Josias Simler als Verfasser der „Vallesiae Descriptio und des „Commentarius de Alpibus

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als Verfasser der „Vallesiae Descriptio und des „Commentarius de Alpibus

O. Meyer von Knonau.

als Verfasser der „Vallesiae Descriptio und des „Commentarius de Alpibus Von Als vor bald einem halben Jahrhundert ein zürcherischer Historiker seinen Mitbürgern das Bild des Gelehrten, der 1574 ein Buch über das Wallis und eine Beschreibung der Alpen herausgegeben hatte, im Gedächtnisse aufzufrischen unternahm, trug er einen wahrhaft erquickenden Eindruck aus dieser Bekanntschaft mit diesem Repräsentanten der Wissenschaft des Reformationsjahrhunderts davon. Er schrieb an einen Freund, dem er seine gedruckte Arbeit zuschickte, er möchte, daß es ihm gelungen sei, in den Lesern auch ein wenig von dem Interesse zu erwecken, das in ihm wachgerufen worden sei. Allerdings habe ja Simler nicht zu den Männern ersten Ranges in seiner Zeit gezählt; indessen seien auch diejenigen des zweiten Ranges aus jener Epoche an Charakterstärke und an Arbeitsfleiß so groß gewesen, daß einzig der Umstand, daß ein Zwingli, ein Calvin, ein Bullinger die Dimensionen gewöhnlicher Art so weit hinter sich zurückließen, es bedingt habe, daß solche Männer im Reformations-jahrhundert in die zweite Linie rückten.

Josias Simler steht in der Generation, welche auf diejenige-der Träger der Reformationsbewegung in Zürich unmittelbar folgte. 1530 geboren, Anmerkung. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Sektion Uto am 12. Februar 1897. Neben der oben erwähnten Monographie von Georg v. Wyß, im „ Neujahrsblatt zum Besten des zürcherischen Waisenhauses, 18. Stück, auf das Jahr 1855 ", ist noch auf die Würdigung Simlers in dem trefflichen Buche von B. Studer, „ Geschichte der physischen Geographie der Schweiz bis 1815 ", wo auf pag. 112-116 Simler besprochen wird, hinzuweisen. Zu dem Neujahrsblatte war ein Bild Simlers beigegeben. Das umstehend reproduzierte Bild ist nicht mit jenem identisch. Es stellt den Gelehrten augenscheinlich in etwas jüngeren Jahren dar und dürfte in höherem Grade den Eindruck der hohen geistigen Begabung Simlers erwecken. Allerdings sieht auch hier der Dargestellte älter aus, als es seinem Lebensalter entsprach. Der zarte Mann muß schon früh zum Greise geworden sein.

G. Meyer von Knonau.

war er der Sohn eines aus seinem Kloster ( Kappel ) 1526 mit dem Abte und dem ganzen Konvente zur Reformation übergetretenen Mönches, der dann selbst in Kappel das Pfarramt übernommen hatte. In der durch Zwingli in Kappel geschaffenen Stiftsschule empfing der junge Josias seine erste Bildung und setzte dann in Zürich, wo ihn sein Taufpate Bullinger in sein Haus aufnahm, und ebenso in Basel und in Straßburg IOSIAS SiriLLRUSKLCLOGIÄ. PRßFE&SOKTlQURi.

seine Studien fort. Sehr vielseitig, neben seinem theologischen Hauptfach auch in der Philologie und auf mathematischem und naturwissenschaftlichem Felde wohl vorbereitet, übernahm er neben geistlichen Verrichtungen auch ein Lehramt und wurde seit 1560 einer der theologischen Lehrer am Karolinum, wo besonders die vor der Königin Maria aus England entflohenen Gelehrten ihm den vollen Beifall spendeten. Allein neben der gewissenhaften Besorgung des Lehramtes fand Simler noch Zeit für eine ausgebreitete litterarische Thätigkeit aus ganz verschiedenartigen Wissenschaftsgebieten, von denen an dieser Stelle selbstverständlich nur Leider starb Simler schon am 2. Juli 1576, tief beklagt; denn die Eigenschaften, die man schon an dem Knaben gerühmt, Fleiß und Beharrlichkeit, eine stille und sanfte Gemütsart, waren des anspruchslosen Mannes Zierden geblieben.

Simler hatte schon seit 1565 sich vorgesetzt, eine Geschichte der Eidgenossen zu schreiben, und war durch Bullingers Vermittlung mit Gilg Tschudi in Briefwechsel getreten. 1572 hatten Tschudi und Simler sich verabredet, daß der Zürcher das der Vollendung nahe gerückte große Werk des Glarners in das Lateinische übertrage, so daß Tschudis Arbeit gleichzeitig in beiden Sprachen erscheine. Allein, als nun Tschudi gleich darauf verstorben war und seine Erben der Ausführung der Verabredung sich widersetzten, mußte Simler seinen eigenen Weg weitergehen. Auf das eifrigste setzte er, in regem Austausch mit gelehrten Freunden, seine Arbeit fort, freilich wegen seiner anderweitigen Verpflichtungen nur sehr langsam. Wie alsbald zu zeigen sein wird, sollte die „ Descriptio Vallesiae " 1574 eine Ankündigung des nachfolgenden lateinischen Geschichtswerkes sein. Aber nun entschloß er sich, 1576 — also in seinem Todesjahre — als gedrängten Auszug der beabsichtigten großen Arbeit das Büchlein „ De republica Helvetiorum libri duo " erscheinen zu lassen, das in kurzer Darstellung die Geschichte und Verfassung der eidgenössischen Bünde, die politischen und gesellschaftlichen Zustände der Schweiz und ihrer einzelnen Bestandteile darbot. Wenige Bücher, die aus der Schweiz hervorgegangen sind, haben eine so enorme Verbreitung gefunden. Denn bis 1738 kam das lateinische Original noch sechsmal — darunter auch in Paris und Leyden — heraus; eine deutsche Übersetzung erschien zwölfmal, eine französische achtmal, eine holländische zweimal. Das Buch verdiente diese Aufnahme vollständig, war es doch die beste staatsrechtliche Orientierung in dem verwickelten Aufbau der alten Eidgenossenschaft.

Schon in der Vorrede, die Simler seinem in lateinischer Sprache geschriebenen Büchlein über das Wallis vorausschickte, zeigte er auf das deutlichste, was er zu bieten gedenke. Gerichtet ist dieses Vorwort an den Bischof von Sitten, Hildebrand von Riedmatten, der seit 1565 an der Spitze der Walliser Kirche und zugleich als „ Comes et Praefectus totius Vallesiae " in hochangesehener weltlicher Stellung sich befand.

