Johann Georg Sulzer und der Rigi

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( FortsetzungVon Rudolf Gsell

( Chur ) Am Schluss dieses Tagesberichtes folgt eine allgemeine Beschreibung des Rigi.

Es war Sulzer auf dieser Rigi-Fahrt nicht entgangen, dass am Aufbau des Rigi geröllführende Schichten einen grossen Anteil haben. « Es sind hier keine Felss-Steine, sondern eine Art natürlicher Wurmen, da eine grosse Menge verschiedner kleiner Steingen durch eine gewisse sandigte Materie zusammen gemauert worden. Diese Steine sieht man fast überall an der Rigi bis auf den obersten Gipfel derselben. » In seiner Tagesübersicht kommt Sulzer wieder darauf zu sprechen: « Die Steine an diesem Berge sind verschieden. Obenher, und insonderheit an der Mittag-Seite sind keine Felsen, sondern nur aus vielerley kleinen zusammen geworffnen Steinen bestehende natürliche Mauren, welche durch ein aus lauter Sand bestehendes Pflaster zusammen gefüget sind. Unter diesen Mauren, aus welchen der gantze Gipfel des Berges bestehet, ist ein sogenannter Geissbergerstein... x » « Aus diesem ist denn klar, dass dieser Berg Überschwemmungen ausgestanden hat, da der untere Theil desselben, nemlich der, wo bemeldte Felss-Steine sind, schon gestanden. Dass bemeldte natürliche Mauren hieher seyen geschwemmt worden, ist unstreitig. Sie bestehen, wie gemeldt, aus lauter kleinen abgeschliffnen Steinen, von sehr verschiednen Arten, wie wir an den Ufern der Flüssen antreffen. Diese Steine haben also zuerst müssen ab andern Bergen, wo ihr eigentlicher Zeugungs-Ort war, abgerissen, von dem Wasser fortgeführet, und dadurch abgeschliffen werden. Hernach sind sie durch eine sehr grosse Überschwemmung, mit Sande vermischt, auf diesen Berg geschwemmt worden. Dass diese kleinen Steine in der Überschwemmung vest, das sandigte Pflaster aber, welches dieselbe zusammenhält, weich gewesen, siehet man daraus klar, weil sich einer nach dem andern aus der Mauer heraus nehmen lässt, da denn das Pflaster an dem Orte, wo er gelegen, überall glatt und wie polirt ist, eben auf die Weise, wie man es in den durch Kunst verfertigten Mauren sehen kan.

Dass der untere Theil des Berges, oder die Felsen, auf welchen diese zusammen geschwemmte Steine liegen, damals, als die Überschwemmung geschehen ist, schon vest gewesen sey, kan man nicht zweifeln. Denn widrigenfalls, hätte die Überschwemmung alle Materie untereinander vermischt, und wäre bemeldtes Felss-Lager nicht von den andern Steinen abgesondert, und 1 Sulzer versteht darunter nicht dasselbe wie Grüner ( 1760, Die Eisgebirge des Schweizerlandes ), welcher mit diesem Namen schlechtweg alles Kristallin bezeichnet. Das genannte Buch stammt von Grüner und nicht von Scheuchzer ( wie Heim, Geologie der Schweiz, angibt ).

unten gesetzt worden, zumal da die Felsen nicht schwerer sind, als die zusammengesihwemmte Steine. Weil diese damals schon vest waren, so hätten sie sieh, wenn alles flüssig gewesen wäre, nothwendig wegen ihrer mehrern Schwere in die Tieffe setzen müssen, und wäre also das Felss-Lager das oberste geblieben.

Aus diesem lässt sich nun ein doppelter Satz herleiten, der der berühmten Frage von dem Ursprung der Bergen ein grosses Licht gibt. Nemlich, dass vor diesem ir der Höhe der grössten Bergen Wasser gewesen, und dass es Berge gebe, welche nach und nach gross geworden sind. » Von Küssnacht führte die Reise über Luzern und den Pilatus nach Stansstad, sodann nach Flüelen und hinauf bis zum Gotthard-Hospiz, endlich über die Obei alp nach Disentis und Chur.

Soviel über diese erste Publikation Sulzers.

