In der Wetterküche des Ruwenzori

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Jürg und Barbara Lichtenegger, Zürich

Bilder 72 bis 79 Ruwenzuru ( Ruwenzori ) bedeutet in einer Bantusprache « König der Nebel, Regenerzeu-ger ». Im Januar 1977 haben wir, zwei bergbegeisterte Geographen, dieses Gebirge besucht. Wir bearbeiteten es aber nicht nur mit Steigeisen und Eispickel, obschon uns die äquatoriale Fels- und Eiswüste mächtig anzog; vielmehr ging es uns darum, jene seltsame Bergwelt mit ihrer Fauna und Flora, ihren Gesteinsformen und dem tückischen Wetter zu beobachten. Unsere mit bescheidenen Mitteln aufgezogene Zweimann-Expedi-tion verbrachte 12 Tage am Ruwenzori, 7 Tage davon im West-Stanley-Tal. Was uns bewog, so lange bei misslichen Wetterverhältnissen in einem kleinen Zelt auszuharren, war ebensoviel wissenschaftliche Neugier wie Abenteuerlust -und noch etwas: die Hoffnung auf einen schönen Tag für eine Gipfelbesteigung...

Mit einem grossen Thommen-Höhenmesser ( Typ 3B1 ), einem Psychrometer ( Temperatur- und Feuchtigkeitsmesser ), Minimum- und Maximumthermometer und einem Regenmesser ausgerüstet, versuchten wir, das Wetter regelmässig auch in Zahlen festzuhalten. Kompass, Klinometer, Klappmeter und Schaufel dienten zu allerhand geomorphologischer Beobachtungen.

Besonders der Westanstieg ist noch wenig erforscht. Nur zwei wissenschaftliche Expeditionen sind uns bekannt, die erste 1932 unter de Grunne und die Begehung durch de Heinzelin in den frühen fünfziger Jahren. Es sind aber auch einige botanische und ornithologische Expeditionen durchgeführt worden. Ihre Berichte und auch die gesamte übrige verfügbare Literatur über den Ruwenzori haben wir gesichtet und teilweise sogar mitgeschleppt.

Der Ruwenzori, seine Lage, Grosse und Geologie Obschon dieses afrikanische Gebirge in Bergsteigerkreisen bereits ein alter Vertrauter ist, sei der Vollständigkeit halber kurz auf seine Lage eingegangen. Es bildet einen Teil der Grenze zwischen den Staaten Zaire ( ehemals Belgisch Kongo ) und Uganda. Seine grösste Ausdehnung in Richtung NNE—SSW beträgt rund 150 Kilometer, seine Breite etwa 50. Im Süden tangiert der Hangfuss gerade noch den Äquator. Schneidet man das Gebirge entlang der i 500-Meter-Höhen-linie heraus, deckt es ziemlich genau die Berner Alpen, begrenzt durch das Simmen- und Aaretal im Norden und durch die Rhone im Süden. Die 4200-Meter-Isohypse des Ruwenzori würde die Berner Hochalpen zwischen Blümlisalp- und Wetterhorngruppe gerade noch umfassen. Vom Gebirgscharakter her ist der Vergleich sicher gerechtfertigt; man findet hier wie dort ein grosses Angebot von einfacheren Gletschertouren bis zu schwierigen Eis- und Felsklettereien. Nicht vergleichbar hingegen ist die Zugänglichkeit. Die wenigen Pfade sind steil und glitschig oder versumpft. Passübergänge werden selten begangen, und Wegspuren sind bald von fast undurchdring-barer Vegetation überwuchert. Bis in Höhen von 72 Träger im nebelfeuchten, dicht mit Bartflechten behangenen 75 Die zwei « Höchsten » des Ruwenzori, vom Pic Albert aus:

Heidekrautbaumwald, etwa 3500 Meter ü. M.

73 Lac Vert ( 4200 m ), eingebettet in einen fast undurchdringlichen Wald von Senecien. Wie Kerzen ragen in den Lichtungen Lobelien auf 74 Durch Frost geschaffene Erdstreifen ( 4550 m ). Im Hintergrund sind Helichrysum-Büsche erkennbar.

