Im Banne der Barre des Ecrins

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VON WERNER GÜLLER, FREIBURG I. B.

Mit 2 Bildern ( 57, 58 ) Vom Mont Blanc aus hatte ich erstmals das Glück, die Bergwelt des Dauphiné zu sehen, deren Hauptgipfel Pelvoux, Ailefroide, Ecrins, Meije, Olan wunderbar scharf den südlichen Horizont säumten. Ihre zackigen Konturen und bizarren Bergformen bannten bei einer Besteigung des Gran Paradiso erneut meine Blicke. Besonders eindrucksvoll war das Bild, als der höchste Gipfel jenes Gebietes, die Barre des Ecrins, durch eine Lichtung aufziehender Gewitterwolken mit ihrer vom Glacier Blanc geschmückten Nordseite wie eine Vision wirkte. Damals reifte mein Entschluss, das Dauphiné aus eigener Anschauung kennenzulernen und die Barre des Ecrins zu besteigen.

Bevor ich über meine eigenen Eindrücke berichte, möchte ich einige topographische und historische Punkte streifen. Das Dauphiné ist ein Bergrevier, das weit im Süden, jenseits des 45. Breitengrades liegt. Es wird einerseits durch die Strasse Grenoble—Col du Lautaret—Briançon, andererseits durch die Flussläufe der Durance und des Drac hufeisenartig umschrieben und öffnet sich nach Westen durch das Becken des Vénéon. Das ganze Massiv ist also auf verhältnismässig engen Raum begrenzt. Zahllose abenteuerliche Berggestalten streben auf weit über 3500 m Höhe, ganz zu schweigen von der Menge unbekannter Gratzacken und -türme, die in ihrer Ganzheit dem Landschaftsbild jene wilden, charakteristischen Züge verleihen. Die ungewöhnliche Steilheit des Aufbaus lässt oft nur wenig, dafür aber um so wirksameren Schmuck durch Firne oder die für das Hochdauphiné so typischen Hängegletscher zu. Trotzdem kommt im Innern des Massivs die Gletscherpracht in zwei gewaltigen Eisströmen zu voller Entfaltung, dem von der Barre des Ecrins herabwallenden Glacier Blanc und dem Glacier de la Pilatte, der die Quelle des Vénéonflusses bildet.

Als höchste Erhebung des Dauphiné galt lange Zeit der Mont Pelvoux, zumal da er mit seiner elementaren Wucht und dem firngekrönten Gipfelplateau, von der Festung Mont Dauphin oder der schon im 18. Jahrhundert belebten Strasse Gap-Briançon aus gesehen, eine beherrschende Stellung einnimmt. 1828 wurde der Pelvoux, dessen Höhe man auf 4300 m schätzte, von dem französischen Vermessungsoffizier Durand in Begleitung einiger Männer aus Vallouise erstmals erstiegen. Das über dem Massiv liegende Geheimnis lichtete sich. Unter den zahlreichen, bisher unbekannten Gipfeln ragte einer besonders hoch empor, von der Pelvouxgruppe durch einen tiefen Abgrund getrennt, die « Pointe des Arsines », auch « Barre des Ecrins » genannt. Zwei Jahre später bestieg Hauptmann Durand mit einem Stab von Mitarbeitern und mit Messgeräten erneut den Pelvoux, um in mehrtägiger Arbeit auf der später nach ihm benannten Pointe Durand Höhenmessungen durchzuführen ( eine erstaunliche Leistung für die damalige Zeit ). Das Ergebnis lautete: Pelvoux 3937 m, Meije 3984 m, Barre des Ecrins 4105 m, und reicht nahe an die heutigen Höhenquoten heran.

Die erste Besteigung der Barre des Ecrins erfolgte 1864 durch Edward Whymper in Begleitung von W. Moore, H. Walker mit den Führern Michel Croz und Christian Almer vom Tal des Vénéon ( La Bérarde ) aus über den Glacier de Bonne-Pierre, Col des Ecrins, Nordseite, mit Abstieg über den Glacier Blanc nach Vallouise. Whymper selbst beurteilte die Barre des Ecrins als den gefährlichsten der drei von ihm erstmals bestiegenen Viertausender ( Ecrins, Matterhorn, Aiguille Verte ), während sie heute mit dem Schwierigkeitsgrad 2 bezeichnet ist. Das einzige ernste Hindernis ist der klaffende Bergschrund, der die ganze Nordseite in horizontaler Richtung knapp unterhalb der 4000-Meter-Grenze durchzieht.

