Im Lötschental abseits

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Mit 3 Bildern.Von Jürg Weiss.

Nein, nicht von der Abfahrt vom Jungfraujoch über die Lötschenlücke, den Langgletscher und das Tal hinaus sei hier gesprochen. Tausende durcheilen sie jedes Frühjahr, und unter allen Gletscherwegen grossen Stiles ist dieser wohl einer der befahrensten. Es gibt seitab in diesem merkwürdig stillgebliebenen Tal noch Winkel, deren Einsamkeit selten ein Ski stört, obgleich sie durchaus skigerecht sind. So ein Ort ist die Lauchernalp über Kippel. Ein paar verräucherte Hütten ducken sich in die Mulde. In den etwas wohnlicheren Häuschen darüber finden wir bei Einheimischen Unterschlupf.

Dies ist einer der schönsten Punkte des Tales. Nicht nur übersehen wir seinen Verlauf von der Lötschenlücke bis ins Rhonetal; es bietet sich auch über dieses hinweg ein unendlich reizvoller Durchblick in die südlichen Wallisergletscher. So ist es eine kunstvolle Staffelung in vordere, mittlere und hintere Gründe: gegenüber, dominierend, das Bietschhorn, links die Berge um den Langgletscher, rechts draussen aber, über verdämmernden Tiefen, in Gold getaucht, wenn das Tal schon im Schatten liegt, das wolkenähnliche Gebilde des Weisshorns.

Die schönste Abfahrt ist die vom Hockenhorn 3293 m. Allerdings wünscht man sich für sie eine gute Lage Pulver oder wenigstens eine pralle Sonne, die die Krusten aufweicht. An Schnee mangelte es uns nicht, fanden wir doch den Eingang zur Hütte so verschneit, dass wir ihn mit der Schaufel freilegen mussten. Dafür genossen wir auch reichlich die Freuden des Spurens, zuerst durch das Tälchen hinter der Alp und nachher die offenen Hänge hinauf gegen den Gipfel, den man während des ganzen Aufstiegs im Auge behält. Indem wir hier die Ski dem durch die Natur vorgezeichneten Weg nachspüren liessen, wurde unser Blick frei für die Berge, die aus Schnee und Eis bis in unabsehbare Fernen Schritt um Schritt im südlichen Halbrund erblühten. Und wie die Welt um uns weit und grenzenlos ward, wandelte uns wie so oft im Steigen ein Gefühl der Befreiung und inneren Ausweitung an, als ob wir erst jetzt zu leben beginnen würden. Ein einigermassen über-hebliches Gefühl.

Über steiler werdende Hänge langten wir unter dem Gipfel an, der als monströser Klotz den Grat beherrscht. Ein Schwärm Schneehühner flog vor uns auf, flitzte mit silbernen Schwingen vor dem blauen Himmel vorüber und brachte sich in Sicherheit. Wir beneideten die Tierchen; denn gerade hier hatten wir unter den Felsen einen unangenehmen Hang zu queren, der unten ins Leere mündete. Auf der jenseitigen Schulter liessen wir die Ski zurück und stiegen über die grobschiefrige Westseite zur Spitze. Es lohnte sich, schon um des Tiefblicks ins Gasterntal willen, das zu unsern Füssen zweitausend Meter tief eingesenkt lag zwischen Wände, an denen kein Schnee haftete. Wie eine Drohung hing darüber der Abbruch des Kanderfirns, eine Wirrnis zerfetzten Eises. Es war eine Vision der Kälte und schaurigen Abgeschiedenheit. Wir erkletterten dann noch das kleine Hockenhorn, dessen kecker Zinken uns schon oft in die Augen gestochen hatte. Die Felsen waren mit dickem Rauhreif belegt. Auf einem abschüssigen Band in der Nordseite mussten wir uns mit Händen und Füssen im Schnee festkrallen.

Und dann standen wir auf die Ski und liessen laufen. Wir hatten einen führigen Schnee, wie man ihn auf dieser steilen Abfahrt braucht. Sie bindet den Fahrer an keine Piste, verlangt von ihm aber ein flüssiges Wenden, denn bei dem Fehlen von flachen Ausläufen wären Schüsse nicht durchzustehen. Es war ein hindernisloses Fallen, bei dem kein vorüberziehender Fels, kein Baum das Mass für die Geschwindigkeit abgab. Einzig die Lötschenlücke schob sich wieder an den Rand des Himmels, und das Bietschhorn wurde immer gewaltiger im Gegenlicht. Plötzlich stand da wieder der zersägte Grat des Stühlihorns und erinnerte uns, dass unter den nächsten Steilhängen unsere Ski auf den ebenen Böden der Alp zur Ruhe kämen.

Die andere Abfahrt, die der vom Hockenhorn nur um weniges nachsteht, bietet das Birghorn 3242 m, der östliche dieser zwischen Lötschen- und Gasterntal aufragenden Gipfel. Ehe wir den Tennbachgletscher betreten konnten, hatten wir einen Hang zu queren, der uns bei dem tiefen Schnee nicht unbedenklich schien. Möglich, dass sich ein besserer Übergang findet. In der Dämmerung war das schwer abzuschätzen. Wir legten unsere Spur schon den Gletscher hinan, als das Bietschhorn im Morgenrot aufleuchtete. Das Feuer verglimmte und liess den Himmel voll schmutziggrauer Asche. Wir stiegen schweigend. Wenn einer sich umwandte, sah er der Spur entlang hinunter in den schwarzen Graben, durch den sich die Lonza zur Rhone hinauszwängt. Dahinter Berge, die ein schwerer Himmel niederdrückte.Vom Elwertätsch fuhren wir auf den Telligletscher hinab. Das Birghorn blieb vorläufig links zurück.