Simler sagt in den Eingangsworten, er habe sich oft darüber verwundert, daß ungeachtet der hochansehnlichen Stellung der Schweizer Eidgenossen noch niemand deren Thaten in Krieg und Frieden, daneben die Beschaffenheit des Landes und seiner Einwohner, um die auswärtigen Völker darüber in das klare zu setzen, in lateinischer Sprache beschrieben habe. Es sei dies um so auffallender, da es in der letzten und der jetzigen das eine, das der historisch geographischen Schilderung, uns berührt. Zeit an unterrichteten Männern für diese Aufgabe nicht gefehlt hätte, und da ja erst kürzlich das große Werk von Johannes Stumpfl ) in deutscher Sprache an das Licht getreten sei. Simler bezeugt, daß er oft mit Fremden, Italienern, Franzosen, Deutschen, in Gesprächen gewesen sei, wo der Wunsch nach einer lateinischen Beschreibung der Eidgenossenschaft ausgesprochen wurde, auch von Deutschen, die, des Ausdruckes in der schweizerischen Mundart weniger gewohnt, es vorzögen, ein lateinisches Buch hierüber zu empfangen. So habe er sich zu einer solchen Aufgabe entschlossen, und um nun einen Vorgeschmack des größeren Werkes zu bieten, lasse er jetzt diese zwei Bücher über das Wallis hinausgehen, zumal um auch gelehrte Leute in der Schweiz zu ähnlichen Arbeiten aufzumuntern; denn gerne träte er vor anderen zurück, wenn sie etwa an seiner Stelle sich dieser Aufgabe unterziehen wollten.

Simler rühmt dann, wie ausgezeichnet Stumpf seiner Aufgabe gerecht geworden sei, und er tadelt scharf einige „ grämliche Leute ", die, selbst zu Größerem nicht fähig, an dem gewaltigen Werke herummäkeln. Er versichert, daß er eben deshalb dieses abgelöste Stück über das Wallis voraussende, um auf diesem Wege hülfreiche Mitarbeiter für sein großes Werk zu gewinnen, und so habe er zwar die Wege Stumpfs verfolgt, aber in freier Weise, besonders auch, indem er nunmehr den historischen Teil von der Erdbeschreibung des Wallis abscheide. Der Verfasser bekennt, daß er auch Sebastian Münster manches verdanke, anderes aber durch eigene Arbeit gewonnen habe. Freilich sei durch ihn der Text vor dem Drucke urteilsfähigen Männern zur Einsicht vorgelegt worden, so vor allem seinem Freunde Thomas Platter — derselbe lebte nun schon seit Jahren in Basel —, der als geborener Walliser ja ganz besonders dafür berufen war.

Im weiteren verbreitet sich die Vorrede darüber, daß die Beschreibung des Walliser Landes, möge dieses auch von Bergen rings eingeengt sein, doch einen durchaus nicht verächtlichen Stoff behandle, da schon seit den Zeiten der Ureinwohner und der Kömer die Geschichte viel Bemerkenswertes darbiete. Simler fährt dann folgendermaßen fort: „ Dazu bieten sich staunenswerte Wunder der Natur überall in der ganzen Landschaft, zumeist aber in den höchsten Gebirgen, von denen das Wallis auf allen Seiten umgürtet wird, der Betrachtung dar. Bei unseren Landsleuten freilich haben diese Dinge zumeist wegen der täglichen Gewohnheit ihren erstaunlichen Eindruck verloren; aber die fremden Leute geraten schon beim bloßen Anblick der Alpen in Verwunderung und sie halten das, was wir gemäß unserer Gewöhnung vernachlässigen, für Wunderdinge. Und wirklich ist ja auch die Kraft der Natur anzustaunen, die diese Berge zu so gewaltiger Höhe erhob, deren Gipfel mit Schneemassen während des ganzen Jahres und mit stets bleibendem Eise bedeckte, die so große Flüsse aus dem Schoß jener Berge in alle Teile der Erde ausgießt und sogar unter dem Schnee, der kaum mitten im Sommer sich auflöst, so viele und so mannigfaltige, fruchtbare, nirgends sonst bekannte Gräser und die schönsten Weiden erzeugt, die so zahlreiche hochragende Bäume emporwachsen läßt, unzählige Tiere in den Felsen und selbst mitunter im Schnee ernährt. Weil aber das ganze Schweizeiland ein Alpengebiet ist und voll von Wundern der so gearteten Natur, so habe ich das nicht in der Beschreibung des Wallis behandeln wollen, sondern in beschleunigter Arbeit noch eine eigene kleine Abhandlung über die Alpen verfaßt, in der ich vieles zur Erklärung der Stellen der alten Schriftsteller über die Alpenwege zusammengebracht und angemerkt habe, was zumeist in. den Alpen denkwürdig zu sein schien ".

Darauf wendet sich die Vorrede noch ganz besonders an den geistlichen Fürsten, dem das Buch gewidmet war, in voller Anerkennung der hervorragenden Eigenschaften des Bischofs. Simler glaubt betonen zu sollen, wie wichtig die Geschichte des Bistums Sitten für die Entwicklung des ganzen Landes Wallis gewesen sei, und dann gedenkt er zweier hervorragender Bischöfe, des Jost von Silenen im letzten und des Kardinals Matthäus Schinner in seinem eigenen Jahrhundert. Den Bischof Jost rühmt der Text, da er mit großem Fleiß und klugem Rat zwischen Herzog Sigmund von Österreich und den Eidgenossen den Frieden — es ist die sogenannte ewige Richtung des Jahres 1474 — zu stände gebracht und dadurch die Vereinigung der Kräfte zur Bekämpfung des Herzogs Karl von Burgund möglich gemacht habe. Die große Gestalt des Matthäus Schinner anerkennt er völlig; aber er verhehlt sich nicht die bedenklichen Gefahren, die aus dessen weitreichendem politischen Einflüsse erwachsen seien, so daß nahezu Eidgenossen gegen Eidgenossen im Solde verschiedener Fürsten gegen einander gekämpft hätten. Auch Silenen sei in kriegerischen Dingen hervorgetreten, und so hätten die beiden Bischöfe, Silenen und Schinner, ferne von ihrer Bischofskirche in der Verbannung den Tod gefunden. Um so mehr rühmt Simler die Friedfertigkeit der nachfolgenden Bischöfe, so des Adrian von Riedmatten, als dessen zweiter Nachfolger nun Hildebrand in ähnlicher Weise sein Amt verwalte. Simler kennt den Bischof auch als einen Freund der Wissenschaft und der Künste, und so hat er eben ihm dieses Werk zur gütigen Beurteilung in die Hand legen wollen.

Jedenfalls war es ein gutes Zeichen für die nach wildem Glaubens-krieg in den eidgenössischen Landen wieder eingetretene versöhnlichere Stimmung, daß ein theologischer Lehrer an der hohen Schule zu Zürich, der nur ein Jahr später eine Lebensbeschreibung des großen Antistes Bullinger folgen ließ und ihr einen Abriß der Geschichte der Zürcher Reformation beigab, in solcher Weise am 9. August 1574 seine Widmung an den Bischof nach Sitten richten konnte.