Die zweite Arbeit nun ist eine eigentliche wissenschaftliche Abhandlung, die nicht zule ;zt als ein Ergebnis dieser oben genannten Rigireise entstanden ist und in welcher das Thema der Gebirgsbildung behandelt wird. Sie führt den Titel: Untersuchung von dem Ursprung der Berge und andrer damit verknüpften Dinge, und ist datiert 1746.

In dieser Studie, welche in den folgenden Zeilen, ohne Rücksicht auf die von Sulzer eingehaltene Reihenfolge und Benennung seiner Gedanken kurz besprochen werden soll, kommt Sulzer wiederum auf die Nagelfluh zu sprechen, die er n Deh genauer als in der ersten Arbeit definiert: « Ich habe in der Beschreibung der Berg-Reise, die ich Anno 1742. gethan, die Beschaffenheit des Rigi-Bergs in dem Canton Schweitz beschrieben, und unter andern angemereket, dass der oberste Theil dieses Bergs nicht aus ordentlichen Felsen, sondern aus einem Gemenge von unzähligen verschiedenen Steinen und Sand bestehe, welche eine Art von Felsen ausmachen, die ich natürliche Mauren genen lt habe. Denn es sind würekliche Mauren. Es sind von allen Arten Steine darin. Sie sind alle voneinander abgesondert, und halten nur durch verhärteten Schlamm und Sand zusammen Sie sind alle abgeschliffen, wie die Steine welche an den Ufern der Flüsse liegen. Es wird niemand behaupten wollen, dass diese Steine auf bemeldtem Berg erzeuget, oder gar so durcheinander vermengt und in Stücken erschaffen worden. Sie müssen nothwendig ve n dem Wasser hergeschwemmt worden seyn, und zwar aus den Thälern, weil der Ort, wo sie liegen, der höchste von derselbigen Gegend ist. Also hat das Wasser ehemalen diesen Berg überschwemmt, und die Umstände zeigen deutlich an, dass diese Überschwemmung geschehen, da der Berg schon fest war. Denn unter den beschriebenen Felsen, die den Gipfel des Berges ausmachen, sind ordentliche Felss-Lager. Diese sind also vorzeiten auch fit ssig gewesen. Die andern Steine aber, aus welchen der Gipfel besteht, waren feste, wie sie sind, hingeschwemmt worden; denn sonst wäre nicht ein jeder besonder geblieben, sondern sie wären in eine Masse zusammen geflossen. Ein fester Stein aber ist schwerer, als Erde die im Wasser aufgelöst ist; also hätten diese Steine nothwendig müssen untersincken, nachdem sie sind hingeschwemmt worden, wenn der untere Theil des Berges nicht feste gewesen wäre. Also ist der gegebene Satz klar. » ( Nämlich: « Zweyter Satz. Das Wasser hat ehemalen die höchsten Berge überschwemmt / da sie schon feste und steinern waren. » ) Was Sulzer unter Sand versteht, hat er schon vorher gesagt: « Denn der Sand ist in der That nichts anders als ein in kleine Stücken zerstossener Stein. Die unzähligen Bäche, welche von den Bergen herunterfliessen, führen immer Steine mit sich fort, und diese stossen sich so oft, dass daher der Sand entsteht, welcher zuerst an die Ufer der Flüsse und hernach in das Meer und auf die Felder geführet wird. Der blosse Augenschein wird einen jeden hievon überzeugen; denn man wird nicht leicht ein Sand-Körnchen antreffen, da man nicht einen Stein von derselben Art zeigen kan. » Ferner sagt Sulzer: « Weil nun die Spitzen der höchsten Berge, aus Felsen von der zweyten Art bestehen, nemlich aus solchen, deren ursprüngliche Materie eine in Wasser aufgelösste Erde gewesen, so ist hieraus klar, dass die Spitzen der Bergen ehemalen unter Wasser gestanden haben, in welchem die Erde sich nach und nach gesetzt, und die verschiedene Schichten gemacht hat; da hingegen die Steine, welche durch Crystallisation oder Anlegung der Dünsten entstanden sind, nicht können in ordentliche Schichten liegen, weil nur das Wasser solche machen kan. » Es mag vielleicht hier darauf hingewiesen werden, dass Sulzer es auch unternahm, durch Versuche seine Behauptungen zu prüfen.