Es ging gegen Mittag, als wir uns auf einem der Felstürme des Petersgrates niederliessen. Eigentlich hatten wir auf das Lauterbrunner Breithorn gewollt, zu dessen Gipfel sich da drüben ein ganz respektabler Grat aus der Wetterlücke aufschwang. Aber ein paar Bedenken waren laut geworden: die Zeit, der tiefe Schnee in den Felsen. War nicht ein Februartag ein bisschen kurz bei dem langen Anmarschweg? Unwillig-willig fügten wir uns und Messen Seil und Pickel ungehoben in der Tiefe des Sacks.

Da fanden wir uns unerwartet vom Zwang des Ziels befreit. Wir hatten nicht mehr vorwärtszustürmen, nicht mehr auf die Uhr zu sehen, nicht mehr zu wollen. Wir waren endlich Meister unserer Zeit. Und wir hielten Rast.

Die Sonne war, uns fast unbemerkt, durchgebrochen, und die Wolken verkrochen sich zusehends. Da lag der Gletscher wie ein See, über seinen Rand ragten weisse Kuppen gleich den Rücken von Tieren. Es schien sogar, als ob sie sich leise bewegten, so flimmerte die Luft. Blinzelnd sassen wir und sprachen kaum. Die Haut spannte leicht im Gesicht, die Lippen waren trocken. Wir hatten das Ziel vergessen und fast die Abfahrt.

Es war dann noch ein vergnügliches Schlendern zum Birghorn hinüber. Durch die Südwand der Blümlisalp zischten die Lawinen. Weit, weit hinter dem Lauterbrunnertal blaute der Jura.

Und plötzlich hielt es uns nicht mehr vor Abfahrtsgelüste. Durch die Aufstiegsspur begannen wir blühende Ornamente zu schlingen. Die Ski ratterten über hartgefrorene Lawinenbrocken, um zischend im tiefen Pulver zu bremsen. Die Ohren brausten, die Schläfen hämmerten, die Knöchel schmerzten. « Durchstehen, nur durchstehen! » hiess der Befehl, dem wir keuchend zu gehorchen suchten.

Gegen Abend überzog sich der Himmel mit einem feinen Wolkengewebe, das die Helligkeit vertrieb und eine trübe, gebrochene Dämmerung brachte. Nur jenseits des Rhonetales leuchteten die Firne mit grellen Föhnlichtern. Bei Einbruch der Nacht erhob sich ein Wind, nicht kalt, nicht warm, der das Gebälk schüttelte. Als wir uns auf die Matratzen legten, hatte es zu schneien begonnen, kleine vereinzelte Flocken. Ein paar Stunden später musste ich aufstehen und den Laden festbinden, der wild hin und her schlug. Es war eine kurze Hantierung, aber als ich das Fenster schloss, war der Boden bis in den Hintergrund des Zimmers weiss. Das war kein Schneien mehr, das war ein Schneeorkan, ein Herniederbrechen aufgestauter Schneemassen aus geborstenen Wolkenspeichern. Aber sie fielen nicht; wie Wogen an ein unsichtbares Gestade rollten sie in der Finsternis lautlos heran und warfen ihre Schaumfetzen gegen das Haus. Ein leises Knistern war vernehmlich: die Schneemusik, aus Millionen gleicher Laute gebildet. Mit dem Ton im Ohr schlief ich ein.

Am Morgen war an einen Abstieg nicht zu denken. Da wir noch etwas zu kochen hatten und ein Schach für die Unterhaltung sorgte, fanden wir uns mit unserem Gefangenenlos ab. Am zweiten Morgen klarte es auf. Wir verzehrten den letzten Proviant und liefen oft vor die Türe. Bei der Hockenalp ging eine Lawine nieder. Es war nicht die einzige an diesem Tage.

Am dritten Morgen schlössen wir das Haus und fuhren ab. Über die Alpböden glitten wir dem Rande des Tales zu. Eine schöne Schussfahrt trug uns zu den obersten Lärchen. Da hub ein jähes Schwingen an von Baumgruppe zu Baumgruppe. Ein Stück weit schien uns geboten, die Hölzer zu tragen. Zeitweilig versanken wir so tief, dass es einer Anstrengung bedurfte, den Fuss mit dem schwerbefrachteten Ski zu heben. Mit heiler Haut erreichten wir Kippel.

Man sagte uns, dass das Strässchen nach Goppenstein, der einzige Weg zur Bahn und aus dem Tal, zwei Tage gesperrt war. Heute läge es wieder offen.

Vorbei an schwarzverräucherten Holzhäuschen, die sich unter der Last des Schnees zusammenkauerten, fuhren wir hinaus. Unter Ferden verengt sich das Tal schluchtartig. Zu beiden Seiten öffnen sich reinste Lawinenhänge, die jetzt blankgefegt dalagen. Auf einige hundert Meter hatten wir die Trümmer eines gewaltigen Rutsches zu überklettern, der die Strasse meterhoch verschüttete und sogar über die Lonza hinweg am jenseitigen Hang hinaufgestürmt war. Wie ein mittelalterlicher Drache lauert diese Lawine jeden Winter über dem Talausgang, sperrt ihn oder gibt ihn frei, indem sie herniederbricht und damit die verhängte Drohung aufhebt. Auch so liess der Gang noch keine Gemütlichkeit aufkommen. Als wir in Goppenstein einfuhren, atmeten wir auf. Wir waren entronnen.

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