Ikarus, der Alte

Text: Emil Zopfi, Obstalden ( GL ) Photos: Robert Bösch, Oberägeri ( ZG )

Ich war gestürzt. Ausgerutscht mit dem rechten Fuss auf dem Tritt in der glatten Felsplatte. Mit der rechten Hand klammerte ich mich an ein Loch mit messerscharfer Kante. Links ein scharfkantiger Griff. Ich war gestürzt, weg der rechte Fuss, dann der linke. Ich hing an beiden Händen, klammerte mich fest. Rechts von mir lief das Seil durch den Karabiner der Expressschlinge, die in einen Bohrhaken gehängt war. Ich war gesichert. Doch ich klammerte mich verzweifelt an die Griffe, zog mich hoch, fand Halt mit den Füssen. Blut tropfte auf den Fels. Meine Finger schmerzten.

Ich schaute mich um. Kein Mensch im Klettergarten auf der Galerie, es war Herbst, ein Wochentag. Wenn nur niemand kommt, dachte ich. Schlimmer als der Verlust, schlimmer als die zerschnittenen Finger war die Schande. Eine Express hängen lassen, das war das letzte, was einem Sportkletterer passieren durfte. Ein Sturz war harmlos dagegen.

Ein Glück also, dass niemand da war. Mein Versagen blieb unter uns. Einer würde sich über den Fund freuen. Sei ihm die Schlinge gegönnt. Wir mussten verschwinden.

( Ich hätte dich schon gehalten », sagte Susi.

Wir räumten zusammen. Seil rollen. Expressschlingen abzählen und in den Sack. Ja, da fehlte nun eine. Klettergürtel zusammenrollen, Magnesiabeutel verschnüren. Die Slicks von den Füssen zerren, in den Sack stecken. Die Turnschuhe an. Sack auf, weg.

( Sieh dich nicht um !) Das Gedicht ( Die gestundete Zeit ) von Ingeborg Bachmann ging mir durch den Kopf. ( Schnür deinen Schuh. Es kommen härtere Tage. ) Bald würde der Winter kommen, der erste Schnee fallen. Dann war es aus mit Klettern. Hatte ich wieder einmal zu früh aufgegeben?

Die Galerie, so nennen wir unsern Klettergarten auf dem Dach der Steinschlaggalerie, die die Strasse von Weesen nach Amden überdeckt. Die Betonplatte ist mit Schutt bedeckt, mit karger Vegetation bewachsen. Dahinter steigt eine Kalkwand senkrecht auf, grauer, kompakter Fels, da und dort gelb, wo er beim Bau der Strasse gebrochen wurde. Spuren von Bohrlöchern. Am rechten Rand hängen lockere Felsklötze, von Drahtseilen gesichert, über dem Abgrund. Auf dem Rand des Betondachs schaute ich doch nochmals zurück. Da hing meine schwarze Schlinge noch immer in der Wand, schaukelte leise hin und her. ( Ikarus ) heisst die Route. Ich war gestürzt wie Ikarus, der versucht hatte, mit künstlichen Flügeln die Sonne zu erreichen. Ich war gestürzt, ich hatte zuviel gewollt. Eine Route klettern, die für junge Freaks gedacht war, nicht für einen Herrn mit Vergangenheit, fast fünfzig Jahre alt. Eine leichte Traurigkeit fiel über mich. Herbst war es. Bald Winter. Bald war wieder ein Jahr vorbei. Kühl lag der See in der Tiefe. Ein Segel irgendwo. Dunst über der Linthebene, Wolkentürme in der Ferne über dem Glärnisch. So war das Leben. Immer wieder wurde Herbst, und ein Jahr war vorbei, man wurde älter, und ehe man es sich bewusst war, war das Leben gelebt und bestand nur noch aus Erinnerungen.

Wir stiegen die Aluminiumleiter hinab, über die man die Galerie erreicht, schwangen uns übers Geländer, gingen die Strasse entlang, unter der grauen Betondecke. Da hatte jemand auf dem Asphalt eine Flasche zerschlagen. Ein Rover röhrte bergauf, blies uns Auspuffgase ins Gesicht. Wir gingen hintereinander die Strasse entlang. Meine Hand schmerzte, das Blut war schon eingetrocknet. Wir schwiegen.

Nochmals ein Blick auf den See. Die Strasse klebt hier an der Wand, dass einem fast schwindelt. Grau war die Luft, traurig. Eine Stimmung wie: Es hat doch keinen Sinn mehr. Nie wirst du es schaffen, Alter. Lass die Finger davon. Deine Tochter, die da vor dir geht, in hautengen Hosen, Tigermuster, Seil umgehängt, das ist die Zukunft. Manchmal fragt mich Susi: ( Bist du heute alt oder jung ?) Je nach Stimmung antworte ich so oder so. Bald würde ich nur noch alt sein. Bald gab es keine Wahl mehr. Also. Lass die Finger vom Fels, Alter. Züchte Rosen, schneide Rasen. Deine Zeit ist abgelaufen. Sei froh, dass du überlebt hast, dass du noch von Erinnerungen zehren kannst.