So beginnt nun Simlers erstes Buch: „ Über die Sitten des Volkes und die Lage des Landes, die Städte, Burgen, Gaue und die übrigen bemerkenswerten Dinge ".

Zuerst lag es nahe, den Namen des Wallis zu erklären, nach dem ringsum von Gebirgen abgeschlossenen, von einem der ansehnlichsten Flüsse Galliens durchströmten „ Thale ", dem freilich auf den schon im Sommer schwierig gangbaren Wegen in der Winterszeit jede Verbindung mit der Außenwelt — abgesehen vom Ausgange nach dem lemanischen See hin — versagt sei.

An den Bewohnern ist der große Fleiß und die ausgezeichnete Betriebsamkeit zu loben, womit sie alle irgendwie anbaufähigen Stellen des Landes in Arbeit nehmen und auf die Nutzung der Wasserläufe bedacht sind, indem sie nicht nur Wiesen und Gärten, sondern, was in der deutschen Schweiz nicht üblich sei, sogar die Weinberge bewässern. So führen sie von den höchsten Bergen das Wasser in hölzernen Rinnen über große Entfernungen hin, mit ansehnlichen Kosten und mitunter auch mit Lebensgefahr, wenn die Arbeiter, an Seilen aufgehängt, an den Flanken der nackten Felsen Einschnitte machen, um die Rinnen an den eingetriebenen Stützen befestigen zu können. Durch diese Anstrengungen wird erreicht, daß der Boden an Fruchtbarkeit keinem Nachbarlande nachsteht. Ganz voran steht an Menge und Güte der Wein, so daß er über die höchsten Berge auf Saumtieren nach der Schweiz und Italien verführt wird. Auch an Korn hat Wallis so viel eigenen Wuchs, daß es keiner Zufuhr bedarf, und zwar dauert die Ernte vom Mai bis Oktober, da in den eingepreßten Thälern und auf den kälteren Bergen die Reife zu ganz ungleicher Zeit " eintritt. So treffen die über die Berge Reisenden oft an einem und demselben Tage den Winter, den Frühling und die volle Ernte an ihrem Wege: zu oberst Eis und Schnee, tiefer prächtig blühende Weiden und an den Abhängen die Heuernte in vollem Gange, zu unterst aber im Thale den Schnitt des schon reifen Kornes. Aller Arten Früchte werden im Wallis getroffen, von dem reichlich vertretenen auch in der übrigen Schweiz gewöhnlichen Baumobst und den Nüssen, Haselnüssen, Fichten-kernen bis zu den Feigen und Mandeln und Granatäpfeln. Aus den wohlgepflegten Gärten wird besonders Safran in ansehnlicher Menge zu wesentlichem Vorteile in die benachbarten Gebiete ausgeführt. Die Fülle von Blumen nährt ein großes Volk von Bienen, so daß frischer Honig reichlich zu Gebote steht.

Die Berge selbst bieten Metalle aller Art, selbst Silber. Krystalle werden auf den höchsten Höhen teils aus der Erde gegraben, teils aus den jäh aufsteigenden Felsen, wo sie anzuheften pflegen, gesammelt: Simler hat selbst Stücke erhalten, an denen noch das Gestein haftet, aus dem sie herausgewachsen waren. Ebenso weiß er noch Näheres von den Krystallen zu sagen, daß zwischen hellen und durchsichtigen — den vorzüglichsten Exemplaren — und den etwas dunkeln, zuweilen safran-farbenen oder sonst gefärbten, die aber, wenn auch außen gleichsam verhüllt, doch im Innern rein seien, unterschieden werde; auch die Größe sei ungleich, sollen doch zuweilen bis auf vierzig und fünfzig Pfund schwere Funde gemacht werden. Dann ist von Erdharz enthaltenden Steinen oder Kohlen, „ Steinkolen " genannt, die Rede, deren bei Sitten und Siders eine große Fülle sei, ganz schwarze Steine, die Metallen gleich aus den Bergen gegraben und die, wie hier angenommen wird, gleich anderen Steinen in einen Kalkofen zusammengelegt und unter Anwendung von Feuer verbrannt und zum besten Kalk umgewandelt werden.

Besondere Erwähnung wird ferner den großen Lärchenwäldern geschenkt, aus denen Baumschwamm und vorzüglich ein Harz gesammelt wird; dieses Harzes bedienen sich, unter dem Walliser Namen „ Lertschinen ", sonst „ Glorien ", die Chirurgen statt des Terpentins. Aber auch die übrigen Waldbäume der Alpenregion kommen vor.

Von Jagdtieren fehlen Hirsch, Keh und Wildschwein. Dagegen erscheinen häufig Bären, Wölfe, Luchse, Füchse, und an Wildbret ist eine solche Fülle, daß es gleich Rindfleisch und zuweilen um geringeren Preis auf der Fleischbank verkauft wird, gleicherweise Fasanen, Rebhühner, Trappen, Schneehühner und verschiedene Arten Waldhühner, die so zahlreich wie in den lepontischen und rätischen Alpen, getroffen werden.

Von zahmen Tieren nähren die trefflichen Weiden große Viehherden, so daß die Ausfuhr von Rindvieh nach Italien ansehnlich ist. Am Rhonelauf sind Roßweiden; auch Maultiere und Esel gehen dem Lande nicht ab; Schafe werden auf die mittleren Berge getrieben, da, wo wegen der Steilheit das Rindvieh nicht zukommen kann; Ziegen werden in den an die Viehalpen und Schafweiden anstoßenden Wäldern unterhalten. So sind Butter, Milch und Käse so reichlich, wie in der Eidgenossenschaft; vorzüglich sind im Wallis die ohne Feuer aus frisch gemolkener und noch warmer Milch bereiteten Käse.

Im Wasser der Rhone leben mannigfaltige Fischarten, darunter die Forellen, die unter den Flußfischen ganz besonders gelobt werden, bis zum Gewicht von 29 und 30 Pfund. Aber auch warme Quellen sprudeln an zwei Orten hervor, welche die Ärzte und noch mehr die ganze Volksmeinung bei verschiedenartigen Krankheiten empfehlen.

Nach diesem Ausblicke auf den mannigfaltigen Reichtum an Natur-erzeugnissen kehrt die Schilderung zur Charakteristik der Landesein-wohner zurück.

