Johann Jakob Scheuchzer

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2. August 1672 bis 23.Juni 1733 Max Öchslin, Altdorf

Im I. Band der in der « Offizin Orell Füessli » anno 1878 zu Zürich erschienenen « Neuen Alpenpost » hat J. Binder in den Nummern vom 27. April und 4. Mai auf das Leben und die Tätigkeit des Zürcher Stadtarztes und Naturforschers Johann Jakob Scheuchzer hingewiesen, wie er dessen Bild den von Professor Dr. Wolf veröffentlichten « Biographien zur Culturgeschichte der Schweiz » entnommen hatte. Wieder ist ein Jahrhundert verstrichen; der 300. Geburtstag dieses Gelehrten Scheuchzer gibt auch unserm Kreis heute wieder Anlass, seiner zu gedenken, war er doch ein Arzt und Mathematiker und ganz besonders ein hervorragender Naturwissenschafter und Erforscher unserer Alpenwelt. Er wurde am 2.August 1672 in Zürich geboren, als Sohn des Stadtarztes, und starb am 23.Juni 1733 anlässlich einer Pestepidemie, die auch in Zürich eine grosse Zahl von Opfern forderte und ihn, den helfenden Arzt, erfasste.

Der Historiker und Geograph Gottlieb Emanuel von Haller hatte 1785 über Scheuchzer geschrieben: « Scheuchzer hatte die Ehre, der einzige zu sein, welcher alle Teile der Naturge- schichte seines Vaterlandes weitläufig und mit einigem Erfolg bearbeitet hat. » Und Hermann Alfred Schmid fügt in seinem Beitrag zur Geschichte der Aufklärung in der Schweiz hinzu ( « Die Entzauberung der Welt in der Schweizer Landeskunde », Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft, Bd. 7, 1942 ): « Tatsächlich ist der Zürcher Arzt die dominierende Gestalt in der Schweizer Landeskunde. Sein Name war in ganz Europa bekannt. Die kaiserliche, die englische und die preussische Gelehrte Gesellschaft ehrten ihn durch die Mitgliedschaft, und die Beziehungen, die er zu englischen Gelehrten unterhielt, führten dazu, dass ,auf Befehl der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften'im Jahre 1708 seine Berichte über die drei ersten Alpenreisen in London gedruckt wurden. » Schmid weist auch darauf hin, dass Friedrich Schiller « das Bild der Waldstätte, das er schildert, aus Scheuchzers Schriften empfangen hat; ,der graue Talvogt kommt'z.B. ist wörtliches Zitat ».

