In den Sandsteintürmen von Adrspach (CSFR)

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Konrad Suter, Interlaken

Am 31. Juli 19891 fahren wir— Peter ( Sarn ) Abegglen, Peter Büschlen, Martin Siegel und ich - mit dem Auto rund 700 Kilometer über Deutschland bis an die tschechische Grenze.

Laut Visum dürfen wir erst am 1. August in die Tschechoslowakei einreisen, und so verbringen wir noch eine letzte Nacht im ( Westen ). Am nächsten Morgen passieren wir problemlos den deutschen Zoll, erhalten nach einem dreiviertelstündigen Aufenthalt im tschechischen Grenzgebäude unsere Pässe zurück und können dann unsere Reise fortsetzen. Zunächst führt sie uns Richtung Prag.

Unser Renault GTX wird bei jedem Halt von vielen Tschechen bestaunt, und so ganz allmählich stellt sich bei mir ein unbestimmtes Gefühl des Beobachtetwerdens ein - aber vielleicht handelt es sich dabei nur um Einbildung. Wir nähern uns Prag, einer grossen Stadt mit zahlreichen schönen Häusern und Bauten, dazu vielen anderen Sehenswürdigkeiten. In den Strassen werden wir immer wieder von Passanten angesprochen, die Geld umtauschen wollen. Der Zwangswechsel beim Grenzübertritt erfolgt aufgrund eines Kurses von 1:6, was bedeutet, dass man für einen Schweizer Franken sechs tschechische Kronen erhält. Hier auf der Strasse kommen uns nun aber deutlich günstigere Wechselkurse zu Ohren. Jemand soll sogar 1:20 geboten haben! Der Schwarzmarkt blüht, Geld aus dem westlichen Ausland ist sehr gefragt.

Am Abend wollen wir Prag über die Autobahn verlassen. Der in der Schweiz manchmal eben doch sehr nützliche Schilderwald fehlt hier fast völlig. Endlich, nach langem Suchen, befinden wir uns plötzlich auf der richtigen Ausfallstrasse nach Hradec-Kralove. Entlang riesiger Kornfelder gelangen wir so nach Adrspach-Teplice, unserem eigentlichen Reiseziel. Da Sarn diesen Ort bereits im vergangenen Jahr besucht und Bekanntschaften geschlossen hat, gibt es ein herzliches Wiedersehen. Erst spät beziehen wir unsere Hotel- 1 Das heisst noch vor der Öffnung der Grenzen und den Umwälzungen in den osteuropäischen Staaten zimmer und warten gespannt auf das, was der nächste Tag uns bringen wird.

Ungewohnte Kletterethik Nach einer ruhigen und erholsamen Nacht machen wir zunächst einen Einkaufsbummel in Nachod, wobei wir auch Gelegenheit haben, uns vor den Geschäften im ( Schlangestehen ) zu üben. Allerdings verschwenden wir damit nicht allzuviel Zeit, denn es zieht uns stark zu den Sandsteintürmen im nahen Klettergebiet. Über 1000 freistehende und bis zu 70 Meter hohe Türme mit über 4000 Kletterrouten finden sich in einem Naturschutzgebiet von rund 20 Quadratkilometern Ausdehnung.

Verlockende Kletterper-spektiven. Über dem Kornfeld erhebt sich die lange Reihe der Felstürme.

Nur mit Knotenschlingen ( bewaffnetden neben den fest angebrachten Ringen einzig erlaubten zusätzlichen Sicherungsmitteln -besteigen wir zaghaft unseren ersten Turm. Unsere Stopper, Friends, ja selbst der Magnesiabeutel sind hier verbotene Hilfsmittel und mussten deshalb zu Hause gelassen werden. Ungewohnte ( Abstände zwischen den Ringen ) treiben mir den Schweiss in die Fingerspitzen, denn nicht selten muss man einige Meter vom letzten Ringhaken wegklettern, bis man wieder eine Sicherung anbringen oder den nächsten Ring einhängen kann. So ertappe ich mich ab und zu dabei, wie ich in den nicht vorhandenen Magnesiabeutel greifen möchte. Dabei wird mir aber schnell bewusst, wie wichtig hier wohlüberlegtes, ruhiges und sicheres Klettern ist, befindet sich doch der erste Sicherungsring oft erst 10 Meter über dem Boden, und manchmal lassen sich keine zusätzlichen Knotenschlingen anbringen. Allerdings muss dabei bemerkt wer- den, dass man in den meisten Fällen davon ausgehen kann, die Schlüsselstellen kurz nach den Ringen anzutreffen. Die Routen erfordern damit nicht selten ein hohes psychisches Engagement und sehr gute Nerven. Jedenfalls deutlich mehr als in unseren im Normalfall optimal abgesicherten Bohrhaken-Routen.