Die Walliser sind nach Simlers Ansicht von starkem und zu Anstrengungen fähigem Körperbau, meist von bräunlicher Farbe, was von ihrer Arbeit unter den Strahlen der Sonne herrührt. Freilich haben viele von ihnen Kröpfe, nach gemeiniglicher Annahme durch Schuld des Wassers, was indessen nicht von allen so erklärt wird. Sebastian Münster meint, die Reichen, die am seltensten Wasser trinken, hätten nicht weniger darunter zu leiden; aber Simler ficht das an, da ja Wasser auch in alltäglich genossenen Nahrungsmitteln, im Brot und anderen Speisen, durch die Beigabe und das Kochen zur Einwirkung gelange. Zur Vergleichung werden Völker der Ostalpen herangezogen, auf die Münster selbst und auch Georg Agricola — der 1555 verstorbene Vater aller Bergwerksgelehrten, der Verfasser der „ De re metallica libri XII11, ist jedenfalls gemeint — hinweisen. Agricola hatte, ausgeführt, daß mit Metallvorräten in der Erde in Berührung stehende Wasseradern auf die menschliche Konstitution beim Genüsse dieses ihres Wassers Einfluß gewinnen, daß sie also auch die Kropf-bildung befördern können, und dabei als Beispiel das Salzburger Land genannt. Simler selbst erwähnt eine bei Flaaeh am Irchel fließende, Kröpfe erzeugende Quelle. Aber er weiß auch, daß im Wallis selbst in verschiedenen Landesteilen die Anlage zu Kropfigkeit eine ganz ungleiche sei, von zahlreichem Erscheinen bis zu fast gänzlichem Fehlen von Kröpfen. Ähnlich schrieb ihm ein Walliser Freund, es gebe in einem Landesteil viele Hinkende, im allernächstliegenden dagegen gar keine. Das führt ihn auch auf die mit der Kropfigkeit sich berührende Frage des Kretinismus. Diese im Lande „ Gouchen " genannten Unglücklichen verdienen kaum nur Menschen genannt zu werden, da sie, den wilden Tieren ähnlich, nicht mit menschlicher Speise sich nähren. Der Berichterstatter Simlers schrieb, er habe einen gesehen, der Pferdedünger, einen, der Heu verzehrte, andere, die durch den ganzen Winter nackt laufen, und andere Scheußlichkeiten mehr. So ist, im Wallis gegenüber Gebä-renden der erste Glückwunsch im Volk: „ Gott syge gelobt: das Kind wirdt kein Gouch werden ".

Zur Kleidung nehmen die Walliser grobe Wolle. Ihre Häuser sind meistens aus Holz, besonders aus Lärchenholz, das die Wirkungen der Witterung aushält und im Alter eine Härte und schwarze Farbe annimmt, daß man sich an äthiopisches Ebenholz erinnert fühlt. Die Bauart ist in Anbetracht der Landesart ziemlich kunstreich; die Dächer der Häuser sind mit Platten aus Stein, der sich dünn spalten läßt, gedeckt, um so den Feuersbrünsten zu wehren. Vollends in den Städten und ansehnlichen Flecken, die in städtischer Art angelegt sind, zeigen sich die meisten Häuser gemauert und durch angefügte Türme und Mauerzinnen zierlich, gleich Burgen, ausgeführt. Die Lebensweise ist in den einfachen ländlichen Kreisen und bei den Vornehmen eine ungleiche; prächtige Kleidung, Schmuck in Gold und Silber fehlen den Reichen nicht. Die oberen Landesteile sind ein Hirtenland; in den unteren herrschen Acker- und Weinbau vor. Wenn die Walliser auch ihre Erzeugnisse ausführen, fremde in das Land bringen, so sind sie doch kein eigentliches Handel treibendes Volk. Wohl aber sind sie insgesamt kriegerisch und freiheitsliebend, und für die Erhaltung ihrer Freiheit haben sie häufige Kriege geführt, als deren Denkzeichen im ganzen Lande zerstörte Burgen und Mauerreste gesehen werden. Wissenschaftliche Studien stehen bei ihnen im Wert, und die angesehenen Familien senden ihre Kinder häufig in fremde Länder zu ihrer Ausbildung; doch auch die Bedürftigen sagen sich davon nicht los, indem sie mit großer geistiger Beharrlichkeit, sogar in größter Armut, wenn sie von Thür zu Thür das Leben erbetteln müssen, ihren Weg fortsetzen, voll Hoffnung, zu Hause einmal im Dienste der Kirche oder des Staates Ehren und Würden zu erreichen. Die der deutschen Zunge des Oberwallis gegenüberstehende Sprache der Unterwalliser nennt Simler die „ savoyische ", die bei den Leuten selbst die „ romanische " heiße.

In den nächsten Abschnitten greift die Darstellung auf das politische Gebiet über. Die Zusammensetzung des Landes aus dem oberen Wallis — dem alten Land der Viberer und Seduner — und dem unteren, in dem früher bis nach Agaunum hinunter die Veragrer hausten, wird erwähnt; hernach ist die weitere Einteilung in Zehnten, sieben im oberen, sechs im unteren Landesteile — diese letzteren heißen auch „ Banner " nach den militärischen Zeichen — vorgeführt. Über den Ursprung des Namens Zehnten ist Simler sich nicht klar. Kirchen sind im oberen Lande dreißig, im unteren vierundzwanzig.

Dann folgt ein rascher Blick auf die Verfassung des Landes. Den Viberern und Sedunern — sagt Simler, unter Heranziehung der älteren Völkerschaftsbezeichnungen — sind die Veragrer, die Unterwalliser, unterlegen und bei diesen Kämpfen sechzehn feste Burgen von den Oberwallisern zerstört worden, so daß jetzt die oberen Zehnten den unteren gebieten und zur Rechtsprechung und Verwaltung ihre Landvögte dorthin senden. Das oberste Landeshaupt ist der Bischof von Sitten, mit seinem Titel eines „ Grafen und Präfekten des Wallisihn wählen die Domherren und Abgeordnete der sieben oberen Zehnten. An seiner Seite steht der Landeshauptmann, der auf zwei Jahre vom Bischöfe und Abgeordneten der Oberwalliser Zehnten erkoren wird. An der Spitze der Zehnten im Oberwallis stehen Meyer oder Kastellane. Zu Sitten im Schloß Majoria tritt zweimal im Jahre der Landrat zusammen, zu dem wieder jeder Zehnten zwei oder drei Abgeordnete schickt. Unter Vorsitz des Bischofs leitet der Landeshauptmann die Umfrage, und die gemeinsamen Angelegenheiten werden hier entschieden, die öffentlichen Amtspersonen erwählt; an den Landrat geht die Appellation in Rechtssachen.

Hernach erörtert der Verfasser die Beziehungen des Wallis zur Eidgenossenschaft, die seit dem fünfzehnten Jahrhundert immer bindender gewordenen Verträge mit eidgenössischen Orten, in deren engeren Kreis freilich das Land nicht getreten war, und endlich ist ein längerer Abschnitt dem bekannten, sonderbaren Walliser Brauch des „ Matzenbringens ", dieser rohen Form eines Scherbengerichtes, geschenkt. Simler meint, diese Volksgewohnheit, ein übler Auswuchs demagogischen Wesens, sei so absonderlich, daß sie vielleicht dem Leser als eine skythische Eigenart erscheinen möchte.