« Alles was ich bis dahin von dem Ursprung der Schichte gesagt habe, lässt sich durch einen sehr leichten Versuch gar begreif flieh machen. » Es folgt die Beschreibung dieses Versuches, welcher bezweckt, « ein Stück Erde zu haben, welches aus so viel Schichten bestehet, als vielmal das Wasser ist herumgerührt und wieder in Ruhe gesetzt worden. » Also eine Wechsellagerung von sandigen und tonigen Schichten. Sulzer schildert dann noch einen zweiten Versuch, um « den Ursprung der Figur der grossen Berge » zu erläutern, « dass die hohen Gebürge ihr Figur von einem solchen Abfall eines Theils ihrer Materie erhalten haben ».

Sulzer schreibt weiter: « Aus diesen zwey Sätzen folget, dass die Spitzen der Berge mehr als einmal mit Wasser bedeckt gewesen. Denn einmal waren die Berge flüssig, wenn ich so sagen darff, und damals waren sie mit Wasser bedeckt: hernach sind sie noch einmal überschwemmt worden, da das vorige Wasser sich schon verloffen hatte. » Damit kommt Sulzer zu seinem dritten Satz, welcher lautet: « Es sind verschiedene Überschwemmungen gewesen, zwischen welchen eine lange Zeit verflossen ist. » Er führt darin unter anderem folgendes aus: « Die erste Überschwemmung war, als die ganze Erde noch flüssig war. Eine andere Überschwemmung geschah, da die Erde schon feste war, und die Berge schon stunden. Nun sage ich, dass zwischen diesen beyden Überschwemmungen eine lange Zeit verflossen ist. Welches ich also beweise: In der ersten Überschwemmung war noch alles flüssig, oder wenigstens weich. In der zweyten aber wurden abgerissene, schon glatt geschliffene Steine und Sand von dem Wasser weggeführt. Da nun diese Steine und Sand ehemalen auch weich gewesen, so hat zwischen diesen beyden Überschwemmungen eine Zeit müssen verfliessen, in welcher die losgerissene Steine hart geworden; und weil überdiss bemeldte Steine, wie der Sand durch das Wasser von den Felsen abgeschwemmt, und in den Flüssen abgeschliffen werden, so ist klar, dass zwischen der ersten und zweyten Überschwemmung so viel Zeit hat müssen verfliessen, dass die Erde hat können aus ihrem ersten Zustand, da alles flüssig oder weich war, in den zweyten Zustand kommen, wo schon trocken Land, Berge, Felsen und Flüsse waren. Diese Zeit aber kan gewiss nicht kurtz gewesen seyn.y.. » «... Vielleicht sind noch viel andre besondre Überschwemmungen gewesen, die in der Oberfläche der Erde verschiedene Veränderungen gemacht haben... » « Aus dem Beweiss des vorhergehenden Satzes ist nicht schwer abzunehmen, dass die meisten Erd- Schichten so weit als man insgemein grabet, nicht von der ersten Überschwemmung herkommen, sondern von andern verursachet worden, die lange Zeit hernach gekommen. Denn man findet fast allemal in solchen Schichten Cörper, die nicht haben können in den Schichten selbst wachsen, sondern von andern Orten haben müssen hergeschwemmt werden, wo ihr eigentlicher Zeugungs-Platz war 1. Ein Ort hat also so viel Überschwemmungen gehabt, als verschiedene Schichten sind, welche ihren Ursprung von der ersten Überschwemmung nicht herhaben können. » Der vierte Satz lautet: « Es sind nicht alle Berge zu einer Zeit/auch nicht auf einerley Art entstanden » und enthält folgenden Passus: « Denn die grosse Menge der Steine, welche auf den kleinen Bergen angetroffen werden, haben zuerst müssen auf grossen Bergen gezeuget werden, ehe sie haben können auf einen Hauffen gesammelt werden. Also sind die grossen Berge vor den kleinen da gewesen. » Im letzten Kapitel « Worin aus den vorher festgesetzten Gründen der Ursprung der Berge und andrer damit verknüpfter Dinge deutlich erkläret wird » versucht Sulzer die Gebirgsbildung als eine Folgeerscheinung der Rotation der Erde und der Abplattung der Erde darzustellen. « Es lässt sich meines Bedünckens aus der Abplattung und Erhöhung der Erde nicht nur überhaupt der Ursprung der Berge, sondern auch ihre Figur herleiten... » Es folgt noch ein Abschnitt über die « Verhärtung oder Versteinerung » der Berge, ferner über den Ursprung der Schichten und endlich über die Lage der Schichten. « Nun lagen alle diese Schichten horizontal. Da es aber jezt auch solche gibt, welche nicht horizontal, sondern auf verschiedene 1 »verschiedene Cörper, als Steine, Sand, Ueberbleibseln von Pflanzen oder Thleren, X. » Weise von der waagerechten Lage abweichen, so fragt es sich, woher die Ungleichheit dieser Lage komme? » So viel über die beiden Arbeiten Sulzers.

