Impuls und der Kontemplation...» So beginnen die « Vorbemerkungen» in Berge meines Le-bens1, in denen Walter Bonatti seine Philosophie des Bergsteigens und des Lebens auf den Punkt bringt. Doch wer ist der Mensch Bonatti? Verbittert und unnahbar sei er, seit er sich im Alter von nur 35 Jahren 1965 plötzlich vom extremen Bergsteigen zurückzog, hiess es. Neugierig machten wir uns deshalb auf den Weg.

An einem heissen Frühsommertag waren wir dann am Eingang des Veltlin, wo Walter Bonatti mit seiner Frau Rossana Podestà in einem renovierten Steinhaus inmitten einer grünen Idylle wohnt. Der Augenblick des Kennenlernens war da, und er war von einer solch beschwingten Herzlichkeit, dass wir sogleich alle Scheu vor dem grossen Mann der Berge ablegten und uns mit ihm zu einem unvergesslichen Gespräch niederliessen. Sternstunden später umarmte uns Bonatti zum Abschied: « Und bitte: Ich bin kein Mythos, will kein Mythos sein! Ich bin ein ganz normaler Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen. »

Bonattis Jugend war von Hunger, Armut und Krieg geprägt: Diese Zeit legte den Grundstein zu seiner schier unglaublichen körperlichen Härte und geistigen Stärke, die ihn bei all seinen Unternehmen am Leben hielten. Walter Bonatti ist ein Grenzgänger: Das bewies er nicht nur in den Bergen, sondern auch bei seinen Abenteuerreisen, die ihn von 1965 bis 1979 für die Zeitschrift «Epoca» in die abgelegensten Winkel der Erde brachten - der Blaue Nil, Sumatra und die Antarktis gehörten zu den Zielen, die er meist allein bereiste. Diese Fahrten waren eine konsequente Weiterführung seiner Lebensphilosophie. So ist auch sein Abschied vom extremen Bergsteigen nicht als Bruch zu verstehen - wohl war er angewidert von einem Teil der Alpinszene und der Medien, vor allem hatte er aber seinen « Beitrag zur Überwindung des Unmöglichen geleistet »; nun wollte er neue Welten entdecken, « wachsen », wie er ausführt. « Ich sehe das Leben als eine Leiter mit unendlich vielen Sprossen, auf der ich langsam höher steige. Nicht höher im Sinn von Bekanntheit, die interessiert mich nicht, sondern im Sinn eines inneren Wachstums! Leben heisst ständiges Wachsen auf dem Sockel der Pyramide aller Erfahrungen und Werte, die wir unterwegs gewonnen haben. » In die Berge ging Bonatti auch nach 1965, vor allem zu seinem geliebten Montblanc kehrte er immer wieder zurück.

«Erfahrungen und Werte» - auf diesen Schlüsselwörtern gründet der innere Reichtum des Autodidakten Bonatti, der sich nach seiner abgebrochenen Ausbildung zum Techniker alles allein aneignete. Das Bergführerdiplom erhielt er geschenkt, er sei aber ein schlechter Bergführer gewesen, « da ich unmöglich das Seil, das mich mit jemandem verband, in einen Tarif übersetzen konnte! » Er trat nach wenigen Jahren wieder aus dem Bergführerverein Courmayeur aus. Geradlinig schritt er voran und liess sich weder durch Kritik noch durch Neid umbiegen. Wichtiger waren ihm seine eigenen Massstäbe. Beim Bergsteigen bedeutete dies einen Verzicht auf alle modernen Mittel, um sich am klassischen Bergsteigen der Dreissigerjahre messen zu können. Oft eckte Bonatti mit seiner Konsequenz an: «Der Konsequenz geht das Bewusstsein über die eigene Wahl voraus. Die Konsequenz ist der nächste Schritt, die Aufgabe, dich an das zu halten, woran du glaubst; sie besteht aus den Dingen und Werten, die du in deinem Leben entdeckst und als passend für dich hältst.» In diesem Zusammenhang kritisiert er Protagonisten der Alpinszene, die sich als «Übermutter fühlen, aber sich gleichzeitig prostituieren!» Er verabscheut die Engstirnigkeit vieler Bergsteiger: «Wie schade, dass sie so abgestumpft sind, gerade sie, die dank des ständigen Kontakts mit einer grossartigen Natur und den damit verbundenen Empfindungen und Gedanken ihre Ziele, ihre Sensibilität erweitern könnten. Doch sie reden nur über die Berge! Die Berge sollten wie Sport, Arbeit, Kunst nur ein Mittel sein, um menschlicher zu werden.»

Bonatti mag ein Extremer sein; doch im Gespräch zeigt er sich charmant, offen, witzig und trägt zu Anekdoten einen spritzigen «Frizzantino» auf. Dabei erzählt er uns, wie er seine zweite Frau, die bekannte Filmschauspielerin Rossana Podestà, vor 20 Jahren kennen lernte. Eine Liebesgeschichte, die einen ganz anderen Bonatti als den einsamen Alleingänger verrät! 1980 war Bonatti frisch geschieden und hatte eben die Arbeit mit «Epoca» gekündigt. Da zeigten ihm Freunde ein Interview mit Rossana Podestà; in dem stand, Bonatti sei der Mann, dem sie auf die Insel folgen würde. Bonatti schrieb ihr «einen epischen Brief», telefo-nierte und verabredete sich mit ihr nach dem dritten Anruf am gleichen Abend bei einer der berühmten Treppen von Rom. Die Begrüssung fiel unfreundlich aus, da sie lange aufeinander gewartet hatten - an den entgegengesetzten Seiten der Treppe. Doch bald folgte ein Treffen im Montblanc-Gebiet, wo sie im Sturm stecken blieben! Seither sind der Abenteurer und die Schauspielerin zusammen.

Und wo findet Bonatti seine Abenteuer heute? Jene Essenz seines Lebens, die eng mit dem Traum, der Fantasie, der Neugierde und der Freiheit verbunden ist? Für das Abenteuer, betont Bonatti, muss er heute nicht mehr in Wände und Wüsten aufbrechen. Das Abenteuer findet er in seinem Innern, wo sich die letzten grossen, unerforschten Räume des Menschen öffnen. Heiter ergänzt er: «Träume - ich habe noch alle möglichen Träume. Was gibt es Schöneres! Der Traum steht am Anfang aller Dinge, dann ist es an dir, dem Traum Stoff zu geben. Er ist die Triebfeder, die den Menschen Grosses verwirklichen lässt!» Walter Bonatti fühlt sich heute, mit 70, verwirklicht. Weil er in absoluter Freiheit getan hat, was er tun wollte.

Und ein Kreis hat sich geschlossen: Nach dem Alpinismus, den Reisen, den Städten Mailand und Rom, wo er jahrelang lebte, ist er zu den Bergen seiner Jugend zurückgekehrt, um hier zusammen mit Rossana die Abenteuer und Träume zu leben, die ihm die weiteren Sprossen seines Lebens bringen werden.

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