Über den Lebenslauf dieses ausserordentlichen Naturforschers wollen wir nur einige Daten wiedergeben, wie wir sie der einleitend erwähnten « Neuen Alpenpost » entnehmen: Johann Jakob Scheuchzer war der Sohn des Stadtarztes J. Scheuchzer in Zürich, « also in günstigen Lebensverhältnissen aufgewachsen », wie J. Binder schreibt. « Er konnte dem damaligen Unterricht in den Stadtschulen keinen besondern Geschmack abgewinnen, da das Endziel meist zur Theologie führte, während der Knabe schon früh seinen ganzen Sinn auf die Natur- und Heilkunde gelenkt hatte... Nach Absolvierung des Gymnasiums und eines vorbereitenden Privatcurses für Medicin bei den Stadtärzten Joh. Jak. Wagner und Joh. v. Muralt bezog Scheuchzer die damals berühmte ober-bayrische Universität Altorf bei Nürnberg ( 1692 ), ging von da nach Utrecht, wo er 1694 den Doctorgrad erhielt. Nach Zürchersitte benützte er die Heimkehr zu einer grösseren Reise durch Nord- und Mitteldeutschland, Böhmen etc., allenthalben gelehrte Bekanntschaften anknüpfend, seine Kenntnisse erweiternd. 1695 reiste er nochmals nach Deutschland, um sich bei damals berühmten Lehrern in Altorf und Nürnberg noch weiter in der Mathematik auszubilden. 1696 kehrte Scheuchzer nach Zürich zurück und wurde zum zweiten Stadtarzt gewählt, mit der Anwartschaft auf eine Professur für Mathematik. Nun verehelichte er sich mit der Tochter des Ratsherrn Vogel, nahm junge Leute in sein Haus auf, welche die öffentlichen Schulen besuchten, und mit denen er auch etwa Alpenreisen zu machen pflegte. Er hielt Privat-vorlesungen über verschiedene Gebiete der Naturwissenschaft und begann sein unermüdliches Wirken als Geograph und Naturforscher. » In Zürich machte er auch im Kreis der « Gesellschaft der Wohlgesinnten » eifrig mit, in welchem sich Gelehrte und Laien zu Vorträgen und Diskussionen über alle sich ergebenden Fragen der Naturwissenschaften, Religion und Philosophie zusammenfanden. In diesem Kreis, in welchem Scheuchzer das « Secretariat » besorgte, fand er reichlich Anregungen, zumal er selbst sein Wisssen nach dem Grundsatz erweiterte, den Renatus Cartesius ( René Descartes, 1596-1650 ) geprägt hatte: « Man soll mit Hilfe der Vernunft die Natur betrachten und Erfahrungen in ihr sammeln, um die Begebenheiten in derselben in angemessenen Denkbildern zu formieren » ( A. Schmid ). Scheuchzer nahm im gesamten Schweizerland mit ihm bekannten Gelehrten briefliche Verbindungen auf und war eifrig bemüht, sein Heimatland auf Wanderungen mit eigenen Augen kennenzulernen. Im Jahre 1746, dreizehn Jahre nach seinem Tode, hat der Naturforscher Johann Georg Sulzer, Winterthur, die Schriften des Zürchers neu gesammelt und unter dem Titel « J.J. Scheuchzers Naturgeschichte des schweizerischen Gebirges » in zwei Bänden herausgegeben, die bei Orell Füssli und Co. in Zürich gedruckt wurden.

Hans Fischer hat in der « Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft Zürich » ( 3/4, 1946 ) in seinem Aufsatz zum Gedenken an Scheuchzer darauf hingewiesen, dass in dessen literarischem Nachlass ( Zentralbibliothek Zürich ) noch gegen 250 kaum veröffentlichte Folianten sind, nicht eingerechnet die 56 Bände füllenden Korrespondenzen, was zeigt, wie der Forscher der damaligen Zeit, ungeachtet der « ständigen Sorge um das tägliche Brot », an der Arbeit für die Erforschung der engern und weitern Natur war. « Bei aller Fülle des unvollendet Hinterlassenen und Geleisteten », schreibt Fischer, « ist Scheuchzers Wirken doch von einem zentralen Gesichtspunkt aus zu charakterisieren: Scheuchzer ist der erste, der in umfassender Weise die Natur Helvetiens zum Objekt der Forschung machte: Scheuchzer ist der Begründer der wissenschaftlichen, alle Verhältnisse berücksichtigenden schweizerischen Landeskunde. Er war der erste, welcher nach Aegidius Tschudis, Ulrich Campells, Conrad Gessners, Josias Simlers und Rellicans tastenden Versuchen unsere Alpen mit den Augen des Naturkundigen systematisch durchforschte, ihren geologischen Aufbau und ihre Gestaltung zu verstehen suchte, mit Hilfe der barometrischen Höhenmessung die ersten annähernd richtigen Begriffe von der Höhe unserer Berge vermittelte, der erste, der mit Nachdruck auf die paläontologischen Relikte des Landes hinwies, wie er denn überhaupt als einer der Begründer der Versteinerungskunde zu gelten hat. Nicht zu vergessen ist, dass er durch regelmässige Barometermessungen die frühesten brauchbaren Beiträge zur schweizerischen Witterungskunde lieferte. » Weiter berichtet Fischer, dass Scheuchzer « 1705 den Gotthard erstieg, der damals als der höchste Gebirgsstock Europas galt. Auf dem Gotthardhospiz liess er durch den Pater Joseph de Seissa, Prior des Hospizes, erste Witterungsbeobachtungen machen. Scheuchzer beobachtete die Gletscher, bestimmte durch vergleichende Messungen ihr Wachstum und Vorrücken. Er widerlegte die Ansicht, dass der Bergkristall aus Eis entstanden sei, er vermutete, dass er wie andere Edelsteine anfangs flüssig war und langsam erhärtete. Diese Ansicht vertrat der damals achtzehnjährige spätere Arzt Johann Heinrich Hottinger ( 1680-1756 ) in seiner... unter Scheuchzers Anregung entstandenen jKrystallogia'oder ,Dissertio de Cristallis '. Nach Bernhard Studer gebührt Scheuchzer das Verdienst, erstmals physikalische Instrumente, wie Winkelmessgradbogen, Barometer und Thermometer in die Alpen getragen und Erklärungen der Naturerscheinungen nach physikalischen Grundsätzen versucht zu haben. » - So hat Scheuchzer z.B. 1732 eine Schrift verfasst über die « Beschreibung des Wetterjahres 1731, besonders aber des traurigen Himmels, der ob unsern Häuptern geschwebet den 1. Heumonat, auf die Erfahrung und Vernunft gegründet », um daraus « die Möglichen Nutzen für das tägliche Leben; den Feldbau und die Arztnei-kunst » zu ziehen. Schon zuvor hatte er über die totale Sonnenfinsternis vom 12. Mai 1706 geschrieben und dabei « alle abergläubischen und entsetzlichen Voraussetzungen » zurückgewiesen und die Finsternis als eine natürliche Himmelserscheinung bezeichnet.