Als ganz besonderes ungewohnt empfinden wir die Ausstiege, die sehr griff- und trittarm den Abschluss der meisten Routen bilden. Mehrere Meter über dem letzten Ring stehend, schiebt man sich in Reibungstechnik an runden Auflegern und Reibungstritten vorsichtig höher - nach der Devise .

In der vierten Klettertour dieses Tages hat Peter die Gelegenheit - oder wohl besser die Notwendigkeit -, eine Knotenschlinge zu legen. Dies ist für Ungeübte alles andere als einfach. Obwohl die Struktur des Sandsteins dazu wie geschaffen ist, will die Anwendung gelernt sein, besonders wenn es gilt, die Schlinge einhändig aus der Kletterposition heraus anzubringen.

Unter kundiger Führung Am nächsten Morgen werden wir von Pete, unserem tschechischen Freund, abgeholt. Er wird uns in den kommenden Tagen durch das Klettergebiet führen. Wir wissen das sehr zu schätzen.

Bevor wir jedoch starten können, muss unser Visum noch mit dem Stempel des Aufent-haltsorts versehen werden. Dank Petes guten Beziehungen dauert der Abstecher in die Bürokratie glücklicherweise aber nur kurze Zeit.

Am Nachmittag führt er uns durch das zauberhafte Felslabyrinth von Adrspach. Viele herrliche Kletterlinien, ausgesetzte Kanten und nicht weniger schöne Risse lassen unsere Augen aufleuchten. Für einen der Riss- kletterei ein wahres Eldorado! Ohne unsere Blicke von den Felsen abzuwenden, ( stolpern ) wir hinter unserm Freund durch den Wald.

Seine Gastfreundschaft, wie die der Tschechen überhaupt, beeindruckt uns sehr. Sie ist sehr ehrlich, und wir werden buchstäblich verwöhnt. Am Abend sitzen wir gemütlich beisammen, trinken Bier und geniessen die angenehme Stimmung. Auch das Essen mundet hervorragend. Besonders die Heidelbeerknö-del haben es uns angetan.

Am folgenden Morgen lässt uns Pete nicht ausschlafen, sondern holt uns bereits zeitig aus den Federn. Er will uns durch verschiedene Routen führen. In einem klassischen Anstieg hängen wir zu zweit an einem ausgesetzt Sarn in . Die angegebene Schwierigkeit 9b entspricht UIAA8+.

angebrachten Standring, während sich Pete durch die Schlüsselseillänge hochkämpft. Diesen Vorstieg hätte ich wohl nie gewagt. Selbst im Nachstieg werden unsere Muskeln und Nerven arg strapaziert, doch dank unserm hervorragenden können wir die Kletterei voll geniessen.

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Nach einigen führt uns Pete zu einer von ihm entdeckten, aber noch nicht zu Ende gekletterten Route. Er ermuntert Sarn, die Gelegenheit zu einer Erstbegehung in Adrspach zu nutzen und einen Versuch zu wagen. Die Begehung gelingt auf Anhieb. Bei seinem Freudenausbruch über die von Sarn erbrachte Leistung zertrümmert mir Pete beinahe die Schulter. Darauf müssen alle an der Erstbegehung beteiligten Personen ein Protokoll unterzeichnen. Eine Felskommission wird später die Angaben überprüfen. Erst dann gilt die Route als erstbegangen und kann offiziell anerkannt werden.

Da Pete die nächsten drei Tage arbeiten muss, nehmen wir es ein wenig gemütlicher. Das Programm hat uns doch etwas zugesetzt, und da es ab und zu leicht regnet und das Klettern nach Niederschlägen zum Schutz des weichen Sandsteins offiziell für drei Tage verboten ist, bleibt uns genügend Zeit zur Erholung.

Zurück von der Arbeit, holt uns Pete wieder in aller Frühe aus dem Bett. Nach ausgiebi- Grosse Knotenschlinge für Handrisse gem Frühstück wird mit vollem Magen und mit nun wieder deutlich schnellerem Gehtempo der Weg nach Teplice in Angriff genommen. Auf einem allen Touristen zugänglichen Rundwanderweg gibt es eindrückliche Felsformationen und riesige Türme zu bestaunen.

Dann bricht leider allzu schnell unser letzter Tag in den tschechischen Sandsteintürmen an. Gemeinsam wollen wir aber noch einen Turm besteigen. Jenen mit dem Namen

Beim Abschiedsessen geniessen wir noch einmal die überwältigende Gastfreundschaft. Mit kräftigem Händeschütteln und Schulterklopfen gehen unsere zwei Ferienwochen im tschechischen Sandstein zu Ende.

Sarn, mit Knotenschlingen

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