Wir kamen zum Auto, schlossen den Kofferraum auf, warfen Seil und Rucksack hinein. Laub lag auf dem Kies, die Buchen waren schon kahl. Vielleicht würde ich vom Sturz träumen, schweissgebadet erwachen. Vielleicht würde ich nie mehr klettern können. Wir stiegen ein, fuhren los. Schau nicht zurück.

Lang war der Winter. Die Sonne verschwand hinter dem Grat im Süden, hinter Fierz, Mürtschenstock, hinter Wald und Fels. Das Jahr begann schlecht, Krieg am Persischen Golf, Irak hatte Kuwait besetzt, Hunderte von Ölquellen brannten, Öl floss ins Meer, die Welt war in Angst vor einem gigantischen Krieg gefallen, mit Raketen, Giftgas, Superkanonen, Atom.

Im Frühling viel Regen, tiefhängende Wolken, Kälte, Melancholie. Manchmal fuhren Susi, Chris und ich nach Amden hinüber, kletterten auf der Galerie. Wir begannen ganz am linken Rand, bei der Route ( Anfängerglück ). Ein Glück, dass es sie gibt, denn sie ist nicht schwer, sechster Grad, doch so konnten wir Anfänger eben anfangen. Wir kletterten ( Anfängerglück ), wir waren glücklich. Die Route beginnt mit einer Querung nach links. Klettert man gerade hinauf zum gleichen Stand, direkt über Platten, heisst die Route ( Deviation ). Schwerer Einstieg. Sechs plus vielleicht. Bald schon schaffte ich ( Deviation ) im Vorstieg, bald schon ( Rotpunkt ), das heisst, ohne mich an den Haken zu halten. Wir versuchten auch ( Ikarus ). Doch immer wieder musste ich mich zuoberst, im schwierigen Ausstieg, an den Haken festhalten.

Ich hatte ein Griffbrett gekauft, im Estrich über einer Tür angeschraubt. Da trainierten wir, Aufzüge an kleinen oder grösseren Griffen, Griffe im Gegendruck, Lochgriffe, dazu auf winzigen Tritten stehen. Wir joggten viel, wir fühlten uns sehr sportlich. Ich war am Neujahr siebzig Kilo schwer gewesen, nun begann ich abzunehmen.

( Ikarus ) kannten wir schon bald fast auswendig. Die Schwierigkeit beginnt beim sechsten Haken. Zwei überhängende Wulste sind zu überwinden. Als ich das erste Mal hier stand, gesichert von Heinz, da war die Welt am Ende. Ich hatte keine Idee, wie ich einen runden Griff, hoch links in der Wand erreichen könnte, nur graugelbes Flimmern vor den Augen, Angst, ins Seil zu fallen, was ich auch tat. Schnattern in den Beinen, Nähmaschine, die Arme verkrampft, die Finger weich. Hier schwindelten wir uns halt einfach hoch, zogen uns an der Seilschlinge, die im siebten Haken hing, hinauf, die ersten Male stand ich dann sogar in die Schlinge, streckte mich nach dem nächsten Haken über den Überhang, dann ein Griff, ein Reisser, mit der rechten Hand eine Schuppe in der glatten Schlusswand fassen, den letzten Haken einhängen, sich nach links strecken zu den scharfkantigen Griffen. So kletterten wir ( Ikarus ) am Anfang, entdeckten aber bald neue Möglichkeiten, da ein Griffchen, dort ein Trittchen. Susi hatte auf der Kante des ersten Überhangs winzige Wassertropfen-Griffchen gefunden. Ich zog es vor, tiefer nach links zu queren, auf glatter Platte auf Reibungstritten stehend konnte ich den rettenden Griff erreichen.

Doch ( Ikarus ) blieb ein Problem, zwanzig Meter Fels, das alle andern Probleme der Welt versinken liess. In Kuwait brannten fünfhundert Ölquellen, schleuderten täglich gigantische Mengen von Russ, Schwefel und anderen Schadstoffen in die Atmosphäre. Im Himalaya fiel schwarzer Schnee. Uns beschäftigte das Problem, den Griff links im ersten Überhang zu erreichen, uns daran hochzuziehen, einen weiteren, winzigen Griff zu fassen, zu fixieren, nach rechts auf eine ab- schüssige Platte zu stehen, nicht wegrutschen, sich nicht abdrehen lassen, rechts einen Untergriff fassen, den nächsten Haken einhängen.

So verbrachten wir den Frühling.

An einem kühlen Sommermorgen schaffte ich , einfach so, ohne grosse Anstrengung. Ich kam zum Stand, hängte ein, lehnte zurück, schaute hinab. Unter mir lagen 17 Meter Fels, doch sie kamen mir vor wie die 900 Meter der Badile-Nordostwand, genau dreissig Jahre zuvor, nach einem achtstündigen Kampf in Sturm und Graupelschauern. Magnesia lag auf den Griffen am Überhang wie Schnee, doch spürte ich keine Kälte, keinen Hunger, keine Todesangst. Chris lachte, hob den Daumen. Ich fühlte mich so glücklich und erleichtert und stark wie nach der grossen Wand meiner Jugend.

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