Individualtourismus in Berggebieten. Alpinisten können zur Entwicklung beitragen

Alpinisten organisieren ihre Reisen oft selber oder in kleinen Gruppen. Mit ihrem Aufenthalt in Bergregionen von Entwicklungsländern können sie viel Positives beitragen, ist doch der Tourismus oft die einzige Alternative zur Landwirtschaft. Notwendig sind aber Strukturen, die für diese wenig entwickelten Gebiete eine gewisse Kontinuität garantieren.

Vorsichtig setzen die Pferde ein Bein vor das andere, der Abstieg zum See Son-Kul ist steil. Bei einer der Jurten heisst der kirgisische Guide die beiden Schweizer Touristen absteigen. Ein Mädchen mit Kopftuch hat vor der Jurte Teppiche zum Lüften ausgelegt. Guide Masad spricht das Mädchen an, eine Frau steckt ihren Kopf aus dem Filzzelt. Nach einem kurzen Gespräch und Kopfschütteln geht es weiter, erst in der nächsten Jurte wird das Mittagessen serviert.

Ökobergtourismus

Das ist Ökotourismus auf Kirgisisch oder Community Based Tourism ( CBT ). Das Tourismusförderprojekt wurde von der Schweizer Entwicklungsorganisation Helvetas initiiert – inzwischen funktioniert es weitgehend selbstständig. Angefangen hatte 1995 alles mit einem Frauen-projekt, wie Kaspar Grossenbacher von Helvetas erzählt. Dieses ermöglichte vielen kirgisischen Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit, beispielsweise mit einem Bed&Breakfast-Angebot. Dieser Weg wurde weiterverfolgt, und heute sind im ganzen Land CBT-Infobüros verstreut, in denen die Fäden für das touristische Angebot in der Umgebung zusammenlaufen. Touristen können sich dort beispielsweise ein Pferdetrekking auf einer Alp mit Übernachtung in Jurten organisieren oder sich mit Handwerks-erzeugnissen wie Filzteppichen eindecken. Davon profitieren die Dorfbewohner, die als Führer, Fahrer oder im Büro arbeiten und Übernachtungsmöglichkeiten anbieten. Gerade für die Bauern auf den Jailoos, den Alpen, ist dies in den Sommermonaten ein willkommener Zustupf. Oder wie es Urs Wiesmann 1 und Thomas Kohler 2 vom Centre for Development and Environment ( CDE ) an der Universität Bern sagen: « Für ganz viele Berggebiete ist Tourismus die einzige Alternative zur Landwirtschaft, der 1 Urs Wiesmann ist Professor am Geographischen Institut der Universität Bern und an der Universität Nairobi sowie Direktor des Centre for Development and Environment ( CDE ) an der Universität Bern. Er ist Deputy Director des Nationalen Forschungsschwerpunktes Nord-Süd ( NCCR North-South ) und leitet zudem das Management-zentrum des UNESCO-Welterbes Jungfrau–Aletsch– Bietschhorn ( JAB ). 2 Thomas Kohler ist Associate Director am Centre for Development and Environment ( CDE ) an der Universität Bern. Er ist Managing Director der International Mountain Society ( IMS ) und führt das Sekretariat der Mountain Agenda, einer informellen internationalen Arbeitsgruppe zur Förderung der Belange der Bergregionen in der internationalen Entwicklungsdiskussion. Wenn Individualtouristen Angebote vor Ort nutzen, tragen sie zu einem bescheidenen ( Zu-satz-)Verdienst bei. So auch für Kirgise Masad, Pferdetrekking-führer « Alp-Feeling » auf Kirgisisch: Blick von der Jurte Die Arbeit auf der Alp kann nur bewältigt werden, wenn alle mithelfen. Der Sohn beim Wasserholen vom nahen See Die Kirgisen gehen wie Schweizer Bauern auf die Alp. Auch sie verarbeiten die gewonnene Milch weiter. Hier trennt eine Bäuerin den Rahm von der Milch in Handarbeit.

Bed&Breakfast-Angebot auf Kirgisisch: Schlafen im Stroh heisst Unterkunft in einer Jurte Fotos: Regula Sieber Primärproduktion. Deshalb ist das Thema Tourismus in Berggebieten so wichtig. » Dies trifft zum Beispiel auch auf Rumänien zu. Dort war eine SAC-Gruppe unterwegs, und sie hat einige Bilder zum Bericht beigetragen.