Fig.i Übersichtsplan des Mount Stanley im Ruwenzori- Gebirge nach Karte ( 10 ), abgeändert 4500 Meter bedeutet jeder Schritt in diesem Dickicht viel Kraftaufwand für Arme und Beine. Immer wieder bricht man in dem von faulenden Senezienstämmen überdeckten und mit einem dicken Moosteppich überwachsenen Boden ein.

Sechs durch Pässe und Täler getrennte Massive umfasst der Ruwenzori: Emin, Gessi, Speke, Stanley, Baker und Luigi di Savoia. Alle diese Gebirgsstöcke besitzen Gipfel über 4500 Meter, allein der Mount Stanley ragt mit vier seiner elf Gipfel über 5000 Meter hinaus. Zahlreiche Bäche entspringen an den Gletschern des Ruwenzori und münden, genährt durch die vielen Regen, in den Nil und auf langem Weg ins Mittelmeer.

Ruwenzori, Mount Kenya und Kilimandjaro sind die grossen « Drei » Afrikas und werden oft in einem Zuge genannt, doch der Ruwenzori unter- P. Margherita und P. Alexandra, beide über 5100 Meter.

76 Der West-Stanley-Gletscher, von der Moräne ( Gletscherhütte ) aus gesehen.

77 Die majestätische Alexandra, von der Margherita aus 78 Aussicht vom Pie Margherita ( 5122 m ) um g Uhr, bei minus 3j5 Grad, nach Nordosten 29°52'E

I

Gletscher Bergkamm Autstiegsroute scheidet sich von den anderen zwei in mancher Hinsicht. Eine davon ist die Geologie. Während Kilimandjaro und Mount Kenya mächtige Vulkangebirge sind, besteht der Ruwenzori grösstenteils aus Urgestein. Es sind emporgepresste Gesteinsmassen, ein sogenannter « Horst » am Ostrand des zentralafrikanischen Grabens. Die Gebirgsbildung wird dem Post-Miozän zugewiesen und ist sicher schubweise erfolgt; abgeflachte Bergschultern, die tektonischen Ruhephasen entsprechen, deuten darauf hin. Gesteinsumwandlungen ( Metamorphosen ) erfolgten durch Schubkräfte und vermutlich durch tektonisch bedingte Aufheizung. Die Zonen des erosionsanfälligen Glimmerschiefers bilden heute die Täler, während die Gipfel aus Amphibolit und Gneis bestehen. Die seitlichen Schubkräfte bewirkten eine 72

79 Mächtig greift der Alexandra-Gletscher zwischen Pic Albert ( Mitte ) und Alexandra ( ganz rechts ) herunter Photos 72 bis 79: J. und B. Lichtenegger, Zürich 80 Am Kitandara-See Überschiebung nach Norden; ob es sich dabei um eine geologische Decke handelt, ist jedoch noch nicht gesichert. ( 2 ) Das Wetter Kilimandjaro und Mount Kenya weisen trotz ihrer Äquatornähe eine ausgeprägte Trockenzeit auf. Am Ruwenzori sind die Monate Dezember bis Februar und Juni bis August etwas weniger feucht. Das Gebiet wird denn auch nur während dieser Zeit besucht. Alle Expeditionen berichten aber trotzdem von tagelang andauerndem Regen- oder Schneefall, von hartnäckigem Nebel, der Täler und Gipfel einhüllt, und seltener von oft nur kurzen Aufhellungen morgens oder abends. Sie erzählen von hastigen Aufstiegen, um einen Gipfel vor dem Wolkenaufzug noch zu erreichen, und von den Enttäuschungen, den Höhepunkt doch nur « weiss in weiss » erlebt zu haben.

Wie soll man diese Wetterküche überhaupt verstehen? Die klassische Meteorologie macht dafür vier Effekte verantwortlich:

- die Herkunft der Luftmassen, die sich über dem Gebiet befinden und sich dort mischen,die durch den Wind verursachte Steigung der Luftmassen an den Bergen,die Wirkung eines Leewirbels ( Wirbel auf der der Hauptwindrichtung abgekehrten Gebirgs-flanketageszeitlich bedingte Wolkenbildung durch die Thermik.

Während der äquatoriale Teil des Staates Zaire ganzjährig viel Niederschlag erhält, kennt man in Ostafrika eine bis zwei ausgeprägte Trockenzeiten. Die Innertropische Front ( Zone der Zenital-regen ) bewegt sich in der Trockenzeit über Ostafrika stark nach Norden, bzw. im Nordwinter nach Süden. Über dem westlichen Tiefland aber bildet sich eine sekundäre Konvergenz- und damit Niederschlagszone.