Wiederholt führte er Reisen in die Innerschweiz durch, wobei er auch auf die Surenen und das in dieser Gegend sich zeigende Untier zu sprechen kommt, auf die sagenhafte « Graiss uff Suuränä », von der Edwin Muheim in seiner Schrift erzählt ( Altdorf 1961 ) und betont, dass es sich um eine reine mythische Überlieferung der Alpsennen handle, wie Scheuchzer auch nach wiederholten Besuchen des Pilatusgebietes die Historie vom « Pilatus-Drachen » und vom « Drachenstein » ins richtige naturkundliche Licht zu rücken verstand. ( Darüber hat jüngst René Villiger, SAC Biel, in einer Abhandlung « über den Drachenstein » in der « Festschrift zum Barbaratag 1971 » - privater Manuskript-druck - geschrieben. ) Diesbezügliche Dokumente des Luzerner Chronisten Johann Leopold Cysat erwähnt Scheuchzer als in der Standeskanzlei liegend. Und wie ernsthaft die Gläu- bigen damaliger Zeit noch an den Pilatus-Dra-chen glaubten, geht auch daraus hervor, dass das Messgewand aus der Kirche St. Leodegar, das im Historischen Museum Luzern aufbewahrt wird, eine chinesische Drachendarstel-lung zeigt. ( Joh. Leopold Cysat lebte 1601-1663 als Naturforscher in Luzern und beschrieb den « berühmten Lucerner- oder 4 Waldstättensee » und weitere landeskundliche Dinge.Als Scheuchzer den Urnersee befuhr und die grossen Falten der Gebirgsbildung am Axen sah, von denen sein Bruder Johann eine Zeichnung anfertigte, da wies er in seiner Veröffentlichung darauf hin, dass sie « ein Zeichen einer schrecklichen unterirdischen Gewalt » seien ( Helmut Holder: « Geologie und Paläontologie in Texten und ihrer Geschichte », i960. Siehe auch Margrit Koch: « Johann Scheuchzer als Erforscher der Geologie der Alpen », Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft Zürich, XCVII-952. Erwähnt auch in den Mitteilungen der Sektion Gotthard SAC, 6. Folge, Scheuchzer war ein Sammler von besonderer Art. Er hat ein wertvolles Herbar hinterlassen, zahllose Zeichnungen von Pflanzen und Tieren aller Art, die er auf seinen Wanderungen traf; Fossilien, Gesteine, Kristalle. Nie kehrte er ohne reichliche Mengen von Naturalien nach Hause zurück. J.J. Binder hat darauf hingewiesen, wie Scheuchzer unermüdlich seine Freizeit verwendete, um die heimatlichen Täler zu durchstreifen und über die Pässe von einem Tal ins andere zu steigen, und wie er in der Einleitung zur sechsten Reisebeschreibung notierte: « Ich erfahre täglich, wie schwer die Arbeit ist, die ich mir fürgenommen habe, die natürlichen Merkwürdigkeiten der Schweiz zu beschreiben. Ich muss immer arbeiten, ich muss zu grossem Nachtheil meiner Hausgeschäfte, meiner Arzt-neiübung und mit grossen Unkosten Reisen an- stellen; ich muss die Berge besteigen, die Thäler durchwandern, die Kraft aller Elemente empfinden, Hitze, Frost, Regen, Hagel und Wind und oft die wilden Sitten eines in unbezähmter Freiheit lebenden Volkes. Allein das Alles kann mich nicht abschrecken, meine eigene Begierde, der Beifall und die Aufmunterung von verschiedenen königlichen und anderen Gesellschaften der Gelehrten sind mir ein Grund, weiter fortzufahren. » Im Berner Oberland hat man östlich des Fin-steraarhorn-Massivs, in der Gebirgskette zwischen Unteraar/Finsteraargletscher und dem Oberaargletscher, die sich vom Grimselseege-biet bis zum Oberaarhorn zieht, den Punkt 3467 mit Scheuchzerhorn und den Übergang zwischen P. 3355 und 3072 als Scheuchzerjoch ( früher Tierbergjoch, vom Oberaarfirn zum nördlich gelegenen Tierberggletscher führend ) bezeichnet, womit auch in unserer Landeskarte Johann Jakob Scheuchzer ein Denkmal gesetzt worden ist, darf er doch auch zu denjenigen Naturforschern gezählt werden, die in den Anfängen unserer Landeskartierung mitgewirkt haben; es sei nur auf seine 1712 gedruckte Schweizer Karte hingewiesen, die in der Zentralbibliothek in Zürich aufbewahrt wird, und auf die ungezählten Karten- und Ansichtsskizzen, die er entworfen hat, wie z.B. diejenige vom Gotthard ( nach Scheuchzers Angaben von J.M. Füssli gezeichnet ), die Hydrologische Karte des Gotthardmassivs ( 1705 ), die Karte von der Landschaft Toggenburg ( 1710, 1723 ), die Karte des Kantons Glarus ( 1722 ) und die Schweizer Karte ( 1712 ), die z.B. in der Schrift von Leo Weisz « Die Schweiz auf alten Landkarten » ( Zürich, NZZ, 1945 und 1971 ) zu finden sind.