Im Anschluß hieran folgt in dem weiteren, viel größeren Teile des ersten Buches die zusammenhängende Schilderung des Landes, von der Rhonequelle abwärts, wieder in der Einteilung nach Viberern, Sedunern, Veragern und in der Reihenfolge der Zehnteneinteilung. Im wesentlichen schließt sich Simler an die früher in Band XIX des Jahrbuchs charakterisierte Schilderung, wie sie Stumpf in seiner Chronik gegeben hat, an; allein daneben setzt er sich mit den Geschichtschreibern und Geographen des Altertums, mit Polybius, Livius, Cäsar, dann mit Plinius, mit den Geographen Strabo und Ponponius Mela, oder mit dem Dichter Silius Italicus, mit vielen anderen noch, äußerst fleißig in kritisch-philologischen Erörterungen aus einander; Inschriften aus der römischen Zeit oder aus näherliegender Epoche werden eingeschoben. Ebenso kennt der Autor die namhafte Litteratur der letzten Zeit sehr gut, italienische Humanisten, von deutschen Werken ganz besonders den sehr oft herangezogenen Sebastian Münster. Er begnügt sich nicht damit, im Hauptthale den Ortschaften, den kirchlichen und anderweitigen noch aufrecht stehenden oder zerstört liegenden Monumenten nachzugehen; sondern er blickt auch in die Seitenthäler hinein, wo er dann freilich mitunter sich irrt, mehrfach zu kurze Distanzen über die Länge dieser Thäler angiebt. Nicht minder sind mit großem Fleiße die Pässe angemerkt, welche das Wallis mit den Nachbarländern, sei es nach Italien hin, oder über die Berner Alpen, verbinden. Die frühere historische Zugehörigkeit einzelner Landesteile, die Zeit des Loskaufs aus der Herrschaft von Dynastengeschlechtern sind angegeben, und an geeigneter Stelle verbreitet sich der Text über die Geschichte solcher Häuser, so über diejenige der Freiherren von Raron, oder es ist bei der Landeshauptstadt in eingehenderer Weise der Entwicklung des Bistums, bei Octodurum und bei St. Maurice der thebäischen Legion gedacht. Simler vergißt nicht, wenn er den Geburtsort eines namhaften Wallisers erreicht, bei dem Manne zu verweilen, so in Mühlibach bei Matthäus Schinner, in Glis bei Georg Supersax, und er erwähnt, daß er von den auf der gemalten Tafel in der dortigen Kirche neben Vater und Mutter dargestellten dreiundzwanzig Kindern einen Nachkommen, einen ansehnlichen Mann, der auch Georg heiße, selbst von Angesicht in Zürich kennen gelernt habe. Bei Grächen vergißt er nicht, den von dort gebürtigen Thomas Platter und dessen Sohn, den berühmten Arzt in Basel, Felix, oder den Verwandten Platters, Simon Steiner oder Lithonius, der in Straßburg Lehrer geworden war, zu nennen.

Ein paar Abschnitte mögen zeigen, wie Simler seiner Aufgabe gerecht zu werden suchte.

Gleich im Beginne interessiert sich der Verfasser lebhaft für die Quellen der Rhone, indem er dabei die Angaben älterer Schriftsteller richtig stellt, und dann folgt er dem Laufe abwärts bis zur Mündung. Da übergeht er auch die eigentümliche Ansicht früherer Schriftwerke nicht, daß der Fluß im Genfersee seinen geschlossenen Lauf beibehalte, eine Vermutung, die ja allerdings durch die wilde Wellenbewegung im Seebecken — la Battaglière — unterstützt wird. Aber er weiß und belegt das mit den Beispielen zahlreicher anderer Flüsse, daß vielmehr die mit großem Ungestüm in Seen eintretenden Gebirgsströme eine Besänf-tigung bei der Mischung mit dem Seewasser erfahren. Allein auch die Nebenflüsse der Rhone werden keineswegs vergessen, und so ist beispielsweise die Massa hervorgehoben, „ der Fluß, der die Leute von Mörel von denjenigen von Brieg scheidet und aus den Bergen von Aletsch entspringt, beim Flüssigwerden der Schneemassen im Sommer anwächst und stürmisch und ungestüm daherkommt, sowie fast alle Gewässer dieser Gegend, so daß er nicht bequem überschritten werden kann, sondern nahe an seiner Mündung mit einer steinernen Brücke überspannt wird ".

Mehr giebt wieder die unterhalb Glis im Gamser Feld von Süden an die Rhone stoßende Mauer Simler zu sprechen, von wem und zu welcher Zeit diese Befestigung angelegt worden sei, ob von den Römern oder durch die Viberer, deren Grenze hier gegenüber den Sedunern gewesen sei.

Von Visp, dessen ansehnliche Gebäude zu weiteren Ausführungen Anlaß geben, blickt Simler in das Matterthal hinein: „ Das Matterthal fängt vom Berge Sylvius an, über welchen hin der Weg zu den Salassern und in das Thal Ajaz geht und in dasjenige, welches die Unsrigen „ das Kremerthal " nennen, weil dessen Bewohner, Waren verschiedener Art mit sich herumtragend, durch mannigfache Länder umherschweifen; auf diesem Wege ist der Marsch auf die Länge von einigen Tausend Schritt über altes Eis zurückzulegen ".