Die Barre des Ecrins bildet den Scheitelpunkt des Hufeisens, von dem das Veneonbecken mit seinen überhöhten Seitentälern umschlossen wird. Den Gipfelaufbau selbst formt die Pyramide des Hauptgipfels ( 4103 m ) und die Schneekuppe des Dome de Neige ( 4015 m ), beide durch eine schmale Gratschneide verbunden, die in der Brèche Lory ihren tiefsten Punkt erreicht.

In der Architektur des Berges kann man das Werk eines Meisters bewundern, der im Vollbesitz seiner Kunst ist. Die Einfachheit des Auf baus, der Schwung der Linien, das Ebenmass des Kräfte-verhältnisses wirken wie das Zeugnis einer vollendeten Kunst, die durch den Gegensatz zwischen der Gletscherpracht auf der Nordseite und den schauerlichen, reichgegliederten, in ihrer Ganzheit einem gewaltigen Orgelwerk gleichenden Südabstürzen ins Gigantische gesteigert wird.

Das Glück, auf diesem prächtigen, manchem Alpinisten unbekannten Berge zu stehen, war mir im vergangenen Sommer beschieden. Über Genf, Grenoble gelangte ich mit meinem « Fiat » durch das Tal der Romanche, am Stausee Lac de Chambon vorbei nach La Grave, wo ich den ersten Eindruck von der Meije erlebte. Ihre stolze Höhe zeigt auf dieser Seite mehr die erhabene als furchtbare Grosse, und zwei Gletscher ergiessen sich in wundervollen Eisabstürzen zu Tal. Die Weiterfahrt zum Col du Lautaret bot überwältigende Blicke auf die Gruppe Les Agneaux, deren majestätischer Gipfelaufbau das obere Romanchetal beherrscht und durch eine prächtige Schneekalotte geschmückt ist.

Durch das malerische Tal der Guisane erreichte ich Briançon, eine Festungsstadt, deren Altstadt-viertel mit seinen engen, steil emporführenden Gässchen an die Zeiten Ludwigs XIV. erinnert. Unterhalb Briançon zweigt die teilweise sehr schmale und äusserst kurvenreiche, jedoch befestigte Strasse ins Täl der Gyronde ab, um sich über Vallouise, Ailefroide, zur Pré de Mme Carle ( 1874 m ) hinaufzuschlängeln, einem einstigen Seebecken, das auf mehrere Quadratkilometer völlig eben ist und von dem aus in unmittelbarer Schroffheit die Felsbastionen emporragen. Ich musste mein Augenmerk fast zum Zenit richten, um der gewaltigen Zinnen, die das Gipfelplateau des Pelvoux etwa 2000 m höher säumen, gewahr zu werden. Die « Pré de Mme Carle », die mit einer « Wiese » wenig zu tun hat, besteht in der Hauptsache aus Geröll und Sand. Sie ist von zahlreichen Gebirgsbächen durchzogen. Den oberen Teil beleben idyllische Lärchenhaine, Weiden, einige Birken, vor allem aber die Rosablüten der zahlreichen Moränenweidenröschen. Über dem Ganzen thront die Barre des Ecrins, deren Südostabstürze mit den silbrig leuchtenden Schneefransen des Gipfelgrates sich einzigartig gegen den tiefblauen Himmel abheben.

Im Bereich der « Pré de Mme Carle » münden auch die beiden Eisströme, die von der Barre nach der Briançonseite herabstürzen: Der düstere Glacier Noir, der als Fluss von Geröll und Felssturz-trümmern zwischen den schauerlichen Wänden der Pelvoux-Ailefroide-Gruppe und dem Ecrinsmassiv seine Bahn zieht und dessen Moräne bis zum Ende der « Wiese » vorstösst sowie der freundlichere Glacier Blanc, der allerdings 400 m höher über abgeschliffenen Felsstufen endigt.

Über den Glacier Blanc, zu dem ein gut angelegter Serpentinweg führt, gelangte ich, an der gleichnamigen Hütte vorbei, zum Refuge Caron ( 3170 m ). Dieses liegt hoch über dem Gletscher auf einem Felsvorsprung und wird vom liebenswürdigen und umsichtigen Bergführer Benjamin Raymond bewirtschaftet. Der Blick von hier zur Barre des Ecrins ist von ergreifender Schönheit, besonders wenn durch das Feuer der untergehenden Sonne die Gipfelpyramide in Rosalicht getaucht ist. Das Landschaftsbild rief in mir die Erinnerung an ein Motiv im Berner Oberland wach, den Blick von der Grünhornlücke zur grossartig stolzen, edelgeschwungenen Pyramide des Finster- aarhorns. Auf dem Refuge Caron blieb ich einige Tage. Die erste Tour galt dem Pic de Neige Cordier ( 3613 m ), einem sehr schönen Aussichtspunkt, den ich über einen Seitenarm des Glacier Blanc und leichten Gipfelfels erreichte.

