Jungadler im Fokus der Wissenschaft Besenderung eines Jungadlers im Averstal

Wie Steinadler ihre Jugendjahre verbringen, war bislang kaum bekannt. Um ihnen auf die Spur zu kommen, werden im Kanton Graubünden seit vier Jahren Jungadler besendert – im Rahmen eines länderübergreifenden Forschungsprojekts.

Senkrecht fällt die Felswand ins karge Wiesland ab. Nur gut, ist Geni Ballat Wildhüter und Bergführer in Personalunion. Behutsam seilt er sich vom oberen Wandende zum Adlerhorst ab, der im bündnerischen Hochtal Avers unter einem imposanten Felsvorsprung thront. Seine Aufgabe ist es, den Jungadler zu ergreifen und ihn für den Transport vorzubereiten. Dies ist kein leichtes Unterfangen. Handschuhe schützen Geni Ballat vor den scharfen Krallen des Greifvogels. Um zu verhindern, dass der Jungspund plötzlich aus dem Horst springt, fixiert ihn der Wildhüter mit einem Kescher und hüllt ihn in ein Falkenhemd.

Zwar sei der Adler ein wenig an den Nestrand gerückt, habe sich aber kaum gegen die vorübergehende Freiheitsberaubung gewehrt, sagt Geni Ballat später mit einem Augenzwinkern. Der Wildhüter aus Parsonz gilt als Routinier, hat er doch schon bei fünf Besenderungen und 25 Beringungen von Jungadlern mitgewirkt. «Ich hab ihn!», meldet er über Funk - und schon wird die fragile Fracht vom Besenderungsteam über einen Seilzug auf sicheres Terrain emporgehievt.

Besenderung erfordert Feingefühl und Fachwissen

Das Team setzt sich aus dem ortskundigen Wildhüter Simon Jäger sowie den drei Protagonisten des Projekts, David Jenny von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, Kamran Safi vom Max-Planck-Institut in Radolfzell und Julia Hatzl, Doktorandin in Biologie, zusammen. Der ETH-Student Michel Schmidlin dokumentiert die Besenderung, und die einheimische Vogelkundlerin Elsi Dettli überwacht die Aktion von der anderen Talseite aus mit einem Fernrohr. Mit einer Hängewaage wird vorab das Gewicht des Jungadlers bestimmt. Dann wird er vom Textil befreit, um ihn gehörig auf das Vorhandensein von Parasiten zu untersuchen. «Kräftiges Weibchen, gut 50 Tage alt», gibt David Jenny zu Protokoll.

Für die genetische Geschlechtsbestimmung muss der halbwüchsige Vogel sogar ein paar Federn lassen. Jeder Handgriff sitzt, mit dem Tier wird achtsam umgegangen. Kein Zweifel, hier ist ein eingespieltes Team am Werk. Dem Jungadler ist inzwischen eine Falkenhaube aufgesetzt worden, was ihm das Aussehen eines Rieseninsekts verleiht. «Die Haube ist ein bewährtes Mittel, um dem Tier unnötigen Stress zu ersparen», begründet Biologin Julia Hatzl diese Massnahme. Erst nach erfolgter Beringung wird dem Adler der Miniaturpeilsender am Rücken befestigt.

Dies ist der Knackpunkt der Aktion, der keine Fehler verzeiht. «Da das noch zu erwartende Wachstum des Jungvogels berücksichtigt werden muss, darf die Befestigungsleine nicht zu straff angezogen werden», sagt David Jenny. «Sitzt die Leine jedoch zu locker, kann der Datenlogger abfallen.»

Obwohl es im Kanton Graubünden seit bald 20 Jahren ein Steinadlermonitoring gibt, weiss man über Wanderbewegungen und Überlebensraten von Jungadlern wenig. Im Forschungsprojekt «Ausbreitungsökologie alpiner Steinadler» der Vogelwarte Sempach in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden und dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell (D) rücken die Steinadler bis zu deren Geschlechtsreife in den Fokus der Wissenschaft. Projektziel ist es, in Graubünden insgesamt 30 bis 35 Jungadler zu besendern. «Interessant für uns Forscher ist beispielsweise, wann Jungtiere ihr elterliches Revier definitiv verlassen und auf sich allein gestellt den Alpenraum durchstreifen», sagt Projektleiter David Jenny.

Über 60 besenderte Tiere liefern Daten

Dank solarbetriebenen Peilsendern können die Bewegungsmuster der Jungadler über Jahre hinweg in einer Onlinedatenbank erfasst werden. «Die Logger übertragen GPS-Ortungen sowie Beschleunigungsdaten», weiss Kamran Safi vom Max-Planck-Institut, der für die länderübergreifende Kooperation zuständig ist. Bis anhin liefern 33 in Graubünden besenderte Tiere Daten von ihren zum Teil ausgedehnten Rundflügen. «Zählt man die zusätzlich besenderten Steinadler in Deutschland, Italien, Österreich und Slowenien hinzu, sind es gar 61 Tiere», so Kamran Safi. Mit 33 Besenderungen steht das Bündner Projekt kurz vor dem Abschluss. «Es laufen jedoch Abklärungen, ob in Graubünden in Zusammenarbeit mit den europäischen Partnerorganisationen weiterhin auf kleiner Flamme besendert werden soll», sagt David Jenny. Doch vorerst gelte es, die umfangreichen Datensätze auszuwerten, unter anderem auch im Rahmen einer Dissertation von Julia Hatzl.