Hans Fischer schliesst seinen oben erwähnten Aufsatz mit den Worten: « Scheuchzer, dem es an ausländischen Ehrungen und an der Anerkennung seiner Fachgenossen nicht fehlte, blieb trotz bescheidener Existenzverhältnisse, die sich erst etwas verbesserten, als er, ein Jahr vor seinem Tode, nach dem Ableben des alten Johannes von Muralt ( 1733 ) zum ersten Stadtarzt ( Archiater ), zum Professor der Physik und zum Chorherren vorrückte, seiner Vaterstadt treu. Eine Berufung an den Hof Peters des Grossen... lehnte er 1714 ab. Sie hätte ihm... materielle Besserstellung und grössere Freiheit für seine wissenschaftliche Tätigkeit gebracht. Hielt ihn neben der Sorge um die Familie und neben seiner leidenschaftlichen Heimatliebe vielleicht die Furcht vor jener nationalen Krankheit zurück, jener von ihm in einer besondern Schrift ,De nostalgia'behandelten Krankheit, die ,Schwei-zer Heimweh'heisst? Lag es an den Bergen, die Scheuchzer in ihrer Herrlichkeit und ihrem jungfräulichen Glanz beschrieben hat? » Wir Bergsteiger und Naturkundler - das wir ja als Alpinisten sein sollen und müssen - können verstehen, was unsere Bergwelt Johann Jakob Scheuchzer bedeutete, warum er unserer Heimat die Treue hielt. So wollen wir ihm dieses Gedenken auch in unserer Zeitschrift « Die Alpen » bewahren!

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