Nachdem ich einigermassen höhenakklimatisiert war, konnte der Aufstieg zur Barre des Ecrins in Angriff genommen werden. Da mir ein Alleingang zu gefährlich erschien, verpflichtete ich den Hüttenwart als Führer. Sein 14jähriger Sohn durfte ebenfalls an der Tour teilnehmen und bei dieser Gelegenheit seinen ersten Viertausender besteigen. Frühmorgens brachen wir auf und wanderten auf dem massig ansteigenden Gletscher zum Col des Ecrins. ( Dieser Passeinschnitt wird häufig auch von La Bérarde über die endlose Moräne des Glacier de Bonne-Pierre mit einem nicht ungefährlichen Schlussanstieg erreicht. ) Angeseilt und steigeisenbewehrt erklommen wir, vorbei an abgestürzten Seraks, über den nunmehr sehr steilen Gletscher der Nordseite die Höhe des berüchtigten Bergschrundes, an dessen Oberlippe zahlreiche meterhohe Eisstalaktiten herabhingen, über welche das Schmelzwasser des darüberliegenden Firnes sich in den gähnenden Abgrund ergoss. Der Bergführer überwand das Hindernis durch Erklettern eines glatten, griffarmen Felsvorsprunges nahe der Brèche Lory, sicherte sodann in einiger Entfernung davon uns über den Eiswulst unmittelbar empor. In anregender, freier Kletterei arbeiteten wir uns auf gut gestuftem Fels zum luftigen Grat und über diesen zum Pic Lory und dem Gipfelkreuz hinauf. Dieser letzte Gratanstieg erinnerte mich wiederum sehr stark an jenen vom Hugisattel zum Finsteraarhorngipfel. « Très joli! », rief Raymond, auf die grauenerregenden Südabstürze zeigend.

Das Panorama von diesem höchsten Punkt der Dauphinéalpen ist grossartig und wild. Das Ganze scheint in Bewegung und stürmt gleich einem Heer ungefüger Zyklopen auf den Beschauer ein. Gewaltige, unnahbare Steilwände die ganze Front entlang vom Pelvoux zur Ailefroide mit dem finstern Pic sans Nom in der Mitte. Über die zersägten Grate des Fivre und Pic Coolidge sowie über schauerliche Breschen hinweg schweift der Blick zum Glacier de la Pilatte, der von dem Prachtbau der Bans und der Perspektive des ausgezackten Sirac-Gipfels beherrscht wird. Selbst Les Rouies und der Olan wirken trotz geringerer Höhe als scharf profilierte Berggestalten. Am westlichen Horizont zeichnen sich die Linien des Taillefer und der Grande Chartreuse ab. Stolz überragt die schlanke Pyramide der Aiguille du Plat de la Selle den Dome de Neige. Mit packender Wucht erscheint die trotzige Riesenmauer der Meije, das vorgelagerte Massiv Pic Bourcet, Grande Ruine, Roche Méane zur Geringfügigkeit niederdrückend. Eine tiefe Einbuchtung im Norden weist auf den Col du Galibier hin und betont die beherrschende Stellung des an diesem Tag nur schwach sichtbaren Mont Blanc. Ganz nahe die Grate des Roche Faurio, Pic de Neige Cordier und der Agneaux-Gruppe, die sich über den hellschimmernden Glacier Blanc erheben. In dem ganzen Panorama findet sich kaum eine Spur von der Tätigkeit des Menschen; nirgends ein Dorf. Die abgeschiedene Lage ist ein wesentlicher Grund, weswegen der Berg so lange unerkannt blieb.

Unsern Aufenthalt auf dem Gipfel verkürzten drohende Wolken, Vorboten eines Witterungs-umschwunges. Nach raschem Abstieg erreichten wir am frühen Nachmittag das Refuge Caron wieder. Die Barre war bereits in schwere Wolken eingehüllt, und der Eintritt von Schlechtwetter schien unausbleiblich. Doch am andern Morgen war das Gewölk wie durch Gespensterspuk verschwunden, und über der stillen Hochgebirgslandschaft wölbte sich erneut ein südlich blauer Himmel.