Das Windregime über Uganda wird im Nord-sommer durch den SE-Passat und im Nordwinter 81 Sumpfterrasse bei der Bujongolo-Höhle 82 Im Eis unter der Margherita-Spitze Photos D. Dühinke, Dogern durch den NE-Passat beherrscht; darüber bläst ein konstanter Ostwind.

Demgegenüber scheint in Zaire der äquatoriale Westwind entscheidenden Einfluss auszuüben. Sein Entstehen ist nur teilweise geklärt; als Ursache wird das Überströmen des Äquators durch den Passat und die Landmassenverteilung relativ zum Meer angegeben ( 3 ). Von Westen dringen feuchte Luftmassen auch während der « Trockenzeit » tief in den Kontinent ein und können über den Zentralafrikanischen Graben hinweg sogar das Wetter in Uganda bestimmen. Vielleicht führen sie zu den langandauernden Schlechtwetterperioden am Ruwenzori. Neben dem Feuchtigkeitsgehalt scheint vor allem die Mächtigkeit der Luftmassen für den Ruwenzori wetterbestimmend. Vermag ein trockener Höhenostwind die Wolkendecke niedrig zu halten, erlebt man ein starkwallendes Nebelmeer oberhalb 4500 Meter.

Auch der Ostwind in der Höhe hat unterschiedlichen Wassergehalt. Ist er trocken, ragen die Gipfel in einen klaren Himmel. Erreicht er aber im Aufgleiten an den Ostflanken den Sättigungspunkt, bilden sich Wolken. Als Fallwind kann er dann im Westen föhnartig trocken sein. Wir haben minimale relative Feuchtigkeiten von 37% im West-Stanley-Tal gemessen. Je feuchter dieser Ostwind ist, desto tiefer liegt die Wolkenbasis auch auf der Westseite. Westwärts, weiter unten, etwa zwischen 2500 und 4000 Meter, trifft er dann auf eine Gegenströmung vom Tal her, die durch einen Leewirbel entfacht wird. In dieser Höhenstufe, die möglicherweise auch mit der Passatin-version identisch ist, befindet sich die feuchteste Zone am Ruwenzori. Sie zeichnet sich durch einen artenarmen Heidekrautbaumwald mit dichtem Bartflechtenbewuchs und einem meterdicken Moosteppich aus.

Ein seltsames Phänomen, das wir einige Male beobachten konnten, findet so auch eine Erklä-rungsmöglichkeit: Aus dem Tal heraufgreifende Wolkenfetzen lösten sich noch vor Sonnenaufgang auf etwa 4500 Meter vollständig auf; sie ver-wirbelten sich mit dem trockenen Fallwind.

Entlang der normalen Westanstiegsroute von Mutwanga über Kalonge und Mahangu nach Kiondo stellten wir deutlich höhere Vegetations-stufengrenzen fest, als dies aus Beschreibungen von der Ostseite bekannt ist. Die Heidekraut-baumstufe liegt 200 bis 400 Meter höher. Da lokale Einflüsse durchaus vorliegen können, genügt eine generelle Aussage einer so engräumigen Beobachtung nicht. Immerhin liessen sich die erhöhten Vegetationsgrenzen durch die Mischung des wärmenden und austrocknenden Fallwindes mit dem Talwind erklären.

Aus der Durchsicht der von uns und anderen Expeditionen gemachten Wetterbeobachtungen leiten wir ab, dass der Feuchtigkeitsgehalt einer Luftmasse, die das Wetter an diesem Gebirge bestimmt, über eine gewisse Zeitdauer konstant bleibt. Wie beim mitteleuropäischen Wetter, so haben auch hier die Luftmassen verschiedene Herkunft. Wir haben zwei Wetterwechsel erlebt, und beide wurden uns durch eine Änderung des Feuchtigkeitsgehaltes der Luft deutlich angezeigt, bevor sich die Bewölkungsänderung vollzog.