Massen- versus Individualtourismus

Die Tourismusindustrie generiert weltweit jährlich einen Umsatz von über 400 Milliarden US-Dollar. Dies entspricht dem Bruttosozialprodukt der 55 ärmsten Länder. Den Anteil des Tourismus in Berggebieten schätzen Wiesmann und Kohler auf 20 bis 30%. Diese Zahlen beziehen sich auf den grenzüberschreitenden Tourismus, dazu kommt noch der nationale Tourismus. Die Tourismus-industrie ist zudem eines der wenigen Gebiete, in denen der Anteil der Entwicklungsländer am Gesamtvolumen steigt und das Nord-Süd-Gefälle kleiner wird. So schön dies tönt, die Entwicklungsländer profitieren gerade von organisierten Reisen im eigenen Land oft sehr wenig. Wiesmann weiss aus Untersuchungen in Kenia, dass dort bis zu 80% der Gesamtausgaben oder gar noch mehr wieder ins Herkunftsland der Touristen zurückfliessen. Weniger als 20% bleiben im ostafrikanischen Staat. Hinter dem touristischen Angebot stecken nämlich meist internationale Kapital-konsortien, denn – so Professor Wiesmann – « für ein Drittweltland ist es unmöglich, ohne externe Unterstützung ein Angebot vorzulegen, das der internationale Tourismus verlangt ». Anders ist es bei Individualtouristen oder Back-packers. Zwar geben diese gesamthaft weniger aus, bleiben aber länger im Land und nutzen eher alternative Angebote – für die lokale Bevölkerung bleibt effektiv mehr Geld. Wiesmann und Kohler machen aber auch hier eine Einschränkung: Ein Indi-vidualtourist oder Backpacker ist ein Trendsetter, er will unberührte Destinationen erschliessen. Diese entwickeln sich dann oft mit allen negativen Punkten zu Massentourismusgebieten, wie bei den thailändischen Inselketten beobachtet werden kann. Das grosse Problem dabei: Das Tourismusangebot wird nicht von der lokalen Bevölkerung aufgebaut, sondern von aussen aufgedrängt.

Wanderweg Transkarpaten

Wie Helvetas in Kirgistan arbeitet die DEZA 3 in der Ukraine, wobei für beide Organisationen Tourismus kein Kerngebiet ist. Zusammen mit lokalen Organisationen erstellt die DEZA einen zusammenhängenden Wanderweg durch die ukrainischen Karpaten und unterstützt Bergdörfer bei der Verbesserung des touristischen Angebots wie etwa beim Aufbau von Bed&Breakfast-Möglichkeiten. Der 308 km lange Weg ist zwar noch nicht durchgehend ausgeschildert, aber bereits existiert ein Wanderführer. 4 Dieses Wanderbuch stösst bei Wiesmann und Kohler auf ein positives Echo. Denn viele Entwicklungsorganisationen würden touristische Angebote aufbauen, ohne sich über die Nachfrage oder Vermarktung Gedanken zu machen. Der touristische Markt sei zudem in den letzten Jahren um einiges komplexer geworden. Infolge Globalisierung und gesellschaftlichen Wandels hat sich auch das Verhalten der Touristen stark verändert: Der Entscheid für eine Destination wird immer kurzfristiger gefällt, und die Aufenthaltsdauer hat abgenommen. Dadurch ist der Tourismus extrem anfällig auf Schwankungen geworden. Bereits kleine politische Unruhen oder Schneemangel im Dezember können sich auf die ganze Saison auswirken. Eine Destination kann auch plötzlich nicht mehr trendy sein. Und so kommen in einem Jahr 500 Besucherinnen und Besucher, im nächsten nur noch 50 oder gar niemand mehr, ohne dass ein Grund erkennbar ist. « Das macht es fast unmöglich, ökonomisch sinnvoll und verlässlich für die Bevölkerung etwas aufzubauen », betont Wiesmann. « Nachdem alles mit viel Hoffnung begonnen hat, bleibt dann für die einheimische Bevölkerung Enttäuschung und eine grosse Abwehr gegen weitere solche Tourismusprojekte. Dabei könnte gerade in Berggebieten Ökotourismus mit dem Schutzgedanken verbunden werden. » Die Leute müssten aber einen Gewinn haben, damit sie motiviert sind, den Schutz aufrechtzuerhalten.

3 DEZA ist die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes.

4 Der Wanderführer kann über www.turkul.com bestellt werden. 5 Beispiele dafür sind die Trekkingunternehmen von Bernhard Rudolf Banzhaf in Saas Fee oder von Catherine Borel in Neuchâtel.