Sulzer hat also erkannt, dass der Rigi, soweit er ihn kennen lernte, nämlich auf der Strecke Arth-Goldau—Rigikulm—Küssnacht, aus einem unteren sandigen Teile besteht und einem oberen Schichtenpaket, das aus Gerollen aufgebaut wird, und welches er « natürliche Mauren » nennt, nämlich unsere heutige Nagelfluh.

Diese Zweiteilung ist richtig, wenn man vom Gebiet Seewen—Rigi Hoch-fluh—Bürgenstock absieht, das Sulzer auf seiner Fusswanderung nicht betreten hat. Ich komme weiter unten darauf zu sprechen.

Der Name Nagelfluh ist aber schon recht alt. So spricht Grüner bereits 1760 über die « Nagelflüe », und Escher schreibt schon 1795: « In der Schweiz ist der Name Nagelfluh ganz allgemein, und bezeichnet eine aus grossen Geschieben, die oft bis 50 Cubikfuss Inhalt haben, meist durch einen Sandstein fest zusammen gekittete Felsart. » Sulzer hat nun diese Nagelfluh eindeutig beschrieben und ihren Charakter richtig erkannt, nämlich als eine polygene Schotterablagerung, die nicht an Ort und Stelle, also nicht auf dem Rigi entstanden sein konnte, sondern hier nur abgelagert worden ist.

Hans Conrad Escher hat in seinen geognostischen Briefen von 1795 und 1796 ( erschienen in der « Alpina n, 1807 resp. 1806 ) diese Beschreibung ergänzt: « Diese Nagclfluh-formation... Geschiebe... von Granit, Porphyr, Gneis, Kieselschiefer, Hornstein, Feuerstein, kömigtem und dichtem Kalkstein, feinkörnigem festen Sandstein, und selbst Nagelfluh, welche also aus altern, zerstörten Nagelfluhformationen herkommen müssen. Viele dieser Geschiebe enthalten unverkennbare Merkmale ihres Geburtsortes in den höhern Gebürgszügen der Alpen selbst; eben so viele aber, hauptsächlich die Porphyr-Hornstein-und Feuersteingeschiebe, müssen entweder aus sehr entfernten Gebürgen oder aber aus in den Alpen ganz zerstörten oder wenigstens von neuern Gebürgsformationen ganz verdeckten Formationen herrühren, indem sich an der Nordseite der Alpen bis jetzt noch keine Spur von Porphyrgebürgen oder beträchtlichen Hornstein- und Feuersteinlagern anstehend zeigte... » Ein Jahr zuvor schon schrieb Escher: « Wahrscheinlich ist mir, dass diese Porphyrgeschiebe aus weiter Ferne hergeschwemmt worden seyen. » — Escher hat auch den allmählichen Übergang der liegenden Sandsteine in die hängenden Konglomerate beobachtet: «... ist dieser Sandstein stellenweise mit Nagelfluhgeschieben gemengt und geht so ohne Absonderungsfläche in Nagelfluh über... so dass sie beyde bestimmt mit einander abwechseln... keine bestimmte Ablösungsfläche, sondern es ist immer nur Übergang wegen Beymengung grosser Geschiebe in die übrigens gleichbleibende Hauptmasse. » Es stand also für Sulzer fest, dass der obere Teil des Rigi, und zwar bis hinauf zu dessen höchster Spitze, aus fluviatilen Schottern bestand. Es mussten also irgendwo Gesteinstrümmer aus ihrem Verbände herausgerissen worden sein und dort auf ihrem Wege bis zum Rigi hin gerollt worden sein.

( Schluss folgt )

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