Was immer aber auch für Luft durch die engen Hochtäler streicht, überlagert wird das Wetter von einem ausgeprägten Tagesgang, hervorgerufen durch die tropisch-kräftige Sonnenstrahlung. Die Thermik ist an günstig zur Sonne gelegenen Hängen schon bald nach Sonnenaufgang wirksam. Die aufsteigende Luft kühlt sich ab und hüllt die mittleren Höhen bereits gegen Io.00 Uhr in Wolken. Wie aus einer Bearbeitung der Klimadaten der Wetterstation Ulese/Mutsora ( 4 ) hervorgeht, sind von dort aus die Schneegipfel um 6.00 Uhr an 8 bis 15 Tagen im Monat sichtbar. Die Abnahme der Bergsicht im Laufe des Morgens ( Beobachtung jede volle Stunde ) ist unabhängig von der Jahreszeit. Um io.00 Uhr sind die Gipfel meist nur noch I Mal im Monat zu sehen, und um 13.00 Uhr waren sie es seit Beginn der Beobachtungen ( 1957 ) überhaupt noch nie. Erst um 16.00 Uhr erscheinen sie wieder hinter den Wolken, aber nur an wenigen Tagen im Monat. Beim Ein- dunkeln um I 18.00 Uhr sind die Schneeberge wieder gut halb so oft wie um 6.00 Uhr erkennbar. Die Obergrenze dieser die Sicht mindernden Wolken muss im Osten bei 3800 bis 3900 Meter und im Westen bei 4100 Meter ü. M. liegen, was aus dem abrupten Ende des dichten Bartflechten-bewuchses an den Bäumen abzulesen ist.

Anders als in den Alpen nimmt die Niederschlagsmenge in grosser Höhe wieder ab ( 5 ). Zwar hat der Hangfuss im Osten in Ibanda auf 1400 Meter ü. M. 1600 Millimeter, im Westen, in Ulese/Mutsora, auf 1330 Meter ü. M. 1405 Millimeter im Jahr und auf 3300 Meter, ostseitig, Mengen von 2600 Millimeter. Aber bereits in 4000 Meter Höhe sind es nur noch 2000 Millimeter Niederschlag. Auf 4925 Meter fand man eine einjährige Schneeakkumulation mit einem Wasserwert von nur 863 Millimeter. Die Ablation ist hier allerdings nicht berücksichtigt.

Anzufügen wäre noch, dass die Niederschlagsmenge am Ruwenzori jene des Kongo-Beckens übersteigt. Auch die durchschnittliche jährliche Regenmenge von Ulese/Mutsora liegt wesentlich über jener anderer Orte im Zentralafrikanischen Graben, wie Goma, Bukavu oder Rwindi ( 6 ).

Zusammenfassend sind die von uns gemessenen Extrema von Temperatur und relativer Feuchtigkeit ( 16 ) wiedergegeben. Die Höhenbestimmungen erfolgten mit Basis Mutsora, 1200 Meter ü.M., exakt nach Literatur ( 15 ).

Geographische Höhe Temperatur rei.

Zahl der Bezeichnung Ü.M.

°C Feuchte Beobachtung Kiandolirc 1760 17.6 96 1 Kalonge-Hütte 2098 14.8-15.4 85-9'3 Mahangu-Hütte 3363 6.7-10.2 88-99 Kiondo-Hütte 4325 1.5- 6.0 60-95 6 Lac Gris 4371 0.6- 6.0 37-99 12 Pic Margherita 5 122 -3-5 77 1 Die westlichen Gletscher des Mount Stanley Wie die alpinen Eisströme, so zeigen auch die Gletscher unter dem Äquator Vorstoss- und Rückzugsphasen. Auf der Ostseite des Ruwenzori findet man die unterste eiszeitliche Moräne hinter Ibanda auf 2100 Meter ü.M. Eine einzige C-14 Datierung ist in etwa 3000 Meter ü.M. an Sedimenten des Endmoränensees Mahoma ermittelt worden. Das tiefste organische Material aus dieser Bohrung wies ein Alter von 14700 ± qoo Jahren auf ( 7 ), was etwa unserem Bölling-Interstadial entspricht. Bei gleichem Niederschlag wie heute müsste man für das letzte Hochglazial am Ruwenzori eine um rund 5 Grad Celsius tiefere Temperatur annehmen ( 8 ). Da aber die tropische Tieflandvegetation diese harte Zeit überlebt hat, bleiben klimageschichtlich noch viele Fragen offen.

