Im Unteralptal und der Portgèra-Grat

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Mit 3 Bildern ( 20-22Von Alfred Wettstein

( Zofingen ) Wohl keines der vielen, schönen Täler des Urnerlandes wird so wenig besucht wie das Tal der Unteralpreuss. Und doch liegt es so nahe am pulsierenden Verkehr, dass man sich wundert, dort selten grössere Scharen von Touristen anzutreffen. Kaum ist man in Andermatt, wo sich Passfahrer aus West und Ost, aus dem Süden und dem Unterland kreuzen, dem hastigen Alltag entronnen, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt.

Bei der ersten grossen Kehre der Oberalpstrasse verlassen wir die « strada grande » und biegen südostwärts ein ins Unteralptal. Landschaftlich bietet es in seinem untern Teil nicht den imposanten Anblick wie z.B. das Göschenen- oder Erstfeldertal. Markante Gipfel fehlen. Aber trotzdem findet der aufmerksame Wanderer viel Schönes, das ihm anderswo vielleicht entgeht. Die saftigen Wiesen mit den vielen Blumen in allen Farben, besonders im Vorsommer, bilden eine Augenweide sondergleichen. Bei Matill überschreiten wir die sprudelnde Oberalpreuss und erreichen auf gutem Weg bald die Hütten von Rohr. Der Blick talaus gegen Mütterlishorn und Salbitschijen ist eindrucksvoll. Immer und immer wieder, sei 's bei prallem Sonnenschein oder auch bei etwas bewölktem Himmel - seit unserer ersten Tour sind wir oftmals in das Tal hineingewandert -, müssen wir zurückschauen, um die grossartige Szenerie in uns aufzunehmen. Auf fast ebenem Strässchen kommen wir rasch vorwärts, vergessen aber trotzdem nicht, mit den Sennen hie und da ein Wort zu wechseln. Die Ställe am Anfang des Tales sind das ganze Jahr hindurch besetzt. Das Besorgen des Viehs ist im Winter nicht immer eine leichte Aufgabe. Schon wiederholt sind furchtlose Bergbauern den Lawinen, die von den Hängen der Rossbodenalp abfahren, zum Opfer gefallen. Ein schlichtes Kreuz am Weg erinnert an die Gefahren des unerbittlichen Todes. Je mehr wir der klarblauen Unteralpreuss folgen, desto abwechslungsreicher wird die Landschaft. Die Gipfel der Piz-Alv- und Barbarera-Gruppe schliessen das Tal im Süden ab. Deren schneebedeckte Nordhänge gleissen im Sonnenlicht und verleiten uns dazu, schon wieder Pläne für genussreiche Skifahrten im nächsten Frühling zu schmieden. Links daneben, etwas vorgelagert, bemerken wir beim Gehen den zackigen Grat unserer morgigen Tour. Wir haben die Überschreitung des Piz Portgera auf dem Programm und freuen uns heute schon auf die luftige Kletterei. Nach Sandstaffel beginnt die Steigung. Oberhalb Tross verweilen wir kurze Zeit, um dem schäumenden Wasser zuzusehen, wie es mit Gewalt und Tosen in die Tiefe stürzt.

Bald ist unsere Unterkunft, die Vermigelhütte, erreicht. Massiv gebaut, an eine schützende Felswand gelehnt, gleicht sie mit ihren dicken Mauern eher einer kleinen Festung. Das Haus wurde während des zweiten Weltkrieges erbaut und im Jahre 1946 dem SAC zur Betreuung anvertraut. Weil die Hütte geschlossen ist, haben wir beim Hüttenwart Bonetti in Andermatt den Schlüssel erbeten und sind nun froh, hier gut übernachten zu können.