Erste Erkenntnisse liegen bereits vor: So verabschieden sich Jungadler in der Regel erst kurz vor Brutbeginn des Elternpaars im Folgejahr vom elterlichen Revier, was später ist als erwartet. Bis dahin werden die Halbwüchsigen auf ihren Bettelflügen noch von den Altvögeln mit Nahrung versorgt. Schon als einjährige Vögel bewohnen die Teenageradler während der Sommermonate eigene «Home ranges», die vergleichbar sind mit den späteren Brutpaarterritorien. Sie halten sich dort oft gemeinsam mit Altersgenossen «geklumpt» auf. Noch im Bettelflug unternehmen die jungen Adler bis zu elftägige Exkursionen in Regionen weit weg vom elterlichen Revier, um danach wieder zurückzukehren. Bekannt war bereits, dass sich Steinadler erst nach dem vierten Lebensjahr auf Partnersuche begeben und dann versuchen, ein neues Revier zu belegen.

Artenschutz nicht vernachlässigen

Als einziger grosser Beutegreifer in der Schweiz hat der Steinadler die Zeiten rücksichtsloser Verfolgung überstanden. Nach einem gnadenlosen Ausrottungsfeldzug, der um 1900 seinen Höhepunkt erreicht hatte, konnte sich der Adlerbestand dank Schutzbestimmungen landesweit erholen. Heute brüten im Schweizer Alpenraum rund 350 Paare, ein gutes Drittel davon in Graubünden. «Praktisch alle geeigneten Reviere sind besetzt», sagt David Jenny, «und der hohe Konkurrenzdruck durch Jungadler sorgt für eine natürliche Regulation.»

Die «verderblichen Räuber» von einst sind wieder zu «Königen der Lüfte» geworden. Trotzdem dürfe man den Schutz des Steinadlers keinesfalls vernachlässigen, gibt Jenny zu bedenken. Es gebe kaum Tierarten, die empfindlicher auf Eingriffe und Störungen reagieren als der Adler. Hinzu komme auch die geringe Nachwuchsrate von durchschnittlich einem Jungvogel alle drei Jahre. Aufgrund der hohen Revierdichte kämen heftige Luftkämpfe zwischen Artgenossen hinzu, die ab und zu tödlich enden würden. So sterbe schätzungsweise mehr als die Hälfte der Steinadler bereits vor der Geschlechtsreife.

Unser halbwüchsiger Adler sitzt nun wieder dösend im Horst unter dem grossen Felsüberhang – so, als wäre nichts gewesen. Nur der Minisender mit einer kleinen Antenne, der sich auf seinem Rücken vom Federkleid abhebt, lässt auf das Geschehene schliessen. Gespannt werden die Forscher in den nächsten Tagen und Wochen auf die ersten Peilsignale warten. Zuerst werden wohl nur stationäre Punktwolken auf dem Display zu erkennen sein, bevor sich dann blaue Linien wie Spinnfäden über die digitale Karte des Alpenbogens ziehen, die Aufschluss über die ausgedehnten Streifzüge des gewandten Fliegers geben.

Steckbrief Steinadler

Flügelspannweite: bis zu 230 cm

Länge: bis zu 88 cm

Gewicht: bis zu 6,7 kg

Höchstalter (Europa): 32 Jahre

Nahrung: Säuger, Vögel, Aas

Lebensraum: Gebirge

Brutort: Felsnischen, Bäume

Zugverhalten: Standvogel

Jahresbruten: 1

Gelegegrösse: 1–2

Nestlingsdauer: 74–80 Tage

Rote Liste CH: verletzlich

Quelle: Schweizerische Vogelwarte Sempach

Animal-Tracker-App

Wer will, kann die Routen der besenderten Jungadler mit der vom Max-Planck-Institut herausgegebenen App Animal Tracker beinahe in Echtzeit verfolgen und den Forschern zudem Beobachtungen vor Ort melden.

Bemerkung: Um den Standort der Brutplätze nicht zu verraten, werden auf der App die Flugbewegungen der Adler erst öffentlich geschaltet, wenn die Tiere ihr Heimatrevier definitiv verlassen haben. Da dies bei dem im Avers besenderten Jungadler noch nicht der Fall war, bilden wir hier exemplarisch den Track eines Adlers ab, der bereits im Jahr 2019 besendert wurde. Abgebildet sind die Flugbewegungen zwischen März und Juni 2020. Bis im März 2021 legte der Jungadler insgesamt über 4886 Kilometer zurück und reiste durch fünf Länder.

Begeistert zeigten sich Solothurner Vogelschützer, als sie im Jahr 2009 unter einem grossen Felsvorsprung einen Adlerhorst entdeckten und in der Folge die Entwicklung eines Nestlings mitverfolgen konnten. Dies war der erste Nachweis einer Steinadlerbrut im Schweizer Jura seit über 150 Jahren. Im französischen Südjura flog bereits 15 Jahre zuvor ein Jungadler aus.

Im Jahr 2014 setzte der «König der Lüfte» seine Rückeroberung des Jurabogens mit einer erfolgreichen Brut im Berner Jura fort, und im Sommer 2020 verliess ein junger Steinadler im neuenburgischen Val de Travers seinen Horst. Dass der majestätische Greifvogel zunehmend auch den Jura besiedelt, weist auf eine insgesamt vitale Steinadlerpopulation hin.

In den Alpen sind die meisten geeigneten Habitate besetzt, im Jurabogen gibt es hingegen noch Wachstumspotenzial. Gemäss David Jenny von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach werden die Steinadler dort aber nicht so dicht wie in den Alpen siedeln können, weil die Bedingungen im Jura in Bezug auf das Nahrungsangebot sowie geeignete und ungestörte Brutplätze weniger optimal sind als im Hochgebirge.

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