Ein anderes, im Bereich des Glacier Blanc liegendes Gebirge zog mich noch in seinen Bann: Die Agneaux, deren Aufbau mich schon bei der Fahrt zum Col du Lautaret stark beeindruckt hatte.Vom sehr geräumigen Refuge du Glacier Blanc ( 2550 m ) begann ich wiederum frühmorgens den steilen Anstieg über Moränen, Firn- und Gletscherreste sowie brüchiges Gestein zum Col du Monêtier. Dieser bietet einen überraschenden Blick auf die dunkle, unnahbare Pyramide des Monte Viso. Über den oberen Teil des Glacier du Monêtier führte eine Spur zum Col Tuckett. Hier erhebt sich die schroffe Felspyramide des Hauptgipfels noch etwa 150 m höher. Sein unmittelbarer Bereich zeigt noch allerlei Pflanzenwuchs. Auf dem mageren Boden führen Gletscherhahnenfuss, Alpenlöwenmäulchen, Gletschermannsschild ein kümmerliches Dasein, ja sogar ein Kleiner Fuchs ( Vanessa urticae, ein Schmetterling, den ich schon auf weit über 4000 m angetroffen hatte ) trank emsig den Nektar der z.T. winzigen Blüten.

Bei meiner Ankunft auf dem Gipfel ( 3663 m ) wurde ich durch ein einzigartiges Panorama von grosser Gegensätzlichkeit für die Mühen des stellenweise heiklen Aufstiegs reichlich belohnt: Im Südosten das mächtige Pelvouxmassiv, das von hier noch imposanter als von Les Ecrins aus wirkt, daneben die alles überragende Barre des Ecrins selbst, die man von ihrem Gipfel bis zum Ende des Glacier Blanc übersieht. Der elegant geschwungene Gletscher gleicht einem Hermelinmantel, der sich über die Schultern des Monarchen wölbt. Gleichzeitig gewinnt man Einblick in einen grossen Teil der Südwand, die fast senkrecht zum finsteren Glacier Noir abfällt, mit der Ailefroide und dem Pic Coolidge im Hintergrund, deren Steilwände durch leuchtende Hängegletscher belebt sind. Eine drohende und abweisende Haltung nimmt die Meije ein mit ihren zersägten, weit nach Süden überhängenden Grattürmen. Beherrscht auf der einen Seite die elementare Unmittelbarkeit dieser Berggestalten das Gesichtsfeld, so zeigt im Norden und Nordosten die Landschaft mit Ausnahme der vegetationsarmen, sandwüstenartigen Abhänge des Combeynot einen lieblichen Charakter. Jenseits der wilden Seraks des Gletscherabbruches ziehen zahlreiche Gebirgsbäche ihre Silberstreifen zum Tal der Guisane hin mit der idyllisch gelegenen, waldumsäumten Ortschaft Monêtier-Les-Bains. Grüne Triften dehnen sich in schöner Wellenbewegung aus, und in amphi-theatralischer Anordnung liegen auf der andern Talseite zerstreut kleine Dörfer. Weit im Hintergrund thront in majestätischer Pracht und glänzendem Firngewand der Mont Blanc, ja die Klarheit des Äthers liess als kleine Felszacke das Matterhorn sowie die Gipfelkalotte des Grand Combin erkennen.

Wie im Fluge zerrann die Zeit auf dieser hohen Warte, und ich musste auf dem Weg, auf dem ich gekommen, wieder zur Hütte absteigen. In den Morgenstunden des folgenden Tages wanderte ich vom Refuge du Glacier Blanc wieder ins Tal, tief beeindruckt von dem reichen Erleben, das mir diese südliche Bergwelt schenkte.

Auf der « Pré de Mme Carle », die sich übrigens vorzüglich zum Zelten eignet, war mit eigenem Fahrzeug oder Omnibus bereits ein buntes Völkchen eingetroffen, um in der gesunden Bergluft neue Kraft für den Alltag zu schöpfen ( darunter mehr oder minder graziöse Gestalten in Shorts sowie beleibtere Spaziergänger, für die ein viertelstündiger Aufstieg auf einem Saumtierpfad eine ebenso verdienstvolle Tat bedeutet, wie für einen Alpinisten die Besteigung der Meije oder Ecrins ).

Für die Rückfahrt aus den Dauphinéalpen wählte ich die gut ausgebaute und befestigte Strasse über Col du Galibier ( 2550 m ), Modane, Col d' Iséran ( 2770 m ), den höchsten befahrbaren Alpenpass, der das Stilfser Joch um 13 m übertrifft, Barrage de Tignes, Albertville, Mégève, Chamonix, Col de la Forclaz zum Rhonetal.

Vom Gipfel des firn- und eisgepanzerten Grand Combin, den ich von Fionay über die Panossière-hütte mit Führer und Bergkamerad Josef Volken aus Fiesch bestieg, blickte ich ein letztes Mal zur Barre des Ecrins hinüber. Auf der entgegengesetzten Seite begrenzten die edelgeschwungenen Eisriesen des Berner Oberlandes in ruhiger Grosse und klassischer Schönheit den Horizont.

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