Auf der Westseite des Mount Stanley sind Moränen nur bis 3600 Meter hinunter gefunden worden ( 9 ). War während der Eiszeit die Westseite viel trockener, oder sind die Moränen weiter unten im steilen Gelände der Erosion zum Opfer gefallen? Weitere Begehungen durch die schwerzugänglichen Täler wären notwendig, um diese Frage abzuklären.

Seit Expeditionen das Gebirge besuchen, seit 1906, stellt man ein Schwinden der Gletscher fest. Das Rückschmelzen zu verfolgen oder zu rekonstruieren ist aber schwierig. Systematische Höhenmessungen sind unseres Wissens nur 1906 und für die Kartenaufnahme ( 1 o ) in den fünfziger Jahren durchgeführt worden. Die Fehler, die bei dieser barometrischen und photogrammetrischen Vermessung entstanden, sind gross, wie ein Vergleich der Resultate beider Begehungen zeigt. Da auch Luftbilder und Schrägaufnahmen sehr selten gemacht wurden, bieten sich vor allem terrestrische Photographien von früheren Expeditionen, die veröffentlicht worden sind, als Arbeitsun-terlage an.

Eine Serie solcher Aufnahmen ( 9 ) haben wir mit unseren Beobachtungen und Dia-Positiven bzw. Schwarzweiss-Bildern verglichen und dabei einen beschleunigten Rückzug des West-Stanlèy-Gletschers seit 1952 festgestellt. 1932 hat der Gletscher noch das kleine Becken des heutigen Lac Blanc ausgefüllt ( etwa 4409 m ).

— 1952: vor der Gletscherzunge hat sich ein neuer See, der Lac Blanc, gebildet. Das Eis ragt noch über einen Felsriegel nördlich des Seeleins hinunter und endet 6 Meter oberhalb des Seespiegels, also etwa auf 44i5 Meter.

- 1977, Januar: Der West-Stanley-Gletscher hat sich rückschmelzend in zwei Zungen geteilt. Die nördliche ist grösstenteils abgebrochen und als Eislawine niedergegangen. Die südliche Zunge reicht als steile, dünne Eisdecke noch bis auf 4465 Meter hinunter.

Relativ zur nahen Gletscher-Hütte liegt das Zungenende um 65 Meter tiefer.

Vergleicht man die Stände 1952 und 1977, so ist dieser Gletscher um 50 Meter - oder jährlich durchschnittlich um 2 Höhenmeter - zurückgeschmolzen.

De Heinzelin hat 1952 die obersten Helichry-sum-Büsche am Lac Blanc beobachtet. Heute gedeihen sie bereits oberhalb der Gletscher-Hütte. Der Höhengewinn beträgt mehr als 150 Meter.

Der Alexandra-Gletscher: Nach einer Fotografie des Herzogs der Abruzzen von 1906 ( 1 ) läuft der Schneegrat gegen den Pic Albert ( Nordwest-Gipfel der Margherita ) praktisch horizontal aus. Heute präsentiert sich der Pic Albert als Felskopf, den Schneegrat um rund 15 Meter überragend. Vom Alexandra-Gletscher sind uns aus dem unteren Teil keine Dokumente bekannt. Sein Zungenende ist im südlichen Teil des Gletschers gewölbt und etwa 70 Grad steil. Der nördliche Teil ist flach und teilweise mit Lawinenschnee bedeckt. Die tiefste Stelle des Eises liegt t t Meter tiefer als die Gletscher-Hütte.

Den Moebius-Gletscher im Südwesten des Mount Stanley haben wir aus Zeitgründen nicht mehr besuchen können. Zusammen mit dem bekannteren Moore-Gletscher des Mount Baker ist er wohl das am tiefsten hinuntergreifende Eis Afrikas. Wir haben den Moebius-Gletscher vom Grat zwischen Lac Vert und Lac Catherine aus beobachtet, photographiert und seine Zungen- höhe geschätzt Sie liegt bei 4300 Meter oder 220 bis 250 Meter tiefer als die Gletscher-Hütte. Der Gletscher hat seinen ungestümen, zerbrochenen Charakter von 1952 verloren und ist zu einem glatten, fast spaltenlosen, an seinem Ende schuttbedeckten Talgletscher geworden.