Rasch ist ein heisser Tee gebraut, und bald brodelt die Suppe auf dem Herd. Der Rauch, der ihm dabei entsteigt, stört uns wenig, wenn er auch die Augen etwas schmerzt. Sobald Küche und Schlafräume erwärmt sind, wird die Stimmung gemütlich, wozu die appetitliche Küchenausstattung ebenfalls beiträgt. Noch lange nach dem Nachtessen sitzen wir zusammen in fröhlicher Tafelrunde, bei einem guten Tropfen, der diesem und jenem Rucksack entnommen wird. Angeregt von der Bescheidenheit der Hütte, plaudern wir über die grossen Alpinisten des vorigen Jahrhunderts, über die Erschliesser der Alpenwelt. Namen wie Dollfus, Scheuchzer, Hugi, Agassiz und wie sie alle heissen, tauchen auf. Was haben diese Pioniere alles auf sich genommen in bezug auf Unterkunft und Anmarschwege. Wie froh wären sie über ein solch bescheidenes Dach gewesen! Vielleicht ist es gerade diese Einfachheit und das Geborgensein im Kreise lieber Kameraden, was die angenehme Atmosphäre schafft. Von den beiden Schlafgemächern wählen wir das kleinere. Die Pritschen sind etwas hart, was keinem Bergsteiger schadet; aber jeder hat genügend Platz, um seine Glieder auszustrecken. In die molligen Decken gehüllt, kommt auch der grösste Witzbold bald zur Ruhe.

Der Anmarsch zu « unserem Berg » ist kurz, so dass wir uns gestatten können, am Morgen die Hütte etwas spät, erst um 6 Uhr, zu verlassen. Beim am Vorabend bewunderten Wasserfall folgen wir dem Bach, der vom Portgera herunterfliesst. Teils auf Wegspuren steigen wir in der Kühle des noch im Schatten liegenden Hanges zügig unserem Ziel entgegen. Unerwartet stehen wir vor einem Kleinod. Ein bescheidenes Seelein, in eine Mulde gebettet, ladet uns zu kurzem Verweilen ein. In seinem klaren Wasser spiegelt sich der ganze Grat, den wir begehen wollen. Sechs Zacken zählen wir von Nord nach Süd. Wir haben genügend Zeit und wenden uns deshalb zuerst dem Piz Ner zu, den wir über seinen nach Westen abfallenden Rücken bald erreichen. Prächtig ist die Aussicht hier oben. Bei leichter Föhnstimmung ist der Halbkreis der Prevot-Centrale-Gruppe zum St. Annaberg und Gurschenstock zum Greifen nahe. Schon wird wieder für den nächsten Winter geplant. Unermesslich ist die Tourenmöglichkeit für den Skifahrer. Der Abstieg in die Portgeralücke ist leicht, jedoch nicht besonders interessant. Wir seilen uns an. In drei Dreierpartien ist der erste Gipfel bald gewonnen. Ohne Schwierigkeiten geht es weiter. Einige Abbruche könnten umgangen werden, aber wir alle haben den Wunsch, immer auf dem Grat zu bleiben, was unsere Begeisterung nur fördert. Sicher kommt die Spitzengruppe vorwärts, und die andern Partien folgen ziemlich aufgeschlossen. Der Fels ist solid und griffig. Kanten und Platten werden überstiegen. Immer geht es auf und ab, Piz Ravetsch und Piz Borel mit dem Maigelsgletscher ständig vor unsern Augen. Unversehens stehen wir beim Gipfelsignal. Tief unten liegt die uns vertraute Vermigelhütte, und im Westen rufen uns der Galenstock und die Dammakette unvergessliche Fahrten in Erinnerung. Lange Zeit lassen wir von dieser prächtigen Aussichtswarte das Panorama auf uns einwirken, bis wir an den Abstieg denken müssen. Wenig einladend ist der Westgrat, so dass wir vorziehen, über den Blumenteppich zum Maigelspass hinabzubummeln. Im ruhigen Wasser des kleinen Sees unterhalb des Überganges geniessen wir die Spiegelung des frisch überzuckerten Piz Centrale - wenige Tage zuvor ist etwas Schnee gefallen -, und dann geht 's fast im Trab zur Hütte hinunter. Wir müssen uns nun doch beeilen, denn der Portgera hat uns etwas zu lange im Banne gehalten. Aber befriedigt wandern wir talaus, oftmals rückwärts schauend, um die Route des überschrittenen Grates nochmals zu erleben. Es war eine leichte, aber anregende Kletterei. Nicht der klingende Name eines Gipfels ist für uns massgebend, sowenig wie die Schwierigkeit einer Wand oder eines luftigen Grates. Von Bedeutung sind und bleiben der Geist und das wahre, tiefe Bergerleben, gepaart mit guter Kameradschaft und würziger Fröhlichkeit, sooft wir Zofinger unsere Sektionstouren halten.

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