Der Chef des « Caliman Clubs », Doru Munteanu, erwies sich unterwegs als landeskundiger und kulturgeschichtlich versierter Reiseleiter. Foto: Peter Füglister Ganzjährig betriebene Alpwirtschaft in der Bukowina. Die sehr ärmlich wirkenden Gebäude beherbergen äusserst gastfreundliche Bewohner.

Foto: Louis W aldispühl Foto: Peter Füglister

Konstanz gefragt

Um eine konstantere Nachfrage zu erreichen, propagieren Wiesmann und Kohler deshalb eine Form zwischen Indi-vidual- und Massentourismus: Ein kleiner Reiseanbieter aus der Schweiz 5 soll solche Projekte in sein Programm aufnehmen und Reisen in diese Länder anbieten. Damit ist eine grössere Verbindlichkeit gegeben, nicht bei der kleinsten Schwankung wieder auszusteigen. Denn der Anbieter hat Mehrausgaben, muss er doch die Reisen rekognoszieren und vorbereiten. « Und zudem hat jemand Verantwortung », sagt Kohler. Der Kleinan-bieter will im nächsten Jahr schliesslich wieder kommen, er ist also daran interessiert, die Gegend gleich aufzufinden. Leider hätten NGO oft Berührungsängste, mit solchen Anbietern zusammenzuarbeiten, ganz nach dem Motto: Wenn jemand daran verdient, ist die Idee schlecht. Für das Helvetas-Projekt in Kirgistan funktioniert das Prinzip. CBT wird bereits von verschiedenen Anbietern in der Schweiz im Programm geführt. Zudem soll nun analog von Tourismus Schweiz in Kirgistan eine Organisation aufgebaut werden, die CBT und den ehemaligen Sowjetstaat im Ausland vermarktet.

Vernetzte Angebote

Dass Kirgistan damit in Zukunft von Touristen überrannt werden könnte, glaubt Wiesmann nicht. « Kirgistan wird nie eine Massentourismusdestination. Das gebirgige Binnenland bietet der grossen Masse zu wenig. Die Mehrheit der Touristen will nicht nur in die Berge, sondern auch am Strand liegen und eine Stadt besuchen. » Zwar gäbe es viele Orte, die etwas Spezielles anbieten könnten, nur reiche dies nicht, denn « wegen eines einzigen Objekts würde auch niemand nach Madagaskar fliegen ». Für Wiesmann muss das Spezielle eines Ortes immer im Zusammenhang mit einem anderen Angebot stehen. Auch hier müsste wieder ein Anbieter die verschiedenen Angebote vernetzen, der zudem kontrollieren und garantieren könnte, dass ein Angebot nachhaltig sei. Und auch wenn der Gegensatz zwischen Arm und Reich nicht wegzudiskutieren ist, beurteilen Wiesmann und Kohler solche kleine engagierte Anbieter für Berggebiete in Entwicklungsländern sehr wohl als positiv.

Nach drei Tagen auf der kirgisischen Alp ist es Zeit zum Abschiednehmen. Vor der Jurte steht bereits der Fahrer für die Weiterfahrt bereit. Noch ein Ab-schiedsfoto zusammen mit der Familie, eine Umarmung, dann steigen die beiden Schweizer Touristen ein. In der Jurte hängt die Mutter die Postkarte mit den verschneiten Schweizer Bergen auf – es ist die erste Erinnerung an Gäste in der Saison. a Regula Sieber, Zürich Die Wassertalbahn, die letzte dampfbetriebene Waldbahn Europas, kämpft mit grossen Schwierigkeiten. Noch befördert sie Holzfäller zu ihrer schweren Arbeit und Baumstämme durch das urwaldähnliche Vasertal – und auf Nachfrage auch Touristen. Individualtourismuserfahrungen sammelte eine Schweizer Reisegruppe – vornehmlich SAC-Mit-glieder – in Rumänien. Sie liess sich vom « Caliman Club », caliman-club(at)zappmobile.ro, der am Coli-bita-See beheimatet ist, eine Reise nach Mass organisieren.

Foto: Peter Füglister In den ländlichen Gegenden Trans-silvaniens sind Pferdefuhrwerke ein wichtiges Verkehrsmittel. Hier in Richis bei Bier-tan/Siebenbürgen Foto: Peter Füglister Einkehr bei einer Bauernfamilie in der Bukowina. Die typische Mahlzeit aus Mais, Eiern und geschmolzenem Käse ist am offenen Kamin zubereitet worden.

Foto: Louis W aldispühl T E X T / F o T o sStéphane Maire, Commeire ( ü )

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