Wir haben die Höhen der Zungenenden der Gletscher relativ zur Gletscher-Hütte ( Gîte de la Moraine oder Glacier Hut ) bestimmt. Auf diese Weise werden grössere Messfehler vermieden, und ein Vergleich mit späteren Messungen ist möglich. Die Gletscher-Hütte ist auf Fels gebaut und befindet sich auf dem tiefsten und zugleich westlichsten Punkt des Sattels zwischen dem Alexandra- und dem West-Stanley-Gletscher. Dieser Sattel wird grösstenteils von einer mächtigen Mittelmoräne gebildet. Offiziell wird die Höhe dieser Hütte mit 4350 Meter ü. M. angegeben. Die Karte ( to ) vermerkt 4496 Meter. Mit Basis Mutsora ( t 200 m ü.M. ) errechneten wir sogar 4530 Meter ( 15 ).

Die Seen im oberen West-Stanley-Tal Drei vom Gletscher geschaffene Becken bilden den oberen Teil des West-Stanley-Tales. Das unterste Becken, teilweise gefüllt vom Lac Gris, wird von einem klassischen Endmoränenkranz abgeschlossen. Der See hat keinen oberirdischen Abfluss. Zwei Löcher in den Sedimenten des flachen Seegrundes sind uns aufgefallen. Da der Zufluss konstant und beträchtlich ist, muss eine unterirdische Entwässerung angenommen werden.

Der Lac Blanc wird teils von einem Rundhöcker, teils von einer flachen Moräne gestaut. Er ist über einen Bach mit dem etwas tieferen Lac Gris verbunden. Von einem noch höheren, namenlosen Seelein bekommt der Lac Blanc durch eine Reihe kleiner Wasserfälle seinen Zufluss.

Die Seestände sind starken Schwankungen unterworfen. Am g.Januar 1977, während einer Schlechtwetterperiode mit ganztägigem Nebeltreiben, feinem Regen und nachts Graupelnieder-schlag, war der Lac Blanc übervoll, Grasbüschel standen im Wasser. Der Bach zum Lac Gris hinunter suchte sich einen neuen Weg über das Gras und zwischen dichten Seneziengruppen hindurch. Im Lac Gris kann man die mittleren Tief-und Hochstände anhand der feinen Anschwemmungen gut erkennen. Die momentane Wasseroberfläche lag rund 20 Zentimeter oberhalb des tieferen und rund 65 unterhalb des höheren Hauptstandes. Am 14.Januar, nach 3 niederschlagsfreien Tagen mit viel Sonne, war der Lac Gris um rund 20 Zentimeter gestiegen.

HOEHE KILIMANDJARO M. KENYA RUWENZORI 6000 m - 5000 m -

4000 m - 3000 m D000C 2000 m - 1000 m Girlanden Gipfelhöhe ( I ErdstreifenSchneegrenze * Senezien Solifluktionsgrenze 1=1 Nebelzone Ninnimi Eisnadel- Untergrenze gggil WaldVegetationsgrenze EU Wald von Heidekrautbäume e Grenze des Kaffeeanbaues Fig. 2 Vertikale Gliederung im Vergleich zwischen Kilimandjaro3° 5'Süd 37° 25'Ost Mount Kenya0° 10'Süd 37° iS Ost Ruwenzori ( Stanley0° 23'Nord 2g0 52'Ost Geomorphologische Kleinformen Die Solifluktion, ein Bodenfliessen, kann durch das häufige Gefrieren und wieder Auftauen der obersten Erdschicht hervorgerufen werden. Die Vegetation bricht auf; Schutt wird in gröberes und feineres Gesteinsmaterial sortiert. Auf horizontalen Flächen bilden sich kreisförmige Strukturen; an Hängen verlaufen Erd- und Steinstreifen in der Fallirne.

Solche Solifluktionsformen sind weltweit verbreitet. In den Alpen treten sie in Höhen zwischen 2000 und 3000 Meter ü. M. auf. Nahe dem Äquator sind sie in grösserer Höhe mit ganzjährig häufig auftretendem Frost anzutreffen.