Länger verweilt die Schilderung beim Leuker Zehnten, weil hier die äußerst heilsamen Bäder bei den warmen Quellen in dem nach den Bädern genannten Thale von hohem Rufe sind. In den anmutigsten Wiesen entspringen nicht weit aus einander die drei Brunnen, von denen der reichste von den zum Gebrauch der Badenden angelegten Herbergen umgeben ist. Acht Becken, mit Stein belegt und von mit Gips übertünchten Wänden umgeben, dienen für den Gebrauch der Badenden; das Wasser dieser Quelle ist so reich, daß die Hälfte auf die öffentliche Straße fließt. Die zweite, etwas entferntere Quelle wird von den Aussätzigen benutzt. Des dritten Brunnens bedienen sich die Gäste, die ein leichteres Wasser notwendig haben, nachdem ihre Haut infolge des Badens eine Reizung erfahren hat. Aber nur zweihundert Schritt von dieser Quelle sprudeln äußerst kalte Wasser, deren stärkstes bloß vom Mai bis zum September fließt und deswegen Quelle der heiligen Jungfrau heißt, weil das Wasser vom Marienfeste im ersten Monat bis zu demjenigen im September dauert. Die Landeskundigen leiten diese Erscheinung davon ab, daß die Schneeschmelze auf den Alpen ebenso lange dauere. Die warmen Quellen aber fließen immer und sind so heiß, daß sie eine hineingeworfene Henne ent-fiedern und Eier kochen können. Das Wasser selbst ist meist klar und hell, wechselt aber zeitweise häufig die Farbe; es ist geruchlos; Kupfer und Erz sollen ihm beigemischt sein. Dann werden die zahlreichen Krankheiten aufgezählt, denen die Quellen Heilung bringen. Die Herbergen freilich sind nach Landesart durchaus schmucklos; dagegen ist die Verpflegung entsprechend dem Eeichtume des Landes sehr reichlich und selbst nicht ohne Leckerbissen. Dabei ist die Luft so heilsam und auch in der Zeit der größten Sommerhitze angenehm, daß sogar die einfachsten Wohnungen allen Anwesenden erwünscht erscheinen. Erst im vorangegangenen Jahrhundert hatte Bischof Jost von Silenen für sich an diesem Orte eigene Badanlagen errichtet und mehrere Absteigequartiere erneuert, auch zuerst ein der heiligen Barbara geweihtes Gotteshaus erbaut. So gebrauchen nun nicht bloß die Walliser, sondern auch die Nachbarn aus Savoyen und der Schweiz diese Bäder, und die Zahl der Besucher wäre noch größer, wenn nicht der jähe, enge und schlüpfrige Weg über die Gemmi manche ferne hielte- Simler bringt nun hier eine jener auch bei ihm nicht seltenen naiven Ableitungen von Ortsbezeichnungen; denn es scheint ihm nicht übel, den Namen Gemmi von „ gemitus " abzuleiten, weil eben viele über diesen Berg Reisende wegen der Anstrengung und Gefahr keuchen und stöhnen ( ingemiscant ). Im Winter freilich ist der Paß vollends ganz ungangbar.

Hier im mittleren Teile des Wallis wird nun auch der Wechsel der Sprache hervorgehoben, daß unterhalb die „ Gallica lingua " einsetze, freilich so, daß in den größeren Orten, Leuk, Siders, Sitten, bei den ein wenig ansehnlicheren Leuten beide Sprachen im Gebrauche seien; dagegen erscheine auf dem Lande die Bauernsprache im romanischen Gebiete so barbarisch, daß sie von einem Franzosen kaum verstanden werde. In einem späteren Zusammenhang kommt dann Simler noch einmal auf die Sprachenfrage zurück und gedenkt dann da auch der jenseits der Walliser Grenze auf dem Boden Italiens gerade in den obersten Alpenthälern und zunächst den Gebirgspässen ansässigen deutschredenden Leute. Nur erkennt er dieselben nicht als das, was sie sind, nämlich als aus dem Wallis in späterer Zeit hervorgegangene Aussendlinge Jvielmehr meint er, es seien Überreste der ältesten Einwohner, die bei den späteren Verschiebungen in ihren Sitzen zurückgeblieben seien, als Beschützer der Pässe und als Wegweiser über die Berge, weil kein Teil der Einwanderer auf diese rauhen Gebiete habe greifen wollen.

Bei Sitten rühmt die Beschreibung selbstverständlich die merkwürdige Lage der Stadt, die Schlösser, welche sie überragen; dann widmet sie, wie schon gesagt, einen breiteren Raum den Plätzen Martigny und St. Maurice, und an dem letzteren Orte übergeht der Text auch nicht eine auffällige Mitteilung, die dem Autor von ernsten und durchaus nicht abergläubischen Männern gemacht worden sei. Diese wollten nämlich von Augenzeugen vernommen haben, daß im Fischteiche des Klosters, entsprechend der Zahl der Brüder, Fische gehalten würden, die mit bestimmten Zeichen versehen seien, und wenn einer von diesen Fischen sterbe, so folge ihm binnen kurzer Zeit einer der Brüder nach, und es sei durchaus das sicherste Zeichen für den Tod eines Klosterangehörigen, wenn ein toter Fisch in dem Wasserbecken erscheine. Andere freilich wollten diese Erzählung nicht glauben und sagten, es seien in den Fisch-behältnissen von St. Maurice keine anderen Fische, als die aus dem Rhonewasser dorthin gesetzten Forellen.

Dazwischen hinaus ist auch ein Abstecher durch das Dransethal nach dem Großen St. Bernhard gemacht und des auf der Höhe des Passes den Reisenden dienenden Hospitiums gedacht. Die Brüder dieses klösterlichen Hauses werden wegen ihrer großen Barmherzigkeit lebhaft gerühmt. Jeden Tag gehen sie den Reisenden auf beiden Seiten des Berges entgegen, bringen den Ermüdeten Speise und Trank, weisen ihnen den Weg und sind überhaupt bei der Übersteigung des Bergjoches hülfreich. Den Armen bieten sie den Lebensunterhalt ohne Kosten; die Vermöglicheren geben nach ihrem Gutdünken ein Geschenk. Die Gestorbenen werden, weil es an dieser Stelle kein Erdreich gebe, in eine sehr tiefe Grube im herausgebrochenen Eise gelegt, die ihnen zur Bestattung dient. Über die Zeit der Gründung des Hauses hat der Verfasser nichts erfahren; aber er bezweifelt nicht, daß sich hier ursprünglich ein Haus für den Gebrauch der Fremden befunden habe, das dann in ein Kloster umgewandelt worden sei.

Gleich nach der Schilderung von St. Maurice betitelt Simler den nächsten Unterabschnitt: „ Straßen außerhalb des Wallis ", und er verfolgt dann die Wege teils nach der Schweiz hinaus, teils nach Genf und weiter, wie sie am lemanischen See sich trennen. Dann geht er, weil das gleich unterhalb Agaunum beginnende nantuatische Land von den savoyischen Fürsten größtenteils beherrscht werde, am Schlüsse des ersten BuchesIch verweise auf meinen Aufsatz im Jahrbuch S.A.C. X, pag. 525 — 530.

kurz auf die Geschichte und Geschlechtsfolge der Herzoge von Savoyen über ' ).

Das zweite Buch der Beschreibung des Wallis verbreitet sich über dessen Geschichte.

