In der Schule der Lawinenhunde Die Retter auf vier Pfoten ­vertiefen regelmässig ihre Fähigkeiten

Lawinenhunde und ihre Herrchen ­müssen jedes Jahr eine Weiterbildung absolvieren. Ein Schul­besuch bei den Lebensrettern mit dem unvergleich­lichen Spürsinn.

Gefangen in einem Loch, das in den Schnee gegraben wurde, warte ich mit einem mulmigen Gefühl auf meine Rettung. Plötzlich nehme ich ein stumpfes Kratzen von aussen wahr. Das Geräusch scheint immer näher zu kommen. Erleichtert sehe ich endlich die Pfoten, dann eine feuchte Schnauze. Luna, ein weisser Schweizer Schäferhund, springt mir in die Arme und schnüffelt - nach dem Stück Cervelat. Die Belohnung für die getane Arbeit. Die Hündin nimmt an einer ­Weiterbildungswoche mit 14 anderen Artgenossen teil. «Wir trainieren Herrchen und Hunde, damit sie sich nach Lawinenniedergängen wirksam einsetzen lassen können», erklärt Pierre Theytaz aus Nendaz, Leiter des von der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation ausgerichteten Kurses. Der unvergleichliche Spürsinn der Hunde wird genutzt, um im Schnee verschüttete Opfer zu finden. «Nach einem Lawinenniedergang werden die Hundeführer, die Bereitschaftsdienst haben, gleichzeitig mit dem Rettungszentrum in Sitten alarmiert», erklärt der Walliser. «Je nach den Umständen entscheidet das Zentrum, ob Hunde zum Einsatz kommen oder nicht. Schon wenn ein Verdacht besteht, dass die verschütteten Personen keine LVS-Geräte tragen, rücken die Hunde und ihre Führer aus, um das Gelände zu überprüfen.»

Die Suche als Spiel

Im Laufe einer Woche werden Luna, Manga und ihre Mitstreiter sich perfektionieren. Während die einen bereits Erfahrung mitbringen, entdecken die anderen erst das Metier der Lebensretter. Labradore, Border Collies oder Australische Schäferhunde: Die Rassen sind unterschiedlich. «Wichtig ist, dass der Hund weder zu gross noch zu klein ist», erklärt Pierre Theytaz. «Zwischen 15 und 30 Kilogramm ist ideal, denn man muss den Hund mit ausgestreckten Armen tragen können, um ihn in den Helikopter zu hieven. Ist der Hund zu klein, fühlt er sich auf einem Lawinenunfallge­lände unwohl.» Aber auch sonst kann nicht jeder Hund Rettungshund werden. Um gut arbeiten zu können, muss das Tier besonders umgänglich sein, egal ob mit Menschen oder seinen Artgenossen. Je lebhafter und verspielter er ist, desto motivierter wird er sein, die Opfer zu finden, um seinem Herrchen zu gefallen.

Die Ausbildung ist zwar kostenlos, aber dafür stellt man sich freiwillig zur Verfügung, in der Bergrettung Bereitschaftsdienst zu übernehmen. Elektriker, Zimmermann oder Lehrer: Die Freiwilligen kommen aus den unterschiedlichsten Berufsgattungen. Aber alle lieben die Berge, möchten sich im Dienst der Gesellschaft engagieren und haben Freude an der Arbeit mit ihren Hunden. «Ich bin Pistenpatrouilleur im Gebiet von Portes du Soleil», sagt Baptiste Dabbadie aus Torgon. «Die Ausbildung meines Hunds Ipop ist deshalb eine logische Konsequenz meiner alltäglichen Tätigkeit auf den Pisten. Das hat auch unsere Beziehung verstärkt.»

Schnelligkeit und Präzision

Für Ipop ist es jetzt Zeit, sein Können zu zeigen. Sein Herrchen zieht ihm eine Schabracke über, um ihn in die richtige Stimmung zu bringen. «So kann er unterscheiden, ob er ­arbeiten muss oder sich ausruhen kann.» Sobald die vermeintlichen Opfer im simulierten Lawinengelände unter dem Schnee vergraben sind, wird der Hund von der Leine gelassen. Er schiesst los, streckt die Nase in den Wind. Seine Geschwindigkeit ist erstaunlich. Ist ein Opfer lokalisiert, beginnt der Hund zu graben. Der erfahrene Ipop erledigt seine Aufgabe fehlerfrei. Er lässt sich auch nicht von einem Artgenossen aus der Ruhe bringen und konzentriert sich komplett auf seine Mission. «Die Hunde verstehen schnell, dass eine Belohnung wartet, wenn sie jemanden finden», erklärt Pierre Theytaz. «Die Übungen werden nach und nach schwieriger gestaltet, um die Leistung der Hunde zu verbessern.» Die Trainer fügen zusätzliche Hindernisse dazu, wie verstreute Gegenstände oder herumstehende Skifahrer. Zu den Fähigkeiten, die sich der Hund aneignen muss, gehören auch das Laufen zwischen den Beinen seines Herrchens während des Skifahrens und die Landung eines Helikopters mit Gelassenheit zu nehmen. «Zu jeder Zeit sollten drei Duos aus Herrchen und Hund in weniger als fünf Minuten einsatzbereit sein, so dass die Air-Glaciers sie nach einem ­Lawinenniedergang vor Ort bringen kann», erklärt Pierre Theytaz.

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Dieser Artikel ist am 1. Februar 2018 in der Westschweizer Zeitschrift Terre & Nature erschienen.

Wie wird man Lawinenhunde­führer/in?

Jedes Jahr organisiert die Kantonale Walliser Rettungsorganisation im Herbst ­Aufnahmeprüfungen. Dazu gehört ein kynologischer Test, der den Gehorsam und die Geselligkeit des Hundes beurteilt. Angehende Lawinenhundeführer müssen über ein Minimum an physischer Kondition, Bergkenntnissen und Skitechnik verfügen. Nach bestandener Aufnahmeprüfung folgt eine jährlich stattfindende Ausbildungs­woche inklusive eines eintägigen Hundekurses. Der Hund sollte zu Beginn der Ausbildung ein bis maximal drei Jahre alt sein. Weitere Infos unter www.ocvs.ch.

In den anderen Kantonen bietet die Alpine Rettung Schweiz (ARS) die Ausbildung zum Fachspezialisten Hund LW/GS an. Dieses ­modulbasierte Training richtet sich an aktive Mitglieder einer Rettungsstation mit Wohnsitz in den Alpen oder Voralpen. Die Hunde sollten zwischen ein und vier Jahre alt sein. Auskünfte geben die Hundeverantwortlichen der ARS-Regionalvereine. Mehr Infos unter www.alpinerettung.ch.