Im West-Stanley-Tal beobachteten wir das unterste frostbedingte Aufreissen der Vegetationsdecke auf 4300 Meter. « Girlanden », kleine Terrassen mit vegetationsfreier Fläche, fanden wir nur wenige und schlechtausgebildete in 4480 Meter. Zellenböden auf horizontalem Gelände und Erdstreifen an Hängen treten verbreitet zwischen 4500 und 4600 Meter auf. Unterste Formen trafen wir aber schon auf 4400 Meter an. Auch Ansätze zu Grossformen ( Steinpolygone, hier allerdings nur als Einzelformen von 25 cm Durchmesser ), die in den Tropen selten beobachtet werden, fielen uns oberhalb von 4600 Meter auf.

Auch am Kilimandjaro und Mount Kenya sind Solifluktionsformen untersucht worden ( i 1 ), ( i 1 a ), ( 13 ). Der Ruwenzori unterscheidet sich von ihnen auch in der Verbreitung dieser Formen. Die frostbedingte Solifluktion ist hier nur in einer schmalen Zone möglich. Von unten her wirkt eine kräftige und dichte Vegetation der Formbildung entgegen. Die steilen Felswände und ihre aktiven Schutthalden begrenzen von oben her die Ausbildung dieser kleinen geomorphologischen Formen.

Die untere Solifluktionsgrenze ist zudem abhängig vom Grad der Kontinentalität des Klimas und von der Pétrographie ( 14 ). Tiefengesteine wie Granite und Amphibolite wirken der Solifluktion stärker entgegen als Vulkanite. Wir haben die beschriebenen Formen nur im Amphibolit untersucht. Es ist also nicht gesichert, welche Faktoren am stärksten wirken und die Solifluktionsun-tergrenze am Ruwenzori so stark heraufsetzen.

Anmarsch und Route ( Westanstieg ) In Ergänzung zu bereits erschienenen Expedi-tionsbeschreibungen seien hier unsere Erfahrungen hinzugefügt.

Eine schriftliche Voranmeldung bei der Verwaltung der Nationalpärke I.Z.C. N. ( Institut Zairois pour la Conservation de la Nature, Avenue Cliniques 13, B. P. 12348 Kin I Kinshasa, Zaire ), rund ein halbes Jahr im voraus, erwies sich als hilfreich. Das offizielle Antwortschreiben ersparte uns auch nach den Inlandflügen beim Zoll viel Ärger. Für den Flug Kinshasa-Goma und zurück sind wegen Organisationsproblemen 2 bis 3 Tage zu reservieren. Schwierigkeiten bereitet vor allem die Überwindung der Strecke von Goma ( am Kivusee ) bis Mutwanga/Mutsora ( am Westfuss des Ruwenzoridas sind rund 450 Kilometer. Die schnellste und komfortabelste Verbindung mit dem Taxi ist sündhaft teuer, und wer es dann nicht eine Woche warten lassen will, wird auf der Rückfahrt Schwierigkeiten haben. Kon-tingentierungen und Horten von Benzin lähmen in Zaire zur Zeit den Transport.

Normalerweise wird der Pic Margherita in 6 bis 7 Tagen gemacht ( siehe Prospekt der I.Z.C.N. ). Für die Gipfelbesteigung bleibt ein einziger, sehr anstrengender Tag. Die Chance, gerade dann akzeptables Wetter zu haben, ist gering. Wer die Gipfel zu belagern trachtet, muss entweder Träger und Führer mit warmen Kleidern, Schuhen, Socken und Schlafsäcken ausrüsten oder, wie wir es getan haben, sie wieder vom Tal her aufsteigen lassen, um das Material abzutransportieren.

In der Parkverwaltung in Mutsora gibt es eine einfache, aber saubere Unterkunft, jedoch nichts zu essen. Hier muss die Parkgebühr entrichtet werden; Träger zum Anheuern stellen sich hier ein. Die Hütten Kalonge, Mahangu und Kiondo, alles Tagesetappen, fanden wir in gutem Zustand. Die Gletscher-Hütte ( Gîte de la Moraine ) hingegen ist nur ein kleiner hölzerner Verschlag ohne Türe und Mobiliar, zudem weit von einer Wasserstelle entfernt. Am Lac Gris zu kampieren war sicher angenehmer.

Dank einem Hinweis einer italienischen Bergsteigergruppe haben wir eine Aufstiegsroute von der Moräne auf die Margherita gewählt, die im Führer ( 8 ) nicht beschrieben wird. Sie führt leichter und vor allem schneller als die Normalroute über den NW-Grat, etwas nördlich unterhalb demselben durch.