Diese historische Erzählung setzt in eingehender Weise mit den aus Julius Cäsars Geschichtserzählung bekannten Ereignissen bei der Unterwerfung des Wallis durch die Römer ein. Beim Übertritt in die christlichen Zeiten stellt sich neben dem Bistum Sitten notwendigerweise wieder das Kloster St. Maurice in den Vordergrund. Die Zeiträume des ersten und des zweiten burgundischen Reiches kommen zur Behandlung, dazwischen allerlei andere Dinge. So zieht Simler infolge eines Lesefehlers in einem Ortsnamen des Berichtes der Annalen des Lambert von Hersfeld — der Name wird auf Vivis ( Vevey ) gedeutet — auch die winterliche Alpenreise Heinrichs IV. zu Gregor VII. nach Canossa in das Wallis hinein. Dann mischen sich in die Bistumsgeschichte abwechselnd die Beziehungen zu Savoyen, zu Bern, zu den Eidgenossen ein, und in raschem Gange eilt die Erzählung weiter zu jenen Bischöfen, die Simler stets am meisten interessieren, zu Jost von Silenen und zu Matthäus Schinner, bei welchem letzteren insbesondere er länger verweilt. Was seit Schinner folgte, ist nur ganz kurz behandelt. Die vier Bischöfe bis auf Hildebrand von Riedmatten, der auch hier wieder genugsam gelobt wird, werden vorgeführt, und die Bemerkung ist nicht vergessen, daß nun endlich auch jene Streitposaune der Matze mit Hülfe eidgenössischer Boten unter allgemeiner Zustimmung endgültig begraben worden sei. Es entspricht dem irenischen Wesen des Zürcher Gelehrten, daß er in seinem dem Bischöfe gewidmeten Buche mit keinem Worte von der konfessionellen Trennung redet. So gedenkt er des Bündnisses der Walliser mit den sieben eidgenössischen Orten; aber es wird nicht gesagt, daß dieser Vertrag von 1533, wie er eben mit den sieben katholischen Regierungen geschlossen wurde, einen ausgesprochen konfessionellen Charakter an sich trage. Noch weniger ist es im leisesten angedeutet, daß bis auf Simlers eigene Zeit, gerade in den Jahren, wo sein Buch erschien, zumeist durch den Einfluß Berns, zur schweren Bekümmernis der katholischen Eidgenossen, die Walliser der neuen Lehre bei sich in solchem Umfange Aufnahme gestattet hatten, daß die Religionszustände den Eindruck eines paritätischen Landes erweckten. Simler war eben durch und durch ein Mann des Friedens, und Josias Sinûer.

so schließt er auch mit einem frommen Friedenswunsche. Er sagt, das Wallis sei durch Gottes Hülfe und durch die treffliche Sorge des Bischofs Hildebrand zum Frieden gebracht worden: „ Wir unterdessen, laßt uns zu Gott beten, daß er auch anderen Ländern den lange vermißten Frieden zurückgebe und ihn den Ländern, die jetzt desselben genießen, erhalte".Die zweite Hälfte des Bändchens ist durch den „ Commentarius de Alpibus " angefüllt.

Die Vorrede, durch die der Verfasser die Aufmerksamkeit auf den von ihm bearbeiteten Stoff lenken will, ist nun allerdings teilweise im Gedankengang, sowie mehrfach in den Worten, einem etwas älteren Werke, dem 1541 erschienenen Büchlein des großen Zürcher Naturforschers Konrad Gesner, betitelt: „ De lacte et operibus lactariis ", entnommen, nämlich der an den Landschreiber Jakob Vogel, latinisiert Avienus, in Glarus gerichteten Widmung. Indessen ist, was da Simler selbst sagt oder seinem berühmten Vorgänger entnimmt, so ausdrücklich bezeichnend für die in der schweizerischen Gelehrtenwelt damals gültigen Auffassungen über das Hochgebirge und die Beziehungen des Menschen zu demselben, daß es sich wohl lohnt, hier diese Einleitung in ihren wesentlichen Gedanken kurz vorzuführen.

Simler beginnt mit der Frage, wie es wohl komme, daß, während doch in allen Teilen der Erde Ebenen und Berge dem Auge begegnen, doch die staunenswerte Erhebung der Gebirge die Bewunderung eher für sich gewinnt, als der Eindruck der weit sich dehnenden Flächen. Aber das muß schon vor uralten Zeiten der Fall gewesen sein, weil die alten Völker die erhabenen Stätten als die der Verehrung der Götter geeignetsten Plätze erachtet haben. Das gilt von den Stammvätern von Israel, die ihren Gott auf den Bergen verehrten, bis er dann selbst sich am Berge Sinai in seiner Gesetzgebung offenbarte. Aber auch die Heiden-völker, deren Dichter die Naturbetrachtung in Fabeln eingekleidet den Nachkommen überlieferten, haben Berggottheiten sich ausgedacht und die Gebirge mit mannigfaltigen derartigen Wesen, Satyrn, Panen, Oreaden, Nymphen, bevölkert. Doch auf die höchsten Berge setzten sie ihre höchsten Götter, Jupiter auf den Olymp, und überall, Parnassos, Helikon, Cythäron, sind Gebirge die Sitze solcher heiligen Götterdienste gewesen. Ohne Zweifel sollten in diesen Geschichten die Werke und Kräfte der Natur, die am größten in den Bergen erscheinen, zur Vorstellung gelangen. Aber auch wir sollen die erhabenen Gebirge als der wichtigen Betrachtung würdig erachten. Denn wohin man sich im Gebirge wendet, drängt sich vieles allen Sinnen auf, was den Geist anregt und ergötzt. Schon der bloße Anblick der seit den längsten Zeiten aufgetürmten gewaltigen Massen erregt die Bewunderung darüber, auf welchen Grundfesten der enorme Bau ruhe. Oder wenn man den einzelnen Teilen sich zuwendet, da fesseln die abgerissenen Wände oder die unermeßlichen Felsen, die hängenden Klippen, die seit Jahrhunderten den Einsturz drohen, die tiefen und unzugänglichen Risse, die weiten Höhlen, das verhärtete Eis vieler Jahrhunderte das Auge des Betrachtenden. Oder man wendet sich zu den Quellen und Strömen, den großen Seen oder zu den unbegrenzter » vielfachen Gattungen der Pflanzen, den mannigfaltigen Erscheinungen von Tieren, die im Gebirge alle ihren Ursprung haben, aus demselben sich nähren. Wenn das jedoch für alle Berge gilt, wie viel mehr noch für die Alpen, die höchsten Berge Europas.

Der Verfasser fährt fort, daß er solches oft bei sich überdacht und oft die Augen an dem erfreulichen Anblick der Berge geweidet habe, au » denen jeden Tag die sichersten Anzeichen des hellen Himmels oder der Stürme gewonnen werden können, und so sei er darauf gekommen, daß es wohl der Mühe wert wäre, in einem eigenen Buche zusammenzufassen, was er über die Alpen als denkwürdig sei es aus den Büchern glaubwürdiger Darsteller gesammelt oder von sicheren Zeugen gehört oder auch selbst gesehen habe. Dabei wollte er nicht in der Natur verborgen liegende Dinge aufsuchen, sondern gleich einem Geschichtschreiber in der Reihenfolge die Dinge selbst erwähnen, nur etwa hie und da, was von anderen in unklarer Weise oder auch falsch vorgebracht worden sei, erörtern. Simler weist dabei auch wieder auf sein großes, erst noch in Aussicht genommenes Werk hin. Wenn er nämlich schon jetzt die allgemeine Schilderung der alpinen Welt gebracht haben wird, kann er später, wo er die einzelnen Teile der Schweizer Alpen zu beschreiben gedenkt, sich kürzer fassen und vieler Wiederholungen entschlagen.