Beschreibung einer Westaufstiegsvariante: Man gewinnt den Alexandra-Gletscher von der Gletscher-Hütte aus zuerst ostwärts auf der Moräne; dann kurz vor den Felsen des Westgrates des Pic Alexandra links hinunter ( Steinmann ). Den Alexandra-Gletscher quert man nun nach Norden knapp unterhalb des Eisabbruches und erreicht dann, leicht rechts haltend, die Felsen des NW-Grates der Margherita ( i Stunde ab Glet-scher-Hütte ). Dieser Fels ist kompakt und bietet wenig Griffe. Die kurze Kletterei kann aber am Vortag « präpariert » werden ( Schwierigkeit 3 bis 4 ). Man folgt dann dem NW-Grat SE-wärts horizontal. Während der Grat anzusteigen beginnt, hält man sich links ( Steinmann ) und steigt durch ein Schneecouloir auf eine leicht nach SE ( grat-parallel ) ansteigende Terrasse etwa 30 Meter ab. Dieser Terrasse folgt man, langsam Höhe gewinnend. Man hält sich dabei immer rechts gegen den Grat hin, bleibt aber im abschüssiger werdenden Firn. Nach dem zweiten der beiden Aufschwünge des NW-Grates, wo das gratparallele Firnband in sehr steilen, langen Runsen endet, klettert man in der Fallinie steil über Rippen und durch Schneecouloirs hoch ( Schwierigkeit 3 ) und gewinnt so den bereits abgeflachten breiten Blockgrat. Dann leicht dem Grat folgend hinauf zum Pic Albert und weiter leicht über den breiten Schneegrat zur Margherita ( 4 Vi bis 5 Stunden ab Gletscher-Hütte ). Diese Route ist für den Abstieg besonders empfehlenswert. Wir trafen ausge- zeichnete Verhältnisse an, mit wenig Schnee und wenig Vereisung, griffig für die Steigeisen.

Literaturnachweis ( 1 ) Ludwig Amadeus von Savoyen: Der Ruwenzori; Leipzig'909 ( 2 ) C. Felix: Contribution à l' étude pétrologique et géologique du Massif du Ruwenzori; Acad. Sciences Outre-Mer'973-75-19 ( 3 ) R. G. Barry and R.J. Chorley: Atmosphere, Weather and Climate; London 1972 ( 4 ) M. Crabbe: Visibilité des hautes Sommets du Ruwenzori; Kinshasa 1971 ( 5 ) J.B. Whittow: Some Observations on the Snowfall of Ruwenzori; Journal of Glaciology i960, Vol. 3, 28 ( 6 ) Pini Nsakala Vuanza: Les Regimes Moyens et Extremes des Climates Principaux du Zaire; Kinshasa 1975 ( 7 ) D. A. Livingstone: Age of Déglaciation in the Ruwenzori Range, Uganda; Nature, June 2, 1962, P859 ( 8 ) H. A. Osmaston and D. Pasteur: Guide to the Ruwenzori; Oxford, 1972 ( 9 ) J. de Heinzelin: Les Stades de Recession du Glacier Stanley oc., Exploitation du Parc National d' Albert 2e série; Bruxelles 1953 ( 10 ) Directorate of Overseas Surveys 1962: Central Ruwenzori; Karte, Massstab 1:25ooo ( 11 ) G. Furrer und R. Freund: Beobachtungen zum subnivalen Formenschatz am Kilimandjaro; Annales de Geomorphologie Suppl. 16, 1973 ( 13 ) Klötzli: Jahresbericht Geobotanik ETH Zürich 1959 ( 14 ) K. Graf: Beiträge zur Solifluktion in den Bündner Alpen ( Schweiz ) und in den Anden Perus und Boliviens; Diss. Univ. Zürich, 1971 ( 12 ) S. Hastenrath: Observations on the periglacial morphology of Mts. Kenya and Kilimanjaro, East Africa, Annales de Geomorphologie, Suppl. 16, 1973 ( 15 ) D. Moeller: Beiträge zur barometrischen Höhenmessung; Diss. München 1962 ( 16 ) B. Primault et J. Quiby: Diagrammes psychrométriques différenciés en altitude; Veröffentl. der Schweiz. Meteorolog. Zentralanstalt Nr. 38, 1977

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