Es kann hier, ganz abgesehen davon, daß ja manches gar nicht Simlers Eigentum, sondern von anderwärts entnommen ist, nur von einer ganz kurzen Vorstellung dessen, was der gelehrte Zürcher an Wissens-würdigem zusammengedrängt hat, die Rede sein.

Das Buch beginnt mit einer Ausführung über den Namen der Alpen und die Ausdehnung desselben bei alten und mittelalterlichen Autoren. Dann kommt er auf die Länge, Breite und Höhe der Alpen zu sprechen und stützt sich dabei wieder wesentlich auf die klassischen Autoren. Dabei schwankt er, ob er dem Monte Viso oder den lepontischen oder den rätischen oder den Walliser Alpen den Preis der höchsten Erhebung zuweisen solle; den lepontischen Alpen, dem Knoten des Gotthard-Ge-birges, geben manche Schriftsteller den Vorzug, weil von hier so viele große Ströme ausgehen. In einem weiteren Kapitel knüpft Simler an die Beschreibung an, die ein Dichter des ersten Jahrhunderts der römischen Kaiserzeit, Silius Italicus, in seinen „ Punica " von den Gefahren der Alpen bringt, im Zusammenhang damit, daß da vom Zuge Hannibals gesprochen werden mußte. Es ist hier von der Beschaffenheit der höchsten Erhebungen, von Pässen und Gipfeln näher die Rede, und dabei kennt der Autor den Unterschied von Firn und Gletscher, nämlich älterem verhärtetem Schnee und wirklichem Eise. Hernach geht Simler den ältesten, historisch bekannten Überschreitungen der Alpen nach und erörtert in einem eingehenden Exkurse den Hannibalszug; er läßt den Punier entweder über den Mont Cenis oder über den Mont Genèvre ziehen, oder das Heer habe beide Pässe zugleich benutzt. Im weiteren folgt die Schilderung der ganzen Alpen, von West nach Ost, von den Seealpen bis zu den julischen und carnischen, und überall fügt er die Angaben über die Pässe, auch aus den Itinerarien der römischen Kaiserzeit, ein. Daran schließt sich, wieder im Anschlüsse an klassische Zeugnisse, eine Ausführung über die Schwierigkeiten und Gefahren bei Begehung der Alpenwege, wobei der Lawinen einläßlich gedacht wird. Die Aufzählung der Alpenvölker schließt sich an die Inschrift des großen Monumentes, das dem Kaiser Augustus auf der Alpenhöhe hoch über dem Mittelmeere — am Tropäon Augusti, dem heutigen La Turbia oberhalb Monaco — gesetzt wurde. Endlich folgen noch Abschnitte über die alpinischen Gewässer, wo unter den Bergseen selbstverständlich der Pilatussee seinen breiten Raum einnimmt, über Krystalle und Metalle, wobei allerdings auch eigentümliche Behauptungen sich einstellen. So sollen die Bergquellen durch unterirdische Rinnen unmittelbar aus den Gewässern des Meeres gespeist werden, wobei der Salzgehalt auf dem langen Zwischenwege verloren gehe: nur so lasse sich der große Wasserreichtum, daß z.B. vom St. Gotthard-Gebirge sieben Ströme ausgehen, erklären. Mit den Bäumen, den Nutzkräutern und anderen Pflanzen, dann mit den Tieren der Alpen beschäftigen sich die letzten Abteilungen, und zumeist sind da auch die im Lande gebräuchlichen Namen beigefügt. Ganz am Schlüsse führt Simler für alle Alpentiere das große Werk des Konrad Gesner dankbar an, unter Aufforderung an den Leser, dort das weitere an Belehrung sich zu holen.

Wie am Anfang des ganzen Werkes, in dessen Widmung, der Bischof von Sitten vorangestellt wurde, so kommt nun am Schlüsse noch der Vorsteher des zweiten uralt ehrwürdigen Stiftes, der Abt von St. Maurice, Martin, der seit 1572 gewählt war, zur Geltung. Denn an ihn ist die Vorrede in Form eines Briefes, der dem „ Appendix " vorausgestellt ist, gerichtet. In ähnlicher Weise, wie früher der Bischof, wird jetzt der Abt von dem Autor, der in bescheidensten Worten über sein Buch spricht, um Ergänzungen zu demselben gebeten.

Dieser „ Anhang " enthält drei Stücke, von denen das dritte am meisten Beziehungen zu dem Inhalt des Hauptwerkes aufweist1 ). Es ist eine Zusammenstellung des Kaspar Collinus, Apothekers in Sitten, über die Thermen und Heilquellen im Wallis, die einst für ein größeres Sammelwerk Konrad Gesners über die Schweizer Heilquellen verfaßt, dann aber wegen Gesners und Collinus'Tode ungedruckt geblieben war; Simlers Freund, der Arzt Kaspar Wolf, hatte ihm jetzt aus seiner Bibliothek den Text mitgeteilt. Die Hauptstelle nehmen natürlich die Leuker Quellen ein; dann aber folgen Thermen bei Brieg, im Visper Zehnten, und weiter geht die Schilderung auch über die Grenzen des Wallis hinaus, in das Waadtland, bis Yverdon, nach Thonon in Savoyen. Bemerkenswert ist, daß neben den Heilkräften dieser Wasser sich auch da und dort angegeben findet, in welchen Fällen sie schädlich wirken können. In einer Reihe von Distichen sind am Ende noch allgemeine Baderegeln beigefügt.

Zu einem urteil über den Wert der Arbeiten Simlers in der ganzen Reihe dessen, was für die schweizerische Erdbeschreibung im Laufe der Jahrhunderte geschehen ist, war am allerbesten der Forscher befähigt, der die Geschichte der physischen Geographie der Schweiz von den ältesten Zeiten bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein geschrieben hat. Bernhard Studer stellt in gewissenhafter Vergleichung der Resultate Simlers mit denjenigen der anderen auf ähnlichem Gebiete arbeitenden Schriftsteller des Zeitalters der Reformation folgendes fest: „ Als ein selbständiger Bearbeiter der schweizerischen Landeskenntnis, wie Tschudi oder Gesner, kann Simler nicht betrachtet werden. Das philologische Interesse ist bei ihm vorherrschend, und die Thatsachen sind aus den alten Schriftstellern oder aus Stumpf, Münster und anderen zusammengetragen. Aber durch gute Auswahl des Stoffes, durch übersichtliche, elegante Darstellung und eingestreute eigene, meist richtige und gesunde Urteile haben diese Arbeiten vieles zur Verbreitung besserer Kenntnisse über die Alpen und größeren Eifers zu ihrem Studium beigetragen, und selbst in unserer Zeit haben sie ihren Wert keineswegs verloren ".

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